Roland Steiner

Drehbuchautor, Regisseur

* 5. Oktober 1949 in Altenburg

Roland Steiner ist in der Arbeitsgruppe Kinder- und Jugendfilm bei der DEFA beschäftigt. In der Gruppe herrscht ein kreatives Klima; die Filme sprengen den gegebenen Rahmen. Roland Steiner arbeitet verstärkt an Dokumentarfilmen über junge Leute in der Großstadt. In UNSERE KINDER (1989) thematisiert er den Rechtsradikalismus Jugendlicher. Der Film ist heute ein einzigartiges Dokument seiner Zeit.

Roland Steiner wird am 5. Oktober 1949 in Altenburg geboren. Er absolviert eine Facharbeiter-Ausbildung als Maschinenschlosser mit Abitur und arbeitet von 1968 bis 1969 als Kameramann-Assistent im DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme. Danach leistet er seinen Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee ab und beginnt 1970 ein Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam Babelsberg im Fachbereich Regie, welches er 1974 abschließt. Im Anschluss ist er bis 1976 Meisterschüler, unter anderem bei Heiner Carow.

Von 1976 bis 1991 ist Roland Steiner Regisseur im DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Zunächst arbeitet er – nicht auf Wunsch, sondern bedingt durch die Strukturen des Studios – von 1977 bis 1979 gemeinsam mit Konrad Weiß, Ernst Cantzler und Jochen Kraußer in der Arbeitsgruppe Kinder- und Jugendfilm. "Ich habe das angenommen, habe es aber nicht für so besonders erachtet, Dokumentarfilme für Kinder zu machen. Auch im Nachhinein halte ich diese Arbeit für sehr problematisch und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass Dokumentarfilme für Kinder nur begrenzt möglich sind. Die psychischen Voraussetzungen, Wirklichkeit so zu verarbeiten, wie wir uns das vorstellen, sind bei Kindern oft nicht gegeben. […] Mein eigentliches Interesse galt damals jungen Leuten und gilt es noch heute." In der Zeit entstehen zahlreiche Filme für Vorschulkinder, die Filmemacher drehen Arbeiten für Kindersendungen und jeder von ihnen beginnt, den gegebenen Rahmen mit den eigenen Arbeiten zu sprengen.

Roland Steiner arbeitet verstärkt an Filmen über junge Leute in der Großstadt. Sie müssen sich mit den Schwierigkeiten im Alltag zurechtfinden. In den 1980er-Jahren sind es nicht mehr die jubelnden Jugendlichen, die den Staat uneingeschränkt unterstützen: Diese Jugendlichen stellen Fragen, zweifeln an den Antworten und haben individuelle Lösungsvorschläge. Roland Steiner versucht mit seinen Arbeiten, geschlossene, private Räume zu ergründen und die Lebenseinstellungen Jugendlicher ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. In JUGEND-ZEIT (1978) beobachtet der Filmemacher drei Mädchen bei ihrer Berufsausbildung in Weimar. Die Stimmung von Jugendlichen fängt er auch in Jugend-Zeit: In der Stadt (1979) ein; hier sind es Berliner, die ihre Suche nach dem richtigen Leben thematisieren. MELANIE (1979) schaut auf ein junges Mädchen, welches allein zurechtkommen muss, weil die Eltern in ihrem beruflichen Alltag eingebunden sind. Jugend-Zeit zu zweit (1981) blickt auf die ersten Jahre einer Ehe am Beispiel von drei Paaren. Mit JUGENDWERKHOF (1982) nimmt sich Roland Steiner eines Themas an, welches schon lange im DEFA-Studio für Dokumentarfilme keine Rolle mehr spielt: Jugendkriminalität und dem Umgang mit jugendlichen Auffälligen. Hier geht es um einen Jungen, der immer wieder ausreißt und dafür bestraft wird.

Waren es in den vorherigen Filmen die Jugendlichen, wendet sich Roland Steiner mit WORAN WIR UNS ERINNERN (1984) der Mittdreißiger-Generation zu. Es geht ihm um die Kommunikation miteinander und die Schwierigkeiten, die der Einzelne mit der Gesellschaft hat. Der Film wird mehrfach verändert, so dass die Wahrheit in den Aussagen der Interviewten völlig außen vor bleibt. "Die Leute haben damals vor der Kamera über alles gesprochen, […] über ihre Sorgen, über die Mauer. […] Nach der Verstümmelung des Films, für die ich mich mit verantwortlich fühlte, weil ich sie zuließ, wollte ich nicht mehr weiterarbeiten."

Der Filmemacher hört zwar nicht auf, aber konzentriert sich zwischen 1986 und 1989 auf Porträtarbeiten. Dabei handelt es sich um eine lose Trilogie mit dem Thema "Widerstand gegen die Entfremdung". Es entstehen die Arbeiten Heinrich Hannover – Rechtsanwalt (1987) über den Mann, der als Verteidiger von Kommunisten, Kriegsgegnern, Wehrdienstverweigerern, Aktivisten der Studentenbewegung und mutmaßlichen Terroristen in der Bundesrepublik für Aufsehen sorgt, ALIAS GÜNTER WALLRAFF (1988) und mit DIE GANZE WELT SOLL BLEIBEN. ERICH FRIED – EIN PORTRÄT (1988) ein Film über den österreichischen Lyriker jüdischer Herkunft.

Ganz lässt ihn die Faszination für Jugendliche nicht los. Über fünf Jahre arbeitet er an UNSERE KINDER (1989), der sich mit einem Tabuthema in der DDR beschäftigt. Rechtsradikale Jugendliche sowie Außenseiter gibt es offiziell nicht. Jugendliche Randgruppen werden interviewt, unter anderem Neonazis, Anti-Skins, Punks, Gruftis. Prominente wie Stefan Heym und Christa Wolf kommen zu Wort. Auch ein Prozess gegen drei Skinheads wird beobachtet: Das Filmteam versucht zu ergründen, warum Jugendliche gegenüber ihrem Land derart oppositionell eingestellt sind und verurteilt sie nicht dabei, es rückt Ursachen und gesellschaftliche Versäumnisse in den Vordergrund. UNSERE KINDER wird am 5. November 1989 beim Dokumentarfestival in Leipzig uraufgeführt, ist heute ein einzigartiges Dokument seiner Zeit und von Bedeutung für die Ursachenforschung zum Thema Rechtsradikalismus im Osten. Allerdings bleibt er weitestgehend unbekannt. Vier Tage später fällt die Berliner Mauer, die Zeit hat ihn eingeholt.

Nach dem Zusammenschluss beider deutscher Staaten entstehen weitere Arbeiten von Roland Steiner. LA ROTUNDA VINCENCIA (1990) ist eine Porträtskizze über den marxistischen Kulturphilosophen, Hochschullehrer und Autor Prof. Dr. Lothar Kühne, der sich 1985 das Leben nahm. WOLF KAISER – SCHAUSPIELER. BERLIN FRIEDRICHSTRASSE (1992) porträtiert den Schauspieler und ist das letzte Gespräch mit Wolf Kaiser, der sich 1992 kurz vor seinem Geburtstag das Leben nahm. Zudem entsteht in London WAS BLEIBT … EINE ERINNERUNG AN ERICH FRIED (1995). Kurz vor dem Tod des Dichters porträtiert der Filmemacher Erich Fried in sehr persönlichen Aufnahmen. Roland Steiner erhält die Möglichkeit, den Probenprozess zu "Major Barbara" nach George Bernard Shaw, inszeniert von Theater-Regie-Altmeister Peter Zadek, filmisch zu begleiten. Es sollte die letzte Theaterarbeit von Peter Zadek sein. Der Film ZÄRTLICHE KRAFT (2010) erlaubt einen seltenen Einblick in die strenge, aber auch zärtliche Arbeit Zadeks mit Stars wie Julia Jentsch, August Diehl und Nicole Heesters.

Von 1991 bis 1993 leitet Roland Steiner die Fachrichtung Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam Babelsberg. Danach orientiert sich Roland Steiner um und absolviert eine Ausbildung zum Therapeuten und arbeitet bis 1996 in einer Einrichtung für geistig und körperlich Schwerstbehinderte. Ab 1995 bis 2000 ist er als Leiter der journalistischen Fortbildung Campus Radio an der Universität Oldenburg tätig. Seit 1998 ist er für die Medienausbildung bei der Procon in Hannover zuständig.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: Januar 2015)

Auszeichnungen

  • 1988: DIE GANZE WELT SOLL BLEIBEN. ERICH FRIED / EIN PORTRÄT - Visions du Réel: Prix de la Jeunesse
  • 1989: UNSERE KINDER - Dokfilmfestival Leipzig: Silberne Taube
  • 1989: UNSERE KINDER - Dokfilmfestival Leipzig: Preis der FIPRESCI

Literatur

  • Gisela Harkenthal: Dokumentarfilm bewahrt lebendige Geschichte. Interview mit dem Regisseur Roland Steiner, in: Kino- und Fernsehalmanach, Prisma 19.
  • Gisela Harkenthal: Ich drehe keine Varianten... - Gespräch mit dem DEFA-Dokumentaristen Roland Steiner, in: Filmspiegel 03/1983.
  • Christiane Peitz / Thierry Chervel: Ein Art Sklavensprache. Interview, in: Die Tageszeitung, 10.02.1990.
  • Christian Schlüter: Mit Christa Wolf im Kino. Das Babylon zeigt noch einmal den erstaunlichen Film "Unsere Kinder". [Kritik zu Unsere Kinder], in: Berliner Zeitung, 22.12.2011.
  • Martin Hatzius: Egal aus welchen Gründen? Nicht egal! [Kritik zu Unsere Kinder], in: Neues Deutschland, 27.12.2011.
  • Matthias Dell: Ein Teil vom Wir [Kritik zu Unsere Kinder], in: Der Freitag, 30.12.2011.
  • Retrospektive DEFA-Dokumentarfilm 1961-1990 in Joachimsthal: Film- und Gesprächsreihe „Rechtsextremismus im Film“
  • Roland Steiner: Die Wege entstehen beim Gehen. (Interview von Anne Richter mit Roland Steiner), in: Ingrid Poss, Christiane Mückenberger, Anne Richter (Hgg.): Das Prinzip Neugier. DEFA-Dokumentarfilmer erzählen. Berlin: Verlag Neues Leben 2012, S. 523-556.

DEFA-Filmografie

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