Siegfried Hartmann

Regisseur, Drehbuchautor

* 15. Oktober 1927 in Liegnitz (heute Legnica, Polen)

Biografie

Siegfried Hartmann

bei Dreharbeiten zu SCHNEEWEISSCHEN UND ROSENROT (R: Siegfried Hartmann, 1978)

Regisseur Siegfried Hartmann ist einer der prominentesten DEFA-Kinderfilmregisseure, arbeitet auch für das DDR-Fernsehen. Zu seinem Werk zählen vier Märchenverfilmungen, insgesamt hat der Regisseur sieben Kinderfilme gedreht. Die aufwendig inszenierte Version des Märchens DAS FEUERZEUG (1959) nach Hans Christian Andersen zählt mit insgesamt über fünf Millionen Zuschauern zu den erfolgreichsten Märchenfilmen in der DDR. Mit DIE GOLDENE GANS (1964) und SCHNEEWEIßCHEN UND ROSENROT (1979) erringt der Regisseur ebenfalls besonders bei den kleinen Zuschauern große Aufmerksamkeit.

Siegfried Hartmann wird am 15. Oktober 1927 in Liegnitz/Schlesien (heute Legnica/Polen) geboren. Sein Vater betreibt ein Molkereigeschäft, die Kinder müssen früh mitarbeiten. Er besucht die Oberschule seines Heimatortes, beendet sie mit dem Abitur. Danach wird er zum "Reichsarbeitsdienst" eingezogen, kurze Zeit später in die Deutsche Wehrmacht einberufen. Seine Eltern flüchten im Januar 1945 nach Halle. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges gerät Siegfried Hartmann im Mai 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Da er unter 18 Jahre ist, kommt er nach kurzer Zeit frei und läuft zu Fuß ca. 650 Kilometer von Österreich zu seinen Eltern nach Halle.

Zunächst sichert er seine und die Existenz seiner Familie, indem er als Kohlenträger und Hofarbeiter bei der Besatzungsbehörde in Halle arbeitet. Anfang 1946 wird er Volontär in der Redaktion der Provinzialverwaltung Sachsen, Abteilung Presse und Propaganda. Die Redaktion wird, als es die Landesregierung Sachsen-Anhalt wieder gibt, das Landesnachrichtenamt. Bis 1948 lässt sich Siegfried Hartmann dort ausbilden, führt Interviews für "Das klingende Filmmagazin" des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig, arbeitet auch für den Berliner Rundfunk.

1949 beginnt Siegfried Hartmann eine Regie-Ausbildung im DEFA-Nachwuchsstudio, das seinen Standort in Berlin Unter den Linden hat. Bis 1951 sitzt er unter anderem mit Janos Veiczi,  Walter Beck,  Konrad Petzold, Detlef Müller und Hans Kubisch in einer Klasse. Nach seinem Abschluss ist er zwischen 1951 bis 1956 im DEFA-Studio für Spielfilme als Regie-Assistent angestellt. Er arbeitet für die Regisseure  Kurt Maetzig und Slatan Dudow. 1952 erhält er das Angebot, im Studio für populärwissenschaftliche Filme, seinen ersten eigenen Film herzustellen. Zwischen Ende 1953 und Anfang 1955 produziert er hier ca. 20 populärwissenschaftliche Filme. Themen sind unter anderem Ausgrabungen slawischer Bewohner auf der Insel im Teterower See, die Bedeutung der Polikliniken oder moderne Ansätze der Wetterforschung. In der Zeit kehrt er auch einmal ins Spielfilmstudio zurück, um als Regie-Assistent bei dem Filmklassiker DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK (1953) unter der Regie von  Wolfgang Staudte mitzuarbeiten. 1955 ist er dann wieder als Assistent bei Karl Paryla und dessen Film MICH DÜRSTET (1956) beschäftigt.

1957 erhält Siefried Hartmann einen festen Vertrag als Regisseur im DEFA-Studio für Spielfilme. Sein erster Film wird einer für Kinder: FIETE IM NETZ (1958) erzählt von einem 9-jährigen Jungen, der sich für die Wahrheit entscheiden muss. Auf der 2. Filmkonferenz, veranstaltet vom 03. bis 05. Juli 1958 in Berlin, muss sich der Regisseur harsche Kritik gefallen lassen: Verantwortliche Funktionäre werfen ihm Flucht in die Idylle und einen Mangel an Zeit- und Ortbezogenheit vor; sie vermissen in dem Film die sozialistische Pionierorganisation. Die Diskussion setzt sich in Fachzeitschriften fort, der Erstling von Siegfried Hartmann hat es schwer und verschwindet im Archiv, gilt lange Zeit als unauffindbar. Erst nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 und der Aufarbeitung der Zusammenhänge um verbotene bzw. der Öffentlichkeit vorenthaltene DEFA-Filme wird eine Kopie im Filmarchiv entdeckt.

Mit DAS FEUERZEUG (1959), wieder ein Film für Kinder und die Verfilmung eines Märchens von Hans Christian Andersen, erreicht der Regisseur einen enormen Zuspruch. Erzählt wird von einem gutmütigen Soldaten (eine auf den Leib geschneiderte Rolle für  Rolf Ludwig), den seine Gutmütigkeit wieder arm macht. Erst ein wirklicher Freund und ein magisches Feuerzeug helfen ihm aus der Not. Die Inszenierung ist kurzweilig und witzig, besonders die Tricks von Ernst Kunstmann und Vera Kunstmann sowie die feinfühlige Verarbeitung der literarischen Vorlage werden gelobt. Die aufwendig inszenierte Version des Märchens zählt mit insgesamt über fünf Millionen Zuschauern zu den erfolgreichsten Märchenfilmen in der DDR. Danach dreht Siegfried Hartmann einen weiteren Kinderfilm. Der historische Streifen HATIFA (1960), nach der gleichnamigen Erzählung von Willi Meinck, erzählt von der Sklaverei im alten Assyrien. Ein junges Mädchen versucht, ihrem Schicksal zu entkommen und findet neben neuen Freunden auch ihren Vater wieder. Der Film strahlt den Zauber orientalischer Welten aus, ist zugleich ein Lehrstück zum Thema Sklaverei in der Antike. Den nächsten Stoff, der dem Regisseur angeboten wird und den er in Szene setzen soll, lehnt er ab. Die Verfilmung von "Die Kinder von Plieversdorf" von Alfred Wellm kommt nicht zustande, da Buch und Vorarbeiten durch den Autor ihm so nicht verfilmbar scheinen.

Siegfried Hartmann dreht dann einen Film für Erwachsene. Der heitere Unterhaltungsfilm DAS VERHEXTE FISCHERDORF (1962) ist eine lockere, frisch inszenierte Komödie über den Sinn von Urlaub und Liebe. Im Spielfilmbereich wird er auch weiter tätig sein. Der Kriminalfilm FLUCHT INS SCHWEIGEN (1966) verknüpft Geschichte vor 1945 mit der Zeit Mitte der 1960er Jahre. In einem thüringischen Dorf wird bei Bauarbeiten das Skelett eines SS-Mannes gefunden; zwei Kommissare decken das Verbrechen auf. In 12 Uhr mittags kommt der Boß (1968) werden Mörder, Goldschmuggler und ihre westdeutschen Hintermänner durch die Volkspolizei dingfest gemacht.

Mitte der 1960er Jahre entsteht der Märchenfilm DIE GOLDENE GANS (1964) nach den Gebrüdern Grimm ausschließlich im Atelier. Der fleißige Klaus hilft einer alten Frau und wird mit einer Goldenen Gans belobt, die alle haben wollen, aber an der sie festkleben. Gelobt werden von den Kritikern die zauberhafte Ausstattung, wundervolle Kostüme und die Spielfreude der Darsteller, die sich auf die Zuschauer überträgt. 15 Jahre später folgt eine weitere Märchenverfilmung: SCHNEEWEIßCHEN UND ROSENROT (1979) erzählt von zwei armen Mädchen, die sich erfolgreich gegen einen bösen Berggeist zur Wehr setzen und dabei auch noch ihre beiden Prinzen finden. Diesmal wählt der Regisseur die Natur als Mitgestalter, arbeitet so wenig wie möglich im Atelier. Der Film, besonders getragen von der schauspielerischen Leistung Hans-Peter Minettis, der den Berggeist überzeugend giftig verkörpert, zeichnet mit seiner Detailgenauigkeit eine Wirklichkeit, die fernab vom Märchen ist. Dazwischen entsteht DER KLEINE KOMMANDEUR (1973) nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Anne Geelhaar. Hier arbeitet der Regisseur mit Vorschulkindern zusammen und erzählt eine Geschichte um den 1. Mai, an dem der 6-jährige Florian teilnehmen will. Da er aber in einer kleinen Provinzstadt lebt, Vater und Mutter aber aus dienstlichen Gründen bereits in Berlin in den Maivorbereitungen stecken, macht er sich allein auf den Weg in die Hauptstadt.

Anfang der 1980er Jahre konzentriert sich Siegfried Hartmann auf das Drehbuch-Schreiben. Bereits seit den 1950er Jahren arbeitet er auch immer wieder für das Fernsehen der DDR, schreibt Bücher, die von anderen Regisseuren verfilmt werden, unter anderem das Märchen RAPUNZEL ODER ZAUBER DER TRÄNEN (1988) von Ursula Schmengler. Seinen letzten Film in Eigenregie dreht er für das Fernsehen. Die Idee für KARLCHEN, DURCHHALTEN (1981) hat er bereits in den 1950er Jahren; es sollte sein erster eigener Film werden. Aber da seit den 1930er Jahren eine sowjetische Verfilmung der gleichnamigen Geschichte von Béla Balász vorliegt, lehnt die DEFA-Direktion den Stoff damals ab. Erzählt wird von einem 10jährigen Jungen Karl aus Berlin Mitte der 1930er Jahre, der sich allein durchkämpfen muss, weil sein Vater von den Nationalsozialisten ermordet wurde und seine Mutter vor ihnen auf der Flucht ist. Der TV-Film, der ausgezeichnet wird und überaus erfolgreich im Fernsehen läuft, wird auch im amerikanischen Disney-Kanal ausgestrahlt.

Bis 1991 ist Siegfried Hartmann bei der DEFA festangestellt. Seine letzten Drehbucharbeiten für das Fernsehen finden keinen Produzenten. Aus dem Leben der Brüder Grimm erarbeitet er unter dem Titel "Die Unzertrennlichen" ein Buch für einen zweiteiligen Fernsehfilm. Mit Märchen beschäftigt er sich auch weiterhin: Nach der Erzählung "Der Hirschgulden" von Wilhelm Hauff soll unter dem Arbeitstitel "Die Gier und der Tod" ein Film entstehen. Auch sein Stoff "Der Junge mit den beiden Namen" findet keinen Abnehmer.

Siegfried Hartmann lebt mit seiner Familie in Berlin-Treptow.

Zusammengestellt von Ines Walk. (Stand: Mai 2006)

Trailer zu "Schneeweißchen und Rosenrot" (R: Siegfried Hartmann, 1978)

Auszeichnungen

  • 1955: Leonardo da Vinci Filmfestival Bergamo: Preis der Stadt
  • 1961: Hatifa Filmfestival Neu Delhi: Silberne Lotosblume
  • 1973: Der kleine Kommandeur Filmfestival Erfurt: Goldene Flimmerkiste des Fernsehens der DDR
  • 1981: KarLchen, durchhalten Kinder- und Jugendfilmfestival "Goldener Spatz": Preis des Ministers für Volksbildung Kinder- und Jugendfilmfestival "Goldener Spatz": Diplom der Kinderjury
  • 1987: Karlchen, durchhalten Gottwaldov: Diplom

Literatur

  • Siegfried Hartmann: Diskussionsbeitrag auf der Konferenz des ZK der SED am 17. und 18. September 1952, in: Für den Aufschwung der fortschrittliche deutschen Filmkunst, Berlin 1953.
  • Siegfried Hartmann / Friedrich Salow: Ein Briefwechsel, in: Deutsche Filmkunst 11/1058.
  • Ralf Schenk: Zwischen Feuerzeug und Rosenrot, in: Neues Deutschland, 15.10.1997.
  • Ulrike Odenwald: Siegfried Hartmann. Regisseur, in: Film und Fernsehen 02/1997.

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