Ulrich Thein

Schauspieler

* 7. April 1930 in Braunschweig; † 21. Juni 1995 in Berlin

Biografie

Ulrich Thein

in DIE GLATZKOPFBANDE (R: Richard Groschopp, 1962) Fotograf: Alexander Schittko

Der Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor Ulrich Thein wird vom Publikum wegen seiner Bodenständigkeit geliebt. Er ist der jugendliche Star in zahlreichen DEFA-Filmen der 50er und 60er Jahre. Als Regisseur überzeugt er die Zuschauer mit Geschichten von ganz normalen Leuten. Er inszeniert angenehme, bodenständige Unterhaltung, häufig still und leise, vielfach komisch, immer authentisch und mit einem sicheren Gespür für die Befindlichkeiten der Menschen.

Ulrich Thein wird am 7. April 1930 in Braunschweig geboren. Sein Vater ist Kapellmeister im dortigen Theater. Als er vier Jahre ist, stirbt sein Vater. Nach seiner gymnasialen Ausbildung entscheidet er sich erstmal für die Musik und nimmt ein Studium auf. Er entdeckt seine Vorliebe für die Harfe und studiert sechs Semester das Instrument. Nebenbei nimmt er Schauspielunterricht bei Kurt Wetzel. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitet er als Barmusiker und Boxer. Anfang der 50er Jahre debütiert er auf der Bühne des Staatstheaters Braunschweig. Aber es zieht ihn nach Berlin. 1951 wird er wird er jüngstes Mitglied des renommierten Deutschen Theaters unter der Leitung des Regisseurs und Intendanten Wolfgang Langhoff.

Bis 1963 steht er auf der Bühne des Deutschen Theaters. Der junge Schauspieler ist in klassischen Bühnenwerken von William Shakespeare und Friedrich Schiller zu sehen, spielt in Gegenwartsstücken von Heinar Kipphardt und Peter Hacks. Bald etabliert sich Ulrich Thein als Charakterschauspieler. Mehrfach ist er als Gast an anderen Theatern des Landes tätig. Theaterbesucher können ihn am Theater der Freundschaft in Berlin, am Theater der Bergarbeiter in Senftenberg und am Theater des Friedens in Halle sehen. An den zwei letzteren arbeitet er auch als Regisseur, inszeniert unter anderem die Uraufführung von dem Erik Neutsch-Stück "Haut oder Hemd" (1971).

Kurz nach seinem Debüt am Deutschen Theater entdeckt die DEFA den Schauspieler. In einer kleineren Rolle steht er erstmals vor der Kamera in GEHEIMAKTEN SOLVAY (1953) unter der Regie von  Martin Hellberg. Vom Regisseur  Gerhard Klein erhält er in seinem nächsten Film die größere Rolle des Tierpflegers Herbert. In ALARM IM ZIRKUS (1954) versuchen einige West-Berliner Kriminelle, aus einem Ost-Berliner Zirkus wertvolle Pferde zu stehlen. Die Jungen Max und Klaus verhindern dies, indem sie die Ostberliner Volkspolizei einschalten. Der Film ist spannend, setzt das geteilte Berlin authentisch in Szene. Nochmals arbeitet er mit dem Regisseur in EINE BERLINER ROMANZE (1956) zusammen. Hier ist Ulrich Thein der arbeitslose Westberliner Hans, der sich in das Ostberliner HO-Lehrmädchen Uschi (gespielt von  Annekathrin Bürger) verliebt.

In der Folge wird der Schauspieler regelmäßig für DEFA-Filme engagiert. Regisseure wie  Kurt Maetzig,  Frank Beyer und  Richard Groschopp arbeiten mehrmals mit ihm zusammen. Unter anderem ist Ulrich Thein als Maurer Ulli in SPUR IN DIE NACHT (1957) zu sehen, gibt den Funker Wasja in FÜNF PATRONENHÜLSEN (1960) zu sehen, spielt den Kommunist Ernst in PROFESSOR MAMLOCK (1961). Als Chemiker Dr. Hans Schramm ist Ulrich Thein in dem zwiespältigen Kurt Maetzig-Film SEPTEMBERLIEBE (1961) ein DDR-Bürger, der in die Fänge eines Westberliner Agentenringes gerät und nur noch die Flucht nach Westberlin als Ausweg sieht. Das Mädchen Franka rettet ihn, indem sie der Staatssicherheit die Situation schildert. In ...UND DEINE LIEBE AUCH (1962) von  Frank Vogel verkörpert er den Taxifahrer Klaus, der im Westen sein Geld verdient, aber im Osten lebt. Nach dem 13. August 1961 ist ihm der Weg in den Westen versperrt. Er unternimmt einen Fluchtversuch und landet im Gefängnis.

In dem künstlerisch hochbeachteten und virtuos inszenierten Frank Beyer-Film KÖNIGSKINDER (1962) mimt der Schauspieler den SA-Mann Jürgen, einen von den Nazis Verführten, der seinem ehemaligen Freund und Kommunisten Michael (gespielt von  Armin Mueller-Stahl) im Strafbatallion an der Ostfront das Leben rettet. Gemeinsam finden sie sich bei der Roten Armee wieder. Überaus erfolgreich ist Ulrich Thein in dem Gegenwartsfilm DIE GLATZKOPFBANDE (1963). Er ist der Kriminalkommissar Czernik, der eine Gruppe von Randalieren an der Ostsee das Handwerk legt. Der Film löst wegen der eskalierenden Brutalität der Jugendlichen scharfe Diskussionen aus.

Seit Anfang der 60er Jahre betätigt sich der Schauspieler immer mehr als Drehbuchautor und später auch als Regisseur. Zunächst schreibt er für das Fernsehen der DDR. Sein erstes TV-Spiel wird der Zweiteiler "Der Andere neben Dir" (1963), bei dem er für Regie und Buch verantwortlich ist. Es folgen zahlreiche Arbeiten für das Fernsehen, die er entweder nach eigenen Stoffen oder Vorlagen zeitgenössischer Autoren inszeniert. Ulrich Thein will nach eigenen Aussagen volkstümliche Filme machen, Filme, die sich dicht an den Lebenserfahrungen, Sehnsüchten und Wünschen abarbeiten. Mit den dreiteiligen TV-Filmen "Jule - Julia – Juliane" (1972) und "Broddi" (1973-1975) kommt er seinen Ansprüchen sehr nahe. Beide Filme sind überaus erfolgreich und werden auch auf der Kinoleinwand ausgewertet. Besonders in Erinnerung bleibt der TV-Film "Der Direktor" (1980). Ulrich Thein ist hier Regisseur, Autor und Darsteller zugleich. Er spielt einen verwitweten Schuldirektor, der sich auf den Rat seiner Tochter hin, für eine neue Liebe empfänglich zeigt.

1967 legt der Schauspieler seinen ersten Beitrag für die DEFA vor, einen Teil aus dem Episodenfilm GESCHICHTEN JENER NACHT (1967). Die Protagonisten in allen vier Episoden müssen sich in der Nacht des Mauerbaus bewähren. Ulrich Thein inszeniert die Episode "Die Prüfung" nach Erik Neutsch. Erst nach einer längeren Pause legt er als Regisseur mit DACH ÜBERM KOPF (1980) einen weiteren Film vor, der sich beim Publikum besonderer Beliebtheit erfreut. Erzählt wird die Geschichte von Karoline Glut, fast 40, die sich von Rügen nach Berlin in ein neues Leben aufmacht. Sie hat ein heruntergekommenes Häuschen erworben. Die Köchin läßt sich von den verschiedenen Widrigkeiten nicht abschrecken, erfüllt sich ihren Traum von einem neuen, selbstbestimmten Leben. Mit Renate Geißler und Dieter Franke ist die Komödie hervorragend besetzt. Ulrich Thein inszeniert humorvoll, setzt DDR-Alltag freimütig um, immer mit einem sicheren Gespür für Doppeldeutigkeit. Auch sein nächster Film ROMANZE MIT AMÉLIE (1982) wird eine Komödie. Erzählt wird eine einfache Geschichte: ein Hirtenjunge und eine Grafentochter verlieben sich im Frühjahr 1945. Mit MENSCH, MEIN PAPA ...! (1988) legt er seinen letzten, selbst inszenierten Film vor, in dem er gemeinsam mit  Erwin Geschonneck und  Franziska Troegner vor der Kamera steht. Geschildert wird eine Beziehung zwischen Vater und Tochter, leise und alltäglich, anrührend.

Wiederholt fühlt sich Ulrich Thein auch musikalisch in seinen Filmproduktionen verantwortlich. So spielt er die Orgel in "Bachs Leben" (1984) selbst und schreibt für MENSCH, MEIN PAPA ...! (1988) die Filmmusik. Neben seinen eigenen Filmarbeiten ist er immer wieder als Schauspieler bei seinen Kollegen beschäftigt. Er agiert in dem Günter Reisch-Film ANTON DER ZAUBERER (1977). Hier kann der Darsteller seine komödiantischen Fähigkeiten ausspielen. Er mimt den Automechaniker Anton, der sich in der Nachkriegszeit durch List, Schlitzohrigkeit und Einfallsreichtum zu einigen Millionen kommt. Dafür geht er ins Gefängnis, steigt auch dort durch sein Organisationstalent und Unternehmergeist auf, wird nach seiner Entlassung zum Aktivisten und Ersatzteilbeschaffer für ein Traktorenwerk. Ironisch und komisch setzt sich der Film mit DDR-Geschichte auseinander. Der Film zählt zu den erfolgreichsten des Jahres. Ulrich Thein wird mehrfach für seine Darstellung als Anton ausgezeichnet.

Auch im Fernsehen ist der Schauspieler seit den 80er Jahren wieder häufiger zu sehen. Er wird in historischen Filmen besetzt, spielt in großen TV-Produktionen die Rollen des Martin Luther und Johann Sebastian Bach. Die Folge "Der Teufel hat den Schnaps gemacht" (1981) in der Serie "Polizeiruf 110" wird wegen seiner Darstellung eines vom Alkohol zerfressenen legendär. In "Die Weihnachtsklempner" (1986) mimt er den Klempner Martin, der am Heiligen Abend Berliner Schnoddrig-, Bodenständig- und Liebenswürdigkeit unter Beweis stellen kann.

Nach dem Zusammenbruch der DDR erhält der Darsteller keine anspruchsvollen Aufgaben mehr. Anfang der 90er Jahre kann er eine TV-Serie mit 26 Folgen inszenieren. In "Agentur Herz" (1997) gründet eine Gruppe erfolgloser Schauspieler unter der Schirmherrschaft des alten Theaterschauspielers Herz eine eigene Vermittlungsagentur. Wie es das Schicksal will erhält die Agentur keine Engagements sondern hauptsächlich private Aufträge, die das Leben schreibt.

Ulrich Thein ist unter anderem mit der Schauspielerin Annekathrin Bürger verheiratet. Mehrmals arbeiten sie gemeinsam an Filmprojekten. In einer weiteren Ehe lebt er mit der Schauspielerin Renate Geißler zusammen. Der Schauspieler stirbt am 21. Juni 1995 in Berlin.

Zusammengestellt von Ines Walk.

Trailer zu "Und deine Liebe auch" (R: Frank Vogel, 1962)

Auszeichnungen

  • 1963: DER ANDERE NEBEN DIR - Kunstpreis des FDGB gemeinsam mit Hartwig Strobel
  • 1969: UNBEKANNTE BRÜDER - Kunstpreis der DDR gemeinsam mit Erika Dunkelmann
  • 1973: Nationalpreis III. Klasse
  • 1979: ANTON DER ZAUBERER - Heinrich-Greif-Preis I. Klasse im Kollektiv
  • 1979: ANTON DER ZAUBERER - Darstellerpreis auf dem Internationalen Filmfest in Moskau
  • 1980: ANTON DER ZAUBERER - Darstellerpreis auf dem Nationales Spielfilmfestival der DDR Karl-Marx-Stadt
  • 1980: DACH ÜBERM KOPF - Goethepreis der Stadt Berlin im Kollektiv
  • 1984: MARTIN LUTHER - Kunstpreis der DDR gemeinsam mit Hans Kohlus, Kurt Veth, Heide Hess, Erich Gusko, Harald Horn
  • 1989: Nationalpreis I. Klasse.
  • 1987: DIE WEIHNACHTSKLEMPNER - Goldener Lorbeer für herausragende Schauspielerleistungen

Literatur

  • Helmut Pelzer: Ulrich Thein, in: Renate Seydel (Hrsg.): Schauspieler, Berlin Henschel Verlag 1966.
  • Constanze Pollatschek: Die "abgebrochene" Karriere, in: Filmspiegel, 17/1969.
  • Benito Wogatzki: Broddi. Szenarium zum Fernsehfilm, Berlin Henschel Verlag 1976.
  • Hugo Fetting: Ulrich Thein - die Wiederkehr des Schauspielers, in: Film und Fernsehen, 05/1978.
  • hdt: Schauspieler, Autor und Regisseur in einem, in: Leipziger Volkszeitung, 14./15.10.1978.
  • Ulrich Thein, Hans-Dieter Tok: Einfache Geschichten, gewöhnliche Helden, in: Film und Fernsehen, 04/1981.
  • Henryk Goldberg: Die Kunst aus der Kiste, in: Prisma 13. Berlin Henschel Verlag 1982.
  • Horst Knietzsch: Poetische Formen finden, die den heutigen Zuschauer erreichen, in: Neues Deutschland, 01.10.1983.
  • Erika Richter: Ulrich Thein. Auf dem Weg zu einem volkstümlichen Film, In: Rolf Richter (Hrsg.): DEFA-Spielfilm-Regisseure und ihre Kritiker. Band 2. Berlin Henschel Verlag 1983.
  • Barbara Cantow: Geübt wie ein Ochse: in: Sonntag, 09.12.1984.
  • Peter Berger: Ein musikalisches Genie, ein kühner, aufklärerischer Geist, in: Neues Deutschland, 09.03.1985.
  • Ines Söllner: Ein Hauch Courths-Mahler... Im Gespräch mit Regisseur Ulrich Thein, in: Filmspiegel, 19/1988.
  • K. Kn: Geradlinige, rustikale Figuren, in: Märkische Union, 22.03.1988.
  • Horst Knietzsch: Ein Multitalent, das nicht viel Wind um sich macht, in: Neues Deutschland, 07.04.1990.
  • ADN/ND: Thein erklärt seinen Austritt, in: Neues Deutschland, 09.12.1991.
  • Günther Reisch: Ulrich Thein, in: Ralf Schenk (Hrsg.): Vor der Kamera, Berlin Henschel Verlag 1995.
  • Ralf Schenk: Leute mit Schnauze und Herz, in: Neues Deutschland, 07.04.1995.
  • Ralf Schenk:  Suchender in der geteilten Stadt. Zum Tode von Ulrich Thein, in: film-dienst 14/1995.
  • DEFA: Ulrich Thein gestorben, in: Neues Deutschland, 22.06.1995.
  • fk: Gefühl und Witz, Herz und Schnauze, in: Märkische Allgemeine, 22.06.1995.
  • Peter Hoff: Er war wie Anton: ein ganzer Kerl, in: Neues Deutschland, 23.06.1995.
  • Horst Knietzsch: Scheiß will ich nicht machen, in: Neues Deutschland, 07.04.2000.

DEFA-Filmografie

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