Vlastimil Brodsky

Schauspieler

*15. Dezember 1920 in Hrusov; † 20. April 2002 in Slunecna

Biografie

Vlastimil Brodsky

in JAKOB DER LÜGNER (R: Frank Beyer, 1974) Fotograf: Herbert Kroiss

In Tschechien ist Vlastimíl Brodsky ein Star. Er wirkt in mehr als 100 Filmen mit. Darunter finden sich neben einigen der wichtigsten Filmwerke des Prager Frühlings auch zahlreiche Komödien und Kinderfilme, in denen er sein Talent in der Darstellung skurriler Eigenbrödler und seltsamer Sonderlinge beweisen kann. Mit der Rolle des Jakob Heym in JAKOB DER LÜGNER (1974) von  Frank Beyer macht sich der Schauspieler auch international einen Namen.

Vlastimíl Brodsky wird am 15. Dezember 1920 in Hrusov nad Odrou, Tschechische Republik geboren. Seine Mutter ist Theaterschauspielerin. Eigentlich soll er nach seiner schulischen Ausbildung Lehrer werden, aber er interessiert sich für die Schauspielerei. Schon während seiner Schulzeit nimmt er Unterricht beim Theaterleiter Emil Frantisek Burian. Von diesem erhält er kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit 19 Jahren ein Engagement an dessen Theater. Zwischenzeitlich wechselt er ans Vétrinik-Theater, spielt am Stadttheater Prag und dem Armeetheater, ist ab 1945 erneut Mitglied des Burian-Ensembles. Seit 1948 steht er auf der Bühne des Prager Theaters an den Weinbergen. Hier wird er bis 1990 sein Publikum finden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges steht Vlastimíl Brodsky erstmals vor der Kamera. Seit den 1950er Jahren konzentriert sich der junge Schauspieler vordergründig auf seine Filmarbeit. Bald macht er sich einen Namen als Komiker, der mit der Darstellung skurriler und seltsamer Sonderlinge auf sich aufmerksam macht. Sozial und psychologisch genau zeichnet er diese Typen. Vlastimíl Brodsky ist unter anderem in dem Film WO DER TEUFEL NICHT HIN KANN (1959) von Zdenek Podskalsky zu sehen. In der Fantasy-Komödie WENN DER KATER KOMMT (1963) von Vojtech Jasny enthüllt ein mit magischen Kräften ausgestatteter Kater den wahren Charakter der Menschen. Der Schauspieler gibt hier den verliebten Lehrer Robert, der die Kleinbürger des Ortes gekonnt austrickst. In MUT FÜR DEN ALLTAG (1964) von Evald Schorm und Antonin Mása agiert er als eifriger Aktivist, der zum "Held der Arbeit" ernannt werden soll. Als ihm Zweifel kommen, lässt er sich zusammenschlagen und von der Polizei abführen. In der turbulenten Dorfkomödie DAS ENDE EINES PRIESTERS (1968) von Evald Schorm ringt er als falscher Pfarrer um die Gunst der Menschen.

In den Filmen des Prager Frühlings ist Vlastimíl Brodsky ein gern engagierter Schauspieler. Mehrfach arbeitet er mit dem Regisseur Jiri Menzel zusammen. In LAUNISCHER SOMMER (1968) spielt er den schrulligen Major Hugo. Gemeinsam mit seinen beiden Freunden, dem Besitzer einer Badeanstalt und einem Geistlichen, versucht er, in einer genüsslichen Leichtigkeit den Sommer mit trivialen Gesprächen und verschiedenen Blödsinnigkeiten zu überstehen. Als Professor muß er in LERCHEN AM FADEN (1969) auf dem Schrottplatz eines Hüttenkombinats während der Stalin-Ära Strafarbeit leisten.

Nach der gewaltsamen Beendigung des Prager Frühlings ist Vlastimíl Brodsky in Kinderfilmen, fantastischen Märchen und Alltagsgeschichten präsent. Durch seine Mitwirkung an der populären Serie um "Pan Tau" (gespielt von Otto Simanek), die 1967 startet und Anfang der 1970er Jahre auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird, wird er über die Landesgrenzen der damaligen Tschechoslowakei bekannt. In der überaus erfolgreichen Serie "Die Besucher", in der Menschen aus der Zukunft unter den Erdenmenschen weilen, spielt er den Alois Dragoslav. Als Direktor Vávra überzeugt er in dem Alltagsmärchen UNSERE GEISTER SOLLEN LEBEN! (1978).

Eine seiner wichtigsten Rollen spielt der Darsteller in dem Film JAKOB DER LÜGNER (1974) von Frank Beyer. Bereits in dem ersten Film des Regisseurs, den dieser an der Prager Filmhochschule (FAMU) gedreht hat, spielt Vlastimíl Brodsky die Hauptrolle. WETTERFRÖSCHE (1954) erzählt von einem Mann, der sich im Winter einen Mantel kaufen will, aber eine große Abfuhr seitens der Verkäufer erhält. Wie unverschämt, im Winter einen Mantel zu verlangen. Schon 1965, als die Verfilmung von JAKOB DER LÜGNER nach dem gleichnamigen Buch von Jurek Becker geplant wird, ist Vlastimíl Brodsky der bevorzugte Hauptdarsteller. Als der Dreh des Films endlich in den 1970ern erlaubt wird, ist zeitweise Heinz Rühmann als Darsteller im Gespräch. Für den Jakob Heym, der im Warschauer Ghetto vorgibt, ein Radio zu besitzen, ist Vlastimíl Brodsky die ideale Besetzung. Seine Nachrichten, die in den meisten Fällen Lügen sind, geben zahlreichen Menschen im jüdischen Ghetto neuen Lebensmut. Jakob Heym ist ein typischer 'unheldischer Held'. Überfordert durch seine Aussage, er besitze ein Radio, muss er nun immer wieder für neue Nachrichten sorgen. Er gibt den Juden verschmitzt, täglich um das Leben kämpfend, aber hoffnungsvoll. Mehrfach wird der Film und sein Hauptdarsteller ausgezeichnet, unter anderem erhält Vlastimíl Brodsky auf der Berlinale 1975 den Silbernen Bären als Bester Darsteller und gemeinsam im Kollektiv den Nationalpreis II. Klasse. JAKOB DER LÜGNER (1974) wird zudem als einziger DEFA-Film für einen Oscar nominiert und das Filmteam besucht Hollywood.

Noch im hohen Alter ist der Darsteller aktiv. In Vojtech Jasnys Film WO LIEGT EDEN (1999) spielt er an der Seite vom Vladimir Pucholt und Jana Brejchová einen Verräter. In ALS GROßVATER RITA HAYWORTH LIEBTE (2000) mimt er einen pensionierten Schuldirektor, dessen Kinder nach dem Prager Frühling das Land verlassen und in Deutschland ihr Glück versuchen. Er bleibt und bewahrt sich durch Ironie seine Haltung und Integrität. Einer seiner letzten Filme wird die leichte, heitere Komödie FRÜHLING IM HERBST (2001) von Vladimír Michálek. Er spielt den 76-jährigen Frantisek Hána, pensionierter Operettensänger, dem vielerlei Blödsinn einfällt, um seinem Alltag etwas Spaß abzutrotzen. Im Film bäumt sich ein alter Mann erfolgreich gegen Lethargie und Tod auf. Die Geschichte ist ganz auf die komödiantischen Fähigkeiten des Darstellers ausgerichtet: mit traurigen Lächeln wandelt er spitzbübisch durch das Geschehen. Der Film feiert auf dem Nationalen Filmfestival in Pilsen seine Premiere. Für seine schauspielerische Leistung wird ihm der Tschechische Löwe als Bester Hauptdarsteller verliehen.

Auch in anderen künstlerischen Bereichen ist Vlastimíl Brodsky tätig. Im tschechischen Rundfunk nimmt er zahlreiche Sandmännchengeschichten - genannt "Hajaja" - für mehrere Kindergenerationen auf. Im Fernsehen ist der Darsteller ständig präsent. Als schüchterner Zahnarzt Dr. Flanke überzeugt er in dem deutschen TV-Lustspiel "Aber Doktor!" (1980). Die Dokumentation EINE HEILSAME KUR MIT DEM GELIEBTEN BRODSKY (1999) über das Leben des Schauspielers findet in Tschechien ein großes Publikum. Zudem arbeitet der Künstler auch an seinen Memoiren.

Vlastimíl Brodsky ist zweimal verheiratet. Aus erster Ehe stammt sein Sohn Marek Brodský (geb. 1959) der in die Fußstapfen seines Vaters tritt und als Schauspieler tätig ist. Von 1964 bis 1980 ist der Künstler mit der tschechischen Schauspielerin Jana Brejchová verheiratet. Ihre gemeinsame Tochter Tereza Brodská (geb. 1968) arbeitet ebenfalls als Schauspielerin.
Am 19. April 2002 setzt der Schauspieler, der an Depressionen leidet, seinem Leben in Prag ein Ende.

Verfasst von Ines Walk. Stand: August 2005

Filmstill zu "Jakob der Lügner"

Vlastimil Brodsky in "JAKOB DER LÜGNER" (R: Frank Beyer, 1974) Fotograf: Herbert Kroiss

Auszeichnungen

  • 1975: JAKOB DER LÜGNER - Internationale Filmfestspiele Berlin: Silberner Bär als Bester Darsteller
  • 1975: JAKOB DER LÜGNER - Nationalpreis II. Klasse (im Kollektiv)
  • 2002: FRÜHLING IM HERBST - Nationales tschechisches Filmfestival: Tschechischer Löwe als Bester Hauptdarsteller
  • 2002: Internationales Filmfest Karlovy Vary: Ehrenpreis für sein Lebenswerk

Literatur

  • o. A.: Zu Besuch bei Vlastimil Brodsky und Jana Brejchova, in: Filmspiegel, 26/1975.
  • Ralf Schenk: Der Tod des falschen Priesters, in: Berliner Zeitung, 13.01.2000.
  • Ralf Schenk: Vlastimil Brodsky, in: film-dienst, 12/2002.
  • Ralf Schenk: Frühling im Herbst - Neue tschechische Filme, in: film-dienst, 12/2002.
  • Ralf Schenk: Wir halten zusammen - Tendenzen im neuen tschechischen Kino, in: film-dienst, 10/2000.
  • Martin Mund: Das Beste - Vlastimil Brodsky zum 80., in: Neues Deutschland, 15.12.2000.
  • Jan Brachmann: Lausbuben mit Knittermienen - FRÜHLING IM HERBST: Der letzte Film mit Vlastimil Brodsky erzählt von einer späten Rebellion, in: Berliner Zeitung, 29.01.2004.
  • o. A.: Jakobs Radiotage - Filmstar Vlastimil Brodsky gestorben, in: Süddeutsche Zeitung, 22.04.2002.
  • hgr: JAKOB DER LÜGNER: Vlastimil Brodsky tot, in; Die Welt, 22.04.2002.
  • Ralf Schenk: Frühling im Herbst, in: film-dienst, 02/2004.
  • Heiko Krebs: Brodsky nahm sich vermutlich das Leben, in: Süddeutsche Zeitung, 25.04.2002.

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