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Der gordische Knoten

Regie: Jochen Kraußer, 77 Min., Farbe, Dokumentarfilm
Deutschland
DEFA-Studio für Dokumentarfilme GmbH, 1991

Film-/Videoformat
35 mm
Länge in m
2215
Sonstiger Titel
Klaus und Klaus
Englischer Titel
The gordian knot

Kurzinhalt (Deutsch)

Dieser Farb-Dokumentarfilm berichtet über das freie Theaterspiel in der DDR. Die zehn Mitglieder der Gruppe "Zinnober" schildern wie und unter welchen Bedingungen es möglich war ohne Intendant und Regisseur zu arbeiten, dabei waren sie immer auf der Spur ihrer eigenen Persönlichkeit. Mit vielen offenen und emotional geäußerten Originaltönen beschreiben die Theaterleute das damalige und heutige Miteinander. Ausschnitte aus Puppenspielen und Sequenzen aus dem Film "Traumhaft" werden ergänzend eingeschnitten und zeigt so das breit angelegte Repertoire der Künstler. Ein Modell, das aus vielen Gründen scheiterte, unter anderem auch, weil der DDR-Staat mit Repressalien reagierte. Nach der Öffnung der Grenzen im Jahre 1989 trennte sich die Gruppe, jeder ging nun seinen eigenen Weg.

Filmstab

Regie
  • Jochen Kraußer
Drehbuch
  • Ev Wittmann
Kamera
  • Sebastian Richter
Schnitt
  • Petra Günterberg
Kameraassistent
  • Daniel Rückert
Ton
  • Ulrich Fengler
  • Jochen Huschenbett
Produktionsleitung
  • Jutta Garbas
Person, primär
  • Gabriele Hänel
  • Iduna Hegen
  • Werner Hennrich
  • Dieter Kraft
  • Hans Krüger
  • Günter Lindner
  • Steffen Reck
  • Uta Schulz
  • Therese Thomaschke
  • Christian Werdin

Kurzinhalt (Englisch)

The members of the (dissolved) group "Zinnober" (cinnabar) give an account of independent theatre in the German Democratic Republic, - how and under which circumstances it was possible. It describes the togetherness of yesterday and today. It employs clips from puppet shows, theatre pieces and sequences out of the film "Traumhaft" ("Dreamy").

Langinhalt

0:00:00

Blick auf drei Schauspieler auf der Bühne (halbtotal). Einer fesselt Gabriele Hänel und Steffen Reck mit einem Tau (halbtotal). Gabriele Hänel fängt an zu singen (halbtotal) (O-Ton) "Der gordische Knoten, la, la, lala la…". Filmtiteleinblendung "Der gordische Knoten". Umschnitt auf die gefesselten (halbtotal) Frau (O-Ton) "Das ist der Sommernachtstraum, das ist das Wintermärchen. Was wollen wir machen"? Gefesselter Mann (O-Ton) "Ja, alles beide". Schrifteinblendung "Erinnerungen an die Gruppe Zinnober". Umschnitt auf die Köpfe der nach unten hängenden Puppen (nah). Umschnitt auf Günter Lindner, einem Mitglied von "Zinnober" (halbnah) (O-Ton) "Also das ist die Geschichte, sie ist nicht für Jedermann. Also wer jetzt noch gehen will, wer das nicht möchte der soll lieber gleich nach Hause gehen, und sich vielleicht ein Buch nehmen, oder einen Kaugummi, oder sowas. Aber die, die hier bleiben, für die da geht es jetzt los. Ich warne euch nochmal, es ist keine einfache Geschichte". Umschnitt

0:01:15

Blick auf das Schild "Theater" auf der Knaackstraße im Prenzlauer Berg zur Winterzeit (halbtotal). Umschnitt auf Uta Schulz von der Gruppe "Zinnober" in ihrer Küche (halbnah) (O-Ton) "Nach meinen Studium bin ich nach Halle gegangen. Ich habe damals alleine gelebt mit meiner Tochter Maria, die war 2 Jahre alt, und hatte ein Engagement in Halle. Das war aber nicht so gut und da habe ich dann kurz entschlossen gekündigt, meine Zahnbürste und mein Kind eingepackt, bin nach Berlin gefahren und habe innerhalb von 3 Tagen bei Freunden so ein Zimmer geborgt bekommen, und die einzige Telefonnummer die ich hatte, das war die Tante von Hans Krüger, die habe ich dann angerufen, da war auch zufällig der Hans grade bei ihr und der hatte zufällig gerade auch gekündigt in Frankfurt/Oder". Umschnitt. Kameraschwenk über eine Briefträgerin beim Verteilen der Briefe von Haus zu Haus auf der Kollwitzstraße (halbtotal). Im Off erzählt das "Zinnober"-Mitglied weiter: "Zufällig hatte der Ulrich Treu, dem gehörte der Laden damals...(Blick auf die maroden Häuser am Theater)...einen Studienplatz gekriegt an der Schule, und er hat uns den Laden gegeben weil er ihn nicht mehr brauchte. Da bin ich dann mit dem Hans eingezogen...(ab hier die Erzählerin Schulz im Bild)...und da haben wir dann in dem Laden geprobt, und wir hatten überhaupt kein Geld in der Zeit, und alles was wir gebraucht und gebaut haben...(Blick in einen Lagerraum des Hauses)...das haben wir uns vom Müll geholt, oder von Abrisshäusern". Umschnitt

0:02:50

Mitglied der Gruppe "Zinnober" bei Schnitzarbeiten an einem Puppenkopf (halbnah) (O-Ton) Christian Werdin "Ja, das war glaube ich im Winter 79/80, das ich mit Hans hier anfing den Laden wieder zu renovieren, weil wir zu mehrere Leute hier arbeiten wollten, und das war alles ziemlich alles vollgemüllt, und da haben wir zuerst mit der Werkstatt hier unten angefangen. Das ist die Basis, wenn die Werkstatt steht und man drin arbeiten kann, dann kann man auch den Rest bauen. Da haben wir alles rausgenommen, die Werkbank rein gebaut und die erste schöne Gemütlichkeit geschaffen. Dann haben auf dem Ofen hier Fische gebraten wenn Besuch kam, und Tee gekocht, weil oben noch alles Baustelle war". Umschnitt. Blick aus dem Hinterhof auf ein beleuchtetes Zimmer voller Personen (halbtotal) Im Off dazu erzählt Gabriele Hänel weiter: "Und dann sind die Brandenburger alle gekommen, in den Laden, und dann haben wir zusammen den Laden ausgebaut, und dann haben angefangen gemeinsam zu arbeiten. Den Namen "Zinnober" hatten ich mit Hans schon ganz zu Anfang als wir zusammen gespielt haben". Umschnitt auf den erzählenden Hans Krüger auf dem Dach des Hauses (halbnah) (O-Ton) "Ne, angefangen hatte das ja ganz gut, ne. Als wir angefangen haben solche kleinen Sachen zu machen, kleine Konstellationen, das ging gut, dat ging schneller, das wurde dann auch produktiver dadurch für mich. Als wir es zu dritt gemacht haben, einer sitzt vorne, zweie spielen zu den Proben, dat war für mich dann intensiv, aber so mit neun Leuten, dat war anstrengend". Umschnitt

0:04:20

Blick durch ein Fenster des Theaterraumes in den Innenhof der Wohnanlage (halbtotal). Auf einem fahrbaren Gerüst werden zwei Schauspieler an der Kamera vorbei geschoben (halbnah) (O-Ton) Sie: "Weißt Du noch Werner"? Er: "Was, weißt du noch? Erinnere mich nicht daran". Sie singend: "Damals, damals, damals war alles so...". Er: "Schön". Sie: "Nein". Zusammen: "Doch wir waren viel zu jung, viel zu jung". Umschnitt auf ein anderes Stück mit Gabriele Hänel und Werner Hennrich, sitzend und gefesselt auf einem Drehteller (halbtotal) (O-Ton) Er: "Denk nicht dran, du mußt einfach nicht dran denken". Sie: "Bist du traurig, oder bist du nicht traurig"? Er: "Mensch, stell mir doch nicht solche Fragen, das weißt du doch ganz genau das es ganz schnell geht das ich traurig bin. Du brauchst mich bloß daran zu erinnern, dann werde ich traurig. Ich möchte aber nicht traurig sein". Umschnitt. Kamerafahrt durch die Innenhöfe der Wohnanlage mit Blick auf die gehende und winterlich gekleidete Gabriele Hänel (halbtotal) dazu sie im Off: "Das war grad die Zeit wo die letzten 68er wieder aus dem Knast abgeholt wurden mit warmen Wintermänteln. Also ich hab die 68er eben gar nicht richtig mitgekriegt, nur über die Lieder, oder so. Aber als hautnahe Geschichte, und trotzdem war so etwas wie die Sehnsucht immer in der Luft, und ich denke also das ich ziemlich vom Boden entfernt immer hantiert habe. Ich wollte immer alles mitgründen und neu machen (lacht) also so Begeisterung verbreiten, aber das hatte nicht sehr viel so menschlich jene Erfahrung im Rücken. Ich hatte mich von Gott verabschiedet und von Marx aber auch. Also ich wollte es wissen und habs liegen lassen rechts und links, und damit auch im ganzen Werk Vokabular einfach verweigert. So, über Jahre, das ist mir erst jetzt klar geworden, wir wollten wirklich zwischen die Stühle". Umschnitt

0:06:30

Blick auf ein Foto mit Gabriele Hänel und Hans Krüger (nah) dazu erzählt Hans Krüger im Off: "Wir wollten ja eigentlich den alten Formen entgleiten, wir wollten die umgehen die normalen, deswegen sind wir nie ans große Theater gegangen, weil die festgefügten Formen da waren. Mit einem Intendanten, mit einem Regisseur und diese Sachen, wir wollten ja eigentlich so eine Gleichheit schaffen untereinander". Umschnitt auf einen Blick durch ein Fenster auf eine Wiese mit der gehenden Gabriele Hänel (halbtotal) dazu im Off Gabriele Hänel: "Wir haben uns auch eingebildet wir kriegen das raus, wir Wissens, wir sind gut und ehrlich. Wir kriegen raus was mit uns selber ist, wie man mit sich umgehen sollte, und das war ja auch in den 70ger Jahren, war es auch eine richtige Mode, ne, so Psychoanalyse zu betreiben und so...(Zoom auf Gabriele Hänel hinter dem Fenster)...kindisch wie man war, haben wirs gemacht...(Gabriele Hänel drückt ihr Gesicht an die Fensterscheibe)...und wir haben Hans schön rumseziert an uns...(Umschnitt auf die andere Fensterseite auf die sich schminkende Gabriele Hänel neben Iduna Hegen)...". Umschnitt auf Iduna Hegen im Gespräch mit Werner Hennrich (halbtotal) (O-Ton) Iduna Hegen "Und das war unter uns irgendwie ein anderer Impuls, es ging ja darum, also bei mir weiß ich es ganz genau, jetzt mach ich endlich was, irgendwas zu sagen, wie war das vorher, ne, wie habe ich gelebt und was habe ich für eine Kindheit gehabt, und wer bin ich überhaupt und so? Wie kann ich das darstellen? Und man wollte es auch darstellen...". Umschnitt

0:08:15

Rückblick: Blick auf den strickenden Werner Hennrich vor einer Steinmauer (halbtotal) (O-Ton) "Da habe ich dich einfach eingewickelt und auf den Rücken gebunden, und dann ging es in den Keller. Och, und da hat es immer geheißen, wenns kracht dann soll man sich flach auf die Erde schmeißen. Dir, dir habe ich die Ohren zugebunden mit nem festen Tuch wegen dem Knall und bei der Detonation deinen Mund aufgerissen damit deine Zünglein nicht platzen. Und dann auf dem Transport, ausgerechnet unser ging in den Norden, im Zug, weißt du so im Güterzug...". Umschnitt auf das Gesicht von Werner Hennrich im Jahre 1991 (halbnah) im Off erzählt er: "Es war für uns auch neu damit umzugehen, erst mal unsere Ängste zu beschreiben, obwohl wir wußten es wird schwer und es geht vielleicht überhaupt nicht, haben wir es gemacht...". Zurück zum strickenden Hennrich (halbnah) (O-Ton) "Und gleich wieder zurück, denn ihr Jungs habt immer gebrüllt, Mutti, Mutti, lauf nicht weg, lauf nicht weg...ha, ha...na ja, du hast ja noch nichts gesagt, du hast das ja alles noch nicht so richtig mitgekriegt, nicht wahr"? Umschnitt auf eine andere Szene mit Christian Werdin und Iduna Hegen (halbtotal). Christian Werdin kommt ins Bild (O-Ton) "Was nutzt es ihm wenn er Vater und Mutter anruft seine Träume befragt, er muß sein Leben ablaufen". Christian legt eine Tafel auf die Erde und fängt darauf an zu steppen (halbtotal) (O-Ton). Umschnitt

0:09:40

Blick in das Schaufenster mit Beschriftung "Theater" (halbtotal). Umschnitt auf Hans Krüger auf dem Dach des Hauses (halbnah) (O-Ton) "Das Schwierige war eben dass man sich so abkapseln mußte, ne, und das man eigentlich keinen Kontakt zu den Leuten die draußen was gemacht haben, weiß ik, zu Malern und den Leuten, das wir da die Kontakte so ein bisserl verloren hatten. Da waren wir dann selbst so ene Blase, so ein Weltnabel, und...". Umschnitt auf eine Puppe in einem Rhönrad (halbnah). Umschnitt auf den erzählenden Steffen Reck (halbnah) (O-Ton) "Also uns blieb ja Garnichts anderes übrig, innerhalb dieses geschlossenen Systems, einfach ein anderes geschlossenes System gegen zu setzen, eben so was wie eine Gruppe über die Zeit hin aufrecht zu erhalten. Wenn man nicht nach draußen kann, groß, geht man eben mehr nach innen, so,...(Blick auf spielende Kinder auf dem herbstlichen Kollwitzplatz)...Jemand braucht auch so ein Drinnen und Draußen, ständig, über Jahre, in so einem Raum mit runter gelassenen Jalousien zu halten, und das auszuprobieren und sich dann miteinander zu kabbeln...(Blick auf den Eingangsbereich "Theater")...und man nicht so eine Erlösung hat nach Draußen, dass man tatsächlich mal wegfahren kann, ne, und den Sommer haben wir auch nicht rein gelassen, na ja, weil wir uns ja gelobten keiner Autorität unterwerfen wollten, ne, und schon gar nicht der Natur". Umschnitt

0:11:15

Blick auf Gabriele Hänel mit Werner Hennrich auf dem Drehgestell im Theater (halbnah) (O-Ton) Er: "Wir müssen beide Hände öffnen". Sie: "Und was ist mit meinem Herz"? Er: "Und Dein Herz, das ist ein Herzragout geworden". Sie: "Meine Hände sind müde. Der Kopf ist ein...". Er: "Ich hab immer gedacht man soll aus seinem Herzen keine Mördergrube machen, und was ist wirklich passiert"? Sie: "Wir sind zu Halbherzig". Er: "So, das Herz ist halbiert". Sie: "Wir sind nicht gut". Er: "Wenn nicht gar ein Ragout". Umschnitt. Christian Werdin spaltet mit einer Axt in seiner Werkstatt einen Holzblock (halbtotal) (O-Ton) "Das ist meine Werkstatt geworden, ne, ziemlich schnell, alle aus Holz und Metall. Alles so was für das Theater gebraucht wurde...(Blick auf Puppenköpfe)...also ringsherum auch da die Bühnen und die Puppen. Das Schönste war immer so, auch vom Gefühl her, wenn ich schon hier unten mein Zeug mache, aber oben, wenn man so gegenseitig im Berufsteil ist, ist das was anderes auch...(Blick auf einen Korb voller Puppen)...irgendwie (ab hier Werdin im Bild)...Es ist so ein Stück Vertrauen weil dann doch mit einem sehr viel zu tun hat, gerade auch bedingt durch die Arbeitsweise ist es eben nicht so ein kaltes abarbeiten von etwas, sondern man hängt sich schon persönlich rein in jedes Ding was man da so macht, und das ist einfach eine Vertrauenssache das wen man es in die Hand gibt...(Umschnitt auf Werdin bei seinen Arbeiten in der Werkstatt)...Ich bin wahrscheinlich immer so ein Mensch gewesen der praktisch ist und der so seine Depressionen, also das ganze Zeug, wie jeder mit sich herum trägt und mehr über Zuständigkeiten abarbeitet und los wird, also übers tätig sein, oder wenn man sich Träume erzählt. Ich habe nie viel geträumt...(Blick auf die sich öffnende Bodenklappe auf Christian Werdin)...wahrscheinlich alles hier gemacht". Umschnitt

0:13:15

Blick auf Hans Krüger (halbnah) (O-Ton) "Ja also, 1984, an einem schmuddeligen Januartag, und zwar am 13. Januar. Jemand sagte noch morgens auf der Straße zu mir, heute sollte man besser im Bett bleiben, und ich sagte noch zu ihm...(Blick auf die Knaackstraße zur Winterzeit)...für unser ein ist der 13. Januar ein Glückstag, und es war dann kein Glückstag...(Zoom über den Platz an der Knaackstraße auf das Theater)...Am 13. Januar haben wir also dann in unserer Küche gesessen und haben beraten wie das Jahr überhaupt weiter laufen soll. Plötzlich pochte es an unserer Küchenpforte und, sowas hatten wir überhaupt noch nicht erlebt, wir machten die auf und das stand der Froschgrüne Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei (ABV) davor, ja, trat ein und sagte, Herr Krüger Sie müssen mir jetzt folgen...(ab hier Krüger wieder im Bild)...Dann kam ich einen Raum und da saß denn an einem größeren Tisch der berüchtigte Major Fischer...(Blick durch einen Türspion auf Krüger)...der hier sein Unwesen trieb, und erklärte, Herr Krüger, ich bin etwas Schwerhörig, sprechen Sie doch bitte lauter...(Umschnitt auf den rauchenden Krüger der den Major Fischer jetzt spielt)...So Herr Krüger, wer ist denn nun alles in Ihrer Gruppe? Da ist also die Iduna Hegen, nicht wahr, und die wohnt in der Prenzlauer Allee 49, nicht wahr? Und da ist da nun die Gabriele Hänel, und die wohnt in der Schweiner Straße 22, sehen Sie, das weiß ich alles aus dem Kopf. Und wer ist noch alles in Ihrer Gruppe"? Umschnitt auf den normal erzählenden Krüger (halbnah) (O-Ton) "Ik hatte damals keinen richtigen Wohnsitz, ik hatte keine Wohnung und wohnte eigentlich im Laden, ne, und das war ja ein Gewerberaum". Spielszenen Krüger als Major Fischer und Krüger als Erzähler wechseln sich ab. Krüger (O-Ton) "Und dann kam die Frage, wo wohnen Sie? Na ja, sagte ich, ich wohne eigentlich in der Knaackstraße 45, ik hab noch keine Wohnung. Fischer wieder dazu, Sie wissen doch dass das ein Gewerberaum ist, und Sie wissen genau dass Sie dort nicht wohnen dürfen...Ich erklärte ihm ein anderes Gesetz der Meldepflicht, ich habe mich im Gewerberaum anmelden lassen, sonst würden da 2 Gesetze miteinander Kollidieren. Fischer dazu, da haben Sie recht". Blick über die Knaackstraße auf Krüger und den Wasserturm am Ende der Straße (halbtotal). Umschnitt

0:15:50

Blick auf die erzählende Uta Schulz in ihrer Küche (halbnah) (O-Ton) "Na, von staatlicher Seite wurden wir aber nicht anerkannt, und, also wir haben dann mit den Stücken unser Geld verdient und dann alles verteilt in der Gruppe, da bekam jeder 300 Mark im Monat. Nun haben wir was Neues gesucht und da wollten wieder ein Märchen machen und haben angefangen "Frau Holle" zu suchen, das war eigentlich Idunas Idee. Dann haben wir uns zusammengesetzt, also in dem Stück sind ja auch drei Frauen, die Holle und die zwei Töchter, oder die Mutter und die zwei Töchter, und da wir auch drei Frauen in der Gruppe waren, Gabriele, Iduna und ich, haben wir angefangen daran zu arbeiten...(Blick auf einige Fotos von der "Frau Holle"-Aufführung)...Und da haben wir festgestellt das es so ein Pubertätsstück ist, also sich loszulösen von zu Hause und nen eigenen Weg finden. Nun in der Zeit haben wir viel gesprochen über Kinder kriegen, und Frauenprobleme. In der Zeit wurde ich Schwanger und hatte irgendwie Angst, weil wir in einem Projekt waren, das mich jemand überredet das Kind nicht zu kriegen, und ich wollte es aber gerne haben, und da habe ich das in den ersten 3 Monaten niemanden gesagt...(Blick auf die erzählende Uta)...Die waren alle unheimlich enttäuscht, das eine war eben, ich hatte die Arbeit verraten, also andere hatten drauf verzichtet in der Zeit Kinder zu kriegen, oder eine Familie zu haben, weil alle Kraft eigentlich in die Gruppe ging. Und ich hatte mir wieder so ein Problem geschaffen, das war ein bisschen Verrat an der Arbeit und sie haben sich einfach betrogen gefühlt, das war ein richtiger Vertrauensbruch. Denke ich, das stimmt auch heute...". Uta kämpft mit den Tränen (halbnah). Umschnitt

0:17:20

Blick auf zwei aktive Puppenspieler über der Puppenbühne hinter einer Jalousie (halbtotal) (O-Ton) "Dann schliefen sie ein". Umschnitt auf die Puppenbühne mit den beiden Puppen (halbnah) im Off: "Aber niemand kam zu dem armen Kindern". "Sie erwachten erst in der finstersten Nacht". Umschnitt auf Dieter Kraft vor dem Theater bei Nacht (halbnah) im Off dazu erzählt er "Also den Moment wirklich zu begreifen indem man gelebt hat. Das hat so einen Schmerzpfeil gesetzt, so einen Druck freigesetzt die Frage an sich selber zu stellen, die Frage an die Fähigkeit des miteinander Lebens zu stellen, ob es möglich ist fundamental Leben zu ermöglichen...(Blick auf das Geschehen auf der Puppenbühne)...und das heißt eben dann, Kinder zu versorgen falls sie da sind, oder der Wunsch da ist ein Kind zuzulassen, und in der Spanne kann ich dann auch so einen harten Satz wie damals zu Therese Thomaschke, ich muß das in diesem Zusammenhang sehen, ich kann das nicht völlig losgelöst sehen". Umschnitt auf die rauchende Uta Schulz (halbnah) (O-Ton) "Und da habe ich mich ziemlich verletzt zurückgezogen und als das Kind geboren wurde da war, glaube ich, von beiden Seiten eine Einsicht, also da waren sie noch einmal alle in der Klinik und saßen um das Bett rum. Das war ein sehr niedliches Kind und aber irgendwie war das da schon alles kaputt. Vielleicht hätte ich noch zurück gekonnt in die Gruppe...(Blick auf Ute die mit Kindern auf dem Fußboden spielt)...da war das aber so dass die Laura ziemlich krank war, sie hatte von Anfang an Neurodermitis, das ist verbunden mit Schlafstörungen, mit Juckreiz, und ich hätte sie nicht irgendwie weg geben können". Umschnitt

0:19:00

Blick auf ein Puppenehepaar am Tisch (nah). Er schlägt mit der Hand auf den Tisch (nah) Umschnitt auf das Gesicht von Ute Schulz die die Stimme der Puppenmutter ist (nah) (O-Ton) "Hör jetzt auf, die Kinder schlafen". Er: "Das ist Dir doch sonst egal". Sie: "Du kümmerst Dich doch nicht um die Kinder". Er: "Ich arbeite ja auch den ganzen Tag". Sie: "Ach, und ich wohl nicht"? Blick auf den duckenden Mann am Tisch (nah). Sie: "Du hörst mir ja überhaupt nicht zu". Umschnitt auf Uta Schulz mit einem Kleinkind auf dem Schoß (halbnah) (O-Ton) im Off erzählt sie weiter: "Und in den Laden bin ich Jahrelang nicht gegangen. Ich hatte alle meine Freunde verloren, ich hatte meine Arbeit verloren...(Umschnitt auf die erzählende Ute in der Küche)...Wir haben uns alle geliebt, das stimmt schon, also das war meine Familie, und das waren alle meine Freunde in der Zeit...Ich habe mal gesagt "Zinnober" ist eine eifersüchtige Geliebte...(Blick aus dem Theaterschaufenster auf die Straße)...die überhaupt keine Außenkontakte duldet. Also wir haben alles von uns preisgegeben, unsere Träume, unsere Ängste, unsere Schmerzen, unsere Biographie. Man hat jeden Tag versucht ganz ehrlich zu sein". Umschnitt. Kamerafahrt durch die Hinterhöfe mit Blick auf den Gang von Gabriele Hänel (halbtotal). Umschnitt auf ein Foto der Gruppe auf dem Bahnsteig "Klosterstraße" (nah). Im Off Gabriele Hänel "Wir haben es selten geschafft, da war immer viel zu viel Druck da Liebe zu kriegen, also das war so ganz wichtig. Wer wird am meisten geliebt? Oder, und alles andere waren nur immer Verpackungen, so, es wurde nie so richtig klar". Umschnitt

0:21:00

Blick auf eine Straßenbahnhaltestelle vor einem S-Bahnhof (halbtotal). Im Off erzählt Gabriele Hänel "Da steht da ne ganz schön beknackte Frau, oder auf dem Bordstein sitzend...(Blick auf Gabriele Hänel mit Schal und Mütze an der Haltestelle)...Richtig was das alles betrifft, was Beziehungen betroffen hat, und so ne Sachen, da war ich sehr dumm, richtig dumm, also unbewusst, ich kannte mich selber nicht. Ich wußte nicht was ich mache und so, das weiß man ja vielleicht eh nie, aber sozusagen ist da och richtig, denke ich mir, Mist gebaut worden, einfach auch weil ich viele Sachen nicht gewußt habe. Dann war ich auf einmal schwanger, dann habe ich mir dat Kind abtreiben lassen, und dat habe ich nie verkraftet. Das wußte ich zum Beispiel nicht dass es nicht so einfach ist, und überhaupt geistig bestimmt". Umschnitt von der wartenden Gabriele an der Haltestelle auf ein Theaterstück mit ihr (halbtotal) (O-Ton) "Zum lieb haben kommt noch etwas anderes. Vorher wenn noch nichts ist, ja, was ist denn da? Noch nichts, keiner hat gerufen. Krieg war, wo was tot gemacht ist muß man immer wieder nachgucken, da hilft nichts. Willst ja bloß mal gucken, nur nochmal gucken, wer weiß". Umschnitt auf das Theater mit Puppenspielern auf dem fahrbaren Gerüst (halbtotal). Im Off dazu: "Was wird aus ihm, was soll nun werden...". Dazu im Off die Schauspieler: "Es gibt nur so viel Wahrheit wie da ist...Aber ich lebe sehr von der Einbildung...ich auch". Blick auf die Puppen welche (angeblich) das Drehgerüst bewegen (halbnah). Umschnitt

0:23:05

Blick auf den schnitzenden Günter Lindner in der Werkstatt (halbnah). Umschnitt auf eine weibliche Holzskulptur von ihm (halbnah) im Off dazu zwei aus der Gruppe: Sie "Ich glaube schon das es einen Punkt gegeben hat wo...". Er: "Verständnis zu erwarten war, das ist sicher ganz natürlich". Umschnitt auf die schreiende Therese Thomaschke in einem maroden Hauseingang (halbtotal) (O-Ton). Umschnitt auf ein vergittertes Fenster in einem S-Bahnhof (halbtotal). Blick auf die Einfahrt einer S-Bahn von der Seite (halbtotal). Umschnitt auf den Laute spielenden Günter Lindner und die englisch singende Therese Thomaschke in einem Wohnraum (halbtotal) (O-Ton). Umschnitt auf den aussteigenden Dieter Kraft in einer S-Bahn (halbtotal). Kameraschwenk über Dieter Kraft mit Koffer und Akkordeon auf dem Bahnsteig Westkreuz (halbnah). Umschnitt. Blick auf Therese Thomaschke am Fenster der Wohnung (halbnah)..dazu erzählt sie im Off: "Das war auch alles noch mit im Verlauf von "Traumhaft" , also privat sehr viel...(Blick auf den rennenden Dieter Kraft im Bahnhofsuntergrund)...verändert hat bei den einzelnen...(Blick auf den sich orientierenden Kraft im U-Bahn-Bereich)...Na ja, das Dieter weggegangen ist von mir um mit Iduna zu spielen, das war wirklich furchtbar...(Blick von unten auf Kraft auf der Treppe im Untergrund)...ich hab da ganz schön lange gebraucht damit klar zu kommen, und da hat die Gruppe ganz schön auch mitgelitten. Ich meine das hat sich ja dann auch abgezeichnet das es nicht ganz spurlos an den Kindern vorüber gegangen ist". Umschnitt auf die singende Therese Thomaschke mit buntem Kleid und Blumenkorb im Eingang eines maroden Hauses (halbtotal) (O-Ton) "In diesen heil`gen Mauern, so Mensch den Menschen liebt, kann kein Verräter...". Therese bricht ab und entfernt sich (halbtotal). Umschnitt

0.26:15

Blick auf Therese Thomaschke auf den Sitzreihen im Theater "Zinnober" (halbtotal) im Off dazu: "Na ja, für mich hat eigentlich schon immer das Problem bestanden wie man die Wertigkeiten setzen sollte...(Blick auf spielende Kinder auf dem herbstlichen Kollwitzplatz)...im Leben. Also ich hab nun 2 Kinder, satt mich da zu engagieren und dafür zu arbeiten und dafür da zu sein, schmeiße ich mich wie verrückt in so ein Projekt wie "Zinnober" und "Traumhaft"...(Blick auf die Hausfront vom Theater "Zinnober")...Ich hatte dann schon wirklich irgendwie sehr große Zweifel, wenn wir mal unterwegs gewesen sind...(Blick auf Therese Thomaschke neben Werner Hennrich vor dem Theater)...Wir sind Mittags los gefahren, ich hab den Kindern dann gesagt, morgen wenn ihr aufsteht zum Frühstück, dann bin ich wieder da. Und ganz extrem als Johanna begann ganz krank zu werden...(Blick auf Johanna im Zuschauerraum)...also sozusagen seit sie ihren Protest in einer sehr deutlichen Art und Weise äußert. Seitdem habe ich es einfach noch schwieriger in diese Situation Selbstbewusstsein zu haben". Umschnitt auf die singende Therese Thomaschke im bunten Kleid und Strickmütze im maroden Hauseingangsbereich (halbnah) (O-Ton) "Mutter, oh Mutter, in der Nacht träumte mir vom Vater...". Umschnitt

0:28:30

Blick auf Hans Krüger, er berichtet im Wechselspiel weiter über seine Begegnung mit Major Fischer am 13. Januar 1984 (halbnah) (O-Ton) Fischer: "Wie findet denn nun Ihre Theaterarbeit statt? Meines Wissens ist doch vorne auf der Bühne, befinden sich die Schauspieler, nicht wahr, und vor der Bühne ist doch dann der Regisseur, ja, und der Bühnenbildner vielleicht noch, und vielleicht noch ein Assistent, nicht wahr. Meines Wissens sind da aber noch mehrere Menschen in diesem Raum, wo sonst nur der Regisseur und der Bühnenbildner zu sein hat, nicht wahr, ist das nicht so? Sehen Sie, und das ist nicht statthaft. Das ist eine Veranstaltung und diese Veranstaltung ist nicht erlaubt". Umschnitt auf den Part von Krüger: "Wie gesagt, das ist unsere Art zu arbeiten, das ist so. Das ist eine öffentliche Veranstaltung, wir nehmen dafür auch kein Geld. Dann stutzte er erst mal wieder eine Weile". Umschnitt auf den Part von Fischer: "Ja, das ist ja dann, sehen Sie mal, auf einer Pressekonferenz da nimmt man ja auch kein Geld, die ist ja auch umsonst, und das ist auch eine Veranstaltung. Diese Veranstaltung die ist genehmigt, die war natürlich vorher angemeldet". Umschnitt auf Krüger: "Jetzt holte er den nächsten Trumpf aus seiner Tasche und sagte". Umschnitt auf Fischer: "Herr Krüger, meines Wissens soll heute Abend wieder eine solche Veranstaltung stattfinden in Ihren Räumen, nicht wahr, wo mehrere Menschen dabei sind. Das dürfen Sie nicht, das dürfen Sie unter keinen Umständen". Umschnitt auf Krüger: "Er machte mich dann aufmerksam das diese Abendveranstaltung nicht stattzufinden hat". Umschnitt auf Fischer: "Das ist untersagt. Schauen Sie, es ist jetzt 15 Uhr, Sie haben bis 20 Uhr Zeit, dann können Sie Ihren Freunden absagen". Umschnitt

0:30:30

Blick von unten auf eine Schlagzeug spielende Puppe im Theater (halbnah) (O-Ton). Umschnitt auf Hans Krüger auf dem Dach eines Hauses (halbnah) (O-Ton) "Ja, also auf den Druck von außen wollten wir uns eigentlich nicht einlassen, ne, sonst wären wir verrückt geworden. Also irgendwelche Verbote, oder solche Sachen. Dann haben wir ein Stück gemacht wo wir also die ganze Situation dargestellt haben mit Puppen...(Kameraschwenk von den zuschauenden Kindern im Theater auf die Puppenspieler auf der Bühne)...aber verbal die Sachen natürlich nicht geäußert haben, sondern es war im Spiel drinne". Blick auf die singenden und agierenden Puppenspieler auf der Bühne (halbnah) (O-Ton). Umschnitt auf Hans Krüger (halbnah) (O-Ton) "Aber dann haben wir von Klubleitern gehört, zum Beispiel in Pankow und dann Weißensee und im Bezirk Rostock, das die gesagt haben, Mensch, wir würden euch eigentlich ganz gerne einkofen und das ihr bei uns spielt, aber wir dürfen nicht, und die hatten immer so eine Kladde, und die Kladde hieß "Verbote und Verordnungen", hatten die so in ihrem Geheimschrank. Die kannte man persönlich und so, und die haben dann gesagt, kiek mal hier, da steht das drinne, die einzelnen Disk-Jockeys in der ganzen Branche der Unterhaltungsindustrie, die dürfen dann immer nicht von denen engagiert werden. Darunter waren wir in unserem Bezirk zum Beispiel". Blick auf die zuhörenden Kinder im Puppentheater (halbnah) (O-Ton). Umschnitt auf den erzählenden Krüger (halbnah) (O-Ton) "Ja, und so haben wir auch im ganzen Norden nicht gespielt, fast nie...(Blick auf die Kinder im Theater)...und bei "Traumhaft" später war das ähnlich, da hatten wir dann also irgendwelche Auftritte in Dessau und plötzlich wurde es abgesagt, ne, und die konnten uns den Grund nicht angeben". Umschnitt

0:32:25

Blick über eine Fernsehantenne auf dem Dach bis zum Berliner Fernsehturm am Horizont (halbtotal). Im Off dazu aus dem Theaterstück "Aber der Esel merkte das kein guter Wind wehte und lief fort". Umschnitt auf den erzählenden Hans Krüger (halbnah) (O-Ton) "Sicher, klar, man hat sich natürlich gesagt, gut, dann zieh ich mich eben zurück und, oder man hat gesagt, dann gehn wir doch rüber, und jetzt sind schon die meisten die man kennt weg. Dann wollen wir auch mal langsam unseren Schnappsack schnüren". Umschnitt auf die zuhörenden Kinder im Theater (halbtotal) (O-Ton) "Ach bittrer Winter wie bist du kalt...(Blick auf das Puppenspiel mit dem Esel)...du hast entlaubet den grünen Wald. Du hast verdorrt die Blümlein dort auf der Heide...(Blick auf Hund, Katze Hahn und Esel auf der Puppenbühne). Umschnitt auf Krüger auf dem Dach (halbnah) (O-Ton) "Ja, man dann hat man sich schon wieder gesagt, man zerstört so eine Hoffnung, also das war noch zu Anfang, so um 1985 rum, wo schon wirklich die meisten gegangen sind, ne. Hat man gesagt, scheiß, wir bleiben hier...(Blick von Dach in den Innenhof)...machen das hier noch weiter, schaffen das schon"...im Off dazu aus dem Puppenspiel: "Dann beratschlagten die Tiere wie sie es anstellen sollten die Räuber aus dem Haus hinaus zu jagen, und sie fanden auch tatsächlich ein Mittel...(Blick auf das Schatten-Puppenspiel)...Der Esel mußte sich mit den Vorderfüßen auf das Fensterbrett stellen, der Hund auf des Esels Rückens springen...(Einblendung)...die Katze auf den Hund klettern, na ja, und zum Schluß flog auch der Hahn auf den Kopf der Katze und hielt sich dort fest...Ich will nach Hause...Was, du sollst nicht immer so viel rumjammern...Ich hab Angst...Quatsch, es ist alles in Ordnung...Ja?...Horch wie der Magen knurrt...(Umschnitt auf die singenden Puppenspieler hinter der Bühne)...Kohldampf, Kohldampf...Dann stürzen sie durch das Fenster in die Stube, das die Scheiben splitterten...Eins, zwei, drei: Mahlzeit. Ha, ha, ha". Umschnitt auf die Schlagzeugpuppe mit Glockenspiel (halbnah) (O-Ton). Umschnitt

0:35:50

Blick auf eine Ziegelstein-Hauswand mit einem roten Tuch am Dachrand (halbtotal). Umschnitt auf eine marode Hausfassade mit einem weißen Laken am Geländer des Balkons (halbtotal). Kameraschwenk von unten über die Fenster der maroden Hausfassade bis zu weiteren weißen Tüchern und Fahnen (halbtotal). Umschnitt auf eine Einstellung aus "Traumhaft": Blick von oben auf drei Schauspieler (halbtotal) Werner Hennrich blickt in einen offenen Schacht auf dem Hofboden (O-Ton) "Wer Mut hat kommt auch ohne aus". Umschnitt auf das Gesicht von Therese Thomaschke hinter der Fensterscheibe (halbnah) im Off erzählt sie: "Also, so ein paar Sachen habe ich einfach nicht gewußt, was es bedeutet wirklich, na dann wirklich bedeutet unter Aufsicht zu stehen. Wir haben ja auch ständig darüber geredet untereinander, also wie wir damit umgehen wollen, und wie man sich helfen kann...(Kameraschwenk vom Gesicht Thereses auf die Fenster an dem maroden Gebäude zur Winterzeit)...Was passiert eben wenn wir plötzlich von der Straße, oder was weiß ich, was es alles passiert, einfach weggeholt werden und die Kinder sind alleine und die landen dann zwangsläufig in nem Kinderheim, oder so. Wie verhält man sich wenn man festgenommen wird? Wie kommt man mit der eigenen Angst klar"? Umschnitt

0:37:15

Blick auf Hans Krüger der sich selbst und Major Fischer spielt (halbnah) (O-Ton) Major Fischer: "Herr Krüger, ein Kollege von mir hat Sie neulich mit einem Kind auf dem Arm gesehen. Der Kinderladen Herr Krüger, was ist mit dem Kinderladen? Was hat das damit auf sich, wo sind die Kinder jetzt? Was machen sie jetzt mit den Kindern"? Umschnitt auf Krüger: "Eh, der Kinderladen, ich hatte eine Freundin die in dem Kinderladen ein Kind hatte, tatsächlich, nun kriegten die die Läden nicht mehr zusammen. Arbeitsstätte hieß Laden, der Kinderladen hieß Laden, und gerade zu dieser Zeit machten auf dem Kollwitzplatz ein paar Leute, sie strichen die Rutschbahn an, gruben da ein bisschen rum damit das tatsächlich für die Kinder wieder ein wenig besser wird, weil das war nämlich runtergekommen...(Fischer: Und auf dem Kollwitzplatz findet eine Aktion Kollwitzplatz statt. Wer ist das nun wieder?)...Ich sagte, das sind harmlose Leute, die machen die Rutschbahn bunt damit es schöner aussieht...(Fischer: Das ist etwas anderes Herr Krüger, das sind Konterrevolutionäre Erscheinungen)...(Blick auf die Kinder auf dem Kollwitzplatz)...Das sind die, die also Morgens zu Konterrevolutionären Bombenlegern erzogen werden, und Abends die fürchterlichen Theaterveranstaltungen stattfinden wo sicherlich über Bomben gesprochen wird...". Umschnitt auf einen laut atmenden Mann dessen Kopf in einer Zeitungstüte steckt (nah) (O-Ton) "Vorwärts". Umschnitt auf vier aktive Schauspieler im Innenhof eines maroden Hauses (halbtotal) (O-Ton) im Off dazu: "Also ich sehe uns auch als durchaus nicht funktionierende Menschen, die krank waren in der Weise dass sie vielleicht ein Stück mehr als mancher anderer betroffen war von der Unmöglichkeit, von Ängsten, von Spannungen...(Blick auf die agierenden Schauspieler)...Ich glaube ich hätte es besser beschrieben wenn ich sage, durch das sich gegenseitig öffnen...(Schauspieler blickt durch einen Ausschnitt der Zeitung "Neues Deutschland)...die Gefährdungen sozusagen aktualisiert wurden und eben halt raus kamen, das man eigentlich erkannte wie gefährdet man eigentlich ist".

0:39:20

Umschnitt auf das Gesicht von Dieter Kraft in der gerissenen Zeitungstüte (nah) (O-Ton) "Eine Stimme haben die ins Endlose fließt, mit prallen Mundwinkeln den Lampion anblasen in dieser Nacht, oder was"? Umschnitt. Dieter Kraft zündet in den Nachtstunden an der Spree eine Wunderkerze an (halbnah) im Off dazu: "Blechmund, das war kurz nach Silvester 88/89, in der Zeit wo eigentlich der Atem schon still gestanden hatte, und so war das ein Moment in einer unglaublichen Stille, wie ich das empfunden habe, in einer unglaublichen Stille und Atemlosigkeit, nicht aus Hass sondern aus der Unfähigkeit überhaupt noch den nächsten Atemzug machen zu können, und da war das einer der Texte eben halt die da entstanden sind, Blechmond, Mama, wie der Versuch zu rufen, in diese Nacht hinein zu rufen". Umschnitt. Kameraschwenk von Dieter Kraft mit der Wunderkerze über die Spree bei Nacht (halbtotal) dazu im Off: "So in Liebe Ma, Karl, der hohle Weg, Puppen im Schnee. Kein Mensch, kein Weg. Stille, schit. Mein Sabbat, blind auf Zitronekrusten, die Vögel weiß. Trink, Weißblechmond, Mama". Umschnitt

0:41:15

Blick von hinten auf den singenden und musizierenden Dieter Kraft in einem U-Bahnhof (halbnah) (O-Ton). Umschnitt auf Kraft mit dem Akkordeon von vorne (halbtotal) (O-Ton). Umschnitt auf Hans Krüger im Wechselspiel als Major Fischer (halbnah) (O-Ton) Fischer: "10, 20, 30, 40, 120, Hundertzwanzig Menschen finden hier Platz"...Krüger: "Und die haben ja darauf gesessen dass also Brandschutz und Baupolizeilich eben nicht gestattet ist, das war ja der Trick das man solche Veranstaltungen immer als, das sind viel zu viel Menschen in dem Raum..."...Fischer: "Aber wenn diese Menschen durch den Keller rauschen, das finden Sie wohl schön, ja? Wir können sogar eine Geburtstagsveranstaltung, wenn die nicht angemeldet ist, können wir die sogar verhindern"...Krüger: "Gut das Sie das sagen, dann melde ich doch einfach diese Veranstaltung für heute Abend bei Ihnen an, das ist doch praktisch, ne"...Fischer: "Das geht natürlich nicht, ja. Sehen Sie, da ist kürzlich in Philadelphia eine Diskothek abgebrannt, und da sind viele Menschen verbrannt. Finden Sie das schön"? Umschnitt auf den Eingangsbereich "Theater" in den Abendstunden (halbtotal) im Off dazu Hans Krüger "Und dann kam ik um die Ecke auf den Kollwitzplatz und wollte zum Laden gehen, und da war der ganze Kollwitzplatz schwarz und voller Menschen. Ich guckte auf den Eingang unserer Knaackstraße 45, da stand bockig in Pelzmütze und dickem Mantel und wütendem Gesicht Major Fischer mit zwei Schergen in Anorak, die die Kapuzen so übergezogen hatten. Und auf einmal brüllte Major Fischer, Herr Krüger, kommen Sie sofort hierher". Umschnitt auf Krüger als Major Fischer (halbnah) (O-Ton) "Ich will Ihre Verdienste als Schauspieler überhaupt nicht schmälern. Haben Sie noch Fragen? Nicht"...Krüger: "Er ließ sich von allen den Ausweis zeigen die rin wollten und schrieb sich die Adressen uf". Blick durch das Schaufenster und einem schwebenden Papierschiff im Laden auf das Schild "Theater" in den Abendstunden (halbnah). Umschnitt

0:44:25

Kameraschwenk über einen zugemauerten Durchgang in einer Ziegelsteinmauer vor zwei Wohnhäusern (halbtotal) im Off dazu Iduna Hegen: "Für mich war das die Stimmung, also loszufahren, ne Reise zu machen, irgendeine große Reise, und dafür sich ebenso zurechtzumachen. Wie man sich das vorstellt, ja so ein bisschen wie im Traum eben, ne, und meins war ja auch aufs Meer rauszufahren. Mit so einer Traumfigur, ne, in den Zug rein und los, und dann irgendwie brach das ab und dann waren wir auf dem Schiff...(Blick durch ein Hoffenster auf die gehende Iduna Hegen mit dem Papierschiffchen)...auf dieser großen, weißen Fähre von Sassnitz, und da wollte ich immer mitfahren. Das war meine Sehnsucht, also raus auf die Fähre aus Sassnitz und dann rausfahren, egal wohin. Das ist noch viel viel mehr als das Schiff, es ist nicht nur diese eine Fahrt mit der Fähre, sondern so hinaus, sondern das ist wirklich so wie es in dem Traum war, also irgendwie auch Amerika. Ich bin mal mit dem Zug gefahren von Berlin nach Sassnitz, an die Küste von Amerika nach Boston, und damit hat das viel mehr zu tun als nur diese eine Zugfahrt". Umschnitt auf eine Szene aus "Traumhaft" mit Iduna Hegen mit einer großen Koffer auf dem Rücken vor zwei Fenstern (halbtotal) (O-Ton) "Ich bin mal mit dem Zug gefahren von Berlin über Sassnitz nach Stralsund, an die Küste von Amerika, nach Boston...". Umschnitt. Iduna kommt auf die Kamera zu (halbnah) (O-Ton) "...und auf einmal kam ich an einem Spielzeuggeschäft vorbei, und ich rein. Die Tür aufgerissen und was mitbringen von Amerika, und es war alles leer. Nur ein einziges Ding gabs zu kaufen, und dies war so ein Kinderkochherd, den habe ich gekauft, und dann habe ich in umgedreht, so in der Hand, und unten stand druff "Made in GDR". Umschnitt

0:46:50

Blick auf einen an der Mauer hochkletternden Mann (halbtotal). Schauspieler Werner Hennrich erreicht die Posaune am oberen Ende der Mauer nicht (halbtotal) (O-Ton) "Ich habe keine Geduld mehr...das wird schon werden...und das ist die falsche Richtung, wir müssen...Sei still, was sollen die Leute denken...Wir müssen umsteigen". (Umschnitt auf den singen Hennrich an der Mauer) "Du sollst gute Taten für den Sozialismus vollbringen, denn der Sozialismus führt zu einem besseren Leben für alle Werktätigen...(Hennrich klettert weiter)...Die Straße hoch und rechts wieder runter...Durchs Loch, durchs Loch". Umschnitt auf eine Ziegelsteinmauer mit davor stehenden weißen Säulen (halbtotal) im Off dazu: "Damals als wir das probiert haben fiel mir das Lied von Napoli ein, und da hab ich das halt gesungen. Eigentlich hatte ich auch, als ich das gesungen hab, überhaupt keine Vorstellungen für Italien, also es war so weit weg, so weit weg, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen heute...(Kameraschwenk über die lange Ziegelsteinmauer)...Ja, Agnes kam neulich und sagt, ich hab Dir was mitgebracht aus Italien, Notenblatt auf italienisch. Traumschönes Napoli...(Umschnitt auf Iduna Hegen und Werner Hennrich an einem Tisch im Innenhof)...da habe ich mir auch die Noten angeguckt, das ist wieder ganz anders. Ich sing das völlig falsch. Willst Du mal hören wie ich das sonst immer singe"? Umschnitt. Blick von oben in den Innenhof auf den musizierenden und singenden Werner Hennrich (halbtotal) (O-Ton) "Traumschönes Napoli im Land der Sterne, mein Herz vergisst dich nie in weiter Ferne. Den der dich einmal sah, liegst du im Herzen ja, Santa Lucia, Santa Lucia". Kameraschwenk von oben auf den angrenzenden Friedhof hinter der hohen Mauer (halbtotal) im Off Hennrich weiter: "Nun war ich mal in Italien, da war ich plötzlich in einer Landschaft, es ist ja noch schöner eigentlich, und ich habe immer gesagt zu meinem Freund, der mich dann gefahren hat, Mensch hier möchte ich jetzt bleiben". Überblendung vom Friedhof im Herbst auf den Friedhof mit Schnee (halbtotal). Kameraschwenk von oben vom winterlichen Friedhof auf den verwaisten Innenhof wo Werner und Iduna im Herbst saßen (halbtotal). Umschnitt

0:49:50

Blick von oben in den winterlichen Innenhof (halbtotal) dazu sing Iduna Hegen "Im Winter ess ich chinesisch, hinter der Mauer im Hof...(Blick auf Gabriele Hegen am Fenster mit Kimono und kleiner Trommel)...Draußen ein Kreis um mich gezogen, sah ich wie noch im Eis was flattert. Verlorenes Weh, Pyramide der alten Nacht, auf den Kopf gestellt, bunter Kreisel sucht kreisend einen tiefen Punkt". Blick auf die hin und her gehende Gabriele am Fenster (halbtotal). Umschnitt auf Steffen Reck (halbnah) im Off dazu: "Ja, ich war halt die ganzen Jahre mit Gabi zusammen und wie auch immer das gewesen sein mag, ohne bestimmte diplomatische Künste, zu denen Gabi fähig ist, oder so...(Blick auf Gabriele Hänel in der Straßenbahn)...hätte es auch so die Gruppe nicht so lange gehalten...(Blick auf Reck in seinem Zimmer)...Wenn man sich noch einmal angucken würde die ganzen Nummern nebeneinander, ohne Gabi wäre, würde der Boden fehlen...(Kameraschwenk über die fahrende Straßenbahn mit Gabriele Hänel am Fenster)...oder der Himmel, oder was weiß ich". Umschnitt auf ein Stück mit Gabriele Hänel in einer weiß-blauen Bekleidung (halbtotal) (O-Ton) "Verehrter Kapitän, Abfahrt, Ende...(Blick auf Gabriele in der Straßenbahn)...Abfahrt, Ende". Umschnitt auf den Bildschirm eines Fernsehgerätes mit Bildern von einem Campingplatz (halbnah) (O-Ton). Umschnitt auf den grübelnden Steffen Reck (halbnah) (O-Ton) "Das bezieht sich nicht nur auf "Zinnober" das ich weg gegangen bin, denn es war halt auch ne Liebesgeschichte die mich in den damaligen Westen geführt hat, und was natürlich ausschlaggebend mit war, dass für mich bei "Zinnober" eigentlich schon nicht mehr lief, also sozusagen die Arbeit war beendet. Es hat die Arbeit stagniert und man hat es nicht mehr verkraftet, die Zeit hat sich verändert auch...(Blick auf den Eingang des Theaters auf der Knaackstraße)...Ich weiß nicht, die Gruppe war als Gruppe auch nicht mehr wichtig für mich, und da es mir nicht mehr gut ging im Osten, was heißt nicht mehr gute, mir ging es wirklich beschissen, blieb mir nichts anderes übrig als so schnell wie möglich da weg zu gehen weil es auch nicht mehr auszuhalten war". Umschnitt

0:53:15

Blick von oben auf den ehemaligen "Todesstreifen" zwischen Ost- und Westberlin im Winter (halbtotal). Umschnitt auf eine Marionette vor einer Wand mit einem vergitterten Fenster (nah) (O-Ton). Umschnitt. Hinter dem Fenstergitter taucht ein Männergesicht auf und entfernt sich wieder (nah). Umschnitt auf ein verschneites Bahngleis mit Prellbock und den darauf zugehenden Steffen (halbtotal) dazu im Off Steffen Reck: "Die letzten Monate da wäre mein Leben in die Brüche gegangen, um ein Haar, kann ich so sagen, weil ich mir eine fiese Paranoia eingefangen hatte und sozusagen von hinten bis vorne mich bespitzelt glaubte...(Umschnitt auf den Blick von oben auf die Bahngleise)...das wurde eben auch gleichzeitig für mich zum lebendigen Albtraum, weil mich dann sozusagen niemand mehr besuchen konnte oder ich mit niemanden mehr Kontakt machen konnte ohne dass ich ihm sofort das unterstellen mußte das er mich also auch bespitzelt und er mich auch vernichten will". Umschnitt auf Reck an dem Prellbock mit seiner Videokamera (halbtotal). Umschnitt auf ein Marionettenspiel mit dem Mann in Decken gehüllt und einem um ihn fliegenden Vogel (nah) (O-Ton) "Ich habe mich immer so freundlich angestellt, und das Brothäuslein habe ich nur gebaut um die Kinder anzulocken. Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken wenn Menschen in ihrer Nähe sind. Kommt einer in ihre Gewalt machen sie in tot, kochen ihn und essen ihn auf. Das ist ihnen ein Festtag". Umschnitt auf die verschneiten Bahngleise (halbtotal) im Off dazu Steffen Reck: "Ich bin dann halt soweit das zu mir der Ofensetzer von der KBV kam und ich vollkommen davon überzeugt war dass der derjenige ist der mich umbringen soll. Also ich hab noch mitgespielt, das ich das nicht weiß, also äußerlich, ne, aber gleichzeitig mit ner Schere hinterm Rücken in der Küche gestanden und gewartet das der auf mich zugestürzt kommt damit ich mich irgendwie notdürftig verteidigen muß". Umschnitt

0:55:35

Szene aus "Traumhaft" mit Steffen Reck: Steffen liegt neben einem Fahrrad in einer Regenpfütze (halbnah) (O-Ton) "Aufgang Exit, wohin geht die Treppe, Mausoleumstreppe. Hinter den großen Fenstern ist der Turmhohe tiefe Schacht, aber der Wind pfeift laut, hinter den blauen Türen pfeift der Wind, aber wir hören das Lachen...lache nicht. Im Spiegel ein Kopfartiges, Weg ab, ein totes Lächeln". Steffen schlägt mit der Hand im Takt in die Pfütze und trinkt zum Schluss das Wasser (halbnah). Umschnitt auf eine große freie Fläche auf dem ehemaligen Todesstreifen im Winter mit dem filmenden Steffen (halbtotal) im Off dazu Steffen: "Na ja, ich hab mir hier eine Videokamera gekoft, zwei Rekorder mit denen ich schneiden kann und versuche halt als Amateurfilmer dem Ganzen auf die Spur zu kommen. Als der Wachturm noch stand da bin ich ab und zu dort spazieren gegangen als die Mauer weg fiel entstand dort ein Platz, der früher schon da gewesen ist, aber den hat man nicht gesehen, und mitten auf diesem Platz eben stand so ein einsamer Wachturm. Es ist schon so dass ich eben mit so einem Wachturm einfach auch son Stück persönlicher Geschichte verbindet, oder mit der Existenz von...(Blick von oben auf Steffen im geöffneten Fundament des ehemaligen Wachturms)...von so einem Monstrum von Wachturm. Wenn ich diesen Dienstreisepass nicht gehabt hätte, hätte ich irgendwann über die Mauer gehen müssen, und dann hätte vielleicht der Typ der dort oben drinne gesessen hat, der hätte vielleicht geschossen. Das sind für mich so Momente wo ich denn einfach nur sprachlos bin und drauf glotzen kann...(Blick auf die zerstörten Schaltkästen im unterirdischen Bereich des Wachturmes)...dieses Gerümpel was da noch ist...(Blick auf den filmenden Steffen in der Wachturmgrube)...auf diesen Moment von so einer Wahnsinnigkeit halt". Umschnitt auf Steffen mit Begleitung beim Schneiden seiner Videobilder in seinem Zimmer (halbtotal) (O-Ton) "Ha, ha, ich wollte eigentlich grad mit der Kamera in den Grund rein bohren, gut das du gerufen hast...(Umschnitt auf einen Monitor)...Man hat fast das Gefühl dass das Wasser sich das wieder zurück erobert, das ist ja irgendwann mal ein Riesenbecken gewesen, ja. Ich dachte jetzt geht wieder was los worauf wir 40 Jahre gewartet haben, daaa das Wasser wieder im engen Becken ist...ich könnte mir letztendlich vorstellen diesen Keller zu erhalten, da drin Wasser und Goldfische zu halten und Treibblumen drum herum". Umschnitt

0:59:05

Eine Spielszene mit Gabriele Hänel und Werner Hennrich auf dem Drehgestell des Theaters (halbnah) (O-Ton) Sie: "Guck mal die Schatten, alles unsere Erinnerungen, alles unsere Erinnerungen, alles erinnert, alles. Wie es der Alte macht ist es manchmal nicht recht. Na, was siehste"? Er: "Ich bin sprachlos im Moment, ich kann gar nichts sagen". sie: "Wir sind schön". Er: "Wir sind eine Erfindung". Sie: "Wir sind eine pure Erfindung. Glaubt uns kein Wort". Er: "Das ist überhaupt das Beste, wir sind eine Erfindung so wie unser Raum eine Erfindung ist, immer gewesen". Sie: "Kaum geboren, halb erfroren. Wir sind nicht geboren worden. Er: "Wir sind erfunden worden". Sie: "Alles Erfindung, alles Erfindung, es lebe die Kunst". Blick von oben in den leeren Raum des Theaters (halbtotal). Umschnitt auf Gabriele Hänel, Werner Hennrich, Uta Schulz und Günter Lindner von "Zinnober" im Küchenbereich (halbtotal) im Off dazu: "Wichtig war, und das wird mir auch immer mehr klar, das da 9 Leute sich in eine Stube gesetzt haben und gesagt haben, wir machen was gemeinsames und wir versuchen menschlich zu sein und wir versuchen Menschlichkeit, sowohl im Leben als auch dann in der Arbeit...(Blick auf Christian Werdin und Günter Lindner)...umzusetzen. Da wir alle eben Menschen sind, oder waren, die Fehler haben, sind diese Fehler automatisch mit in dieses Wollen hinein gekommen". Blick auf die Unterhaltung zwischen Christian und Günter (halbnah) (O-Ton). Umschnitt

1:01:15

Blick auf ein Puppenspiel mit zwei Männern (halbnah) (O-Ton) "Sei gegrüßt", "Morgen Hugo", "Wie gehts"?, "Och, Unkraut gehts auch gut", "Uns selbst"?, "So la, la", "Ah ja", "Was macht der Brunnen"?, "Immer noch kaputt, kein Troppen Wein", "Und der Baum"?, "Will keine Früchte tragen". Umschnitt auf den sich am Kopfs kratzenden Hans Krüger (halbnah) im Off dazu: "Ich würde sagen das jetzt erst mal nen riesen Block weg ist, det ist allet. Mit sowas wie "Zinnober" ist natürlich abgeschlossen, ne. Das war die Sache damals, DDR, 35 ne, so in der Zeit war dat unsere Sache, und jetzt ist jut, das ist vorbei. Das ist eine Sache die damals sicherlich wichtig war und die ist jetzt erledigt, da merkt man dat schon das einem das doch wat gebracht hat, als das man vorher wahr haben wollte". Blick auf die beiden Männer im Puppenspiel (halbnah) (O-Ton) "Schlaf, schlaf. Gleich beginnst du zu wachsen". Umschnitt auf den erzählenden Krüger (halbnah) (O-Ton) "Ich denke ihr müßt dat Ding mystischer machen, und jetzt beginnst du zu wachsen, sondern das müßte sowas sein wie "Wachse, wachse über dich hinaus"...Blick auf das Puppenspiel (halbnah) "Du bist ein Riese)...(Puppe wechselt die Größe und rennt wild herum)...(Blick auf den zuschauenden Krüger)..."Du bist ein Schwein"...(Krüger steht auf und geht zur Puppenbühne)..."Und, was hat er geträumt"? Er: "Grausames". "Das..."...(Krüger unterbricht (halbnah) (O-Ton) "Wollen wir mal zwischen...was habt ihr geträumt...so ein Ding setzen, ne. Dass er noch immer halb hypnotisiert ist und entsprechend leise antwortet". Umschnitt von den Puppenspielern hinter der Bühne auf das Gesicht von Krüger (halbnah) dazu Krüger im Off: "Also jetzt fühle ich mich wirklich gut, ne, weil dat ist jetzt nicht mehr so spektakulär und wir machen jetzt erst mal so ein Kinderstück, das ist wirklich der "Teufel mit den drei goldenen Haaren" und da steckt alles drin in so einem Märchen, da entsteht jedenfalls mehr, da kommt alles dazu was da draußen passiert. Das war mir gar nicht bewusst, jetzt alles zu sammeln, das sammelt sich von selber, und es spiegelt sich tatsächlich in der täglichen Probe wieder, ne". Blick auf den zuschauenden Krüger (halbnah). Umschnitt auf die agierenden Puppenspieler hinter der Bühne (halbnah) (O-Ton) "Wachse über dich hinaus, du bist ein Riese, ein Vogel, ein Affe, ein Fisch, ein Schwein...". Blick auf den zuschauenden Krüger (halbnah). Umschnitt

1:04:40

Blick durch das Fenster auf die singenden Personen im "Theater"-Laden (halbtotal). Umschnitt auf die spülenden Frauen im Küchenbereich (halbnah). Kameraschwenk von den Frauen auf die singende Gruppe im oberen Wohnbereich (halbtotal) (O-Ton). Umschnitt auf das Gespräch zwischen Iduna Hegen und Werner Hennrich im Innenhof (halbnah) (O-Ton) Ina: "Und das fand ich irgendwie doll das wir es hingekriegt haben, also das wir das wirklich geschafft haben ne Zeit, ne, und uns da, und ich finde och, das soll uns mal einer nachmachen...(Werner lacht)...Na ja, so in der Art, das war so vielfältig, und es ist ja wirklich nicht so einfach gewesen, ne". Umschnitt auf Günter Lindner (halbnah) (O-Ton) "In einem Dorf...(Günter legt Blätter und Gras in die Puppenbühne)...Zwei Männer in einem Dorf, ne. Zwei Männer, und beide hießen sie Klaus, aber der eine hatte vier Pferde und der andere hatte nur eins. Ja, und damit fängt eigentlich die Geschichte schon an...Könnt ihr euch schon denken". Umschnitt auf Werner Hennrich (halbnah) (O-Ton) "Schön wenn du immer so ein bisschen mitgehst, körperlich...auch so schräg, ja..."...(im Off Günter Lindner: "Aber wenn dieses Wollen, gemeinsam was zu machen mit dieser Menschlichkeit, wenn das weg ist, dann ist es eben traurig)...Blick auf die Zieharmonika spielende Puppe (nah) "Jetzt geht es den Berg hoch, ja"...(Blick auf die Puppen: Musiker: "Das ist der große Klaus". Großer Klaus "Ich kann es mir nicht erlauben an einem Sonntag hier rum zu sitzen und zu fiedeln...(Blick auf den zuschauenden Hennrich)...Musiker: "Aber Hausmusik muß schon sein". Großer Klaus: "Dann kriegst du eben heute nicht meine vier Pferde auf deinen Acker". Musiker: "Was, das war aber ausgemacht das ich jeden Sonntag deine vier Pferde kriege um auf meinem Acker zu pflügen". Großer Klaus: "Red nicht, das habe ich auch gehört, aber es sind immer noch meine Pferde. Über meine Pferde kann immer noch ich bestimmen, Mensch...". Im Off Günter Lindner: "Ich habe zwar das Stück angefangen...(Blick auf Lindner hinter der Puppenbühne)...mit dem Willen alleine ein Stück zu machen, es zu entwickeln, auch die Figuren dazu zu machen, die Bühne und dann auch das allein zu erarbeiten...(Blick auf die Probebühne mit Hennrich davor))...aber ich hab immer im Hinterkopf gehabt, dass mir geholfen wird dabei, und zwar von der Gruppe, die zwar jetzt nicht mehr so da ist wie sie früher war, aber das ist einfach in meinem Bewusstsein...(Blick auf Lindner hinter dem Puppenbühnenvorhang)...drin dass ich weiß, es gibt Leute die eine ästhetische Auffassung vom Leben verwandt ist und das die mir helfen können". Blick auf Linder beim Puppenspiel hinter der Bühne (halbnah) (O-Ton) Großer Klaus: "Dein Lederding, das kann ich schon längst, du. Mit links mache ich das und melke noch 10 Kühe dabei". Umschnitt

1:08:50

Blick auf 6 Mitglieder aus der Gruppe "Zinnober" bei einem gemütlichen Beisammensein an einem runden Tisch (halbtotal) (O-Ton). Umschnitt auf den Platz des ehemalig dort stehenden Wachturmes (halbtotal) im Off dazu Steffen Reck: "Dieses sich gegenseitig davor bewahren, oder so, dass man vorzeitig etwas aufgibt...(Blick auf Steffen wie er aus dem Keller des Wachturmes steigt)...finde ich eine ganz wichtige Kraft, und ich bin unheimlich froh dass das gewesen ist in diesem Zeitraum. Ich finde es schade das bis jetzt noch keiner eine Alternative gefunden hat, also, sagen wir mal, sowohl ne Lebens- als auch Arbeitsqualität beinhaltet die ich im Moment suche". Umschnitt auf Dieter Kraft mit seinem Sohn Clemens und Akkordeon im U-Bahnhof (halbnah) (O-Ton) dazu er im Off: "Clemens bedeutet für mich Leben zuzulassen so wie es ist, und es ist für mich sowas wie jetzt die radikalste Herausforderung die ich bis jetzt in meinem Leben gekriegt habe, weil ich es anders als bei den zwei anderen Kindern diesmal in der vollen Verantwortung, die eben ein Vater hat für ein Kind, sozusagen auch tragen will, ihn tragen will bis er auf seinen Beinen laufen kann...(Blick auf Dieter Kraft mit seinem Sohn auf dem Arm beim Gang durch den U-Bahnhof)...bis er soweit ist bis er mich nicht mehr braucht, und das er in einem Moment gekommen ist wo ich m Tiefsten bisher unten war". Blick auf Dieter mit Sohn im langen Gang der U-Bahnstation (halbtotal). Umschnitt

1:10:50

Szene aus "Traumhaft": Blick von oben in eine Hausruine auf musizierende und singende sieben Schauspieler und Schauspielerinnen (halbtotal) (O-Ton) "Va Pensiero" (Gefangenenchor aus der Oper Nabucco von Giuseppe Verdi) begleitet von einer Männerstimme "Es war eine steinerne Festung mit Türmen und Zinnen die weit in den Himmel ragten. Der Mann stürzte sich von weit oben herab und starb auf der Plattform. Der Schnee fiel die ganze Nacht. Als man ihn am Morgen aufhob befürchteten wir dass seine Augen sich wieder öffnen könnten. Ich kroch zum Ausgang, der Offizier der Hundestaffel fragte mich nach meinem Auftrag, ich antwortete: Reparieren". Umschnitt auf die Gruppe von vorne im Licht der Schweinwerfer in der Hausruine (halbtotal). Umschnitt auf Günter Lindner mit zwei Kollegen vor drei brennenden Kerzen (halbnah) (O-Ton) Sie singen einen Kanon: "Bim, bam, Glocken läuten, schwebende Klänge vom Waldesbaum, schweben und klingen..." im Off dazu Iduna Hegen: "Das ist auch ein Gefühl was ich auch eigentlich noch son bisschen mitgenommen habe, das hats nämlich da auch gegeben, dieses Gefühl von Geborgenheit, von nicht allein sein. Aber dieser Verlust des Ganzen, des ganzen Gefüges, der ist ganz schön stark, der ist spürbar. Bloß ich denk mir, so lange noch einige von uns da sind, bleibt auch ein Fünkchen von diesen Gefühlen noch da". Umschnitt

1:13:00

Blick auf den Zuschauerraum des Theaters (halbtotal). Umschnitt auf die fahrbare Bühne mit den "schiebenden" Marionetten neben den Rädern (halbnah) im Off dazu Gabriele und Werner: Gabriele: "Man kann doch nicht ständig unterwegs bleiben, muß doch mal ne Hütte finden im Gebirge wenns schneit, wenns kalt ist". Werner: "Haben wir eigentlich auch nicht gefunden, ne, so richtig, und trotzdem ziehts mich immer wieder zurück". Gabriele und Werner singend: "Winter ade, scheiden tut weh...(Umschnitt auf die beiden auf der Drehbühne)...aber das scheiden macht, das mir das Herze lacht, Winter ade, scheiden...". Gabriele: "Ich möchte träumen". Werner: "Ja". Gabriele: "Ich möchte schlafen, fährst du mich nach Hause"? Werner: "Nicht mehr weh? Nicht so traurig sein, ist nicht gut. Nicht traurig sein Gabi...(Blick auf die schiebenden Marionetten an den Rädern der Drehbühne)...Ich kann dich nicht ertragen. Weißt du wie gut das für mich ist wenn du lachst"? Blick auf das Gesicht einer Mädchen-Marionette (nah). Umschnitt auf die eingeblendeten Stabangaben: Regie Jochen Kraußer. Kamera Sebastian Richter. Produktion Jutta Garbas. Herstellungsleitung Sabine Lenkeit. Schnitt Petra Günterberg. Dramaturgie Ev Wittmann. Ton Jochen Huschenbett. Mischton Ulrich Fengler. Kameraassistenz Daniel Rückert. Beleuchtung Peter Radtke. Transport Otto Estert. Umschnitt: Die Gruppe Zinnober: Günter Lindner; Uta Schulz; Iduna Hegen; Dieter Kraft; Christian Werdin; Therese Thomaschke; Steffen Reck; Hans Krüger; Werner Hennrich; Gabriele Hänel unter Verwendung von Sequenzen aus dem Film "Traumhaft". DEFA-Studio für Dokumentarfilme GmbH 1991. Abblendung

1:15:15 ENDE

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