17. Preisverleihung

Die Preise wurden am 1.12.2017 in der Akademie der Künste verliehen.

Preisträger

Preis für das künstlerische Lebenswerk

Roland Dressel

Roland Dressel © Reinhardt & Sommer

Roland Dressel

© Reinhardt & Sommer

"Vagabundierendes Licht" – Laudatio für den Kameramann Roland Dressel.

1979 arbeitete ich als Kamerahilfe der DEFA bei dem Fernsehauftragsfilm „Aber Doktor“ und begegnete dem Kameramann Roland Dressel zum ersten Mal. Seither bewundere ich seine Demut und Hingabe gegenüber dem Bildkünstlerischen im Film und seine dieser Priorität geschuldete Konsequenz, allen Schwierigkeiten und Prozessen, denen man beim Filmemachen begegnet oder die man heute mit DDR-Spezifik bezeichnen würde, zu trotzen.

Diese Laudatio handelt jedenfalls nicht von Film- oder Beleuchtungstricks, wie man es vielleicht unter Kamerakollegen erwarten könnte. Es geht vielmehr darum, wie sich Menschen verändern, indem sie sich begegnen, sich aufeinander einlassen. In Gesprächen mit Roland Dressel geht und ging es immer wieder um zwei für die Entstehung von Filmen wichtige Voraussetzungen – um die jeweilige künstlerische Herausforderung und um Vertrauen.

Nach Beendigung der Fotografenlehre mit Beginn des Jahres 1954 bei der DEFA. Zunächst ein 6-monatiger Lehrgang für Kamera – mit Schnittassistenzen. Dann die Assistenz beim Film EINMAL IST KEINMAL, dem ersten Film von  Konrad Wolf als Regisseur und seiner Abschlaussarbeit für die Filmhochschule WGIK in Moskau. Kameramann ist  Werner Bergmann.

Für Roland Dressel folgten viele Filme als Assistent, Standfotograf und als Schwenker, bis zu  Jo Haslers
HEIßER SOMMER. Externe Ausbildung zum Kameramann an der DEFA-Betriebsakademie, zwei eigene Abschlussfilme und dann der Vertrag als Kameramann.

Seine Anregungen bekam er natürlich aus anderen Filmen, er nahm es in der Dunkelheit des Kinos in sich auf, all das Athmosphärische, was er an guten Filmen bewunderte. „Oft saß ich im Kino und habe voller Euphorie gesagt, nur wegen dieser einen Einstellung hätte ich gern diesen Film gemacht. Das geht mir bis heute so. Ich bin manchmal überrascht und fasziniert, auf welche Lösungen andere Kollegen kommen.“ Und in der Arbeit als Assistent bei verschiedenen anderen Kameraleuten lernte er auch, wie er später nicht denken und handeln wollte.

Prägend für die spätere Kameraarbeit von Roland Dressel sind die Filme von Werner Bergmann sowie vom tschechischen Kameramann Jan Curik. Der eine verlor als Frontkameramann den Arm im 2. Weltkrieg und drehte mit Konrad Wolf seitdem Antikriegsfilme und der andere war der bedeutendste Kameramann des Prager Frühlings, dessen Filme wie Kunderas SCHERZ und DIE WEIßE TAUBE für Jahrzehnte auf dem Index landeten...
„Werner Bergmann war unkonventionell und stets anarchisch gegenüber den technischen Grenzen des Filmmaterials. Licht fast keins, Korn und Schatten liebte er. Curik war gänzlich anders. Er war der erste Kameramann, der mir begegnet ist, der dramaturgisch dachte. Ich bewunderte seine Arbeit - er war ein wichtiger Lehrmeister. Er machte ein extremes, figurenbezogenes Licht. Man musste ungemein seismographisch sein, um dessen Gedanken zu verstehen. Ich meine die Stilisierung des Lichtes. Ich sehe das heute noch vor mir: Räume und Lichtfelder, in denen sich die Menschen bewegen, so beim DEFA-Film DER FALL GLEIWITZ.“

Als Filmvorführer hatte ich 1973 allabendlich DAS ZWEITE LEBEN DES FRIEDRICH WILHELM GEORG PLATOW gezeigt, also den ersten Spielfilm des Kameramanns Roland Dressel und den von Fritz Marquardt dargestellten Kauz Platow niemals vergessen - eine leuchtende zugleich farblos-stichige DDR-Ansicht mit dokumentarisch beobachteter Alltagssituation im Finale des Films. Die DEFA-Leitung wollte den damals jungen Kameramann rauskanten, er durfte sich mit Fernseharbeiten bewähren. Der Ärger ging weiter mit Egon Günther und RITA oder ANLAUF, je nachdem welche zensierte Fassung man für gültig erklärt. Der Theatermann und Brecht-Schüler Manfred Wekwerth dreht ZEMENT, UNHEILIGE SOPHIA und HAPPYEND mit Roland. Das verhilft Roland Dressel zu breiter Erfahrung und führt zu enger erfolgreicher einander bedingenden Zusammenarbeit mit Szenografen, was zu einem stetigen Kriterium für die Bildarbeit von Roland wird.

Neben den für mich hochinteressanten Filmen, die in Zusammenarbeit mit  Uli Weiß,  Evelyn Schmidt,
 Herwig Kipping,  Michael Gwisdek und Helga Sanders-Brahms entstehen, haben zwei Regisseure für sein Berufsleben im DEFA-Studio für Spielfilme der DDR entscheidende Bedeutung:  Rainer Simon und
 Roland Gräf. Hier entstehen polemische und poetische, karrikierende und (neo)-realistsche, historisierende und experimentelle Bildmuster, die das Werk von Roland Dressel einzigartig und unvergesslich machen.
Freundschaftliche, langjährige Beziehungen – keinen Streit, sich aber beim Erarbeiten von Positionen auch nichts schenken – das gemeinsame Ringen mit- und umeinander kennzeichnen dabei die Bildarbeit.

Verschnittene, die Bildkanten sprengende Kompositionen zeigen Landschaft und Menschen auf eindringliche, mitunter so noch nie gesehene Weise. Rolands Handkamera-Arbeit mit den damals neuen geblimpten ARRI-BL III und den funkelnagelneuen Zeiss-High-Speed-Objektivsätzen als modernen cineastsichen Ausdrucksmitteln beleben den Look des DEFA-Films – machen ihn international bemerkenswert und erfolgreich. Dadurch bekommt der DEFA-Film ein Gesicht, bereichert dauerhaft unser Bildgedächtnis. Wir erleben die im Film aufgehobene aktive Schönheit und Energie der Darstellerinnen und Darsteller. Wer sieht sie nicht sofort vor sich – die Lebendigkeit der drei Katrins und ihren Zauber in unterschiedlichen Filmen:  Katrin Sass, Kathrin Waligura, Katrin Knappe - oder den Stannebein und Fallada von  Jörg Gudzuhn...
Nix mehr mit UFA-DEFA-Traditionskino, das 25er und auch das 18er-Objektiv werden als Porträtoptik benutzt und Roland Dressel hängt mit seiner Handkamera wie ein Matrose im Inneren des Völkerschlachtdenkmals oder quasi als Trailer-Ersatz außen am Oldtimer und dreht und dreht und dreht. Dabei verlässt er sich zu Recht auf die Fesselkünste und Seilkonstruktionen des Oberbeleuchters Werner Baatz. Oder Roland gestaltet mit dem Filmfotografen Wolfgang Ebert gemeinsam das Licht in der Dekoration. Wenn die Führungen und Gegenlichter stehen, die Lichtsektoren gesetzt und gemessen sind, hantieren die Beleuchter noch mit ein paar Reflektoren und Abdeckungen – fast geräuschlos, oft ohne Stative dafür zu benutzen. Sie lenken Licht in die schattigen Zwischenräume oder geben den Augen der Schauspieler zusätzlichen Glanz. Als ich bei den Dreharbeiten zum LUFTSCHIFF in der Dekoration stand und in einer Umbaupause  Wolfgang Ebert fragte, was die Beleuchter da eigentlich noch machen, bekam ich zur Antwort: Sie bändigen das vagabundierende Licht und das sei typisch für Rolands konzentriert-zauberische Arbeitsweise...

Wikipedia nennt bei den Auszeichnungen für Roland Dressel folgende Titel:

Und JADUP UND BOEL fehlt hier noch in der Aufzählung der ganz großen Filme, er war zunächst verboten und kam erst mit Verspätung und gebremster Aufmerksamkeit zu den DDR-Zuschauern. Roland Dressel wurde zum bestimmenden Kameramann der DEFA der 80er Jahre.

Und sagt selbst über diese Zeit:
„Ich lebe und arbeite aus menschlichen Übereinstimmungen heraus. Natürlich braucht Filmemachen neben Unnachgiebigkeit auch den Willen zum Besonderen. Aber es gibt kein Markenzeichen. Stil haben heißt für mich eher dienen können, nämlich der Geschichte. Es kommt darauf an, eine gemeinsame Lesart zu finden mit der Regie und dem Szenenbild und für die Besetzung. Reibung und Dialog unterstützen die Suche nach nicht austauschbaren optischen Lösungen. In der gemeinsamen Zeit hatten sich vertrauensvolle Beziehungen entwickelt, die auch den Studiozwängen standhielten. Eigentlich habe ich immer mit Freunden Filme gemacht, man konnte fast immer vermeiden, mit Leuten zu arbeiten, von denen kein Echo kam, oder zu denen man keine Antenne hatte. Vielleicht war es auch ein bestimmtes Generationsverständnis, das uns dazu befähigte, wir gehörten ja fast alle etwa einer Generation an.“

In der Wendezeit sind zwei sehr unterschiedliche Filme mit leider geringer Zuschauerresonanz zu nennen, die sich auf vorher nicht mögliche Weise mit der Geschichte der ehemaligen DDR auseinandersetzen. Ist der eine opulent-explosiv, grotesk und provokant in seiner Bildsprache, zeugt der andere mit leisen und genauen Porträts ebenfalls von der Meisterschaft des Kameramannes Roland Dressel: „Das Land hinter dem Regenbogen“ und „Abschied von Agnes“.

Roland Dressel verkörpert für mich auf beispielgebende Art und Weise zwei grundlegende Tugenden der vergangenen DEFA: den hohen künstlerischen Anspruch an die besondere Erzählform Film und jene menschliche Übereinstimmung, die aus der Bewältigung von Herausforderungen dauerhaft Freunde macht.

Lieber Roland, ich danke dir persönlich für deine jahrzehntelange Unterstützung in persönlichen und beruflichen Konflikten, für deinen unnachahmlichen trockenen Humor und die häufige Gastfreundschaft für mich und die jungen zukünftigen Kameraleute oder Fotografen. Besonderen Dank auch im Namen aller Mitarbeiter*innen der ehemaligen DEFA-Bildtechnik und Beleuchtung sowie aller Kameraleute im Bundesverband Kinematografie.

Deine Ermutigung tut gut und ist stets willkommen – und deshalb gratuliere ich dir zu dieser wunderbaren Auszeichnung durch die DEFA-Stiftung sehr herzlich!

Laudator: Peter Badel

Preis für herausragende Leistungen im deutschen Film

Sylvester Groth

Sylvester Groth

Sylvester Groth

© Reinhardt & Sommer

Der Preis der DEFA-Stiftung für herausragende Leistungen im deutschen Film geht in diesem Jahr an Sylvester Groth.

Lieber Sylvester,
Bevor du unseren Film „Keiner geht verloren“ zugesagt hast, trafen wir uns am Wittenbergplatz und saßen stundenlang über dem Drehbuch. Es gab plötzlich ein heftiges Unwetter, die Gäste flüchteten, die Kellner rannten. Wir beide saßen unbeeindruckt unter unserem Schirm, redeten über deine Rolle und freuten uns, dass es um uns herum blitzte und gewitterte. Mir war das alles sehr sympathisch und ich begann den Film vorzubereiten. Jeden Abend um 9 klingelte das Telefon. Du hattest über den Tag am Text gearbeitet und hattest viele Fragen. Ich bewunderte deine Genauigkeit. Manchmal hab ich gedacht „das ist ja ganz schön, wenn wir hier Tage lang über die Rolle reden, Hauptsache man sieht das nachher auch alles bei der Figur...“ Und man sah es! Ich hab das nie begriffen, wie du das machst, diese Verwandlung, dieses Geheimnis, das du deinen Rollen gibst. Aus einem Moment der Bedeutungslosigkeit zauberst du eine Geschichte, gibst du der Figur eine neue Galaxie.
Wir drehten nachts im Wald. Du begegnest einem Wolf. Der Wolf war trainiert und ihr steht euch gegenüber. Beide mit diesen leuchtenden Augen, Max Frisch sagte: „Augen wie der Rand farblosen Glases...“. Ich dachte, 2 Wölfe. Und wie der Wolf am Ende der Szene aus dem Bild laufen soll, was er tat, schenkte er uns noch einen Sprung über die Leitplanke. So wie du. Wenn du spielst, bekommt man alles, was man sich vorstellt, plus den „Sprung über die Leitplanke“...
Zwischen deinem DEFA-Debüt „Der Aufenthalt“ und dem Auftritt in der „Fargo“-Serie liegen Jahrzehnte. Wenn man diese beiden Rollen anschaut, erzählen sie von einem Schauspieler, der seine Figuren ausgestaltet mit Ideen, mit Diskretion, mit Liebe. Die Arbeit mit dir ist wie ein Abenteuer auf einer Insel, mit Bildern, die man zusammen entwickelt, Gesten, Irritationen, Schweigen. Überhaupt liebst du das Schweigen.
Wenn du in einer Szene ein Butterbrotpapier zusammenfaltest, kann das durchaus zu einem dramaturgischen Höhepunkt führen, den man so nicht eingeplant hat. Der Sprung über die Leitplanke. In diesen Zeiten der Schnell-Schreiber und Schnell-Dreher forderst du Zeit ein, Konzentration und absolute Aufmerksamkeit. Eine Theateraufführung im Ballhaus Ost hat für dich den selben Stellenwert wie eine Hollywood-Produktion.

Lieber Sylvester, Herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis!

Laudator: Dirk Kummer

Preis für junges Kino

Anne Zora Berrached

Anne Zohra Berrached

© Reinhardt & Sommer

Der Preis der DEFA-Stiftung für junges Kino geht in diesem Jahr an die Regisseurin Anne Zohra Berrached. Herzlichen Glückwunsch, Anne.
Anne Zohra Berrached kennen die Kinozuschauer*innen spätestens seit Februar letzten Jahres als ihr Film „24 Wochen“ seine Weltpremiere auf der Berlinale feierte. Wer vor fast zwei Jahren im Berlinale-Palast dabei war, wird diesen Moment nicht so schnell vergessen haben. Zum einen weil ihr Film über eine Spätabtreibung eines Kindes mit Down-Syndrom wirklich an die Nerven geht. Und zum anderen werden sich die meisten noch sehr gut an den Bühnen-Auftritt von Anne Zohra nach dem Film erinnern. Sie bedankt sich beim Publikum und sagt dann als Erstes, dass sie sehr sehr wenig Geld für diesen Film hatten und nun trotzdem hier sind, auf der Berlinale. Und dann weiter: „Jetzt heißt das aber nicht, dass man den Regisseur*innen wenig Geld geben kann, und sie kommen dann hier so in den Wettbewerb der Berlinale. Das heißt es nicht. (…) Das heißt einfach, für den nächsten Film brauchen wir mehr Geld, ich will mein Team ganz normal bezahlen!“ Das Publikum lacht und applaudiert für diesen charmant rebellischen Auftritt. Natürlich hat das auch Vorteile mit dem wenigen Geld: je weniger Geldgeber*innen, desto weniger Leute, die einem reinreden können. Anne bestätigte das in einem Interview mit der FAZ: „Man dachte: Lass die Kleine mal machen. Die ist jung, verrückt und wild, und der Film kostet ja auch nicht viel Geld.“
Anne ist ein richtiges Berlinale-Kind. Jung wie sie ist, war sie bereits mit drei Filmen bei dem Festival. Zum ersten Mal fiel mir ihre sehr genaue, dokumentarische Handschrift 2013 bei ihrem Drittjahresfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg auf. Ich habe ihren Film „Zwei Mütter“ über den Kinderwunsch eines lesbischen Paares in die Perspektive Deutsches Kino eingeladen, und sie gewann prompt den damaligen Sektionspreis „Dialogue en perspective“. 2016 kehrte Anne dann mit ihrem Abschlussfilm „24 Wochen“ zur Berlinale zurück, diesmal in den Wettbewerb (siehe oben). Nur ein Jahr später spielte sie die weibliche Hauptrolle im Spielfilm „Millennials“ von Jana Bürgelin, der seine Premiere in der Perspektive feierte.
Leute, die mal mit Anne zusammengearbeitet haben, wissen, dass sie einen großen Gerechtigkeitssinn hat, dass sie sehr loyal ist und trotzdem kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie nimmt sich die Freiheit, auch wenn es sie nicht gibt. Sie will es nicht allen recht machen. Sie macht einfach. Ein Alptraum für Produzent*innen – und gleichzeitig ein Segen. So kennt man Anne Zohra Berrached: sie weiß was sie will, und sie ist dabei sehr selbstbewusst. In einem Interview mit dem SWR anlässlich ihrer „24 Wochen“-Premiere sagte sie hinsichtlich ihres schnellen Erfolgs: „Ich wusste schon, dass ich es irgendwann schaffen werde, mal im Wettbewerb der Berlinale zu laufen, und fügt dann etwas leiser hinzu: „aber ich dachte, in 20 Jahren wird das so kommen.“
Als Anne mir letztes Jahr erzählte, dass sie als dritten Spielfilm jetzt einen Tatort vorbereitet und ich daraufhin wahrscheinlich den >ach-du-jetzt-auch-Blick< aufsetzte, reagierte Anne sofort seufzend: „Ach Linda, lass mich doch E I N M A L Geld verdienen…“.
Liebe Anne, wir wünschen Dir von Herzen, dass Du zukünftig – ob im Kino oder Fernsehen – nur finanziell gut ausgestattete Filme drehen und trotzdem >dein Ding machen< kannst. Herzlichen Glückwunsch!

Laudatorin: Linda Söffker

Programmpreise

Lichtspieltheater Wundervoll

Anne Kellner

© Reinhardt & Sommer

Was für ein vielversprechend klingender Name für die zwei Spielstätten im Metropol und der Frieda 23 mitten im Zentrum Rostocks. Und was für eine Geschichte. Das kleine Team um Olaf Jelinski hat mit seinem unbändigen Willen, Kino zu machen, eine Odyssee hinter sich: Hervorgegangen aus dem Filmclub der UNI Rostock, gründeten sie 1993 den Verein Ro-cine e.V. und mieteten sich im Institut Français ein. 2005 erhielt der Verein den Kulturpreis der Hansestadt Rostock. 2008 stieß Anne Kellner hinzu und übernahm die Geschäftsführung. Als die Franzosen nach siebzehn Jahren ihre Immobilie verkauften, wurden sie bis 2012 Untermieter in zwei Sälen des Hansa-Filmpalastes. Endlich, 2012 konnten sie das ehemalige, inzwischen geschlossene Metropoltheater in einem Kraftakt wieder als Kino Metropol eröffnen. Da das Kino nur über einen Saal mit aktuell 160 Plätzen verfügt, sie aber zwei bespielen wollten, wurden sie 2014 Mieter und Teilhaber der, fußläufig nur ein paar Minuten entfernten, Frieda 23, einem Kunst- und Kulturzentrum mit verschiedensten Anbietern. Beeindruckend, ich hoffe, dass diese Geschichte dokumentiert wurde.

Jeder der fünf Festangestellten muss alles können, vorführen, Kasse, Marketing, Gastronomie. Durch Eintritte und Förderungen durch das Kulturamt der Hansestadt Rostock und des Netzwerkes Europa Cinemas können sie Kino pur, also ohne Werbung anbieten. Schwerpunkte sind der deutsche und europäische Spiel- und Dokumentarfilm, regelmäßige Vorführungen von Repertoire-Filmen und Kinderfilmen. Besuche von Regisseuren, Filmgespräche wie Schulveranstaltungen gehören ebenso zum regelmäßigen Angebot. Dabei scheut der Verein es nicht, brisante Themen mit den Schülern zu diskutieren, so den Film DER HIMMEL WIRD WARTEN über eine junge Frau die nach Syrien geht, um Terroristin zu werden. Ebenso brisant, wie der Wirklichkeit zugewandt der Film DAS GRÜNE GOLD über den kommerziellen Ausverkauf von Ackerland und dessen Folgen für die Menschen in den Entwicklungsländern.

Und natürlich, deshalb erhält der Verein heute auch den Preis, zeigen sie DEFA-Filme: Im Ferienprogramm laufen Kinderfilme wie DAS SCHULGESPENST, DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER oder DAS EISMEER RUFT sowie Trickfilme. Filmreihen mit dem Institut für Medienforschung der Uni Rostock thematisieren beispielhaft das Verbotsjahr 1965, in diesem Jahr organisierten sie gemeinsam eine Hommage an den DEFA-Regisseur Heiner Carow. Gäste wie Jutta Hoffmann, Jürgen Böttcher, Peter Welz, Jürgen Brauer folgten der Einladung zum anschließenden Publikumsgespräch.

Auf der Website des LiWu können Besucher Filmwünsche abgeben, Kritik und Lob üben – ein selten öffentlich geführter Austausch zwischen Kinomachern und dem Kinopublikum. So schreibt Ute, dass ihr Kinogeschmack schon in den 1990er Jahren durch das LiWu-Programm geprägt wurde. Nach Rostock zurückgekehrt, fragt sie, inzwischen Mutter von zwei Kindern, ob es da auch etwas für Kinder im Angebot gibt? Ja, gibt es, am Samstag und Sonntag werden Kinderfilme im Metropol gezeigt, so dass Ute ihre Kinoerfahrungen nun mit ihren Kindern gemeinsam teilen kann.

Hoffen wir, dass ihre Kinder Kinoblut lecken und dass sie auf Grund des tollen Wundervoll-Programms diese zwei Spielstätten zu ihrem zweiten oder dritten Zuhause machen, denn gemeinschaftliches Filmeschauen gehört doch immer noch zu den schönsten Dingen der Welt!

Herzlichen Glückwunsch zum Programmpreis!

Laudatorin: Dorett Molitor

Förderverein Völkerfreundschaft Merseburg e.V.

Andreas Möhwald und Halina Czikowsky

© Reinhardt & Sommer

Fast 35 Jahre, von 1956 an, war das Kino Völkerfreundschaft feste Kulturadresse in Merseburg, 1990 war Schluss, das Kino verwaiste. 15 Jahre später konnte die Wiedereröffnung als Domstadtkino Merseburg gefeiert werden. Zu verdanken ist dies dem 2004 gegründeten Förderverein. Durch sein beharrliches Engagement wurden Umbaumittel akquiriert und ein Nutzungskonzept mit den kommerziellen Betreibern, die bis heute zuverlässige Partner sind, erarbeitet. Schon ein Jahr später fanden die 1. Merseburger DEFA-Filmtage statt, 60 Jahre nach Gründung der DEFA und 50 Jahre nach Eröffnung des Kinos, organisiert von Studenten der Hochschule Merseburg mit Unterstützung des Fördervereins. Es liefen DEFA-Filme, die als „Teil der deutschen Kulturgeschichte“ und als „Teil der Geschichte der Merseburger Bevölkerung, sowie des Kinos“ ausgewählt wurden. „Längst vergangene Kinoträume und Erinnerungen“ wurden so wieder lebendig. Das kuratorische Konzept beinhaltete von Anbeginn Gespräche mit Gästen und Schulvorstellungen, in denen Filme als historische Quelle von DDR-Wirklichkeit zur Diskussion gestellt werden. Erste Gäste waren Winfried Glatzeder, Kurt Maetzig, Frank Beyer und Christiane Mückenberger, die die kommenden Jahre die künstlerische Beratung übernahm.
Die Filmtage sind in diesem Jahr mit ihrem 12. Jahrgang schon in der Pubertät angekommen. Unterschiedlichste Themen wurden inzwischen aufgegriffen, so zum Meister-Schüler-Verhältnis – hier kamen Helke Misselwitz und Günter Reisch - ,,zum DEFA-Film im internationalen Kontext“, „Frauen in OST und WEST“ oder auch Werkschauen zu Rolf Hoppe, Angelica Domröse und Hilmar Thate, Andreas Dresen und Wolfgang Kohlhaase, die natürlich alle in Merseburg zu Gast waren. Einige Gäste, wie Rolf Hoppe blieben gern länger, andere mussten feinfühlig zum Kommen überredet werden. Seit vielen Jahren werden die Filmtage durch Ausstellungen im Kunsthaus Tiefer Keller durch die Mitglieder des Kunstvereins sinnreich ergänzt. Dazu kommen Buchlesungen, Diskussionsveranstaltungen und immer auch filmische Blicke über reine DEFA-Produktionen hinaus.
Die Politik ist - so scheint es - fest im Boot, zumindest eröffnet der Landrat Frank Bannert regelmäßig die Filmtage. So soll es bleiben, wir gratulieren herzlich zum Programmpreis!

Laudatorin: Dorett Molitor

Keiko Yamane

Keiko Yamane

© Reinhardt & Sommer

Ein Programmpreis der DEFA-Stiftung geht in diesem Jahr an die Filmwissenschaftlerin, Germanistin und Herausgeberin Keiko Yamane.

Dass die DEFA nach Japan kam, hat maßgeblich mit einer einzigen Persönlichkeit zu tun; nämlich mit Frau Professor Dr. Keiko Yamane. Sie weilt heute hier unter uns und hat die weite Reise von Tokio nach Berlin zurückgelegt - einen Weg, den dank ihr vorher schon viele DEFA-Filme in umgekehrter Richtung gegangen sind. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Filme aus dem Ostteil Deutschlands in Japan um ein Podium wissen. Diese Geschichte begann 1998 im Westteil Deutschlands, genauer gesagt in Oldenburg in Niedersachsen, an der dortigen Carl-von-Ossietzky-Universität. Dort stieß Frau Yamane eher zufällig auf eine Sammlung mit DEFA-Filmkopien und einen dazu herausgegebenen Katalog. Sie begann sofort, sich intensiv mit dieser für sie bis dahin unbekannten deutschen Filmgeschichte zu beschäftigen. Sie reiste nach Berlin, suchte Egon Günther auf und führte mit ihm ein längeres Interview. Zurückgekehrt nach Tokio, übersetzte sie das Gespräch und veröffentlichte es in einer literaturwissenschaftlichen Fachzeitschrift. Gleichzeitig gelang es ihr, vom Kulturministerium eine Förderung zu erhalten, um an der Tokioter Hosei-Universität systematisch über die DEFA-Geschichte zu forschen. Im Frühjahr 1999 gründete sich eine Arbeitsgruppe aus sechs Germanisten, die regelmäßig Filme sichteten und darüber diskutierten. Zunächst standen Filme im Zentrum, die mit deutscher Literatur in Zusammenhang standen. Dazu gehörten „Der Untertan“, „Jakob der Lügner“ oder „Till Eulenspiegel“ von Rainer Simon. Auf dieser Grundlage fand im Jahr 2000 ein Symposium mit über 150 Teilnehmern statt, das auf reges, auch überregionales Interesse stieß. Egon Günther war als Ehrengast dabei. Später wurde mit Studierenden eine „DEFA-Medienwerkstatt“ gegründet, die sich der Übersetzung und Herausgabe von DEFA-Filmen mit Begleitmaterial widmete. So lag bald eine VHS-Kassette von Frank Beyers „Jakob der Lügner“ mit japanischen Untertiteln vor. Es folgten weitere Filme. Die Übersetzungen der Dialoglisten waren dabei didaktisch so aufbereitet, dass sie im Deutschunterricht als Lehrmittel eingesetzt werden konnten. Die publizistische, kuratorische und akademische Arbeit mit DEFA-Filmen hält bis heute an.

Keiko Yamane hat zunächst in Japan, dann auch in Frankfurt am Main Literaturwissenschaften studiert. An der dortigen Goethe-Universität gründete sie einen japanischen Filmclub, legte ihr Diplom ab und promovierte 1982 über den Lyriker Günther Eich und den Einfluss Asiens auf seine Dichtung. Das von ihr 1985 veröffentlichte Buch „Das japanische Kino : Geschichte, Filme, Regisseure“ ist noch immer ein Grundlagenwerk. 1993 wurde sie Professorin an der Hosei Universität in Tokio, ab 1993 war sie Dekanin der Fakultät für interkulturelle Kommunikation. Das sind die Fakten.

Ihre enorme Bedeutung als Brückenbauerin in beide Richtungen zwischen Ost und West geht aber viel weiter als hier angedeutet. Keiko Yamane ist keine pragmatische Akademikerin, sondern eine leidenschaftliche Vermittlerin. Sie ist kein Film-Nerd mit Tunnelblick, sondern eine hoch musische und kommunikative Persönlichkeit. Ihre Liebe gilt nicht zuletzt der Literatur allgemein und der Poesie speziell. Film ist wichtig, aber eben auch nur Film. Wichtiger vielleicht sind Gedichte und Gespräche, der gute Wein vom Main, das beste Sushi der Welt im Tokioter Stadtteil Ichigaya, inklusive Thunfisch in 15 Farbstufen und Handlesen nach dem Menü mit unzähligen Gängen. Wer je das Glück hatte, an ihrer Seite ein paar Stunden zu verbringen, weiß, wovon ich spreche. Danke, Keiko Yamane, für ihre Arbeit und Zuwendung, danke, dass Sie heute hier sind.

Laudator: Claus Löser

Preisverleihung 2017

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