19. Preisverleihung

Die Preise wurden am 13.12.2019 in der Akademie der Künste verliehen.

Preisträger

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Preis für das filmkünstlerische Lebenswerk

Gojko Mitić

Gojko Mitić

© Reinhardt & Sommer

Um dein Sport-Studium zu finanzieren, hast Du einst erste kleine Statisten-Rollen, sogar in den Karl-May-Filmen angenommen.

Zu diesem Zeitpunkt hat wohl noch niemand damit gerechnet, dass du mal ein international gefeierter Star wirst. Aber dann kam ein Anruf des DEFA-Produktionsleiters Hans Mahlich und er bot Dir die Hauptrolle im ersten DEFA-Indianerfilm Die Söhne der großen Bärin an, die dir einen nicht vorhersehbaren Karrieresprung ermöglichte.

Autorin Liselotte Welskopf-Henrich soll bereits vor den Dreharbeiten zu diesem Film über dich gesagt haben: „Er gleicht dem Typ eines Indianers nicht nur im Aussehen, sondern er hat auch die stolze und disziplinierte Haltung der Indianer“. Sie scheint geahnt zu haben, was für ein filmkünstlerisches Lebenswerk da gerade erst beginnt.

Wie kein anderer prägst du das Filmgenre „DEFA-Indianerfilm“ in den folgenden Jahren – Zwischen 1965 und 1982 steigst du zwölf Mal für die DEFA „in den Sattel“! Immer in den Sommermonaten kam ein neuer DEFA-Indianerfilm in die Kinos; lief auf den Sommerfilmtagen. Jahr für Jahr konntest du in tausende leuchtende Kinderaugen schauen, die mit Spannung deine Filme erwartet haben. Die mit dir mitgefiebert haben und bitterlich geweint haben, wenn du in einem der Filme den Filmtod sterben musstest. Deine Fans sind mit den Jahren erwachsen geworden und reichen ihre Erinnerungen nun an Kinder und Enkelkinder weiter – und das nicht nur im deutschen Sprachraum. Auch in den osteuropäischen Ländern und in Asien sind deine Filme überaus erfolgreich. Auch dort wirst du für viele Zuschauer zum Helden.

Für deine riesige Anhängerschaft nimmst du dir immer Zeit. Schreibst fleißig Autogramme, beantwortest Fanpost, führst unzählige Gespräche. Deine Beliebtheit ist dir nie zu Kopf gestiegen. Ohne Star-Allüren bestreitest du deinen Lebensweg. Auch deine Film-Kollegen – bspw.  Rolf Hoppe, Renate Blume,  Annekathrin Bürger, oder der von dir sehr geschätzte Regisseur  Rolf Losansky – haben sich immer anerkennend über dich geäußert, loben deine Konzentriertheit am Filmset, sowie deine Kameradschaftlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Bemerkenswert ist auch, dass du alle Stunts in deinen Filmen selbst vollführt hast. Ein Double kam für dich nie in Frage. Deine Athletik stellst du wie kein zweiter DEFA-Schauspieler unter Beweis.

  • In SPUR DES FALKEN kämpfst du auf dem Dach eines fahrenden Zuges.
  • In OSCEOLA springst du von einem Dampfer und tauchst durch den Fluss.
  • In DER SCOUT behauptetest du dich inmitten einer großen Pferdeherde.
     

Scheinbar mühelos kletterst du auf Bäume und Felsen, steuerst Kanus oder schießt mit Pfeil und Bogen.

Eine viel größere Überwindung als all diese sportlichen Herausforderungen soll für dich – als strikter Nichtraucher – das Rauchen der Friedenspfeife gewesen sein! Schon im ersten DEFA-Indianerfilm Die Söhne der großen Bärin gehörte das zu deiner Rolle als Tokei-ihto. Wahrscheinlich hättest du dich lieber noch drei weitere Male vom Pferd fallen lassen, als einmal an dieser Pfeife zu ziehen. Aber auch das hast du souverän gemeistert – ein echter Indianer kennt eben keinen Schmerz.

Mit deinen Filmauftritten wächst auch dein Interesse für die indigenen Völker in Nordamerika. Die möglichst korrekte Abbildung indianischer Verhaltens- und Lebensweisen in den Filmen ist dir wichtig. Dich beeindrucken die Denkweisen der Indianer, wie auch der verantwortungsvolle Umgang mit den Ressourcen auf unserer Erde. Als du auf deinen Reisen in die USA mit Indianern einen DEFA-Indianerfilm angeschaut hast und einer der Häuptlinge am Ende den Daumen nach oben gereckt hat, muss das das größtmögliche Kompliment für deine Arbeit und die des gesamten DEFA-Filmteams gewesen sein.

Wenn man dein Lebenswerk ausschließlich auf die Indianerfilme reduziert, wird man deinen Leistungen nicht gerecht. So erprobst du im DEFA Science-Fiction-Film Signale – Ein Weltraumabenteuer die Schwerelosigkeit und fliegst durch das Weltall. Den tollkühnen Piraten mimst du in Das Herz des Piraten. Einen Partisanen in Ich will euch sehen. Zwei Mal spielst du in Kinderfilmen von Rolf Losansky mit. Was viele gar nicht wissen: in den 1980er Jahren stehst du auch hinter der Kamera und inszenierst für das Fernsehen Episoden der Puppenserie Jan und Tini. Auch nach der Wiedervereinigung bist du in Filmen, Serien und natürlich bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg zu erleben.

So ganz hat dich der Indianer dann doch nicht losgelassen.

Du bist jedoch nicht nur Schauspieler. Als Person des öffentlichen Lebens bist dir deiner Vorbildfunktion bewusst. Deine Bekanntheit nutzt du, um dich zu engagieren. So unterstützt du beispielsweise in Bischofswerda den dort ansässigen Theaterverein, der „die kleinsten Karl-May-Spiele mit den jüngsten Darstellern“ veranstaltet. In deinen Interviews beziehst du auch politisch Stellung. Mit Sorge blickst du auf das Erstarken einer politisch rechten Gesinnung in Deutschland. Auch mahnst du den achtsamen Umgang mit unserer Natur an, hegst Sympathien mit den Schülerinnen und Schülern, die jeden Freitag auf die Straße gehen um für einen stärkeren Umweltschutz zu demonstrieren. Das ist großartig. Mach bitte weiter so, lieber Gojko!

Und was auch nicht alle wissen:

wir beide kennen uns schon sehr lange und du liebst Musik!

Bei einer Preisverleihung des MDR Fernsehens 2010 hast Du mich überrascht und hast für mich meine „Jugendliebe“ gesungen - das war nicht nur sehr berührend, das war TRAUMHAFT SCHÖN, lieber Gojko!

Du bist einfach ein toller Typ, der diesen Preis für`s Lebenswerk aber sowas von verdient hat!

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH GOJKO MITIC!

Laudatorin: Ute Freudenberg

Preis für herausragende Leistungen im deutschen Film

Marion Rasche

Marion Rasche

© Reinhardt & Sommer

Liebe Marion Rasche,

sehr geehrte Damen und Herren,

mir fiel die ehrenvolle Aufgabe zu, eine Laudatio, also eine Lobrede, auf Marion Rasche zu halten. Lob für Sie, liebe Frau Rasche, zu finden, ist nicht schwer, findet man es doch allerorten, denn selbst die kritischsten Geister haben nur lobende Worte für Sie übrig. Damit diese Rede nicht in eine reine Lobhudelei ausartet, werde ich heute Ihr dunkles Geheimnis preisgeben – aber dazu später. Marion Rasche ist wie kaum jemand sonst Kunst in all ihren Formen zugewandt. Sie ist Macherin, Sammlerin und Kuratorin und hat ihr Leben lang Künstlern und deren Positionen ein Forum gegeben. Sie ist Künstlerin durch und durch – und müsste sie wählen: Kunst oder die Luft zum Atmen, es wäre wohl keine Wahl.

In der Kunst sind drei Dinge besonders wichtig – die drei „H“s, wenn man so will: Handwerk, Haltung und Humor.

Dass sie ihr Handwerk beherrscht, dürfte wohl niemand bestreiten: Sie ist nicht nur eine gestandene Trickfilmerin, sondern hat zuvor auch Philosophie studiert und Malerei erlernt. Keines dieser drei Felder blieb ein Strohfeuer, sondern alle drei ziehen sich durch Ihre Biografie hindurch wie ein roter Faden. Bis heute malt Marion Rasche und arbeitet an Buch-, Ausstellungs- und Filmprojekten, soweit es ihre Zeit zulässt.

Und da sind wir auch schon bei der Haltung angelangt: Es ist ihre menschliche Integrität, die sie herausstechen lässt und mit der sie ab Beginn der 70er im Dresdner DEFA-Studio Trickfilmgeschichte mitschrieb. Als Dramaturgin, Regisseurin und schließlich Künstlerische Leiterin trug sie die Verantwortung für die Stoffentwicklung und das inhaltliche Profil der sogenannten „Trickfabrik“, ein Ort kreativer, aber auch kompromissbehafteter Arbeit - wenn man bereit war, Kompromisse einzugehen. Marion Rasche war das nur selten, vor allem dann nicht, wenn es die künstlerische Freiheit berührte oder der in Ihren Augen besten Lösung im Weg stand. Sie eckte an und setzte sich durch, und zwar nicht, weil sie provozieren, sondern weil sie sich nicht mit faulen Kompromissen abfinden wollte. So wurde sie zu einer Partnerin junger bildender Künstler, die im Studio eigene – oft experimentelle – Filme realisieren konnten, die man in einem staatlichen Studiosystem, wie dem der DEFA, für unmöglich gehalten hätte. Die Kunst – auch der anderen – ließ sie nicht los, genauso wenig wie der Film, selbst als das Studio bereits aufgehört hatte zu existieren: Marion Rasche wendete sich vom Animationsfilm ab und verstärkt dem Dokumentarfilm zu, indem sie befreundete Künstler porträtierte. Kunst braucht Platz, und den gab Marion Rasche ihr. Immer wieder.

Auch dass sie über Humor – und im übertragenen Sinne auch über Witz und Einfühlungsvermögen – verfügt, wird ihr wohl niemand absprechen: Überlegt und sensibel geht sie auf Gesprächspartner ein, trifft aus dem Bauch heraus die richtigen Entscheidungen, auf die man vertrauen kann, und stellt – so formulierte es ein DEFA-Kollege: fast wie eine Psychologin – die richtigen Fragen, damit man den besten Weg selbst findet. Ihre ehemalige DEFA-Kollegin, Freundin und Kinobegleiterin bis zum heutigen Tag, Sabine Scholze, sagte mir, es mache einfach Spaß, mit ihr befreundet zu sein, und sie sei eine treue Seele, wenn sie einem erst einmal die Freundschaft erklärt habe.

Trotz des Schwurs, nie wieder einem Verein oder einer anderen Organisation beizutreten, hat sie das Deutsche Institut für Animationsfilm mit aus der Taufe gehoben. Für diesen Schwurbruch möchte ich ihr persönlich sehr herzlich danken.

Jetzt schulde ich Ihnen noch die Auflösung des dunklen Geheimnisses, das natürlich nicht wirklich ein dunkles Geheimnis ist, sondern auch wieder ihre Liebe zur Kunst und zum Kunsthandwerk wiederspiegelt: Marion Rasche besitzt eine beeindruckende Sammlung historischer erzgebirgischer Leuchterfiguren, die ich selbst bewundern durfte. Sie umgibt sich also ganz freiwillig mit Armleuchtern, aber das bleibt in einem so langen Leben für die Kunst vermutlich ohnehin nicht aus.

Liebe Marion Rasche, ich gratuliere sehr herzlich zum Preis der DEFA-Stiftung für herausragende Leistungen im deutschen Film.

Laudator: Till Grahl

Förderpreis für junges Kino

Elwira Niewiera & Piotr Rosołowski

Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski

© Reinhardt & Sommer

Wenn man einen Förderpreis für Junges Kino vergibt, dann doch mit der ganz egoistischen Hoffnung, dass man vom Preisträger unbedingt weitere Filme sehen will. Diesen Egoismus möchte ich an dieser Stelle gerne öffentlich bekunden.

Das bisherige gemeinsame Œuvre von Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski ist zwar noch schmal, aber offenbart unverkennbar, wie virtuos sie auf der Klaviatur des Filmemachens zu spielen verstehen. Die zwei bisher von ihnen gemeinsamen verantworteten Filme, von denen die Rede sein soll, zeigen, wie ganz und gar aus dem Sujet heraus sie in der Bildsprache und Erzählweise entworfen wurden. DOMINO-EFFEKT aus dem Jahr 2014, erzählt eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Sie stammt aus Russland, er ist der Sportminister Abchasiens. Beide haben Ambitionen: Sie sucht den Erfolg als Schlagersängerin, schafft es aber nur bis in die Kreisliga, er will das Image seines Landes verbessern, indem er die Sportnation ausruft. Wie die beiden gegen die Windmühlen des Alltags, um die Stimme bei der Koloratur, unbegabten Turnern, den ständigen Stromausfall und gleichzeitig um ihre Beziehung kämpfen, denn sie ist eine Zugezogene, eine Fremde – das ist urkomisch und traurig zugleich. Jeder Einstellung ist eingeschrieben, wie das Politische und das Private einander durchdringen, wie die Kamera das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz auslotet. Das ist zuweilen so perfekt „in Szene gesetzt“, dass man glauben könnte, einem Spielfilm beizuwohnen, bis an einer Stelle eine Intervention erfolgt, die einen in die Realität schleudert:  Bilder des georgisch-abchasischen Krieges von 1993.

Für den Film DER PRINZ UND DER DYBBUK (2017), haben sich Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski zu einer anderen ästhetischen Strategie entschlossen. Es ist die unglaubliche, aber wahre Geschichte des Regisseurs und Produzenten Michał Waszyński, der im ukrainischen Kowel als Sohn eines Schmiedes geboren und einer der produktivsten polnischen Regisseure der frühen 1930er Jahre wurde, der als Produzent mit den Stars Hollywoods zusammenarbeitete, bis er einsam und verarmt als Prinz in Rom verstarb. Ein Leben wie ein Roman. Die beiden Regisseure erzählen diese Geschichte von Aufstieg und Niedergang nicht in ihrer Opulenz, sondern in traumwandlerischen Bildern, die zwischen Realität und Fiktion changieren, so wie Waszynski selbst spielerisch zwischen verschiedenen Identitäten zu wechseln wusste.

International wurden beide Filme gefeiert, im Kino hierzulande sind sie nur Eingeweihten begegnet. Das spricht nicht gegen die Filme, sondern nur für die fehlenden Strukturen, Dokumentarfilme im Kino durchzusetzen.

Was zeichnet die Preisträger noch aus?

Piotr Rosolowski ist ein vielgefragter Kameramann; in seiner Filmografie finden sich Titel wie PETER HANDKE: BIN IM WALD, KANN SEIN DASS ICH MICH VERSPÄTE… (Regie: Corinna Belz, 2016) und DIE WAHRHEIT ÜBER DRACULA (Regie: Stanislaw Mucha, 2010); bei dem oscarnominierten Kurzfilm Mauerhase 2009 war er Co-Autor. Und wer Elwira Niewiera einmal in der Arbeit begegnet ist, erfährt, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie sein kann, wenn es darum geht, ein neues Projekt voranzutreiben. Für ihre gemeinsamen Arbeiten lassen sie sich Zeit, Zeit, die man den Filmen anmerkt in ihrer Gründlichkeit, genauen Recherche und der Gelassenheit, die sie ausstrahlen, weil sie sich ihres Gegenstandes ganz bewusst sind.

Nehmt den Preis als einen Auftrag, so weiterzuarbeiten.

Laudatorin: Cornelia Klauß

Programmpreise

Molto Menz

Molto Menz

© Reinhardt & Sommer

Lieber Molto,

Du ahnst wie ich mich freue, heute hier zu stehen, um eine kurze Rede auf Dich halten zu dürfen! Wir kennen uns seit fast 30 Jahren. Es war im Frühjahr 1990, in einer Zeit des Aufbruchs und der Konfusion, als ich zum ersten Mal zu Dir Kontakt aufnahm - ohne freilich zunächst erahnen zu können, wie folgenreich dieser Anruf in München für mich werden würde. Wir waren damals in Ost-Berlin gerade die Mauer losgeworden, hatten aber noch die DDR und auch deren kaum brauchbare Währung. In unserem frisch gegründeten „Kino in der Brotfabrik“ an der „Weißenseer Spitze“ wollte ich jetzt endlich jene Filme zeigen und sehen, die mir bislang vorenthalten worden waren. Bei der Filmwelt-Verleihagentur in München wurde ich fündig: hier gab es so unterschiedliche Werke wie die von John Carpenter, Jean-Luc Godard oder Monty Python, aber auch die von bundesdeutschen Regisseur*Innen wie Herbert Achternbusch, Rosa von Praunheim, Hellmuth Costard, Ulrike Ottinger, Elfi Mikesch, Adolf Winkelmann oder Peter Goedel. Am Telefon stammelte ich ein wenig herum, weil ich ja etwas wollte, aber doch nichts bieten konnte, jedenfalls keine konvertierbare Währung. Der Herr am anderen Ende der Leitung mit dem merkwürdigen Namen Molto war jedoch überaus entgegenkommend. „Ach, das machen wir schon irgendwie...“, meinte er. Und so bekamen wir die Filme vom Mit-Gesellschafter der Filmwelt GmbH, der Du damals warst, umsonst. Dies war ein schneller, konkreter und wirkungsvoller Solidarbeitrag; das Publikum überrannte uns regelrecht, und die TK-35 knatterte unentwegt vor sich hin.

Später trafen wir uns und freundeten uns an. Und mit jedem Treffen entdeckten wir mehr gemeinsame Vorlieben: in der Welt des Films, der Literatur und vor allem der Musik. Von Molto habe ich sehr viel gelernt, zum Beispiel dass wir Deutschen dies- und jenseits der Demarkationslinie trotz der langen Trennung gar nicht so unterschiedlich waren.

Hier vorn auf der Leinwand werden gleich Namen von Filmkünstler*Innen aufgelistet, die im Laufe der letzten 23 Jahre von Molto Menz bei absolut Medien veröffentlicht wurden. Die hohe Anzahl von DEFA-Regisseurinnen und -Regisseuren spricht dabei für sich – und dies ist der wichtigste Grund für die heutige Ehrung mit einem Programmpreis der DEFA-Stiftung. Wir würdigen einen unermüdlichen Rundumdenker, dessen Neugierde und Aufgeschlossenheit auf einer grundlegenden Sympathie für die zu schnell Übersehen oder auch Vergessenen basiert. Dank Molto Menz haben nicht nur viele DDR-sozialisierte Filmemacher*Innen eine verlegerische Heimat gefunden. Auch Arbeiten völlig Unbekannter sowie von Meistern wie Andrei Tarkowski, Krzysztof Kieślowski, Claude Lanzmann oder Gabor Body sind Dank seines Einsatzes auf DVD und damit in der Öffentlichkeit präsent. Molto Menz ist dabei immer seiner Neugierde treu geblieben, Spartendenken bleibt ihm fremd. Schließen möchte ich mit einem Zitat des Preisträgers: „Wer nur etwas von Musik versteht - versteht auch nichts davon.“ Das gleiche ließe sich auch über Film sagen.

Laudator: Claus Löser

Paul Werner Wagner

Paul Werner Wagner

© Reinhardt & Sommer

Lieber Paul Werner Wagner, hochverehrtes Publikum…

Anfang des Jahres 2006 sprach mich der damalige Sportchef unserer Tageszeitung „neues deutschland“ an und schlug mir vor für unsere schachbegeisterten Leserinnen und Leser ein Schachturnier für Profi-Spielerinnen zu organisieren und brachte mich mit einem schachbegeisterten Unternehmer zusammen, der ein solches Turnier sponsern würde. Am Unternehmenssitz hatte auch die nur wenige Jahre zuvor gegründete Emanuel-Lasker-Gesellschaft ihren Sitz. Sie wurde Mitorganisatorin für unsere nd-Damenschach-Gala. Und ihr Vorsitzender, der 1948 in Wolfen geborene Kultur- und Literaturwissenschaftler Paul Werner Wagner, wurde über die Jahre ein guter Freund…Die nd-Damenschach-Gala, ein einzigartiges Kurzschachevent für Schachspielerinnen, namhafte wie Newcomerinnen, gibt es leider nicht mehr, aber unsere Freundschaft ist geblieben.

Was ich 2006 noch nicht wusste: Paul Werner Wagner war und ist auch einer der profundesten Kenner der DEFA-Geschichte, ihrer Filme, aber vor allem auch ihrer handelnden Protagonisten. Oder einfacher gesagt, er kennt Hinz und Kunz…

2012 rief Paul die Wolfener Filmtage ins Leben, eine Woche DEFA-Film im alten Gemäuer der Filmfabrik, mit bekannten und weniger bekannten und vor allem wiederentdeckten Produktionen, mit bekannten Filmschaffenden und einem dankbaren Publikum. Und so war es fast folgerichtig, dass ich als nd-Geschäftsführer und begeisterter Kinogänger sofort zusagte, als mir Paul, der inzwischen auch Vorsitzender der Friedrich-Wolf-Gesellschaft geworden war, vorschlug, eine DEFA-Filmreihe im traditionsreichen Kino TONI aufzulegen. 2013 war der nd-Filmclub geboren, mittlerweile eine unserer erfolgreichsten Veranstaltungsreihen. Und das TONI ist hocherfreut, wenn jeden letzten Mittwoch im Monat der Saal voll ist. Anfänglich mussten wir noch kräftig werben, inzwischen ist die Reihe ein „Selbstläufer“ und, das nur nebenbei, auch ein beliebter Treffpunkt ehemaliger DEFA-Filmschaffender.

Über die Jahre hat Paul Werner Wagner eine ganze Reihe solcher Filmevents geschaffen und so manchem Werk nach vielen Jahren wieder öffentliche Aufmerksamkeit verschafft. Beeindruckend sein warmherziger Umgang mit Regisseurinnen und Regisseuren, Schauspielerinnen und Schauspielern der DEFA, die zum großen Teil ja auch schon im fortgeschrittenen Alter sind. Empathie und Herzlichkeit, neben einem enormen Wissen um die kulturpolitische Bedeutung der DEFA über ihre Existenz hinaus, sind Eigenschaften, die Paul Werner Wagner auszeichnen und die es ihm immer wieder ermöglichen, Gesprächspartner zu finden und „aufzuschließen“, die nicht selten mit dem Kapitel DEFA vor Jahren schon abgeschlossen hatten.

Als Mensch, der viel auf Zahlen schauen muss, war ich schon skeptisch, als mir Paul vorschlug, mal ein ganzes Jahr nd-Filmclub mit DEFA-Dokumentarfilmen zu bestreiten…Meine Skepsis war völlig unbegründet. Unser diesjähriges Filmclub-Motto „Dokumentarische Einblicke in Lebens- und Arbeitswelten der DDR“ bescherte dem TONI wieder volle Säle und den Besuchern z.T. überraschende Erkenntnisse. Ob des großen Erfolgs werden wir auch im kommenden Halbjahr wiederzuentdeckende DEFA-Dokumentarfilme zeigen.

Es ist in der Kürze der Zeit unmöglich, alle kulturellen Umtriebigkeiten des Kultur-Managers Paul Werner Wagner aufzuzählen. Allein sein Wirken als Vorsitzender der Friedrich-Wolf-Gesellschaft, in dessen Rahmen er auch einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Bewahrung des Andenkens an den großen Konrad Wolf leistet, könnte Seiten füllen. Und da haben wir dann noch gar nicht über Schach gesprochen…

Lieber Paul, ich wünsche Dir neben dem wichtigsten – nämlich Gesundheit – noch viele Ideen für noch viele gemeinsame Veranstaltungen. Und bitte Dich hiermit nach vorn, um einen Preis entgegenzunehmen, den Du Dir redlich verdient hast.

Laudator: Olaf Koppe

Knut Elstermann

Knut Elstermann

© Reinhardt & Sommer

Lieber Knut, liebe Freunde von Knut,

heute habe ich einen wirklich leichten Job: Knut Elstermann soll geehrt werden, ausgezeichnet mit dem Programmpreis der DEFA-Stiftung.

Es wird Zeit mit den Ehrungen für Knut zu beginnen. Ich selbst habe gerade erfahren dürfen, wie schön es ist gute Worte über sich zu hören, solange man dabei noch anwesend sein kann. Also Zeit zu loben und wir alle wissen wofür: Knut, Du bist zwar auch nur ein Mensch, aber ein besonderer, ja ein Phänomen.

Kaum fängst Du an zu reden und schon ist man in Deinem semantischen Linguistennetz, Deiner erotischen Nebenbeisprache, Deinem leisen aber niemals unüberhörbaren, nachdrücklichen Engagement für den Film, das Kino aber besonders für die Filmkünstler. Dabei bist Du voller Neugier, Emphase und unermüdlich. „Marathon-Zunge“ habe ich Dich einmal despektierlich genannt, gemeint war es aber bewundernd und voller Zuneigung.

Was ist wohl Dein Geheimnis neben dieser Stimme, die wir alle sofort erkennen: Als Zuhörer merkt man, dass bei Dir alle Menschen gleich sind. Das kommt wohl noch aus der DDR – jedenfalls vor Deinem Mikro sind sie das: Die Diven, Regisseurinnen, der Kameramann und die Requisiteurin.

Ach Knut, Du hast so etwas von Unendlichkeit, wenn Du sprichst. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Hört man Dich im Radio, egal an welcher Stelle im Programm Du gerade bist, ist es ein wenig so wie wenn man zu spät zum Abendbrot nach Hause kommt, die Familie sitzt bereits beim Essen. Man setzt bzw. hört sich einfach dazu und ist sofort Teil der ganzen Filmfamilie.

Du redest verbindlich und leicht, schwebend, mitfühlend, schlagfertig, mit Humor. Besonders liebte ich Deine Night-Talks auf der Berlinale, die den Tag und alles was passiert ist zusammenfassen: Bären-Sieger und Verlierer, wortkarge Kreative, frustrierte und angeheiterte Festival-Schwadronierer. Du schaffst es, dass sie alle ihre Würde behalten können.

Dein Reden übers Kino ist mitreißend und Du hast einen offenen Blick auf die Filmkultur und der kommt natürlich nicht von irgendwo her: Deine frühe Filmsozialisation mag mit der DEFA begonnen haben aber bald streifte Dein Blick nicht nur gegen Osten sondern auch nach Norden, Schweden zu Ingmar Bergman, nach Süden zu Antonioni und Fellini.

In Büchern und im Fernsehen bist Du dem filmischen Schaffen der DDR nachgegangen und an der Karl Marx Uni in Leipzig, in der Sektion Journalistik hast Du dann in Deiner Diplomarbeit alles zusammengefasst: „Das Montage Prinzip als Methode journalistischer Gestaltung im Rundfunk-Genre-Feature.“

Darauf muss man erstmal kommen: Sergej Eisensteins Attraktionsmontage auf die eigene Arbeit im Radio anzuwenden, um dann diese Theorien des russischen Meisterregisseurs – vielleicht sogar dem größten – Charlie Chaplin, zu verdeutlichen. Um mit Chaplin zu sprechen: „Chapeaux“ Knut.

Knut sendet seine Kinosendungen von dort, wo bereits früh Filme gedreht worden sind, vom Studiogelände Babelsberg. Hier drehte die UfA und die DEFA und heute flitzt Bill Murray mit Wes Anderson übers Gelände. Und Knut kann das alles schön erzählen, beim Studiobesuch. Denn Knut ist selbst ein wunderbarer Kinoerzähler.

Lieber Knut, für Deine Kunst zu fragen und übers Kino zu reden, wirst Du heute geehrt. Und zur Abwechslung stelle ich Dir jetzt mal 'ne Frage.

Laudator: Dieter Kosslick

Preisverleihung 2019

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