Stiftungspreise 2020

Die Preisjury der DEFA-Stiftung hat auf ihrer Sitzung beschlossen, ein Zeichen für das Kino zu setzen und im Jahr der Covid-19-Pandemie ausschließlich engagierte Spielstätten und Verleihfirmen mit Programmpreisen in einem Gesamtwert von 25.000 Euro auszuzeichnen. Eine reguläre Preisverleihung findet nicht statt.

Welt-Theater in Frankenberg

Seit Jahren präsentiert das Welt-Theater im sächsischen Frankenberg anlässlich seiner Kinotage DEFA-Produktionen. Zum einen bilden Filme für Kinder und Jugendliche einen Schwerpunkt, zum anderen werden für ein interessiertes Publikum DEFA-Klassiker auf die Leinwand gebracht.

Das Welt-Theater, dessen Anfänge in der heutigen Spielstätte (der ehemaligen Frankenberger Gasanstalt) bis ins Jahr 1937 zurückreichen, wurde nach langjähriger Schließung 2009 neu eröffnet und wird seither von der Interessengemeinschaft Welt-Theater Frankenberg e.V. betrieben. Ab 2010 veranstaltet das Haus Kinotage, die jeweils auf Filme mit einem ausgewählten inhaltlichen Programm ausgerichtet sind. Ein ausverkauftes Kino ist dabei keine Seltenheit. Das wesentliche Charakteristikum der Filmaufführungen stellt die Projektion von 35mm-Kopien dar; DCP- oder gar DVD-Vorführungen liegen dem Welt-Theater fern. Erst 2019 wurde in dem historischen, denkmalgeschützten Gebäude die Bühne aufwändig restauriert sowie eine neue Leinwand installiert.

Das engagierte Team informiert die Zuschauer über Besonderheiten der Filmprojektion, wie etwaige Beschädigungen an Filmkopien und deren Ursachen und Hintergründe. Somit dienen Kinobesuche nicht nur dem Filmgenuss, sondern vermitteln zugleich praktisches Wissen über das Medium Film an sich.

Doch das Welt-Theater ist nicht allein auf Filmvorführungen spezialisiert, ein umfangreiches Angebot an Sprechtheater, Kabarett, Lesungen, Konzerten, Workshops und populärwissenschaftlichen Vorträgen runden das umfangreiche Programm ab; darüber hinaus dokumentiert eine Dauerausstellung Geschichte und Technik des Hauses.

Wir gratulieren dem Welt-Theater Frankenberg zum DEFA-Kinopreis und freuen uns auf zukünftige erfolgreiche Kinotage!

Laudatio von Mirko Wiermann

Das Team des Welt-Theaters Frankenberg © Welt-Theater Frankenberg

Veranstaltung im Welt-Theater Frankenberg © Welt-Theater Frankenberg

Ritterhuder Lichtspiele

Selten schaffen es DEFA-Filme auf die Leinwände der Programmkinos in den „Alten Bundesländern“. Umso bemerkenswerter ist es, wenn Kinomacher den Mut besitzen gleich eine ganze DEFA-Retrospektive in das Programm aufzunehmen und das Filmerbe der DEFA einem Publikum nahebringen, das bisher wenig bis keine Erfahrungen mit DDR-Kinofilmen gemacht hat. Erfolgreich gelungen ist das den Ritterhuder Lichtspielen in Niedersachsen. Das Kino präsentierte anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls immer freitags einen DEFA-Klassiker: Vom ersten DEFA-Spielfilm DIE MÖRDER SIND UNTER UNS über Verbotsfilme wie Frank Beyers SPUR DER STEINE bis hin zu bedeutenden DDR-Gegenwartsfilmen der 1980er Jahre wie Evelyn Schmidts DAS FAHRRAD oder Konrad Wolfs SOLO SUNNY. Eine vielseitige Reihe war geboten, die auf ein großes Echo mit vielen neugierigen Zuschauern in der kleinen Gemeinde Ritterhude stieß.

Das mit zwei kleinen Sälen ausgestattete Kino erfreut sich aufgrund seines abwechslungsreich und mit viel Engagement und Herzblut kuratierten Programms einer anhaltenden Beliebtheit. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall. Im April 2011 wurde aufgrund zurückgehender Besucherzahlen durch die Lokalpolitik die Schließung des Kinos verkündet. Schnell fand sich eine Gruppe von Kinoliebhabern zusammen, die in Ritterhude und Umgebung 1.400 (!) Unterschriften für den Erhalt sammelten. Bereits im September 2011 konnte das Kino wiedereröffnen – die Besucherzahlen verdoppelten sich! Es entstand der „Freundeskreis der Ritterhuder Lichtspiele“, der mit seinen derzeit sechs aktiven, ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Fortbestand des Kinos sichert. Ein Musterbeispiel für gelebte „Liebe zum Kino“.

Neben dem Programm mag auch die Nähe zum Publikum ein Schlüssel für den Erfolg des Kinos sein: Jeder Kinobesucher erhält beim Einlass eine kleine Tafel Schokolade und das Programm für die kommende Woche; jeder 500. Besucher bekommt ein zusätzliches Präsent überreicht. Aktuell fehlt es dem Kino noch an einer Abspielmöglichkeit für digitale Verleihkopien (DCPs). Vielleicht liefert das Preisgeld einen finanziellen Beitrag zur weiteren technischen Aufrüstung, damit in Zukunft noch mehr Filmerbe – der DEFA und aus aller Welt – in Ritterhude über die Leinwand flimmern kann.

Laudatio von Philip Zengel

Das Team der Ritterhuder Lichtspiele © Ritterhuder Lichtspiele

Außenansicht der Ritterhuder Lichtspiele © Ritterhuder Lichtspiele

Puschkino in Haale (Saale)

Kino zu machen verlangt einen langen Atem, schon in normalen Zeiten.  Aber um die Ungewissheiten einer Pandemie zu überstehen, braucht es eine gewisse Portion an Unerschütterlichkeit  Das Puschkino in Halle lässt sich nicht erschüttern. Seine Zuversicht gilt dem Hunger nach anspruchsvollen Filmen und dabei lassen sich die Macherinnen und Macher des Programms durch nichts einengen oder festlegen. Die DEFA-Stiftung möchte mit ihrem Preis vor allem dieses Bekenntnis zu Vielfalt auszeichnen. Neben Komödien und Arthouse sind Kurz-und Dokumentarfilme, historische wie brandneue, stumme und Filme mit viel Musik sowie Reihen für Kinder zu sehen. Das Programm ist cinephil kuratiert, Hauptsache kein simpler Mainstream. Verlässlichkeit ist eine Währung, die sich gegen Online-Angebote behaupten wird. Auch findet sich der eine oder andere DEFA-Film eingestreut. Gerne mehr davon.

Laudatio von Cornelia Klauß

Einblick in das Puschkino: Seit 2005 bestehender erster Kinosaal mit 120 Plätzen © Puschkino

Der im Juni 2019 eröffnete zweite Saal des Kinos mit 65 Plätzen. © Puschkino

Drop-Out Cinema

Drop-Out Cinema

Logo des Verleihs

Ein „Drop Out“ beschreibt die Abweichung von der gewünschten Norm, einen Systemfehler, der andere Ergebnisse als die gewünschten erzeugt. Wenn ein Filmverleih sich einen solchen Namen gibt, kann von einem programmatischen Statement ausgegangen werden. Ein Blick auf das Angebot des Drop-Out-Verleihs in Mannheim zeigt schnell, was damit gemeint ist. Im Portfolio finden sich B-Movie-Klassiker, Science-Fiction- und Horrorfilme, Dokumentationen und Animationen aus aller Welt. Die beste Voraussetzung, um Eingang zu finden in den inzwischen fast 250 Titel umfassenden Katalog besteht in künstlerischem Eigensinn. Bei seiner Suche nach zeigens- und sehenswerten Werken ist der Verleih deshalb auch in der Filmgeschichte und Gegenwart Osteuropas fündig geworden. „Drop Out“ ist es zu verdanken, dass Alexej Germans letzte Arbeit ES IST SCHWER, EIN GOTT ZU SEIN auf die hiesigen Leinwände gelangte, ebenso wie Filme von Andrzej Żuławski, František Vláčil, Bartosz Konopka oder Marcell Jankovics. Als jüngsten Coup entriss der Verleih zwei Meisterwerke aus der späten Sowjetunion dem Vergessen: KIN-DZA-DZA von Georgi Daniela und GEH UND SIEH von Elem Klimow. Doch in seiner unermüdlichen, verdienstvollen Ausgrabungsarbeit erschöpfen sich die Aktivitäten des Verleihs noch lange nicht. Um ein Höchstmaß an Transparenz zu erreichen, hat der Verleih die Geschäftsform einer Genossenschaft gewählt. Mehr als 60 Einzelpersonen, Kinos und Vereine sind bislang Mitglied. Dank dieser praxisnahen Haltung wird ein ständiger Ideentransfer gewährleistet, den Krisenstimmungen der Branche bleiben weder Raum noch Zeit.

Laudatio von Claus Löser

Eksystent Filmverleih

Jakob Kijas

Geschäftsführer des Eksystent Filmverleihs © Jakob Kijas

Kino bleibt ein unverwechselbarer Ort, der von vielen geliebt und nicht vermisst werden möchte. Mit diesem Slogan wirbt der Filmverleih Eksystent aus München, ein junges, unabhängiges Label, das vor sieben Jahren gegründet wurde und für außergewöhnliche Stoffe und Ästhetiken steht. „Wir sind ständig auf der Suche, brechen aber nichts übers Knie‟, sagt Geschäftsführer Jakob Kijas, „es muss einfach von der Qualität und Thematik her stimmen“. Denn gute Filme sind existent – wenn es auch Mut, Geschick, Glück und mitunter Überredungskunst braucht, um sie in einer vom Mainstream dominierten Kinolandschaft, aus dem Gros der Mittelmäßigkeit herausleuchten zu lassen. Wer sich aber einmal auf Eksystent einlässt, wird dem Verleih seine Treue wohl nicht mehr versagen.

Erst vor kurzen gelang es Eksystent, einen besonders hellen Stern am Kinohimmel nach Deutschland zu holen: BOHNENSTANGE, ausgezeichnet in Cannes, ein russischer Kriegsfilm ohne Krieg, ein Kammerspiel, das die äußeren und inneren Wunden, die Narben und Traumata der Überlebenden auf eindringliche Weise zum Vorschein bringt. Niemand in diesem Film weiß, ob die Heilung der verletzten Seelen gelingen wird. Der Krieg ist vorbei. Der Frieden muss gewonnen werden. Es bleibt eine Zuversicht.

Wie BOHNENSTANGE kommen auch manch andere Eksystent-Filme aus Osteuropa. Zudem sind weitere, hierzulande eher seltene Kinematographien mit außergewöhnlichen Arbeiten vertreten: Argentinien, Indonesien, Irak, Griechenland, Belgien. Und Kinderfilme, die von Eksystent mit Herzblut verliehen und von leuchtenden Kinderaugen gesehen werden. Die im Rahmen des Verleihs entstandene Femmes Totales Filmtour richtet ihren Blick auf das Filmschaffen von Regisseurinnen und ermöglicht ihren Arbeiten eine mehrmonatige Kinoauswertung, die ihnen über einen Festivaleinsatz hinaus in Deutschland verwehrt bleiben würde. Sandra Wollners DAS UNMÖGLICHE BILD, einer der vielleicht stärksten deutschen Spielfilme von 2018, fand auf diese Weise ein interessiertes Publikum. Oder Lea Mysius AVA, ein bezaubernd poetisches Coming-of-Age-Drama, das so wild und faszinierend ist wie seine 13jährige Heldin.

Für solche betörenden, emotional oft wuchtigen Kunst-Stücke gibt es leider viel zu selten Verleihförderungen. Um den oft kommerziell ausgerichteten Kriterien der Förderanstalten zu genügen, scheinen die Filme zu besonders, zu avantgardistisch, zu wenig angepasst. Der Programmpreis für den Eksystent Filmverleih ist somit hochverdient.

Laudatio von Ralf Schenk

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