Für die Liebe noch zu mager?
Am 3. September 2026 feiert Simone von Zglinicki ihren 75. Geburtstag. Mit der DEFA-Produktion FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER? unter der Regie von Bernhard Stephan gelang ihr 1973 der schauspielerische Durchbruch. Das MDR-Fernsehen zeigt den Klassiker am 1. September um 22:55 Uhr. Im Anschluss ist der Film einen Monat lang in der ARD-Mediathek verfügbar.
Kurzinhalt
FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER?
(R: Bernhard Stephan, 1973)
Die zierliche, 18-jährige Susanne ist so etwas wie ein modernes Aschenbrödel: Gutmütig, pflichtbewusst und immer für andere da. Ob sie den Haushalt für ihren Vater und ihre Brüder schmeißt, bei der Maidemonstration ungefragt die Fahnen trägt oder in der Textilfabrik schuftet – in den Vordergrund stellt sie sich nie. Heimlich schwärmt sie für den unnahbaren Lutz, einen Sandkastenfreund, der von der großen, weiten Welt träumt. Als Susanne erfährt, dass ausgerechnet ihre Freundin Daisy ein Kind von Lutz erwartet, begreift sie, dass sie endlich für ihre eigenen Träume einstehen muss.
Unverhofft zur ersten Filmrolle
Eigentlich stand die Besetzung für die Susanne bereits fest: Regisseur Bernhard Stephan hatte für seinen Film eine Schauspielerin wie Giulietta Masina in LA STRADA gesucht und sie in Katharina Thalbach gefunden. Doch wenige Wochen vor Drehstart musste Thalbach Stephan absagen, da sie schwanger war – mit ihrer Tochter, der heutigen Schauspielerin Anna Thalbach. Ein kurzfristiger Ersatz musste her. In seiner Not wandte sich Stephan an die befreundete Schauspielerin Marylu Poolman, die damals als Dozentin an der Leipziger Theaterhochschule unterrichtete. Als er ihr das Rollenprofil beschrieb, dachte Poolman sofort an ihre Schülerin Simone von Zglinicki. Nach einem Vorsprechen hatte diese die Rolle sicher und kam ganz unverhofft mitten im Studium zu ihrer ersten Kinohauptrolle. Über ihr erstes Erlebnis beim Film sagte sie später: „Das war für mich eigentlich die schönste Filmzeit, die ich je hatte.“ (zitiert aus Uwe Fleischer „Wo Liebe hinfällt“, S. 46)
Der originale DEFA-Trailer zu FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER? (R: Bernhard Stephan, 1973)
Kein Filmsternchen
Simone von Zglinicki
in FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER? (R: Bernhard Stephan, 1973) Fotograf: Uwe Fleischer
FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER? legte den Grundstein für Simone von Zglinickis schauspielerische Laufbahn. Dabei wollte die gebürtige Chemnitzerin ursprünglich Dramaturgie studieren. Da der Studiengang jedoch in jenem Jahr pausierte, entschied sie sich eher spontan für das Schauspiel – ein Glücksfall. Die Studienzeit war kürzer als geplant, denn durch den großen Erfolg ihres DEFA-Debüts erhielt sie ihr Diplom vorzeitig. Es folgten rasch weitere Rollen, unter anderem in LIEBE MIT 16 (1974) und der Märchenverfilmung HANS RÖCKLE UND DER TEUFEL (1974). Doch ihre wahre Leidenschaft galt dem Theater. Durch ihren Erfolg in FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER? war der Dramaturg Klaus Wischnewski auf die junge Schauspielerin aufmerksam geworden. Ihm verdankte sie, trotz anfänglich fehlender Spielpraxis, ihr Engagement am Deutschen Theater. Dessen Bühne sollte für viele Jahrzehnte ihre künstlerische Heimat werden. Gerade die Anfangszeit zwischen all den gestandenen Bühnengrößen war hart. Noch heute erinnert sie sich an ein aufgeschnapptes Gespräch zwischen den Kollegen Dieter Franke und Peter Aust. Auf Frankes Frage, wer sie denn sei, antwortete Aust nur: „Ein Filmsternchen.“ Genau das wollte sie jedoch nie sein. Um sich als ernsthafte Theaterschauspielerin zu beweisen, arbeitete sie hart, schob Sonderschichten und nahm zusätzlichen Sprechunterricht. Mit Erfolg: Sie setzte sich durch. Ganz vom Film loslassen konnte Simone von Zglinicki dennoch nicht und war immer wieder in DEFA- und Fernsehrollen zu sehen, etwa in DIE VERFÜHRBAREN (1977), MÄRKISCHE FORSCHUNGEN (1981) und ERSCHEINEN PFLICHT (1983).
Versuch eines neuen Looks. Susanne (Simone von Zglinicki) frisiert sich vorm Spiegel. Fotograf: Uwe Fleischer
Sprung auf den Kleinlaster bei voller Fahrt für die große Liebe. Susanne gibt alles. Fotograf: Uwe Fleischer
DEFA-Debüt für Bernhard Stephan
Im Alter von 30 Jahren drehte der in Moskau ausgebildete Regisseur Bernhard Stephan seinen DEFA-Erstling FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER?. Es war ein Projekt, das für den jungen Filmemacher einige Herausforderungen bereithielt. Neben der kurzfristigen Umbesetzung der Hauptrolle hatte Stephan auch mit dem krankheitsbedingten Ausfall seines Kameramanns Hans-Jürgen Kruse zu kämpfen. Während dessen einmonatiger Abwesenheit sprangen zwei Kollegen ein, sodass der Film am Ende von insgesamt drei Kameramännern realisiert wurde. Trotz dieser turbulenten Umstände bewahrte der Regisseur am Set stets die Ruhe. Hauptdarstellerin Simone von Zglinicki ist noch heute voll des Lobes für Stephan, den sie als grundfreundlichen, immer vorbereiteten und einfühlsamen Regisseur beschreibt, der seine Anweisungen stets leise gab und nie schrie: „Man musste sich nicht schämen, konnte immer rumprobieren.“ (wiedergegeben aus einem Zeitzeugengespräch der DEFA-Stiftung, 2021)
Bei seinem Debüt traf Stephan auch eine höchst ungewöhnliche Entscheidung: Er verzichtete komplett auf einen Vor- und Abspann. Niemand von den beteiligten Filmschaffenden wird namentlich erwähnt. Später begründete der Regisseur diesen Schritt damit, dass es sich um einen Film für junge Leute handle – wen würden da schon die Namen interessieren? Schmunzelnd erzählt er noch heute, wie ihn das ZDF später anrief und irritiert nachfragte, ob er wegen des Films wohl in Ungnade gefallen sei, weil die Credits gänzlich fehlten.
Bernhard Stephan während der Dreharbeiten zu FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER? Fotograf: Uwe Fleischer
Regieanweisungen für Karl Thiele und Simone von Zglinicki von Bernhard Stephan. Fotograf: Uwe Fleischer
Musikalisches Erzählen
Anfang Die Idee zum Film stammte vom unzertrennlichen Autoren-Duo Manfred Freitag und Joachim Nestler. Nach den schmerzhaften Verbotserfahrungen rund um ihren Film DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE (1965/66) hatten sie ausschließlich für das Theater gearbeitet und wagten sich nun erstmals wieder an einen Filmstoff. Bereits in ihrer Grundidee war eine stark musikalische Erzählweise verankert; erste Konzeptionen gingen sogar in Richtung eines Musicals. Regisseur Bernhard Stephan wollte zwar kein reines Musical inszenieren, strebte aber einen komödiantisch-satirischen Unterhaltungsfilm mit tragenden Songs aus der Rock- und Beatmusik an. Auf der Suche nach dem passenden Sound wurde er zweifach fündig: bei der ungarischen Band Illés um Sängerin Zsuzsa Koncz sowie bei der populären Klaus Renft Combo. Für die Lieder von Zsuzsa Koncz verfasste Joachim Nestler eigens Texte, die das ausdrückten, was die zurückhaltende Hauptfigur Susanne selbst noch nicht aussprechen konnte. Die Songtexte für die Renft Combo steuerte Gerulf Pannach bei. Der Filmhistoriker Klaus-Dieter Felsmann resümiert: „Mit allen Songs werden Assoziationen geschaffen, die der Zuschauer mit Blick auf seine eigenen Erfahrungen in nachdenklicher Weise leicht weiterführen kann“ (vgl. DEFA-Filme gedreht in Thüringen, S. 30). Später erschienen die Lieder sogar als LP. Eine solche Vermarktung von eigens für einen Film komponierten Songs war in der Geschichte der DEFA bis dato ein Novum.
Echte Freundschaft? Daisy (Ursula Staack) macht die Schwangerschaft zu schaffen. Fotograf: Uwe Fleischer
Nimmst du eigentlich die Pille? Susannes Vater (Norbert Christian) ist besorgt. Fotograf: Uwe Fleischer
Produktionsnotizen: Gedreht in Thüringen
Regisseur Bernhard Stephan wollte die Handlung bewusst in der DDR-Provinz ansiedeln und fand die passenden Kulissen im Eichsfeld. Ein markanter Schauplatz ist die Innenstadt von Heiligenstadt, wo unter anderem die Mai-Demonstration zu Beginn des Films inszeniert wurde. Weitere Szenen entstanden in Mühlhausen sowie in der Baumwollspinnerei in Leinefelde. Die restlichen Dreharbeiten fanden in Leipzig, im Umland von Potsdam und auf dem Studiogelände in Babelsberg statt.
Die Dreharbeiten erfolgten zwischen dem 1. März und dem 30. Juni 1973 – kurz vor den Weltfestspielen der Jugend in Ost-Berlin, in einem Jahr, in dem sich die DDR besonders weltoffen präsentieren wollte. Die liberale Phase dauerte nur kurz, bereits zwei Jahre später wurde die Renft Combo verboten und Gerulf Pannach wurde ein weiteres Jahr später im Zuge der Biermann-Ausbürgerung auf dem Berliner Alexanderplatz verhaftet und später ausgebürgert.
Ungewollte Szenen
Christian Steyer
in FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER? (R: Bernhard Stephan, 1973) Fotograf: Uwe Fleischer
In seiner gesamten DEFA-Laufbahn erlebte es Regisseur Bernhard Stephan zweimal, dass nachträglich in seine Filme eingegriffen wurde. Einer dieser Fälle war FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER?. Stephan erinnert sich noch gut an die staatliche Abnahme. Als nach der Vorführung das Licht anging, startete der Filmminister in seiner Erinnerung sofort eine heftige Schimpftirade. Ihm missfiel das vermittelte Jugendbild zutiefst – insbesondere in Bezug auf die von Christian Steyer gespielte Figur. Der Film wurde schließlich mit Auflagen zugelassen; das Ende und die Motorradszene mussten geändert werden. Noch viel schwerer wog jedoch ein Eingriff, der bereits bei der Rohschnittabnahme passierte: Ein kompletter Handlungskomplex von zehn Minuten Länge wurde ersatzlos entfernt. Stephan bedauert dies bis heute, denn durch den Wegfall erfährt das Publikum kaum etwas über die Hintergründe der von Karl Thiele gespielten Figur Martin, wodurch der Charakter merklich an Tiefe verliert. Laut ursprünglichem Drehbuch absolviert Martin seine Bewährung in der Produktion, bevor er studieren darf. In diesen gestrichenen Szenen zeigt er Susanne eine Welt, die ihr völlig fremd ist. Unter anderem führt er sie zu einem alten Spanienkämpfer (Rolf Hoppe), der noch immer eine Baskenmütze trägt und sich im Dachgeschoss ein kleines eigenes Refugium erschaffen hat, da er mit den aktuellen Verhältnissen in der DDR nicht zurechtkommt.
„Nicht so hoppeln!“ Susanne erhält Nachhilfe im Gehen von Astrid (Renate Gey, heute Renate Stephan). Fotograf: Uwe Fleischer
Der intellektuelle Martin (Karl Thiele) liest lieber sein Buch, als sich mit Susanne zu unterhalten. Fotograf: Uwe Fleischer
Im Spiegel der Kritik
Der Film lief mit beachtlichem Erfolg: Mehr als 1,1 Millionen Menschen sahen ihn in den Kinos der DDR. Auch nach Polen, Ungarn und die BRD wurde FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER? lizenziert. Die DDR-Presse urteilte positiv. Kritiker Rolf Richter hob die Debütleistung Stephans hervor und sah eine „erstaunlich lockere und handwerklich sichere Inszenierung“ (Neues Deutschland, 27. April 1974). Auch Günter Sobe war erfreut: „Nicht der Ton, der Tonfall macht hier die Musik! Diese neue Sachlichkeit der jungen Leute ist es, die den Film sowohl prägt als vor andern auszeichnet“ (Berliner Zeitung, 2. Mai 1974). Später war FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER? u.a. im finnischen, schwedischen und bulgarischen Fernsehen zu sehen. Im Juli 1974 vertrat er die DDR im Wettbewerb der 19. Internationalen Filmfestspiele in Karlovy Vary. Erst nach der Abwicklung der DEFA erfuhr Bernhard Stephan aus Unterlagen, dass der Film von der DEFA eigentlich nach Locarno eingereicht werden sollte, was das Ministerium für Kultur der DDR jedoch ablehnte.
Verfasst von Philip Zengel. (August 2026)