Progress wird privatisiert

von Ralf Schenk

Fünf Jahre lang hat die Treuhand den einstigen Monopol-Filmverleih der DDR, Progress, mit sich herumgeschleppt. Jetzt will ihre Nachfolgerin, die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BVS), endlich für den längst überfälligen Abschluß der Privatisierung sorgen. Zu diesem Zweck wurde ein im Ost-Geschäft bewährter Wirtschaftsfachmann als neuer Geschäftsführer des Verleihs eingesetzt: Eberhard Wagemann. 42. zuletzt Chef des Uhrenbetriebs Glashütte. Seine Hauptaufgabe: einen Investor zu finden, der die Progress GmbH in sichere marktwirtschaftliche Bahnen lenkt. Dabei preist sich der Verleih nicht mit leeren Händen an: er besitzt die Verwertungsrechte von rund 750 DEFA-Spiel-, 2250 Dokumentar- und 750 Trickfilmen sowie von rund 2 000 Kino-Periodika der DDR ("Augenzeuge", "kino-hox"). Außerdem verfügt er über die Rechte an etwa 3000 deutschsprachigen Synchronisationen ausländischer Filme. Ein Schatz vor allem für die Auswertung im Moloch Fernsehen. Die DEFA-Werke selbst, zur Zeit noch von der Treuhand-Nachfolgerin verwaltet, sollen, wie im Einigungsvertrag festgeschrieben. Eigentum einer in Gründung befindlichen "DEFA-Stiftung" werden. Diese wird in Zukunft den Verleih beauftragen, die Filme möglichst vielen Zuschauern zugänglich zu machen. Beide Partner erhalten einen festzulegenden Anteil an den Einnahmen. Je fleißiger der Verleih ist, desto mehr Geld spielt er ein - für die Stiftung, aber auch für sich. Erst mit dem Bestehen der Stiftung gerät er auch in die Lage, einem vielgeäußerten Wunsch nachzukommen: nämlich Videokollektionen der DEFA auf den Markt zu bringen. Bisher gibt es nur wenige Märchen ("Die Geschichte vom kleinen Muck", "Das singende, klingende Bäumchen") oder Klassiker-Adaptionen ("Kabale und Liebe", "Der Untertan") als Kaufkassetten - ein unzureichendes Angebot.

Die "DEFA-Stiftung", die schon von der letzten Regierung der DDR etabliert werden sollte und bisher über eine Reihe bürokratischer Hürden stolperte, muß in ihrer Satzung genau festschreiben, was mit ihren Einnahmen geschehen soll. Da es ihr als Stiftung des öffentlichen Rechts verwehrt ist, Gewinn zu machen, kann es nur darum gehen, das Geld so nutzbringend wie möglich einzusetzen: zur Sicherung und Bewahrung des umfangreichen, zur Zeit größtenteils im Bundesarchiv-Filmarchiv gelagerten Negativ-, Kopien-, Foto- und Schriftmaterials der DEFA, zur Hilfe bei filmwissenschaftlichen Forschungen und, bei günstiger Finanzlage, zur Unterstützung neuer Projekte ostdeutscher Filmemacher. Eberhard Wagemann will die Privatisierung von Progress in diesem Jahr parallel zur Gründung der "DEFA-Stiftung" abschließen. Zu den potentiellen Investoren, die den Verleih gern übernehmen möchten, zählen neben Bertelsmann und "eine aktuell" weitere deutsche und ausländische Interessenten: wie zu hören war, auch der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB), der bereits jetzt zahlreiche Filme der DEFA in seinem Programm hat. Progress will sich neben dem Wiedereinsatz älterer DEFA-Arbeiten (geplant ist noch 1995 eine komplette Konrad-Wolf-Retrospektive) auch um neue Starts kümmern. So ist für Oktober die Premiere des Dokumentarfilms "Kalte Heimat" von Volker Koepp angekündigt.

Ralf Schenk (filmdienst 16/1995)

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