Widerstand in Babelsberger Studios.

DEFA-Künstler und die Einheitspartei

von Wilhelm Bettecken

Als Lenin 1919 als Folge der Oktober-Revolution 1917 eine Filmhochschule gründete und die Filmindustrie großzügig förderte, hatte er ein klares Konzept: Mit der Filmkunst wollte er die Ideen des Bolschewismus in die Köpfe der Bewohner des ausgedehnten russischen Reiches transportieren. Als die Besatzungsmächte 1945 in Deutschland die Verantwortung übernommen hatten, vollzog sich im Osten Deutschlands ein ähnlicher Akt. Am 17. Mai 1946, ein Jahr nach Kriegsende, wurde in Babelsberg, der alten Ufa-Stadt, die Deutsche Film-Aktiengesellschaft (DEFA), ein sowjetisch-deutsches Unternehmen, gegründet. Bei der Verleihung der Lizenz für die Filmfirma sagte Oberst Tulpanow von der Sowjetischen Militäradministration: „Ich wünsche Ihnen erfolgreiche Arbeit und völlige Erfüllung der Ihnen gestellten ehrenvollen ideologischen und künstlerischen Aufgaben.“ Die Aufgaben der DEFA: Kampf um den demokratischen Aufbau Deutschlands, Ausrottung von Nazismus und Militarismus, Ringen um die Erziehung eines jeden Deutschen, insbesondere der Jugend, im Sinne der Demokratie und Humanität. „Vor allem aber muss das Filmschaffen getragen sein von innerer Ehrlichkeit, die die Wahrheit sucht, die Wahrheit verkündet und das Gewissen wachrüttelt“, so Paul Wandel, Präsident der Zentralverwaltung Volksbildung. Diese Formulierungen erinnern an die Ideen Lenins und deren Auswirkungen in den großen Revolutionsfilmen der 20er Jahre (etwa Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“).

Die DEFA, die mehr als 700 Filme produzierte, also eine Propagandaschmiede für einen Teil Deutschlands, der sich nicht viel später „Arbeiter- und Bauernstaat“ nannte? Die Ausstellung „Fabrik vom sozialistischen Menschen – Einblicke in 45 Jahren Filmgeschichte“, die zur Zeit durch die Berliner Stadtbezirke wandert, will Antwort geben und deutlich machen, dass es mit der Zeit einen wachsenden Widerstand gegen die Parteidoktrin gegeben hat. Die ersten Filme der DEFA „Die Mörder sind unter uns“ (Regie: Wolfgang Staudte), der erste deutsche Nachkriegsfilm überhaupt, „Ehe im Schatten“ (Regie: Kurt Maetzig) und „Irgendwo in Berlin“ (Regie: Gerhard Lamprecht) begründeten den Ruf der neuen Gesellschaft. Aber bald zogen die Parteidogmatiker die Schraube an. „Der Film muss aus einem Mittel der Illusionserweckung und der Ablenkung von miserablen Zuständen in ein Mittel der Widerspiegelung des realen Lebens und der Umgestaltung miserabler Zustände verwandelt werden“, hieß es 1950 in einer offiziellen Verlautbarung.

Der Unmut in der Staatsspitze wuchs. In einem Offenen Brief an Kurt Maetzig schrieb Walter Ulbricht am 23. Januar 1966 in der Parteizeitung „Neues Deutschland“: „Unsere Schriftsteller und Künstler haben die weitgehende Freiheit, alles zu gestalten, was unserem Staat, unserer Gesellschaft nutzt. Die Position der fortschrittlichen Künstler der DDR ist um so achtenswerter, je rückhaltloser sie den ersten Arbeiter- und Bauernstaat Deutschlands bejahen und diese Bejahung mit begabten, phantasievollen sozialistischen Werken unterstützen.“ Und Erich Honecker beim 11. Plenum des Zentralkomitees der SED: „Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und Sitte.“ Das Ergebnis der Beratungen im Zentralkomitee: Fast die gesamte Jahresproduktion 1965/66 wurde verbannt, darunter Frank Beyers „Spur der Steine“. Als Beyer sich wehrte, musste er wegen „des ideologischen Klärungsprozesses“ das DEFA-Studio verlassen. Die Entscheidung wurde endgültig, als er sich weigerte, den Film „Feuer unter Deck“, in dem der inzwischen ausgereiste Manfred Krug mitgespielt hatte, mit anderen Darstellern neu zu drehen.

In den Dokumenten der Ausstellung ist nachzulesen, dass die Auseinandersetzungen zunahmen. Staatssekretär Otto Gotschke, „rechte Hand“ von Walter Ulbricht schreibt: „Ich habe schon einmal darauf hingewiesen, dass ich mit derartigen verantwortungslosen Leuten, wie sie bei der DEFA beschäftigt sind, nicht zusammenarbeiten kann und auch nicht zusammenarbeiten werde.“ Erich Loest und Ulrich Plenzdorf werden abgemahnt. Loest wird nahegelegt, auszureisen. Die Parteizeitung bringt Schlagzeilen: „Warum erfindet die DEFA eine kaputte Welt?“ und „Einfach zerstören, was einem nicht gefällt?“ Für 13 Filme wird 1966 das Werbematerial durch neues ersetzt. „Don Juan. Karl-Liebknecht-Straße 78“ durfte in keinem Premierenkino aufgeführt werden. „Glück im Hinterhaus“ wurde mit einem nachgedrehten Schluss versehen. „Das Luftschiff“ durften nur Studiokinos spielen. Filme, in denen ausgereiste Darsteller mitgewirkt hatten, wurden aus dem Verkehr gezogen. Aber die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten. Die von Peter Glass recherchierte und produzierte Ausstellung will nicht die Geschichte der DEFA umfassen, aber an Hand von Fotos, Zeitungsausschnitten und vor allem Originaldokumenten den Teil der DEFA-Geschichte manifestieren, der eine eigenständige, staatsunabhängige Entwicklung genommen hat. Auch wenn sich hier und da (absichtliche?) Lücken ergeben, ist die Dokumentenschau aufschlussreich. Sie wäre es sicherlich wert, auch außerhalb von Berlin gezeigt zu werden.

Wilhelm Bettecken (filmdienst 2/1992)

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