Potsdamer Filmmuseum in Gefahr.

Ein Opfer des Einigungsvertrages?

von Mathias Fuchs

Sie könne, so ließ es Bärbel Dalichow, die neue Leiterin des Potsdamer Filmmuseums, die Öffentlichkeit Mitte Januar wissen, nur noch bis Monatsende die Gehälter für die 30 Angestellten der Institution bezahlen. Dann seien die Kassen leer. Und wer sie anschließend wieder füllt, ist bis zur Stunde noch offen. Gefordert sind – nach dem bundesdeutschen Prinzip der Kulturhoheit der Länder – das Land Brandenburg neben der Stadt Potsdam. Doch beide sind sie von der neuen Entwicklung überrascht, und beide sind sie zudem nicht sonderlich zahlungsfähig. Zahlungsunwillig, was allerdings etwas anderes ist, sind sie jedenfalls.

Wie kam es zu der Misere? Das Filmmuseum in Potsdam war bisher ein Bestandteil der staatlichen Schlösser- und Gärten-Verwaltung in Potsdam, die auch der Hausherr des Marstalls war, in dem das Museum seit seiner Eröffnung im Jahre 1981 beheimatet ist. Dies Gebäude ist der einzig erhaltene Teil des gegen Kriegsende beschädigten und 1960/61 abgerissenen Potsdamer Stadtschlosses. Mitte der 70er Jahre wollte es der SED-Staat abreißen. Bürgerproteste und der Widerspruch des Generaldirektors der Schlösser und Gärten von Sanssouci, Joachim Mückenberger, widersetzten sich der Absicht. Man schlug das Haus als Stätte eines Filmmuseums vor, begann 1976 mit den Restaurierungsarbeiten, eröffnete 1981 die erste Ausstellung sowie das Kino, das für Potsdam die Funktion eines Programmkinos hat, und baute 1983 eine Dauerstellung auf. Zuletzt betrug der Jahresetat – nach Angaben der Kunstwissenschaftlerin Bärbel Dalichow, die das Haus seit dem Sommer 1990 leitet – 200.000 DM, wobei die Betriebskosten von der Schlösser-und-Gärten-Verwaltung getragen wurden. Dies jedoch entfällt in Zukunft. Man wird Miete zahlen müssen, wird selbst alle Kosten zu tragen haben. Insgesamt rechnet Bärbel Dalichow seit einem finanziellen Jahresbedarf von 1,2 Millionen DM, wovon sie selbst 400.000 DM zu bestreiten hofft, während sie auf Zuschüsse von 800.000 DM angewiesen ist. Beide Summen nehmen sich unter den gegenwärtigen Zuständen ziemlich optimistisch aus.

Eine weitere Filminstitution der ehemaligen DDR scheint also gefährdet. Die Situation der DEFA-Ateliers und -Produktion ist weiterhin ungeklärt, wie auch die besitzrechtlichen Verhältnisse der Kinos einer Lösung bedürfen. Die Filmhochschule von Babelsberg muß sich neue Räume suchen, da die meisten der bisher von ihr genutzten Villen nicht ihr Eigentum sind. Allein das ehemals Staatliche Filmarchiv der DDR fand eine klare Lösung: es wurde Teil des Bundesarchivs/Filmarchiv in Koblenz, wobei die Bestände weiterhin in Berlin bleiben sollen. Hier konnte und durfte der Bund verfassungsrechtlich sich beteiligen, in Potsdam kann er es nicht. Bonn verweist in diesem Zusammenhang darauf, daß auch die Filmmuseen von Frankfurt am Main und München keine Zuschüsse erhielten. Lediglich für die Stiftung Deutsche Kinemathek in Berlin und das Deutsche Institut für Filmkunde in Frankfurt steuert Bonn auf Grund des Kinematheken-Verbunds Mittel bei. Potsdam also kann von dieser Seite nicht geholfen werden, wenngleich das inzwischen aufgelöste Ministerium für innerdeutsche Beziehungen einmalig 30.000 DM für den Transport einer Gastausstellung – „Zwischen gestern und morgen“ – von Frankfurt nach Potsdam beigesteuert hat.

Auch aus Düsseldorf war schon einmal eine Ausstellung – über Wolfgang Staudte – in Potsdam zu Gast. Ansonsten zeigt man Material aus den eigenen Beständen, zu denen immerhin 600 historische Filmgeräte gehören, aber auch Tausende von Fotos und Plakaten, Drehbücher und anderes Schriftgut. In diesen Tagen zeigt man eine Fritz-Lang-Ausstellung, die Beziehungen herstellen soll zwischen den deutschen Filmen des Regisseurs einerseits und der Bildenden Kunst wie der Architektur andererseits. Spezialisieren will man sich in Zukunft auf die Geschichte Babelsbergs, auf die UFA also und auf die DEFA, die eines nicht allzu fernen Tages vielleicht auch schon Historie geworden ist. Ein Regionalmuseum – seine Arbeitsgebiete sind in freundlichem Einvernehmen längst mit der Stiftung Deutsche Kinemathek in Berlin angesprochen – hat in Potsdam durchaus seine Existenzberechtigung. Die Filmgeschichte der unmittelbaren Nachbarschaft über acht Jahrzehnte hinweg wird immer wieder, so ist zu hoffen, genügend Interessenten und aufmerksame Besucher finden. Und man ist ja auch nicht untätig, hat beispielsweise vor kurzem die Nachlässe des frühen DEFA-Direktors Albert Wilkening und Werner Bergmanns, des Kameramanns von Konrad Wolf, erworben. Ob freilich die Kräfte des Potsdamer Museums auch zur wissenschaftlichen Auswertung des historischen Besitzes ausreichen, darf bezweifelt werden, denn zu den erwähnten 30 Mitarbeitern zählen auch Vorführer und Kassierer sowie technisches Personal. Die Zukunft des Hauses wie seiner Mitarbeiter ist offen, Bärbel Dalichows Notruf nicht zu überhören. An Institutionen wie das Potsdamer Filmmuseum hat man im Einigungsvertrag nicht gedacht.

Nachtrag

So langwierig und zögernd manche politische und, damit verbunden, auch kulturpolitische Entscheidung im deutsch-deutschen Zusammenwachsen auch vor sich gehen mag, mitunter treten auch immer wieder überraschende Ereignisse an den Tag. So auch in Potsdam, wo sich die brandenburgische Landesregierung kurzfristig entschlossen hat, sich für das gefährdete Filmmuseum einzusetzen. Schon kurz nach den intensiven Hilferufen wurde entschieden, dem Museum – über den Haushalt der Schlösser-und-Gärten-Verwaltung von Sanssouci für die erste Jahreshälfte 1991 insgesamt 400.000 DM zur Verfügung zu stellen. Vom 1. Juli an soll dann das Filmmuseum, so ist es zumindest zur Stunde geplant, Bestandteil der Filmhochschule von Babelsberg werden. Gemeinsam soll es in Zukunft vom Land Brandenburg und von der Stadt Potsdam subventioniert werden. Über die Höhe dieser Zahlungen ist noch nichts bekannt.

Mathias Fuchs (film-dienst 3/1991)

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