Authentizität und Genauigkeit.

Der Filmautor Wolfgang Kohlhaase

von Michael Hanisch

Wie alles anfing: In einem Fernsehporträt erzählte er einmal, dass es für den Schüler Kohlhaase ein prägendes Erlebnis war, als gegen Kriegsende ein Klassenkamerad in die Schule kam und berichtete, einen Kriminalroman geschrieben zu haben. Der junge Wolfgang war völlig erstaunt darüber, dass man Krimis nicht nur lesen, sondern auch schreiben könne; er setzte sich sofort hin und begann ebenfalls, einen zu Papier zu bringen, der mit einem hallenden Glockenspiel anfing und, natürlich, in einem London mit viel Nebel spielte: „Auf Seite 40 hatte ich dann acht Tote, aber keine Handlung. Und da habe ich die Sache abgebrochen.“

Blickt Wolfgang Kohlhaase auf sein Leben zurück, empfindet er die frühen Nachkriegsjahre für sich ebenso entscheidend wie prägend; jene Zeit, in der in Deutschland die Weichen gestellt wurden und in der allgemeinen Verunsicherung zwar nicht alles, aber noch sehr viel möglich war – zumal in der Vier-Sektoren-Stadt Berlin. Im Jahr 1945, als die Rote Armee Berlin befreite, war Kohlhaase 14. Die Episode mit dem abgebrochenen Krimi blieb zwar ein Zwischenspiel, die Lust am Schreiben aber hielt an. 1947 begann er als Volontär bei der im Sowjetsektor erscheinenden Jugendzeitschrift „Start“, wurde bald Redakteur und wechselte zur FDJ-Zeitung „Junge Welt“; er schrieb alles mögliche, Rezensionen, vor allem aber Reportagen. Mitunter auch Filmkritiken. Regine Sylvester fand eine äußerst aussagekräftige Rezension, die nur aus zwei Sätzen bestand: „Die Hauptdarstellerin heißt Lotte Koch und filmt. Besser wäre, sie hieße Lotte Film und kochte.“ Weit mehr Platz hatte der junge Rezensent für seine Kritik des zweiten Teils des Monumental-Opus „Die Stalingrader Schlacht“, die in der „Berliner Zeitung“ erschien – und sagte eigenartigerweise nahezu nichts über das Filmwerk.

Kohlhaase & Gerhard Klein

Kohlhaase war jung und Autodidakt. Keine Zeit, um eine Universität, ein Literaturinstitut zu besuchen. Die Beobachtung der Menschen und des Lebens in Berlin mussten ihm zusammen mit dem, was ihm die älteren, erfahreneren Kollegen beibringen konnten, genügen. In diesen „seinen Universitäten“ muss er viel gelernt haben in den späten 1940er-Jahren. Seine besten Filme sollten es später immer wieder zeigen. Sehr schnell stellte man im noch nicht vollkommen geteilten Berlin die Weichen. Die im Osten erscheinenden Zeitungen wurden immer langweiliger, Reportagen durch hölzerne Verlautbarungen verdrängt. Auch Kohlhaase orientierte sich neu. 1950 ging der 19-Jährige als Assistent zur DEFA-Dramaturgie. Dass auch bei der DEFA die Freiräume für liberales Suchen nach neuen Ausdrucksformen immer enger wurden, musste er allzu bald erfahren. 1952 entstand ein Film, auf dessen Vorspann erstmals sein Name stand: Der Kinderfilm „Die Störenfriede“ schildert reichlich didaktisch die Erziehung zweier jugendlicher Rabauken durch eine allzu edle, musterhafte Jungpionierin. Das Beispiel eines Kinderfilms im orthodoxen Stil des sozialistischen Realismus – gedreht von einem Regisseur (Wolfgang Schleif), der sieben Jahre zuvor Cutter von Veit Harlans „Kolberg“ gewesen war.

Es mag ein glücklicher Zufall gewesen sein, dass er in jener Zeit einen Regisseur traf, der nicht durch die Ufa-Schule gegangen war, eine ähnliche Sicht auf die ihn umgebende Wirklichkeit hatte und ähnlich realistisches Kino machen wollte wie der junge Dramaturg: Gerhard Klein. Klein war elf Jahre älter als Kohlhaase, Berliner, hatte einen ähnlichen Humor und war ebenso von den Filmen des italienischen Neorealismus beeindruckt. Man tat sich zusammen, und das Ergebnis waren drei Filme, die später als „Berlin-Trilogie“ verstanden wurden; drei der wahrhaftigsten Gegenwartsfilme, die in den 1950er-Jahren aus Babelsberg kamen, einer Dekade, in der ansonsten das „große DEFA-Dilemma“ Gegenwartsfilm gewaltig war: „Alarm im Zirkus“, „Berliner Romanze“ und „Berlin-Ecke Schönhauser“ setzten in ihrer genauen Beschreibung von Realität Maßstäbe. Die Filme – zu ihrer Zeit nicht unumstritten (engstirnige Kulturfunktionäre meinten darauf hinweisen zu müssen, dass die Methoden der kritischen Neorealisten für die Beschreibung einer Gesellschaft, die die Grundlagen einer sozialistischen Ordnung aufbaut, unzulänglich seien) – gehören zum Besten, was die DEFA in jenen kritischen Jahren, als die Schatten einer stalinistischen Kulturpolitik noch stark das kulturelle Klima in der DDR prägten, zu leisten imstande war.

Damals dürfte sich der Arbeitsstil des Filmautors Kohlhaase entwickelt haben. Später bekannte er: „Filmemachen ist keine einsame, sondern eine gesellige Tätigkeit. Der Autor, der seine Geschichte in der Einsamkeit des Arbeitszimmers zu Papier gebracht hat, braucht sehr früh schon die Resonanz der anderen, der Mitarbeiter, des Regisseurs vor allem, aber bald auch des Kameramannes, des Architekten, der Schauspieler.“ Kohlhaase braucht bei seiner Arbeit ein solches Team von Mitarbeitern; er fand es am Anfang vor allem in der Zusammenarbeit mit Gerhard Klein. Und konnte diese Arbeitsweise später (Klein starb 1970) mit Konrad Wolf fortsetzen. Nach den Berlin-Filmen entstand „Der Fall Gleiwitz“, ein sowohl für die Filmemacher als auch das DEFA-Studio höchst ungewöhnlicher antifaschistischer Film, der durch seine extrem kühle Bildsprache und minimalistische Form bei den für die Kulturpolitik Verantwortlichen viel Unverständnis, auch direkte Ablehnung hervorrief. Hier zeigte sich ein möglicher neuer Weg auf dem für die DEFA wichtigen Terrain. Kohlhaase und Klein zeigten den Weg – beschritten oder weiter entwickelt wurde er nicht. Weder von ihnen, noch von den anderen.

Kohlhaase & Konrad Wolf

Klein und Kohlhaase versuchten sich danach noch einmal an der Berlin-Thematik, nun allerdings an einer Geschichte aus der brutal geteilten Stadt. „Berlin um die Ecke“ geriet sofort in die Welle der von der Partei verbotenen Filme. Kohlhaase beschäftigte sich daraufhin mit etwas ganz anderem, schrieb Prosa, Erzählungen, Hörspiele – ein für den Filmautor Kohlhaase durchaus erfreuliches Intermezzo, das die Zwangspause erträglicher machte. Wieder kam ihm ein glücklicher Zufall zu Hilfe: Konrad Wolf wollte einen stark autobiografischen Film über seine Ankunft im Jahr 1945 in der deutschen Heimat in der Uniform der Roten Armee erzählen; und er suchte einen Mitarbeiter, der diese Zeit unmittelbar nach Kriegsende ebenfalls miterlebt hatte, allerdings auf „der anderen Seite“.

„Ich war 19“ betrachtet Kohlhaase heute als seinen wesentlichsten Film. Das, was ihm wichtig war, Genauigkeit, Authentizität konnte er hier zusammen mit dem Regisseur anstreben. Ihre Lebenswege waren unterschiedlich, mitunter sogar konträr. Doch daraus ergaben sich konstruktive Reibungen. Wolf und Kohlhaase wurden eines der erfolgreichsten Duos im DDR-Kino der späten 1960er- und 1970er-Jahre. Lediglich vier Filme drehten sie gemeinsam, und doch bestimmt die Zusammenarbeit mit Wolf das Bild, das die Öffentlichkeit von Kohlhaase hat. Neben „Ich war 19“ stellte auch „Mama, ich lebe“ die Umbruchsituation des Jahres 1945 in den Fokus des Interesses. Beide Filme beschreiben mit großer Genauigkeit die Wendezeit aus der Perspektive junger Menschen, die zur selben Generation wie Regisseur und Autor gehörten. Es sind Filme einer Generation: der eine Arbeiterkind aus Berlin-Adlershof, das den „Zusammenbruch“ direkt vor Ort erlebte, der andere Emigrantenkind, das aus Moskau in die ihm fremde Heimat kommt.

Die beiden anderen Arbeiten, „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ und „Solo Sunny“, waren Gegenwartsstoffe; Geschichten, die viel über den Zustand der DDR und die Befindlichkeit ihrer Bewohner ausdrückten. „Solo Sunny“: eine „Geschichte von Liebe suchen, Liebe finden, auf die Fresse fallen, wieder Aufstehen“ (Kohlhaase); „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“: die Geschichte vom Künstler als völlig unspektakulär tätigem Menschen und Mitglied einer Gesellschaft, die seiner Arbeit mitunter distanziert gegenübersteht. „Solo Sunny“ war ein nationaler wie internationaler Publikums- wie Kritiker-Erfolg (ausgezeichnet u.a. auf der „Berlinale“); „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“, ein nicht nur für Autor und Regisseur sehr wichtiger Film, ist heute fast vergessen und wartet auf eine Neuentdeckung.

Wolfgang Kohlhaase ist ein Solitär in der deutschen Kunstszene, ein Schriftsteller, der sich – fast – ausschließlich als Filmautor versteht und nicht allzu viel vom Autorenkino hält, sondern das Filmemachen als die für ihn nach wie vor spannende Arbeit eines Kollektivs betrachtet. Das Drehbuch ist das Notieren einer Geschichte zum Zwecke ihrer Verfilmung, so bekannte er einmal. Da dieser Vorgang – von der Einsamkeit des Autorenschreibtischs hinein in die oft laute Hektik eines Drehorts – für ihn so spannend ist, kann man den Autor oft am Drehort sehen. Allerdings würde das heutzutage nicht allzu gern gesehen, wie er bedauert. Man könne das „Funktionieren einer wunderbaren Sache nur aufhalten, wenn man dabei rum stehe“, musste Kohlhaase erfahren. Ähnlich Egon Günther komme er nicht an den Drehort, um zu kontrollieren, was aus seinem Buch übrig geblieben ist, sondern um dabei zu sein und mitzuerleben, welche positiven Veränderungen eine Sache erfahre. Es scheint fast, als würde diese Haltung heute als unproduktiv-altmodisch diskreditiert. Andererseits wird man von Kohlhaase das alte Klagelied von der Bedeutungslosigkeit des Autoren angesichts des Regisseurs nicht hören.

Kohlhaase & Wicki, Schlöndorff, Dresen

Die Zusammenarbeit von Regisseur und Autor als produktive Partnerschaft – ein Auslaufmodell? Gerhard Klein, Konrad Wolf, Frank Beyer – drei DEFA-Regisseure, die dank Kohlhaase einige ihrer erfolgreichsten Filme drehten. Dass dieses sogenannte Auslaufmodell auch bei Regisseuren zu sehr positiven Ergebnissen führt, die auf ganz anderen Wegen zu ihm fanden, bewiesen Bernhard Wicki und Volker Schlöndorff. Für Wicki schrieb Kohlhaase das Buch zu „Die Grünstein-Variante“, für Schlöndorff zu „Die Stille nach dem Schuss“. Genauigkeit und Authentizität bei der Beschreibung von Vorgängen und Figuren führten auch hier zu überraschenden Resultaten. Wenn man Kohlhaases Filmografie überblickt, erstaunt einen die relativ überschaubare Quantität. Kohlhaase ist kein Vielschreiber. Über ein halbes Jahrhundert Schreiben fürs Kino ließ das Werkverzeichnis überschaubar bleiben.

Unlängst bekannte er, dass es ihm nur schwer möglich sei, sich mit einem Stoff auseinander zu setzen, wenn ihm das Ergebnis der vorausgegangenen Arbeit noch unbekannt sei. Nicht selten versuchte er, mit einer Geschichte Antwort auf eine andere zu geben. „Und Sie wissen ja, wie das ist: Wenn es im Film so aussieht wie im richtigen Leben, hat es meist viel Arbeit gemacht“, gestand er in einem Interview. „Und diese viele Arbeit umfasst eben auch Arbeit an den vielen einzelnen Figuren einer Geschichte, den Nebenfiguren, die eine bestimmte Funktion in einer bestimmten Geschichte allein nur wegen eines einzelnen Satzes bekommen können.“

Wolfgang Kohlhaase wurde am 13. März 1931 als Sohn eines Maschinenschlossers im Berliner Osten geboren. Er vollendet am 13. März sein 75. Lebensjahr. Ein schönes Geburtstagsgeschenk hat er sich selbst gemacht: das Buch zu Andreas Dresens Berlin-Film „Sommer vorm Balkon“. Bis dato hatte er seine großen Erfolge fast immer mit Regisseuren seiner Generation; hier aber war es ganz anders. Autor und Regisseur trennen 48 Lebensjahre – 48 Jahre Lebenserfahrung und Erfahrung des Filmemachens. „Sommer vorm Balkon“ reiht sich ein in die Berlin-Filme „Berliner Romanze“, „Berlin-Ecke Schönhauser“ und „Solo Sunny“: Die Erzählung über Frauen im modernen Berliner Bezirk Prenzlauer Berg hat mitunter fast die Leichtigkeit einer italienischen Lebensgeschichte. Ende der 1980er-Jahre konstatierte Regine Sylvester in ihrem Essay über Kohlhaase, dass er – auch wenn es „Solo Sunny“ gibt – eine besondere Begabung für Männergeschichten habe. Vorgänge zwischen Männern, die direkt auf Fragen der Existenz gerichtet sind, Tod und Leben, Krieg und Frieden, Schuld und Unschuld, geben seinen besten Filmen die Basis. Nach „Sommer vorm Balkon“ scheint diese Beobachtung ein wenig korrekturbedürftig. Kohlhaase hat eine besondere Begabung für Geschichten über Menschen, was etwas banal klingen mag. Doch beim Überblick über die deutsche Kinoszene wird schnell deutlich, dass eine solche Begabung für Filmautoren durchaus nicht selbstverständlich ist.

Einen Krimi hat Wolfgang Kohlhaase nach dem verunglückten Beginn in der Schule übrigens doch noch geschrieben. Einen guten, mit weit weniger als acht Leichen, aber viel Handlung und vor allem viel Atmosphäre. Über 20 Jahre nach seinen ersten Ambitionen schrieb er für Gerhard Klein „Leichensache Zernik“, eine Geschichte aus dem Berlin der späten 1940er-Jahre, über „seine“ Zeit also.

Michael Hanisch (filmdienst 4/2006)

Literatur

  • Essay von Regine Sylvester in CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, edition text + kritik, München 1989
  • Filmgeschichte, Nummer 20, Filmmuseum Berlin – Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin 2005. „Es bleiben ein paar Geschichten“ – Günter Gaus im Gespräch mit Wolfgang Kohlhaase
  • In „apropos: Film 2005. Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung“ - Berlin 2005, erschien der Beitrag „Der Geschichtenerzähler. Facetten der DEFA-Filme von Wolfgang Kohlhaase“ von Caroline Moine

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