Spuren einer Erinnerung.

Das erste Jahr der DEFA-Stiftung

von Volker Baer

Immer wenn ein DEFA-Film vom Fernsehen ausgestrahlt wird, eine Babelsberger Produktion aus Zeiten der DDR im Kino zu sehen ist, wenn eine Video-Kassette mit DEFA-Material verkauft wird oder sich Filmemacher aus alten Spiel- und Dokumentarfilmbeständen Sequenzen für aktuelle Arbeiten „abklemmen“ - dann klingelt es in der Kasse der DEFA-Stiftung in Berlin. Und es klingelt, wie sich nach dem ersten Jahr ihres Bestehens herausstellt, nicht schlecht. Genauer gesagt, klingelt es zunächst beim Progress-Filmverleih, der die kommerzielle Auswertung der DEFA-Rechte übernommen hat. Die Privatisierung des einst staatlichen Verleihs der DDR war Voraussetzung für die Gründung der Stiftung, die nach mehr als acht Jahren dauernden Bemühungen vor Jahresfrist ins Leben gerufen wurde (vgl. fd 5/1999, S. 10). Aufgabe der Stiftung ist „die Nutzbarmachung, Erhaltung und Pflege des ihr übertragenen DEFA-Filmstocks als Bestandteil des nationalen Kulturerbes und die Förderung der deutschen Filmkultur und Filmkunst einschließlich der Vergabe von Mitteln zur Erfüllung dieses Zwecks“.

Die Einnahmen aus der Verwertung belaufen sich im ersten Geschäftsjahr der Stiftung auf 3,6 Mio. DM. Sie sind deshalb so hoch, weil schon vor Gründung der Stiftung dem auswertenden Progress-Verleih Gelder aus der Vermarktung des DEFA-Filmstocks zuflossen. So kann man jetzt Rücklagen für jene Zeit bilden, in denen die Quelle einmal nicht so kräftig sprudelt. Die gewerblichen Nutzungsrechte wurden Progress zunächst für 15 Jahre zugesprochen; die wissenschaftliche Nutzung wird vom Bundesarchiv-Filmarchiv betrieben, in dessen Händen auch das Ausgangsmaterial liegt. Für die Erhaltung und Pflege der Kopien muss die Stiftung jährlich zwischen 150.000 und 200.000 DM an das Bundesarchiv zahlen; hinzu kommen 80.000 DM für die Bereitstellung des Materials durch das Bundesarchiv. Bei Progress liegen nur jene Kopien, die sich fürs Kino vermarkten lassen. Insgesamt umfasst der DEFA-Filmstock rund 920 Spiel- und Kurzspielfilme, 800 Trickarbeiten, 2000 Wochenschauen, 3000 Dokumentarfilme und über 4000 synchronisierte (meist aus den „Ostblock-Staaten“ stammende) Produktionen. Die Rechte hieran stellen (neben dem alten Gebäude des Progress-Verleihs in Berlin-Mitte) das Stiftungsvermögen dar. (Zum Vergleich: Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die sich auf die ehemals reichseigenen Filmbestände der Jahre 1933 bis 1945 gründet, zählt rund 1000 Spiel- sowie 2000 Kurz- und Dokumentarfilme zu ihren Beständen.)

„Zeitlose“ Stoffe

Wer nutzt das Angebot der DEFA-Stiftung? Es ist das kommerzielle Kino, das in den neuen Bundesländern mehr davon Gebrauch macht als in den alten, in denen man offensichtlich keinen filmhistorischen Nachholbedarf an Informationen über die DEFA-Produktion empfindet (wie man auch im Osten Deutschlands bislang kaum Bedürfnis gezeigt hat, die westdeutsche Produktion vor 1989 kennenzulernen). So ist es nicht verwunderlich, dass unter den Nutzern die ostdeutschen Fernsehsender ORB und MDR stärker vertreten sind als westdeutsche Anstalten. Das Gleiche gilt für den Kassettenmarkt: Ein Katalog nennt rund 150 Titel quer durch die DEFA-Produktion, angefangen bei Klassikern wie Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ (1946) und „Rotation“ (1949), Erich Engels „Affäre Blum“ (1948), Kurt Maetzigs „Rat der Götter“ (1950) und Falk Harnacks „Beil von Wandsbek“ (1951), fortgesetzt mit Arbeiten von Frank Beyer („Karbid und Sauerampfer“, „Jakob der Lügner“, „Das Versteck“), Egon Günther („Der Dritte“, „Lotte in Weimar“), Heiner Carow („Die Legende von Paul und Paula“, „Coming out“) und Konrad Wolf („Der nackte Mann auf dem Sportplatz“, „Solo Sonny“) bis zu den „Regalfilmen“ aus dem Jahr 1965. Produktionen der 80er-Jahre sind kaum vertreten. Außerdem werden Literaturverfilmungen aus früheren Jahren (u.a. von Martin Hellberg) angeboten, daneben viele Märchen-, Kinder- und Indianerfilme. Bei der Verwertung von Dokumentarfilm- und Wochenschau-Ausschnitten soll - im Gegensatz zu anderen Stiftungsbeständen - im westlichen Deutschland die Nachfrage größer sein als im östlichen. Offenbar versucht man hier in stärkerem Umfang eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR.

Gefragt sind vornehmlich die harmlosen und „zeitlosen“ Stoffe: DEFA-Filme fürs Kinderprogramm im Fernsehen und Kino, für die Erwachsenen die Unterhaltung, wohl auch die Erinnerung im Osten an heitere Filmabende. Da finden zeitkritische Inszenierungen und realistische Arbeiten kaum Beachtung. Die Arbeiten der frühen Jahre nach 1945, als die DEFA noch Künstler aus Ost und West gleichermaßen beschäftigte, harren ebenso wie etwa die Klassiker von Konrad Wolf einer neuen Sicht und Interpretation. Auch dies ist eine Aufgabe der DEFA-Stiftung: die Aufmerksamkeit für diesen Teil deutscher Filmgeschichte wachzuhalten, wenn nicht gar erst wieder zu erwecken.

Erinnerung an die Vergangenheit

Eine andere Aufgabe ist es, die Einnahmen für die kulturelle Filmpflege zu nutzen. Was ist innerhalb eines Jahres auf diesem Gebiet geschehen? 70 Projekte wurden mit der Bitte um Förderung vorgelegt, 50 von ihnen ausgewählt und gefördert. 850.000 DM wurden hierfür bereitgestellt. Der größte Betrag (100.000 DM) wurde für den Erwerb des Nachlasses des Szenenbildners Alfred Hirschmeier für das Potsdamer Filmmuseum zur Verfügung gestellt. Dort war er in einer informativen Ausstellung zu sehen (vgl. fd 22/1999, S. 22): Mit 70.000 DM wurde die Sammlung des DDR-Fotografen Linke erworben; unterstützt wurde ferner die Restaurierung von Gerhard Lamprechts Film „Die Buddenbrooks“ (1923) durch die Deutsche Kinemathek; gefördert wurden Filmfeste in Leipzig (Retrospektive zur „Geschichte des deutschen Animationsfilms“), Dresden und Schwerin, ferner Tagungen an Instituten (u.a. Themen wie „Kinematografie des Holocaust“ oder „Verfolgung und Ermordung europäischer Juden“) und Werkschauen (Heiner Carow, Joris Ivens). Zuschüsse gab es zu Publikationen, etwa für die Zeitschrift „Film und Fernsehen“, das in Babelsberg erscheinende Periodikum „Filmblatt“ sowie für Universitätspublikationen (etwa die Oldenburger „Einblicke in die Lebenswirklichkeit der DDR durch Dokumentarfilme“). Auch der DEFA-Film-Library der University of Massachusetts kam für eine Konferenz eine Zuwendung zugute. Zuschüsse gab es auch zu wissenschaftlichen Materialsammlungen, Dissertationen und filmthematischen Recherchen; in der Regel waren das jeweils kleinerer Beiträge zwischen 2000 und 30.000 DM), Insgesamt flossen 1999 erstmals nicht zu übersehende Mittel aus dem DEFA-Nachlass in die aktuelle Filmarbeit.

Man möchte sich bei der Stiftung nicht allein mit Anträgen zufrieden geben, sondern will auch selbst die Initiative ergreifen und eigene Projekte auf den Weg bringen. So ist eine Publikation über den DEFA-Animationsfilm in Vorbereitung. Abgeschlossen ist eine Filmografie über die satirische Reihe „Das Stacheltier“. Erarbeitet werden soll eine Übersicht über die ausländischen Produktionen, die zwischen 1945 und 1964 in der DDR zu sehen waren; schließlich möchte man eine DEFA-Filmografie ins Internet einspeisen. In der Nachfolge der Zeitschrift „Film und Fernsehen“ ist ein Jahrbuch geplant, das der kritischen Aufarbeitung der DEFA-Geschichte dienen soll, wobei auch Themen wie Antifaschismus bei der DEFA und im deutschen Film bis heute aufgegriffen werden sollen. Betreut von Erika Richter und Ralf Schenk, sollen Vertreter der älteren Generation ebenso zu Wort kommen wie Angehörige der jungen Generation.

Über die Förderprojekte und die eigenen Aktivitäten wird von fünf Mitgliedern des elfköpfigen Stiftungsrats entschieden; darin vertreten sind die Behörde des Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien, die Berliner Senatskulturverwaltung, das Bundesfinanzministerium und das sächsische Kulturministerium sowie das Bundesarchiv und die Murnau-Stiftung neben Regisseuren, Dramaturgen und Filmwissenschaftlern der ehemaligen DEFA. Über die Förderung entscheiden allein einstige DEFA-Mitarbeiter: die frühere Trickfilmdramaturgin Hedda Gehm, die Regisseure Evelyn Schmidt und Rainer Simon, der frühere Kritiker und heutige Leiter der Leipziger Filmwoche Fred Gehler sowie der Filmhistoriker Dr. Wolfgang Gersch. Sie hatten es am Anfang schwer, klarzustellen, dass die DEFA-Stiftung nicht der Produktionsförderung dienen kann, mussten aber auch darauf hinweisen, dass die zur Verfügung stehenden Mittel nicht ausschließlich für die neuen Bundesländer ausgegeben werden, wenngleich von dort die meisten der Anträge kommen. Geleitet wird die Stiftung - bei einem Etat für zwei Mitarbeiter - von Wolfgang Klaue, dem einstigen Direktor des Staatlichen Filmarchivs der DDR, dessen Bestände im Bundesarchiv-Filmarchiv aufgegangen sind. Klaue galt zu DDR-Zeiten als ein Mann von internationaler Kompetenz; von 1979 bis 1984 war er Präsident der Fédération Internationale des Archivs du Film (FIAF), in der ohne ideologische Grenzen die großen Filmarchive der Welt vereinigt sind. Heute betreut er die Erinnerung an die Vergangenheit: an die DEFA, deren Geschichte 1992 ein Ende fand.

Volker Baer (filmdienst 9/2000)

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