Konrad Wolf

von Regine Sylvester

Konrad Wolf bei Dreharbeiten

Konrad Wolf

bei den Dreharbeiten zu DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1973) Fotograf: Wolfgang Bangemann, Alexander Kühn

So oft zerrissen: Zwischen Vaterland Deutschland und Heimat Sowjetunion, zwischen privater Erfahrung und öffentlicher Rede, zwischen Politik und Kunst, Gefühl und Disziplin. Konrad Wolf ist in sein Leben geraten als einer, den die Geschichte des 20. Jahrhunderts auf ungewöhnliche Weise persönlich betroffen hat.
Vielleicht denkt mancher, dass es bei ihm immer gut lief. Ist aber nicht so.

Zuletzt war er ein bekannter Filmregisseur, Präsident der Akademie der Künste, seit 1981 Mitglied des Zentralkomitees der SED. Er hat dreizehn Spielfilme gedreht. SOLO SUNNY, der letzte, war sein erfolgreichster.
Am 23. Januar 1982 eröffnet Konrad Wolf eine Veranstaltung mit Studentenfilmen: „Der erste Film“. Er hat durchgesetzt, dass alle Diplomarbeiten der Babelsberger Filmhochschule in der Akademie laufen – auch die umstrittenen, die, die nicht öffentlich gezeigt werden sollten. Der damalige Rektor der Filmhochschule, dem das Programm vorher nicht bekannt war, verlässt die Veranstaltung empört. Nach seiner Eröffnungsrede muss Konrad Wolf ins Krankenhaus, Verdacht auf Lungenentzündung.
Es ist Krebs.
Er bekommt starke Medikamente. Markus Wolf, sein zwei Jahre älterer Bruder, erinnert sich an Gespräche. Konrad ist im halbwachen Zustand, er glaubt, in Moskau zu sein und sagt:

"Ich weiß nicht mehr genau: Bin ich in der Jugend da oder in meinen Träumen dort oder bin ich in Deutschland? Du musst mir helfen, wo ich jetzt bin.“

Jetzt spricht er wieder Russisch.
Zehn Wochen später stirbt er.
Die DDR, in der er gearbeitet, geliebt, zwei Mal geheiratet, drei Kinder gezeugt hat, wird ihn nur um sieben Jahre überleben.

Vor wenigen Wochen ergab sich im Gespräch, dass ich Konrad Wolf und einige seiner Filme erwähnte. Ein junger Mann bedankte sich: Er habe schon immer mal wissen wollen, woher der Name „Konrad-Grill“ in der „Konrad-Wolf-Straße“ in Alt-Hohenschönhausen eigentlich käme.

Ich hatte das Glück, den Mann gekannt zu haben. Nicht lange, nicht intensiv, aber gut genug, um in ihm meinen Maßstab für Anstand zu finden.
Ich habe seine ruhige Stimme für immer im Ohr – es ist unvorstellbar, dass dieser Mann unter die Gürtellinie hätte gehen oder einen Mitarbeiter hätte erniedrigen können. Obwohl Wolf die Regeln der Verbindlichkeit nicht besonders trainierte – es konnte passieren, dass er eine Begrüßungshand übersah oder einen Wortschwall mit Schweigen parierte – besaß er die Gabe des Verbindens, Vermittelns. „Ruf doch mal den Konni an!“, den Ratschlag habe ich so lange gehört, bis der Helfer gestorben war.

Manchmal hat er auch zu laut geschwiegen. Als Gast bei der 11. Tagung des ZK der SED, beim 11. Plenum 1965, beugt er sich, wenn auch in tiefen Zweifeln, den Urteilen der Partei. Ein Jahr später schreibt er eine Notiz, für sich: „Wenn alle Gegenwartsfilme fehlerhaft – dann muss mit der Ideologie etwas nicht stimmen – zwingende Logik!“ Bei der Ausbürgerung von Wolf Biermann stellt er sich auf die Seite der Partei und versucht mit Biermann ein hilfloses Gespräch. Immer zerrissen. Konrad Wolf war in der DDR eine Instanz unter Beobachtung, auch unter Beobachtung der Staatssicherheit.
Er war nicht kontaktfreudig, eher grüblerisch, versonnen. Aber seine Ämter zwangen ihn zum Reden. Er versäumte es nie, seine Meinung als eine persönliche, womöglich unrichtige Ansicht zu unterstreichen. Wer, der damals auf hohen Positionen bestimmte, machte so etwas noch? Wer macht es heute?
Konrad Wolf ist bis jetzt der einzige Mensch in meinem Leben, der Kritik hören wollte. Wenn ich einen Film oder einen Auftritt von ihm lobte, dann sagte er, ich solle nun endlich sagen, was mir nicht gefallen habe. Ausdrücklich. Er wollte das wirklich hören. Auch von einer wie mir.

  • Hätte Konrad Wolf im wiedervereinigen Deutschland Anerkennung und Respekt gefunden?
  • Einer mit seinen gesellschaftlichen Funktionen?
  • Mit diesem Bruder, der viele Jahre Erich Mielkes Stellvertreter war?
  • Mit der tiefen Achtung vor der Sowjetunion?
  • Hätte er sich für neue Projekte durch das System der bundes-deutschen Filmförderung gebissen?
  • Hätte er weiterarbeiten können?

Er war doch erst 56.

Arno Schmidt erfand in seiner Erzählung „Tina oder über die Unsterblichkeit“ eine Zwischenweltexistenz für Verstorbene: Solange man oben in der Welt noch ihre Namen kennt, bleiben sie unsterblich. Manche freuen sich. Aber die Berühmtesten – sagen wir Aristoteles, Shakespeare, Einstein – sind irgendwann nicht mehr an dieser Existenz interessiert, sie verfluchen Neuauflagen, Interpreten, Archive und möchten endlich ins Nichts verschwinden dürfen.
Eine Veranstaltung wie diese könnte dafür sorgen, dass der Name Konrad Wolf hier oben nicht so schnell verschwindet. Es ist eine ganz andere Sache, wie diese Zwischenwelt für Konrad Wolf gewesen sein könnte. Immerhin sollen da alle gut zu essen und zu trinken bekommen und jeder kann sich seine Gestalt aussuchen, die meisten wählen Jugendlichkeit, schreibt jedenfalls Arno Schmidt.
Am 20. Oktober 1925 wird Konrad Wolf in Hechingen geboren, nach Markus ist er der zweite Sohn von Friedrich Wolf und Else Wolf, die alle Meni nennen. Anfang 1929 zieht die Familie nach Stuttgart. Wolf, Arzt, Jude, Kommunist, führt eine Praxis und bevorzugt Naturheilkunde und Homöopathie. Er wird zudem Schriftsteller, schreibt einen berühmten Ratgeber – „Die Natur als Arzt und Helfer“ – Dramen und Agitpropstücke. Friedrich und Meni essen vegetarisch, sie trinken nicht und rauchen nicht. Die Kinder sind viel an der frischen Luft und im kalten Wasser. Der Vater turnt halbnackt im Garten. Den Weihnachtsbaum schmückt ein roter Stern, die Familie singt das sowjetische Fliegerlied.
„Immer sitzt mir die Arbeit im Nacken und peitscht“, schreibt der Vater. Er als Autor und Parteiredner unterwegs. Meni kümmert sich um alles andere. Besser: um alles.
Markus und Konrad besuchen eine Reformschule, sie tragen Pioniertücher, sammeln Lebensmittel für Streikende. Der revolutionäre Impuls gehört zum Familienleben.

„Es hatte alles – auch später in der Emigration – diese Mischung von großem Abenteuer und ganz normalen Vorgang“, sagt Konrad Wolf später.

Eine Kinderzeichnung: Kreisrunder Kopf auf breiten Schultern, eine Bluse mit Gürtel, ein gutmütiges Gesicht mit roten Backen: „So will ich werden“, schreibt der Zehnjährige unter das Bild, 1935, schon in Moskau.

Am 2. März 1933 war Friedrich Wolf vor weiterer Verhaftung geflohen – auf Skiern über die Grenze nach Österreich, dann in die Schweiz. Im Juli beantragte das Württembergische Innenministerium, der Familie Wolf die deutsche Staats-angehörigkeit zu entziehen und das Vermögen zu beschlagnahmen.
Else und die Kinder haben Deutschland schon im Juni 1933 erlassen. Nach verschiedenen Exilstationen kommen sie am 2. März 1934 an der Grenzstation Niegoreloje in der Sowjetunion an, unter dem hohen hölzernen Torbogen mit dem Staatswappen. Else und die Jungen verlassen den Zug und steigen in einen anderen um: Die neue Welt beginnt, was den Transport betrifft, auf einer anderen Eisenbahnspurbreite.
Auf dem Belorussischen Bahnhof in Moskau erwartet sie Friedrich Wolf und bringt sie in die Wohnung: Sie liegt im Künstlerviertel Arbat und hat zwei Zimmer, Bad und Küche, ein großer Luxus. Es wird enger, als die neunzehnjährige Lotte Rays auftaucht. In Deutschland war sie die Pionierleiterin der Kinder. Sie bringt ein wenige Monate altes Baby mit, Friedrich Wolfs Baby, Tochter Lena. Meni nimmt beide auf. Es gibt keine Diskussion. Nach einem halben Jahr zieht Lotte mit Lena nach Engels, in die Hauptstadt der Wolgadeutschen, um Pädagogik zu studieren.

Konrad Wolf hatte einen Bruder Markus und fünf Halbgeschwister:
Johanna und Lukas aus Friedrich Wolfs erster Ehe. Lena aus der Verbindung mit Lotte Rays. Catherine – aus der Beziehung mit der jüdischen Berliner Emigrantin Ruth Herrmann – kommt im Mai 1940 in Frankreich auf die Welt, sie wird sich 1988 umbringen. Im Juni 1953 hält Friedrich Wolf in Dresden seinen jüngsten Sohn Thomas im Arm. Seine Mutter ist die Tanzpädagogin Irmgard Schaaf.
Vier Monate später stirbt sein Vater.

Eine Rückblende:
Friedrich Wolf lebte 1921 einen Sommer lang ein kommunistisches Siedlungsexperiment auf dem berühmten Barkenhoff in Worpswede – noch mit seiner ersten Frau Käthe und den beiden Kindern. Es gibt viel Arbeit. Frau und Kommune verlässt Friedrich Wolf mit seiner späterer Frau Else, die eigentlich als gelernte Kindererzieherin nach Worpswede geholt worden war.
Ein Jahr zuvor, 1920, hatte Heinrich Vogeler, der Besitzer des Barkenhoff, ein berühmtes Traktat geschrieben: „Die Freiheit der Liebe in der kommunistischen Gesellschaft“. Ich erwähne diesen Text, weil er – vielleicht – Friedrich Wolfs drängender Anziehungskraft des Weiblichen, Körperlichen eine revolutionäre Theorie schenkte, ein Versprechen der Zukunft, der Unbefangenheit im Ausleben sexueller Bedürfnisse. Zu jeder Zeit existieren ja Lebensformen, die der herrschenden Moral widersprechen. Die passenden Menschen finden sich dann schon.
Meni muss gewusst haben, worauf sie sich einließ, als sie sich in den verheirateten Mann verliebte. Friedrich Wolf fand in Meni eine furchtlose, warmherzige und lebenskluge Gefährtin für das ganze Leben. Man lese die Briefe des Paares.
Für Konrad bleibt die Mutter bis zu ihrem Tod 1973 eine Ikone. Das Vorbild der Mutter, nicht das des Vaters, prägt seinen Umgang mit Frauen.

Zurück nach Moskau, Mitte der Dreißigerjahre:
Markus und Konrad werden zuerst von Nachbarjungen verprügelt, weil sie als einzige kurze Hosen tragen, aber bald gehören sie auch zu einer Straßenbande. In Moskau können Kinder das Gefühl von etwas Großem erleben: Paraden und Panzer auf dem Roten Platz. Eröffnung der Metro. Bau der Gorki-Straße. Die Rettung der Tscheljuskin-Expedition aus dem Eismeer. Das größte Flugzeug der Welt. Filme wie „Tschapajew“ – Konrad sieht ihn sich immer und immer wieder an. Er malt begeistert alles, was er sieht. Unter eine Zeichnung schreibt er in großen krummen Kinderbuchstaben: „Stalin für Pappele“.
Stalinzeit. Zeit der Denunzianten. Aus Wachsamkeit ist längst Verfolgungswahn geworden. Die Erwachsenen hören von Prozessen gegen Volksfeinde, die absurdeste Verbrechen gestehen. Der Terror wird zum Großen Terror. Seine Fangarme nähern sich.
Lothar Wloch ist der Sohn eines kommunistischen Abgeordneten aus Berlin. Wilhelm Wloch arbeitet in Moskau für die Kommunistische Internationale. Lothars Eltern und seine Schwester Margot sind Freunde der Wolf-Familie - ebenso wie die Familie des amerikanischen Korrespondenten Louis Fischer mit den Söhnen Viktor und George.
Konrad, Lothar und Viktor werden enge, sehr enge Freunde: „Die Troika“.

Am 27. Juli 1937 wird Lothars Vater vom NKWD verhaftet und zu 20 Jahren Lager verurteilt. Dort stirbt er 1939. Friedrich Wolf ist in dieser Zeit nicht in Moskau: Auf dem Weg nach Spanien wurde er in Frankreich interniert.
Die Schriftstellerin Inge von Wangenheim, eine Freundin der Wolfs, erinnert sich, „wie Mischa (das ist Markus) weinend auf dem Sofa zusammenbrach: Wenn’s Pappele hier wäre, hätten sie’ s Pappele auch geholt“. Diese Erinnerung steht in einem Standardwerk von Lew Hohmann über Friedrich Wolf, eine Dokumentation von 1988, die mir bei diesem Text geholfen hat.
Lotte, die Wolgadeutsche, wird 1938 im Hörsaal verhaftet und kommt in ein Lager, ihre vierjährige Tochter Lena muss sie schlafend zurücklassen. Meni holt das Kind, eine Halbschwester von Konrad und Markus aus einem Heim. Die Vierjährige lebt jetzt auch in der kleinen Moskauer Wohnung. In der wird es immer enger.
Wilhelm Wlochs Frau Margot und die beiden Kinder müssen ihr Zimmer im Hotel Lux verlassen. Else Wolf nimmt alle bei sich auf, bis die drei im Dezember 1940 nach Nazideutschland ausreisen werden. In das Land des Feindes. Die Fischers sind schon seit 1938 nicht mehr in der Sowjetunion. Die Troika ist getrennt worden.
Konni und Lothar stehen in einer Frostnacht auf dem Belorussischen Bahnhof. Lothar steigt ein, Konni bleibt da. Wie können Kinder so einen Abschied verstehen?
Später werden sie in Amerika und im geteilten Berlin leben und versuchen, Freunde zu bleiben – der Weltlage zum Trotz. Sie werden sich mehrmals begegnen, auch wenn ihre Ansichten auseinander gehen. Ihre Geschichte sollte ein Film werden, „Die Troika“. Das Material trug Konrad Wolf in einer schwarzen Mappe mit sich. Noch im Krankenhaus lag sie neben ihm. Einen Film gab es nicht mehr.

Nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion wird Konrad mit Lena in ein Pionierlager geschickt, dann mit der ganzen Familie nach Kasachstan evakuiert. Weil Friedrich Wolf in der Poltischen Hauptverwaltung der Roten Armee gebraucht wird, kehren alle im Januar 1942 nach Moskau zurück. Konrad hilft beim Bau von Verteidigungsanlagen und schließt die 9. Klasse ab. Er ist siebzehn, als er ein Mann werden muss.

Am 8. Januar 1943 wird er der Politverwaltung der Transkaukasischen Front zugeteilt. Abends läuft er mit Nina, in die er sich vor einem Monat verliebt hat, vor dem Bahnhof hin und her. Beide zittern vor Kälte. Sie flüstert, dass sie ihn liebt und läuft weg. Er steigt in einen Zug, in ein Flugzeug, wieder in einen Zug, dann auf die Ladefläche eines Lastwagens und erreicht Kabardinka, einen Ferienort am Schwarzen Meer. Von hier zieht er in einen Krieg, bei dem noch keiner sicher sein kann, dass er die Richtung gewechselt hat.

Jetzt ist Konrad Wolf Soldat. Ein Deutscher unter Russen, der wegen seiner Sprache gebraucht, aber bei manchen Gesprächen ausgeschlossen wird. Er ist einer der Jüngsten, ein Stiller, der sich nur seinem Tagebuch anvertraut. Das ist mutig, weil Soldaten kein Tagebuch führen dürfen. Es beginnt am 18. März 1943 und endet am 18. April 1945 während eines Angriffs an der Oder, mitten im Satz.
Konrad Wolf ist Übersetzer, schreibt und druckt Flugblätter, protokolliert nachts, was London, Ankara oder Berlin melden, er verhört Gefangene und sichtet Beuteliteratur. Auf einem Lautsprecherwagen ruft er über die Front, um Überläufer zu gewinnen.
Als Konrad Wolf an der Oder steht, ist er neunzehn.

Ich empfehle: „Konrad Wolf. Aber ich sah ja selbst, das war der Krieg. Kriegstagebuch und Briefe 1942 – 1945“ . Edition „Die Möwe“, 2015.
Die Tagebücher führt Konrad Wolf auf Russisch in kleiner, sauberer Handschrift. Kein Platz wird verschenkt, nichts ist durchgestrichen. Er entschuldigt sich, wenn er die Einträge unterbrochen hat – „Zu Befehl, Genosse Tagebuch, das wird nicht mehr vorkommen.“ Er bedauert die Eintönigkeit der Tage – „Armes Tagebuch, solch uninteressante Dinge werden in dich eingetragen, doch was soll man machen: Wie wir leben, so schreiben wir es auf.“
Man kann etwas Besonderes, Seltenes entdecken: Nichts, was den Jungen in seinen Kriegstagebüchern auszeichnet, wird dem erwachsenen Mann verloren gehen.
Der Leser folgt mit Konrad Wolf dem Frontverlauf und der Entwicklung eines jungen Mannes, der unter allen Umständen Anstand, Bescheidenheit, Freundlichkeit behält. Sein Wortschatz ist so erstaunlich wie seine Beobachtungsgabe. Was er über die Liebe zu wissen glaubt, rührt ganz tief. Nina, Nina. Trübsal, Zuversicht und Schluss. „Ich verstehe es einfach nicht, mit Mädchen umzugehen.“

In den Tagebüchern meldet Konrad Wolf wie nebenbei die Weltlage. Dass er seinen 18. Geburtstag hatte, fällt ihm Tage später ein. Er schreibt überraschend offen über den Alltag der Roten Armee. Benzin ist knapp, Strom fällt aus. Auf-bruch ohne Frühstück. Armselige Unterkünfte. Die Post ist monatelang unterwegs. Es gibt Spannungen, Intrigen, schlechte Vorgesetzte.
In solchen Situationen sagt Konrad Wolf zum Tagebuch Sachen wie: Na, Kopf hoch, Freund. Kommt Zeit, kommt Rat. Über manche Ereignisse schreibt er nicht und deutet an, dass er nicht schreiben darf.
Der Junge kommt in eine Erwachsenenwelt ohne Frauen. Und wenn mal welche in seine Nähe kommen, traut er sich nicht heran. Er ist schüchtern und höflich. Er sitzt am Rand, trinkt zu viel und raucht zu viel. Er sieht Leichname vom Kaukasus bis Berlin. „Alles viel zu früh“, sagt seine Mutter.
Am 8. Mai 1945 ist Konrad Wolf 19 Jahre alt und feiert in Premnitz, nordwestlich von Berlin, den Sieg. Aus einem Interview:

„Das endlich erreichte Ziel. Ein großes Fest. Eine Genugtuung. Wir schmissen unsere Waffen in einen Tümpel und mussten sie am nächsten Tag wieder rausholen und vorzeigen. Das geschah aus Übermut, aber auch, weil wir meinten, jetzt keine Waffen mehr brauchen zu müssen.“

Ich spare die letzten Kriegstage von Konrad Wolf aus – wahrhaftiger, genauer kann man sie nicht erzählen als in dem Film ICH WAR NEUNZEHN. Er sollte erst „Die Heimkehr“ heißen, den schöneren Titel erfand Meni, seine Mutter.
Deutschland hat kapituliert.
Konrad Wolf gehört zu der Handvoll Leute, die für das Erscheinen der Berliner Zeitung sorgen – erste Ausgabe am 21. Mai 1945, nur dreizehn Tage nach der Kapitulation. Er ist auch ihr Korrespondent. Danach arbeitet er ein halbes Jahr in der Kulturabteilung der Sowjetischen Militäradministration in Halle, verantwortlich für Film, Theater, Varieté. Er sieht sich UFA-Filme an und entscheidet, welche in die Kinos dürfen. Er kommt Januar 1947 nach Berlin zurück. Nach der Demobilisierung ist er als Zivilangestellter der SMAD für Jugend, Studenten und Sport zuständig, außerdem spricht er russische Filme auf Deutsch ein.

Konrad Wolf will Regie studieren. In der Sowjetischen Besatzungszone gibt es dafür keine Schule, die Filmhochschule in Babelsberg, die einmal seinen Namen tragen wird, wird erst im Herbst 1954 eröffnet.
An sein Studium in Moskau ist das Versprechen geknüpft, danach nach Deutschland zurückzukommen: Am 7. September 1949 beginnt Wolf – noch ist er sowjetischer Staatsbürger – das Regiestudium am WGIK in Moskau, in einer Soldatengeneration. Er ist, ein zweites Mal nach Nina, sehr verliebt. Es geht um Margot, Lothar Wlochs Schwester. Die ist es zuerst auch, liebt aber dann doch einen anderen.
1955 erhält Konrad Wolf sein Regiediplom, da ist er schon seit drei Jahren DDR-Bürger und SED-Mitglied.

Bei der DEFA ist er der erste Studierte, einer aus Moskau. Er trägt einen schwarzen Ledermantel, manche nennen ihn den „Kommissar“. Die ersten Fotos als Regisseur zeigen einen großen Mann mit krausen Haaren und kurzen Hosen, der im Bach oder im Wald steht. Im Drehbuch stehen Einträge, rote Pfeile umkreisen Kamerapositionen, Kreuze zeigen Entscheidungen. Wolf hat sich Mühe gegeben für einen ersten Film: EINMAL IST KEINMAL. Ein fröhlicher musikalischer Farbfilm in und um Klingenthal. Das konnte, bei allem Eifer, seine Sache nicht sein.
Aber es ist der Beginn der Arbeitsfreundschaft mit seinem Kameramann Werner Bergmann, sie wird zwölf Filme lang dauern. Bergmann, der nur noch einen Arm hatte, war im Krieg Offizier der deutschen Wehrmacht und Kameramann für die Deutsche Wochenschau.

Wolf arbeitet, ein Werk beginnt zu entstehen: 1956 GENESUNG. 1957 LISSY. 1959 SONNENSUCHER.
Aber dieser Film wird am Morgen der Premiere zurückgezogen. Hintergrund ist der Uranabbau in einem unter sowjetischer Kontrolle stehenden DDR-Bergbaubetrieb, in der „Wismut.“ Der Film soll der Sowjetunion nicht gefallen, die gerade um einen allgemeinen Atomstopp fordert. Aber der wahre Grund liegt wohl an der harten, realistischen Darstellung des Arbeitsalltags. Studenten der Filmhochschule sehen gerade noch die ersten drei Rollen, dann kommt ein Anruf aus Berlin: Abbruch!
Erst 1972 finden die SONNENSUCHER ein Publikum. In der Zwischenzeit stört der Hauptdarsteller Erwin Geschonneck Parteiversammlungen oder Filmkonferenzen mit der ständigen Frage: „Was ist denn nun mit Sonnensucher?“
Wolf schweigt diszipliniert und düster. Er arbeitet weiter: 1959 STERNE. 1960 LEUTE MIT FLÜGELN. 1961 PROFESSOR MAMLOCK, nach dem Drama seines Vaters.
Dann macht der Regisseur zweieinhalb Jahre Pause.
„Volksstimme vom 19. Mai 1961: Was haben Sie sich als nächstes vorgenommen?
Konrad Wolf: „Gar nichts. Ich habe in sieben Jahren sieben Filme gemacht. Jetzt werde ich erst mal so ein bisschen im Leben rum riechen.“

Er heiratet die Schauspielerin Christel Bodenstein, sie bekommen einen Sohn, Mirko. Es ist Wolfs zweite Ehe. Aus der ersten mit Annegret, die er sehr jung und mit vielen verliebten Telegrammen aus Moskau befeuerte, hat er den Sohn Oleg und die Tochter Judith.

Die zweite Ehe erfüllt 18 Jahre seinen Traum vom Glück. Das beteuern alle, die ihn kannten. Hier ein letzter Vorgriff: Die Frau, die er wohl am meisten geliebt hat, verlässt ihn, die Ehe wird nach 1978 geschieden. Konrad Wolf, der Treue, verzweifelt und kann es nicht verbergen.

Angel Wagenstein: „Ich kenne nicht einen Menschen, der in dem höchsten Sinne, in dem tiefsten Sinn des Wortes so treu war. Treu der Revolution, treu einer Freundschaft, treu zu einer Frau.“

Er sucht die Stadt nach Christels Auto ab. Erscheint überraschend bei mehr oder weniger hilflosen Freunden. Taucht unter bei dem Bildhauer Wieland Förster und schlägt dort Stücke von einem Stein ab.
Sein nächster Film, DER GETEILTE HIMMEL (1964), nach dem Roman von Christa Wolf, löst Kontroversen aus. Seine entschiedene Stilistik wird in einer monatelangen Diskussion surrealistisch, unverständlich, bürgerlich-dekadent genannt. Leute verlangen das Eintrittsgeld zurück für das „filmische Kreuzworträtsel“.

Konrad Wolf ist noch keine vierzig, als er zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt wird. Seine Antrittsrede ist kurz. Er dankt denen, die ihn vor dem Amt gewarnt haben und kündigt an, weiter Filme zu machen.
Für ICH WAR NEUNZEHN, seine eigene Geschichte in den letzten Kriegswochen, sucht er einen Mit-Autor, um „unerwünschte subjektive Färbung zu verhindern“.
Dieser Autor wird Wolfgang Kohlhaase. Sechs Jahre jünger als Wolf, Berliner nach Geburt und Witz, die kommunikative Flanke des schweigsamen Regisseurs. „Authentizität“ soll das Kriterium des Films werden. Werner Bergmann hat sich das Wort von dem stilistisch sicheren Kohlhaase auf einen Zettel schreiben lassen und den ins Drehbuch geklebt wie ein Motto. Zu dem Film über einen neunzehnjährigen Rotarmisten, der ein Deutscher ist, sagte Stephan Hermlin, er sei „unter allen Kriegsfilmen der am meisten beredte und der verschwiegendste“.
Die Premiere ist im Januar 1969.

Schon 1963 hatte die DEFA von Martha Feuchtwanger die Filmrechte für GOYA erworben. Verschiedene Umstände führen zu fortwährender Vertagung, erst acht Jahre später wird die erste Klappe geschlagen, 1971.
Wolfs Stellung als Regisseur ist zu dieser Zeit nicht unproblematisch. Eine neue Generation profiliert sich. Der „Dokumentare Spielfilm“ von Rainer Simon, Lothar Warneke, Roland Gräf und anderen setzt neue Akzente. Die Kollegen sehen mit gemischten Gefühlen auf den teuren opulenten GOYA-Film.
Wolf arbeitet mit Kohlhaase weiter, 1974 entstehen „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“, 1977 MAMA, ICH LEBE. Beide Filme sieht man auch heute mit Gewinn und Zuneigung, aber beide hatten keinen großen Erfolg bei den Zuschauern.
Im Mai 1977 liest Konrad Wolf auf einem Verbandskongress aus Briefen vor, die ihn nach „Mama, ich lebe“ erreichten. Er zitiert junge Leute, und dabei auch diesen Brief: „Sie sind für mich unglaubwürdig, auch wenn Sie die Wahrheit über den Krieg sagen. Wenn Sie nämlich unsere Probleme, unsere Sorgen, unsere Konflikte nicht genauso überzeugend gestalten. Können Sie es nicht oder dürfen Sie es nicht?“
Danach dreht er SOLO SUNNY und erlebt das Gefühl, mit einem Film den Nerv der Gesellschaft berührt zu haben. Wochenlang ausverkaufte Vorstellungen. Es gibt auch Anfeindungen: „Wieder Arbeitergroschen für einen miesen, kleinen Film verschleudert.“ Zuschauer möchten der Heldin „den Hintern versohlen“.
Renate Krößner bekommt auf der Berlinale den Silbernen Bären.
1981, sein letztes ganzes Jahr.

Konrad Wolf reist viel, sein kleiner Taschenkalender ist voll mit Terminen.
Später werde ich, als Mitautorin eines Films über Konrad Wolf, diese Kalender durchsehen. Mir fällt ein Eintrag auf: WB, immer wieder WB. Nun überlege ich doch, ob er eine Freundin hatte, eine mit diesen Initialen. Aber durch bestimmte Zusammenhänge erkenne ich dann, dass WB nur eine Abkürzung für West-berlin gewesen ist.
Im April wird Konrad Wolf Mitglied des ZK der SED. Im Sommer versucht sein Sohn Oleg, der Liebe wegen, aus der DDR zu flüchten. Er wird gefasst und nach mehreren Monaten entlassen, Vater und Onkel haben sich für ihn eingesetzt.
Konrad Wolf engagiert sich für die Berliner Begegnung zur Friedensförderung und arbeitet am Dokumentarfilm über Ernst Busch.
Aber seine Zeit läuft ab.
Sie bleibt am 7. März 1982 stehen.
Das große Staatsbegräbnis auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde soll er sich nicht gewünscht haben.

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