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In Sachen H. und acht anderer

Regie: Richard Cohn-Vossen, 29 Min., sw, Dokumentarfilm
Deutsche Demokratische Republik (DDR)
DEFA-Studio für Dokumentarfilme, 1972

Film-Videoformat
35 mm
Länge in m
797
Sonstiger Titel
Jugendkriminalität
Englischer Titel
The case of H. and eight others
Anlaufdatum
Veröffentlichungen
DVD: ICESTORM Entertainment GmbH / www.spondo.de/defa

Kurzinhalt

Neun junge Männer stehen vor Gericht, wegen Körperverletzung, Raub, Einbruch, Arbeitsbummelei. Ein ganz normaler Fall. Doch das Gericht, und mit ihm der Film, will auch die Gründe dafür wissen, warum einer schlägt und stiehlt.

Der Film zeigt die jungen Angeklagten, die kaum in der Lage sind, sich über ihre Motive zu äußern, ihre verschreckten Mütter und die sogenannten gesellschaftlichen Vertreter aus Schule, Betrieben und dem Wohngebiet.

Filmstill zu "In Sachen H. und acht anderer"

(R: Richard Cohn-Vossen, 1972) Fotografen: Rudolf Schemmel, Christian Lehmann

Filmstill zu "In Sachen H. und acht anderer"

(R: Richard Cohn-Vossen, 1972) Fotografen: Rudolf Schemmel, Christian Lehmann

Filmstab

Regie
  • Richard Cohn-Vossen
Drehbuch
  • Richard Cohn-Vossen
Kamera
  • Christian Lehmann
  • Rudolf Schemmel
Schnitt
  • Waltraud Hartmann
Regieassistenz/ Co-Regie
  • Rita Lebe
Komponist
  • Kurt Zander
Ton
  • Gerhard Gartenbach
Produktionsleitung
  • Franz. B. Romanowski
Beratung
  • Karl-Heinz Prabutzki
  • Peter Przybylski
Sprecher
  • Felicitas Ritsch
Person, sekundär
  • Käthe Kollwitz
  • Gustav Seitz

Kurzinhalt (English)

The camera follows the trial in March 1972 of nine young people. Statements by both the accused and the witnesses reveal the family and social background which led to the robbery.

(Source: TELL ME THE STORY OF YOUR LIFE. East German Film Biographies. DEFA Features Films, Children's Films, Documentary Films, Animated Films)

Langinhalt

0:00:00

Fahraufnahme mit der S-Bahn mit Blick aus dem Fenster auf die "VEB Schultheiss-Brauerei" und die nachfolgenden Wohnhäuser im Stadtteil Prenzlauer Berg (halbtotal). Blick auf ein großes Wohneckhaus (halbtotal). Straßenzüge mit Wohnhäusern (halbtotal). Wasserturm an der Ryke- Ecke Knaackstraße und dem Fernsehturm am Horizont (halbtotal). Eingangsbereich mit Schild "Unterhaltungspark" (halbtotal). Fahraufnahme mit der S-Bahn und Blick aus dem Fenster auf die Wohn- und Geschäftshäuser (halbtotal). Umschnitt.

0:01:21

Neun Jugendliche betreten unter Bewachung von uniformierten Strafvollzugsbeamten einen Gerichtsraum und setzen sich auf die Anklagebank (halbtotal) (O-Ton). Titeleinblendung: "In Sachen H. und acht anderer". Angeklagte stehen auf als die Richterin und die Beisitzer den Saal betreten (halbtotal) (O-Ton). Richterin vor dem DDR-Symbol (halbtotal) (O-Ton) "Ich bitte Platz zu nehmen". Zoom auf die Richterin (halbnah). Zuschauer und Verwandte der Angeklagten im Saal nehmen Platz (halbtotal). Im Off hört trägt die Richterin vor: "Die Verhandlung wird fortgesetzt...mit dem Plädoyer des Staatsanwaltes, ich bitte dann Frau Staatsanwalt um ihre Ausführungen". Staatsanwältin trägt stehend ihre Ausführungen vor (halbnah) (O-Ton) "Hohes Gericht, meine Damen und Herren Verteidiger. Im Verhandlungsprozeß gegen die neun Angeklagten haben wir festgestellt dass sich die in Anklage- und Eröffnungsbeschluß zur Last gelegten Straftaten im Wesentlichen bestätigt haben...".

0:02:45

Schwenk über die Rechtsanwälte und die Angehörigen der Angeklagten (halbnah). Kommentatorin: "Ein Stadtbezirksgericht im März 1972...deren Söhne, Brüder, Arbeitskollegen haben einzelne Passanten eingekreist, blutig geschlagen, beraubt, nur weil einer gesagt hatte es seien Homosexuelle, nicht so wie sie selbst". Schwenk über die Angehörigen und Freunde der Angeklagten (halbnah). Blick auf die Anklagebank mit den neun Jugendlichen (halbnah). Staatsanwältin erklärt weiter (halbnah) (O-Ton) "...die Angeklagten gehörten Gruppierter Jugendlicher an die sich seit Frühjahr 1971 regelmäßig am Kollwitzplatz im Stadtbezirk Berlin, Prenzlauer Berg, trafen. Es handelte sich ursprünglich um eine Freizeitgruppierung, eine lose Freizeitgruppierung, zu der gleichaltrige kamen um sich zu unterhalten, um Musik zu hören, um Kontakte zu suchen".

0:03:36

Blick auf den Kollwitz-Platz mit der Käthe-Kollwitz-Skulptur des Bildhauers Gustav Seitz (halbtotal). Jugendliche und kleine Kinder sitzen auf der Umrandung der Kollwitz-Skulptur (halbtotal). Umschnitt auf eine andere Einstellung der Skulptur (halbnah). Im Off erzählt ein Jugendlicher von seinen Begegnungen auf dem Platz, dazu werden Schwenks über die Jugendlichen auf den Bänken des Platzes eingeblendet (halbnah). Halbtotale Einstellung der Jugendlichen auf den Bänken.

0:04:39

Richterin fragt einen der Angeklagten der vor ihr steht (halbnah) (O-Ton) "Ich nehme an Sie sind dazu in der Lage uns zu erklären warum, Ihrer Meinung nach, diese, für meine Begriffe nicht sehr kurzweilige Freizeitgestaltung, war, woran lag denn das"? Schwenk vom Gesicht der Richterin auf den Kopf des Angeklagten von hinten (halbnah) (O-Ton) "Weil ik keine Lust hatte zum arbeiten". Frage der Richterin: "Und welcher Zusammenhang besteht denn da Ihrer Meinung nach...ich meine diese Art der Freizeitgestaltung, sich auf den Platz setzen...und sonst nichts weiter tun"? Angeklagter schweigt dazu (halbnah). Richterin (halbnah) (O-Ton) "Was gefiel Ihnen denn daran"? Angeklagter "Ein sorgloses Leben". Zeuge äußerst sich am Mikrofon vor der Richterin (halbnah) (O-Ton) "Ich wohne direkt am Kollwitzplatz und arbeite im Wohngebiet am Kollwitzplatz, und uns und mir ist des Öfteren aufgefallen das Jugendliche sich auf dem Platz zusammen rotten zu größeren Gruppen, es waren manchmal 30 bis 35 Personen, sie haben dort laut Musik gehört, westliche Sender, haben verschiedene Leute angepöbelt, die Bänke wurden zusammen gestellt und abends nicht wieder zurück gestellt. Die Leute an der Straße und die älteren Bewohner des Pflegeheimes in der Kollwitzstraße wurden durch den Krach belästigt, also die Leute haben sich öfters aufgeregt über den Krach der auch immer mehr zugenommen hatte". Staatsanwältin fragt den Zeugen (halbnah) (O-Ton) "Gibt es einen Jugendklub dort"? Zeuge (halbnah) (O-Ton) "Ja, in der Nähe ist ein Jugendklub...dort kann man sich gesellschaftlich betätigen und zwecks Zirkel, da gibt es Kinezirkel, Fotozirkel und ich kann die auch nicht alle nennen, es ist jedenfalls dort etwas vorhanden damit man sich gesellschaftlich betätigen kann".

0:06:30

Angeklagter berichtet der Richterin (halbnah) (O-Ton) "Am 26. August kam ich auf den Kollwitzplatz und da haben wir den Vorfall vom 25. abends erzählt, und darauf habe ich gefragt wer sich bereit erklärt und mit kommt...".Eingeblendet werden Jugendliche auf dem Kollwitzplatz (halbtotal), unterlegt mit Aussagen der Angeklagten: "Ik hab gesagt wir kommen mit...ehrlich gesagt ich bin mit gegangen weil ich mal ne Mark machen wollte, weil ik mal gehört hatte das einen die Homosexuellen so anquatschen und so, damit se mal wat springen lassen, Zigaretten kofen...". Verschiedene Einstellungen von Jugendlichen auf dem Kollwitzplatz neben einem Karussell (halbtotal). Schwenk über die Menschen, Kirmesbuden und Karussells auf dem Kollwitzplatz (halbtotal). Ein Angeklagter spricht im Off zu den unterlegten Filmaufnahmen: "...die haben das alles erzählt, das man auch Wertgegenstände weg nehmen soll und so, die haben sogar gesagt man soll bestimmte Stiefel den Leuten weg nehmen, ich einen an den Arm genommen und hab ihm gesagt er soll mir 20 Mark geben, da hat er in seine Westentasche gefaßt und hat mir 5 Mark gegeben...". Angeklagter steht vor der Richterin und erzählt weiter (halbnah) (O-Ton) "...da hab ich ihn gefragt ob er auch zu der Sorte gehört, die Gleichgesinnten und so, und er meinte wir sollten ihn in Ruhe lassen, er ist ein Erwachsener, er will nichts von uns wissen...dann ging das so weiter bis ich ihm eine geschlagen habe, dann bin ich weiter weg gegangen...". Richterin unterbricht und fragt nach (halbnah) (O-Ton) "Warum haben Sie ihm denn eine geschlagen? Wie ergab sich das und warum haben Sie geschlagen"? Angeklagter (halbnah) schweigt. Zusatzfrage der Richterin: "Waren Sie von dem Mann bedroht worden"? Angeklagter: "Ne". Richterin: "Warum schlagen Sie also, haben Sie von sich aus geschlagen oder hat jemand gesagt sie sollen schlagen, oder wie denn"? Angeklagter (halbnah) (O-Ton) "Na, ich habe von mich aus geschlagen ins Gesicht mit der Faust...danach hat der Mann beballert gekiekt...dann bin ich weiter weg gegangen und dachte die anderen kommen gleich mit, da habe ich mich umgedreht und habe gesehen das die anderen nach und nach noch auf den Mann eingeschlagen haben".

0:09:14

Blick auf den Hinterkopf eines der Angeklagten (halbnah). Frage der Richterin im Off: "Warum nun haben Sie, ich verstehe Sie so, keinesfalls als erster, aber eben mit geschlagen"? Angeklagter: "Det weiß ich auch nicht warum ich mit geschlagen habe". Nachfrage der Richterin im Off: "Was ging in dem Augenblick in Ihnen vor, Sie waren doch nicht Geistesabwesend irgendwie, Sie waren doch voll da, wußten, ein Mann wird geschlagen, warum geben Sie hier auch Ihren Schlag dazu, wie erklären Sie sich und uns jetzt diese Tatsache das Sie schlagen, ohne eigentlich richtig zu wissen warum, einen Grund hatten Sie ja auch nicht dazu"? Angeklagter (halbnah) (O-Ton) "Ja, weil die anderen auch geschlagen haben". Angeklagter steht vor der Richterin, sie befragt ihn weiter (halbtotal) (O-Ton) "Sie erwähnen hier so etwas, das Sie unter anderem auch deshalb mitgemacht haben weil Sie nicht so recht gewußt hätten was Sie tun sollten und nicht "Pfeife" genannt werden wollten". Angeklagter (halbtotal) (O-Ton) "Ja, das ist auch Grund damit...und bei so einer größeren Gruppe schließe ich mich nicht aus wenn einer was vor hat, sonst steht man nicht besonders gut da".

0:10:22

Staatanwältin (halbnah) fragt den Angeklagten (O-Ton) "War es denn möglich von Ihnen aus...also ich meine jetzt von den gesellschaftsfähigen Kräften des Wohngebietes aus, mit diesen Jugendlichen zu sprechen"? Schwenk von der Staatsanwältin auf den antwortenden Zeugen vor dem Richtertisch (halbnah) (O-Ton) "Sie waren vielleicht einzeln ansprechbar, da hätte man sich mit ihnen verständigen können, aber in der Gruppe selbst wäre es eine Schwierigkeit gewesen an sie ran zu treten...ja, man muß das verstehen, wenn man alleine heran geht kann es passieren das man gar nicht angehört wird, gar nicht akzeptiert wird...dann hat man es lieber sein gelassen". Im Off fragt ein Rechtsanwalt den Zeugen: "Sagen Sie, haben Sie diese Gruppierung selbst gesehen haben Sie unter ihnen Personen wieder erkannt die auf der Anklagebank sitzen"? Zeuge (halbnah) (O-Ton) "Ja, die Gruppierung habe ich gesehen...Ich habe mir diese Personen selbst noch nicht angesehen". Schwenk zum fragenden Rechtsanwalt (halbnah) (O-Ton) "Sagen Sie, wissen Sie von den Bestrebungen der FDJ in diese Gruppierungen sozusagen von außen rein zu kommen, denn es ist ja was anderes wenn Sie als Erwachsener hingehen oder wenn ein Jugendlicher dahin kommt". Zeuge: "Davon weiß ich nichts". Rechtsanwalt weiter (halbnah) (O-Ton) "Der Club den Sie schaffen wollten...der war also noch nicht da"? Zeuge: "Der Club selbst ist da, also der Raum ist vorhanden, aber er ist noch nicht aufgemacht". Nachfrage: "Seit wann laufen denn diese Bestrebungen den Club aufzumachen"? Schwenk zum Zeugen (halbnah) (O-Ton) "Anfang Dezember 1971 wird es gewesen sein...". Rechtsanwalt: "Also nachdem die Angeklagten inhaftiert wurden".

0:11:54

Mutter eines der Angeklagten im Zeugenstand berichtet (halbnah) (O-Ton) "...kam er einmal nach oben und sagte, Mutti , jetzt wird es aber Zeit das wir was für den Jugendclub machen, es ist die höchste Zeit, und dann kam gerade der Aufruf das dann die Wahlen im November stattfinden und da sagte ich, Junge das ist ein guter Anlaß, Mutti wird das als Wählerauftrag machen, also das ich diesen Wählerauftrag abgegeben hab wegen diesem Jugendclub das liegt vor der Verhaftung, das möchte ich betonen". Rechtanwalt befragt eine weitere Zeugin (halbnah) (O-Ton) "Ist Ihnen was über den Kollwitzplatz bekannt"? Schwenk zu der Zeugin (halbnah) (O-Ton) "Ja, nur soweit wir darüber in der Schule hören". Frage des Rechtsanwaltes aus dem Off: "Haben Sie von sich aus mal Gedanken gemacht was man gegen diese Quelle der Kriminalität tun kann"? Zeugin (halbnah) (O-Ton) "Also wir arbeiten sehr eng mit unserem Abschnittsbevollmächtigten zusammen und wir haben schon recht viel in dieser Hinsicht in Bezug auf Veranstaltung mit der FDJ und ähnliches gemacht, aber es ist ja so dass unser Einfluss nur bis zur 6. Stunde geht und dann gehen die Schüler aus unserer Aufsicht heraus und wir haben ja immer schon bedauert, und ich bedauer das auch heute, ich weiß das es nicht möglich ist das zum Beispiel grade doch so recht anfälligen Schüler, ab 5. Schuljahr zum Beispiel nicht mehr in den Hort gehen können, es fehlen uns einfach die Möglichkeiten, die Plätze dazu. Und gerade in dem Alter wo sie jetzt anfangen sich stark zu fühlen brauchten wir besonders die Aufsicht...". Eingeblendet werden die Rechtsanwälte und die Richterin (halbnah). Zeugin weiter: "...wir haben uns vor kurzem erst, und man soll ja nie bloß sich selber schön machen, im Kollegium über schwierige Schüler unterhalten, es ist ja doch so dass wir alle dafür verantwortlich sind was aus einem jungen Menschen wird, unserer Schule ist es ja gar nicht egal das auf der Anklagebank 4 Schüler sitzen die aus unserer Schule sind". Blick auf die Anklagebank mit dem 9 Jugendlichen (halbtotal).

0:13:25

Schwenk über spielende und laufende Schulkinder auf dem Kollwitzplatz (halbtotal). Jungen raufen sich auf dem Boden (halbnah). Jugendliche und junge Pärchen auf der Kirmes auf dem Kollwitzplatz (halbnah). Gesichter von rauchenden Jugendlichen und Kindern (halbnah). Richterin stellt an die Mutter eines Angeklagten Fragen (halbtotal) (O-Ton) "Es geht uns darum, ob es in seiner Erziehung, in seiner bisherigen Entwicklung, Dinge gab die Sie als Mutter hier besonders vortragen könnten, eventuelle Schwächen die bei ihm aufgetreten sind"? Mutter eines Angeklagten antwortet (halbnah) (O-Ton) "Ich habe meine Kinder nicht nur zu anständigen und ehrlichen Menschen erzogen, ich habe sie auch zu politisch denkenden Menschen erzogen, das möchte ich ganz besonders betonen...bevor meine Kinder in die FDJ eingetreten sind gab es bei uns zu Hause einige Diskussionen, wieso, weshalb, warum. Ich war immer bemüht, und ich bis vor kurzem immer gedacht das ich es geschafft habe meine Kinder anständig zu erziehen, aber irgendetwas muß ich wohl doch falsch gemacht haben". Schwenk über die Jugendlichen auf der Anklagebank (halbtotal).

0:15:19

Lehrerin im Zeugenstand (halbnah) (O-Ton) "Da sagte ich noch...ich versteh das gar nicht, sie hat für ihre Kinder sehr geschuftet, so sehr geliebt...(Einblendung der Mütter von den Angeklagten im Gerichtssaal)...es gab nichts was die Kinder nicht bekamen, aber jeder Tadel der also gegen die Kinder ausgesprochen wurde, der ging bei ihr sofort, sie ging sofort in Abwehrstellung. Als nachher die Kleine, die Marion in die Schule kam war sie schon anders geworden". Blick auf die Mütter der Angeklagten (halbnah). Blick auf den Tisch der Rechtsanwälte und die Richterin (halbtotal). Ein weiterer Angeklagter steht vor der Richterin und erzählt (halbtotal) (O-Ton) "1960 wurde ich altersgemäß eingeschult, 1965 kam ich in ein Spezialkinderheim und zwar Plau am See, und das war eben wegen Diebstahlshandlung und wegen Schulschwänzerei und solche ähnlichen Delikten". Richterin: "Da waren Sie ungefähr 11 Jahre alt". Angeklagter weiter im O-Ton "So ungefähr 11 bis 12, jedenfalls hat sich nicht viel gebessert, kam 1968 entsprechend in den Jugendwerkhof am Birkenhain, das ist Cottbus die Gegend...(nachdenkliches Gesicht der Staatsanwältin)...und von da wurde ich im 18. Lebensjahr am 8. Mai 1971 entlassen". Richterin (halbtotal) fragt "Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu Ihren Geschwistern"? Angeklagter antwortet "Ich möchte sagen nur zu meinem kleinen Bruder, ik habe den kleinen Kerl gerne gehabt, auf den lasse ich nichts kommen, sonst habe ich keinen Kontakt mehr, ich weiß noch nicht einmal wo sie wohnen oder wat...". Richterin (halbtotal) (O-Ton) "Hm, ich hab dann keine weitere Frage, oder haben Sie noch Fragen Frau Staatsanwältin"? Schwenk zur Staatsanwältin (halbtotal) (O-Ton) "Aber zur Mutter haben Sie noch Kontakt"? Angeklagter: "Ja, also wenn wir uns treffen, ich bin damals, um vorzugreifen so ein bißchen, hab ich damals mit dem Angeklagten...zusammen mit ihm im Keller meiner Mutter eingebrochen, später hat sie mir das erzählt und ich habe ihr gesagt dat ich es war, sie sagte das sie eine Anzeige gemacht hätte und so weiter, und dadurch kamen wir auch wieder in Kontakt".

0:17:00

Ein weiterer Angeklagter steht vor der Richterin und berichtet (halbtotal) (O-Ton) "Ja, mein Vater der damals mit bei meinen Großeltern wohnte, war damals sehr oft auf Montage gewesen und konnte daher mich nicht erziehen, meine richtige Mutter ist 1958 verstorben und so wurde ich dann von meinen Großeltern aufgezogen, die Großmutter ging dann 1961 nach Westdeutschland und mein Großvater konnte mich dann nicht mehr alleine erziehen, und so wurde ich dann nach Weilenburg, also nach Mecklenburg gegeben, zu meiner Tante und meinem Onkel, die mich dann 3 Jahre...". Zwischenfrage der Richterin: "Wie alt waren Sie denn damals"? Angeklagter: "Neun Jahre". Rechtsanwalt befragt den Angeklagten (halbnah) (O-Ton) "Wie lange waren Sie denn dann unterwegs, wann hat man Sie aufgegriffen"? Angeklagter antwortet im Off: "25. Februar 1969 bis Ende Juni 1969". Rechtsanwalt: "Eine ganz schöne Zeit, wo sind Sie denn dann überall gewesen"? Schwenk zum Angeklagten (halbtotal) (O-Ton) "Entweder habe ich bei einem Freund gewohnt, also Freund in Anführungsstriche, wa, oder hab irgendwo auf einem Boden geschlafen, oder hab Nachts durchgearbeitet...und habe dadurch auch meinen Lebensunterhalt bestritten". Rechtsanwalt fragt nach (halbnah) (O-Ton) "Aus Ihrer Schilderung bei der weißen Flotte kann man wohl entnehmen das Sie für diese Art Arbeit Interesse haben, auch weiterhin. Ist es so zu verstehen das Sie sich zur Volksmarine gemeldet haben weil Sie bei der weißen Flotte tätig waren weil Sie in dieser Richtung hin weiter arbeiten wollten"? Angeklagter (halbnah) antwortet (O-Ton) "Ja, mein Berufswunsch war schon damals gewesen, Matrose der Handelsmarine zu werden, aber da ich an der Schule Mist gebaut hatte, und gerade an dem Tag kam der Anruf aus Rostock wie mein Benehmen ist, und da wurde ich gleich gemeldet, wurde det dann hinfällig...". Rechtsanwalt (halbnah) (O-Ton) "Herr...gibt es eigentlich in Ihrem Verwandten- oder Bekanntenkreis einen Menschen zu dem Sie eine besondere Bindung haben, zu dem Sie sich besonders hingezogen fühlen, zu dem Sie Vertrauen haben"? Schwenk zum Angeklagten (halbnah) (O-Ton) "Also besonders hingezogen fühle ich mich zu meiner Großmutter zu der ich noch Bindung habe und dann zu meiner Tante und meinem Onkel".

0:19:32

Kommentatorin: "Streiflichter einer achttägigen öffentlichen Gerichtsverhandlung, man müßte sie Tag für Tag erlebt haben". Rechtsanwalt spricht mit den Angeklagten auf der Bank (halbnah). Ein damals bedrohter Mann im Zeugenstand (halbnah) (O-Ton) "In dieser Zeit kamen die zwei auch rin und haben mich gefragt ob ich eine Zigarette habe, wie komme ich dazu jemanden anderes den ich nicht kenne eine Zigarette zu geben, ich muß auch mein Geld verdienen. Und da haben die bloß raus gerufen zu jemand, stellt euch vor der hat kene, und da wollte ich von der Toilette raus gehen und da kamen von rechts und links mir welche entgegen und die schlugen auf mich ein". Eine Zeugin berichtet (halbnah) (O-Ton) "Denn es war ja schon ein Jahr vorher oder auch zwei Jahre vorher, auf dem Kollwitzplatz war ja immer fast jedes Jahr was los". Nachdenkliches Gesicht der Richterin am Tisch (halbnah). Mutter eines Angeklagten (halbnah) (O-Ton) "Unser Konrad ist sehr, wie soll ich mich ausdrücken, graulich, so gruselig, denn in der Nacht mußte er ganz alleine in diesem Mehlbunker arbeiten". Richterin spricht zu einer betroffenen Mutter im Off: "Das ist für Sie wahrscheinlich gar nicht so einfach war Ihre Familie nun zusammen zu halten, die Kinder richtig zu erziehen". Mutter antwortet mit schüttelndem Kopf (halbnah) (O-Ton) "Das war nicht schwer, das war nicht schwer, die Kinder lieben mich und ich lieb meine Kinder". Zeuge vor dem Mikrofon (halbnah) (O-Ton) "Als ich die Tür geöffnet habe stand mir ein Bürger vor der Tür, und sprach mich an mit dem wörtlichen Ausspruch, er möchte von mir Pfifferlinge haben". Eine Mutter äußerst sich (halbnah) (O-Ton) "Ja, er war immer sehr verstockt gewesen, er hat sich immer nie groß geäußert, er hat immer alles für sich behalten...ich hab das mit meinem Mann abgesprochen das wir ihn wieder aufnehmen, noch einmal, aber sollte das noch einmal vorkommen, dann nicht".

0:20:41

Richterin fragt einen Zeugen im Off: "Ist im Kollektiv mal darüber gesprochen worden wenn er bei Ihnen bleibt wie dann mit diesen, ja noch jungen Menschen, weiter gearbeitet werden soll"? Zeuge (halbnah) (O-Ton) "Im Kollektiv wurde über solchen Fall überhaupt nicht gesprochen weil wir, wir haben ja praktisch von dem ganzen Geschehen keine Ahnung". Zeugin berichtet (halbnah) (O-Ton) "Das er also praktisch in der Schule und auch zu Hause eine recht starke Hand braucht die ihn versteht, positiv zu beeinflussen". Gesicht der Richterin beim Studium der Akten und Aussagen (halbnah). Zeuge vor dem Mikrofon (halbnah) (O-Ton) "Und sind eben zu der Überzeugung gekommen das wir für Manfred in Zusammenarbeit mit dem Bruder eine Bürgschaft übernehmen wollen und haben darauf vorgesehen dass er sich verpflichten wird seinen Facharbeiterbrief nachzumachen". Blick (von oben) auf die Angeklagten und Verwandten im Saal (halbtotal).

0:21:23

Rechtsanwalt neben seinen Mitarbeiterinnen (halbtotal) (O-Ton) "Was bleibt ist zunächst einmal, wie ist es gekommen das diese beiden, von mir verteidigten Angeklagten, Straffällig geworden sind? Ich sagte Eingangs...er stammt aus einer guten Familie, und wir haben hier gehört dass seine Mutter ihn sehr liebte, und diese Liebe führte dazu das...ihm drohte in den Augen seiner Freunde zum Muttersöhnchen zu werden...(Zoom auf die Mutter im Gerichtssaal)...es muß eben überall das richtige Maß gefunden werden und das wird sich auch Frau...aus dieser Strafsache als Lehre mitnehmen müssen...(Schwenk von der Mutter zum Rechtsanwalt)...Bei dem anderen Angeklagten...sehen die Dinge ganz anders aus, da zeigt sich eben auch wie schwer das manchmal auch in unserer Gesellschaft ist sich so zu verhalten das es ordnungsgemäß ist. Nun ist Herr...entlassen worden im Mai 1971, entlassen aus dem Jugendwerkhof...in dem er seit 1965, also seit 6 Jahren, gewesen ist...im Prinzip ist er in einer solchen Heimerziehung gewesen, und in dieser Zeit ist er ja nicht gewohnt gewesen...(Schwenk auf die Staatsanwältin)...selbständig zu entscheiden und selbständig zu sein, in so einem Heim wird ja alles dem Betreffenden an Entscheidungen, was das tägliche Leben einem abverlangt, abgenommen, und so ist es natürlich auch ihm gegangen". Halbtotale des Rechtsanwaltes bei seinen Ausführungen (O-Ton) "Das sind sozusagen die beiden extremen Pole die hier in diesem Täterkreis zu finden sind, der eine aus dem geordneten Elternhaus und der andere aus einem Milieu wie man es sich kaum negativer vorstellen kann. Aber beide, so unterschiedlich sie sind, werden durch einen gemeinsamen Faktor zur Tat gebracht, und dieser gemeinsame Faktor heißt "der Platz", so wurde er hier in der Hauptverhandlung bezeichnet, der Kollwitzplatz". Schwenk zu der nachdenklichen und Notiz schreibenden Staatsanwältin (halbnah).

0:23:30

Blick auf den Kollwitzplatz mit Spielgerüsten und den dahinter liegenden Wohnhäusern (halbtotal). Schwenk von den Klettergerüsten zu den spielenden Kindern (halbtotal). Schulkinder klettern auf die Kollwitz-Skulptur (halbnah). Schwenk über die Gesichter der Schulkinder auf dem Kollwitzplatz (nah). Vater hilft seiner Tochter bei Flugversuchen mit einer Zwille und Plastikflieger (halbtotal). Schwenk von dem Vater auf Jugendliche unter Bäumen (halbtotal). Im Off hört man die Mutter eines der Angeklagten: "Wir wohnen genau am Kollwitzplatz, also ich trete raus und bin auf dem Kollwitzplatz, gerade dieser Platz den liebe ich ganz besonders, und ich persönlich sitze auch sehr viel auf dem Kollwitzplatz, denn diese Hände haben diesen Kollwitzplatz in freiwilliger Arbeit erschaffen...(Blick auf eine größere Gruppe Jugendlicher auf und neben den Bänken)...1945 haben wir den Löschteich zugeschippt und dann hat die FDJ-Gruppe ihn errichtet, ich geh gerne auf den Kollwitzplatz...". Blick auf die rauchenden Mädchen und Jungen auf dem Platz (halbtotal). Schwenk über die Jugendgruppen unter den Bäumen (halbtotal). Jugendlicher erklärt am Platzrand seinen Freunden sein Leichtmotorrad (halbtotal).

0:25:08

Ein weiterer Jugendlicher trifft mit einem Leichtmotorrad ein (halbtotal). Im Off hört man Ausführungen des Rechtsanwaltes aus dem Gerichtssaal: "Das geht nicht bloß mit Arbeitsgemeinschaften die in irgend einem Kulturhaus untergebracht sind, das geht deswegen nicht weil nur derjenige zu einer Arbeitsgemeinschaft geht der sich auch für dieses Gebiet interessiert. Interessen entstehen ja nicht spontan, sondern Interessen werden eben bei einem Menschen entwickelt, und da kann man nicht mit dieser Selbstzufriedenheit sagen, die manchmal eben noch anzutreffen ist, ihr hattet alles, ihr braucht ja bloß hinzugehen, das reicht eben nicht aus...(diskutierende Jugendliche werden dazu eingeblendet)...wenn gleich es ausreicht natürlich dem ein Vorwurf zu machen und sie zu bestrafen, denn sie sind ja selbständige selbst verantwortliche Menschen, aber sie sind eben auch Menschen die der Hilfe der Gesellschaft bedürfen, und diese Hilfe wurde in diesem Fall nicht so optimal erbracht wie das möglich und notwendig gewesen wäre". Blick auf die jungen Männer und Frauen am Kollwitzplatz (halbnah).

0:26:03

Richterin erhebt sich und liest das Urteil vor (halbnah) (O-Ton) "Im Namen des Volkes ist in dieser Sache folgendes Urteil zu verkünden, für Recht erkannt. Der Angeklagte...wird wegen Rowdytums im schweren Fall, Verbrechen gemäß § 215 Absatz 1, § 216 Absatz 1, Ziffer 4 und Raub gemäß § 126 Absatz 1, § 128 Absatz 2 StGB, Diebstahls und versuchten Diebstahls zum Nachteil sozialistischen und persönlichen Eigentums, für denjenigen...". Kommentatorin fügt an "Unsere neun Angeklagten sind bei unterschiedlicher Tatbeteiligung des Raubes, des Rowdytums und des Diebstahls in 1. Instanz für schuldig befunden und verurteilt worden, aber es genügt nicht sich auf die Härte des Gesetzes zu verlassen, keinen aufzugeben, nicht den kriminell gefährdeten und nicht den aus der Haft entlassenen ist unsere gesellschaftliche Pflicht". Rückwärtszoom von der Richterin auf das Pult mit Beisitzerin und Protokollführerin (halbtotal). Schwenk von der Richterin auf die stehenden Angeklagten bei der Urteilsverkündung (halbnah). Kommentatorin: "Und während dieser Film läuft sind die meisten der Angeklagten wieder unter uns". Gesichter von betroffenen Müttern bei der Urteilsverkündung (halbnah). Schwenk über den Kollwitzplatz in den Abendstunden mit Jugendlichen an ihren Leichtmotorrädern (halbtotal). Stabeinblendung: Kamera Christian Lehmann und Rudolf Schemmel. Ton Gerhard Gartenbach. Schnitt Waltraud Hartmann. Musik Kurt Zander. Fachberatung Dr. Peter Przybylski und Karl-Heinz Prabutzki. Produktionsleitung Franz B. Romanowski. Regieassistenz Rita Lebe. Buch und Regie Richard Cohn-Vossen. Eine Produktion des VEB DEFA-Studios für Kurzfilme. Künstlerische Arbeitsgruppe Profil. 1972

0:28:05 ENDE

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