Filmstill zu "Bankett für Achilles"

Bankett für Achilles

Vom 29. bis 31. Mai 2024 findet an der Universität Rostock unter der Überschrift „Quo vadis DEFA-Forschung?“, die bisher größte universitär angebundene Fachtagung zur weiteren Erforschung des DEFA-Filmerbes statt. Es werden u.a. Forschende aus den USA, Frankreich und Australien erwartet.

Im Rahmen der Tagung wird auch der DEFA-Spielfilm BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) in Anwesenheit der Schauspielerin Ute Lubosch präsentiert. Zuvor hält Seán Allan von der University of St Andrews (Schottland) den Vortrag „DEFA, Generational Change and the Socialist Anthropocene“. Das vollständige Tagungsprogramm finden Sie hier.

Kurzinhalt

Filmplakat zu "Bankett für Achilles"

BANKETT FÜR ACHILLES

(R: Roland Gräf, 1975) Grafiker: Dieter Heidenreich

Was bleibt von mir? Was hinterlasse ich? Was fange ich nach dem Arbeitsleben mit mir an? Fragen, die sich der eigenbrötlerische Mittsechziger Karl Achilles (gespielt von Erwin Geschonneck) an seinem letzten Arbeitstag stellt, ohne sie auszusprechen. Der Eintritt ins Rentenalter bedeutet für ihn eine Zäsur: Er hat den Chemie-Betrieb nach 1945 mitaufgebaut und sich 30 Jahre aufgeopfert. Nun aufhören zu müssen, nimmt ihn emotional mit. Ein jüngerer Nachfolger steht schon bereit. Achilles hat Angst vor dem Stillstand. Das Bankett, das zu seinen Ehren als Würdigung seines langen Arbeitslebens abgehalten wird, ist für ihn eine Farce.

 Hier finden Sie die vollständigen Filmdaten.

Szenarium: Martin Stephan

Autor Martin Stephan (* 1945) war kein festangestellter Filmszenarist bei der DEFA. Beim Aufbau Verlag, wo Stephans Kurzgeschichten-Band „Schiffe gehen gelegentlich unter“ in Vorbereitung war, lernte er den DEFA-Dramaturgen Manfred Wolter kennen, der ihn motivierte mit BANKETT FÜR ACHILLES erstmals eine Idee für einen Kinofilm vorzulegen. Inspiration zur Niederschrift des Szenariums fand Stephan in seinem eigenen Arbeitsleben, zu dessen Beginn er zwei Jahre als Anlagenfahrer in Wolfen arbeitete: „Ich habe (...) in einer Brigade gearbeitet, die bestand aus 30 Leuten, und da waren mindestens 15 Leute aus meiner damaligen Sicht nicht nur alte, sondern sehr alte Männer, einige waren im Ersten Weltkrieg noch dabei, uralte Männer, die aber eine große Würde ausstrahlten. Die waren ausgemergelt, krumm, manche waren Mitte siebzig, und wenn sehr schwere Arbeit zu machen war, dann konnten die uns noch was vormachen, ohne zu schwitzen!“ (Stephan im Gespräch mit Wolfgang Trampe in „Erzählen für den Film“, S. 268).

 

 

 

 

Original-Kinotrailer zu BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1970)

Roland Gräf: Stoff für den zweiten Spielfilm

Filmstill zu "Bankett für Achilles"

Roland Gräf

bei den Dreharbeiten zu BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) Fotograf: Klaus Goldmann

Nachdem der ausgebildete Kameramann Roland Gräf mit MEIN LIEBER ROBINSON (1970) ein erfolgreiches Debüt als Regisseur feierte, befand er sich auf der Suche nach einer Idee für eine zweite Regie-Arbeit. Das zunächst vorgesehene Projekt mit dem Arbeitstitel „Stille Stunden“ nach einer Idee von Klaus Poche wurde aufgrund „thematischer Disproportionen des Produktionsplanes“ gestoppt, wie sich Roland Gräf später erinnerte (vgl. „Bankett für Achilles – Schwierigkeiten mit der Arbeiterklasse“, Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, S. 10). Im August 1973 gab ihm Manfred Wolter das 16-seitige Szenarium von Martin Stephan zur Lektüre. Von den beschriebenen Begebenheiten und Charakteren sowie vom Umfeld der Industrielandschaften zeigte sich Gräf begeistert. In der Folge ergab sich für Autor und Regisseur eine fruchtbare Zusammenarbeit für die Konzeption des Drehbuchs. Stephan übernahm schließlich sogar eine kleine Statisten-Rolle als „junger Arbeiter“. 1983 verwirklichte das Gespann mit FARIAHO...! einen weiteren Film bei der DEFA.

Originaldrehorte und echte Arbeiter

Ein Jahr nachdem Roland Gräf das Szenarium zum ersten Mal in der Hand hielt, wurde BANKETT FÜR ACHILLES zwischen dem 14. August und dem 13. November 1974 überwiegend an Originalschauplätzen in Bitterfeld und Wolfen gedreht. Lediglich die Gaststätte „Feierabend“, in der Achilles‘ Abschiedsbankett spielt, wurde in den Babelsberger Studios nachgebaut. Kleine Arbeiter-Rollen besetzte Gräf nahezu ausschließlich mit Beschäftigten des Chemischen Kombinats Bitterfeld. Mitunter wird BANKETT FÜR ACHILLES daher auch ein dokumentarischer Charakter nachgesagt. Als Abbild der Realität wollte Gräf seinen Film aber nicht verstanden wissen: „Bei allem Respekt vor der Wirklichkeit ging es nicht darum, einen gesellschaftlichen und sozialen Tatbestand zu registrieren, sondern meine Ansicht von der Sache zu formulieren, meinen Blick auf diese Landschaft und ihre Leute.“ (Gräf im Gespräch mit Fred Gehler in Sonntag, 23. November 1975, zitiert aus „Aus Theorie und Praxis des Films“, 4/1987, S. 60)

Filmstill zu "Bankett für Achilles"

Achilles' Ziehtochter Beate (Ute Lubosch) vor verödeter Landschaft in Bitterfeld-Wolfen in BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) Fotograf: Klaus Goldmann

Filmstill zu "Bankett für Achilles"

Was folgt nach dem Arbeitsleben? Achilles gibt sich nachdenklich in BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) Fotograf: Klaus Goldmann

Ein früher Umweltfilm der DEFA

Bemerkenswert offen werden in BANKETT FÜR ACHILLES die Auswirkungen der Chemieindustrie auf die Umwelt beleuchtet. Ein Thema, das man im DEFA-Spielfilm bis dato vergeblich suchte. Das innige Verhältnis von Achilles zur Natur und seine Bemühungen die kahle Landschaft zu beleben, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Filmhandlung. Das Motiv der ‚blauen Blume‘ war für Gräf das „poetische Zentrum“ des Stoffes. In seinen konzeptionellen Überlegungen zum Film führte er aus: „Achilles‘ Versuch, die Halde zu bepflanzen, ist der Versuch, auch mit der Kehrseite seiner Arbeit, nämlich der Verwüstung der Landschaft, in der er lebt, fertig zu werden. Achilles tut dies aus dem sicheren Gefühl und der Überzeugung heraus, dass die Landschaft erst die Grundlage allen Lebens bildet und aus diesem Grund bewahrt, genauer: wiederhergestellt werden muss.“ (Gräf in „Bankett für Achilles – Schwierigkeiten mit der Arbeiterklasse“, S. 45)

Filmstill zu "Bankett für Achilles"

Achilles (Erwin Geschonneck) und sein Nachfolger Baahre (Carl-Heinz Choynski) in BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) Fotograf: Klaus Goldmann

Filmstill zu "Bankett für Achilles"

Letzte Untersuchung beim Betriebsarzt (Hermann Beyer) in BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) Fotograf: Klaus Goldmann

Erwin Geschonneck ist Achilles

Dass die Hauptfigur von Erwin Geschonneck gespielt werden soll, war für Regisseur Roland Gräf früh klar und auch für Martin Stephan war Geschonneck eine Idealbesetzung. Der Autor hatte den Schauspieler insbesondere aus Konrad Wolfs 1958 gedrehten und aufgrund kritischer Aussagen bis 1972 verbotenen Spielfilm SONNENSUCHER als „eine kraftvolle, markante Gestalt, die, und das war wichtig, Sympathie bei der Bevölkerung genoss“ in Erinnerung („Erzählen für den Film“, S. 275). Begeistert war Geschonneck zunächst nicht von dem Projekt, wie Roland Gräf im Buch „Bankett für Achilles – Schwierigkeiten mit der Arbeiterklasse“ zu berichten wusste. Erst mit der Zeit wurde er zum großen Fürsprecher: „Die Begegnung mit der Bitterfelder Wirklichkeit und sein untrüglicher schauspielerischer Instinkt hatten ihn dazu gebracht, vorgeprägte Ansichten zu korrigieren.“ (Gräf, S. 72). Die DDR-Filmkritik bedachte Geschonnecks Darstellung später mit viel Lob. Günter Sobe bezeichnete die Figur sogar als „wohl interessanteste und vielleicht sogar glaubwürdigste Arbeitergestalt im DEFA-Film überhaupt.“ (Berliner Zeitung, 21. November 1975, S. 6)

Filmstill zu "Bankett für Achilles"

Skeptisch beim BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) Fotograf: Klaus Goldmann

Filmstill zu "Bankett für Achilles"

Eine Decke von der BGL-erin (Carmen-Maja Antoni) zum Abschied in BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) Fotograf: Klaus Goldmann

Plötzlicher Gegenwind

Filmstill zu "Bankett für Achilles"

Zu viel des Guten?

Landschaft in der Chemie-Region Bitterfeld-Wolfen in BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) Fotograf: Klaus Goldmann

„Ich bin maßlos traurig über dieses Ergebnis.“ Mit diesen Worten begann Studiodirektor Albert Wilkening die Diskussion im Zuge der Rohschnittabnahme von BANKETT FÜR ACHILLES und setzte damit den Grundton für die folgende Debatte. „Man fühlt sich wirklich halb vergiftet“, „deprimierend“ oder „das Proletariat ist so dargestellt, dass man in Wut geraten kann“ äußerten sich andere Redner. Nachdem Vorbereitung und Dreh störungsfrei und zügig verliefen, stand das Filmprojekt unerwartet massiven Anfeindungen gegenüber. Das Filmteam wurde zu größeren Änderungen aufgefordert, die sich nach Abschluss der Dreharbeiten kaum mehr realisieren ließen. Wilkening, der Gräfs Regie-Laufbahn gefördert hatte, wandte sich in einem persönlichen Brief an den Regisseur, um auf ihn einzuwirken. Jahrzehnte später äußerte Gräf: „Ich habe damals erst nach und nach verstanden, dass ich ihm mit dem ‚Bankett‘ ungewollt nicht nur ein politisch-ideologisches Problem aufgehalst, sondern ihn auch im Hinblick auf meine Person in einen ziemlichen Konflikt manövriert hatte.“ (Gräf in „Bankett für Achilles – Schwierigkeiten mit der Arbeiterklasse“, S. 76)

Nach wochenlanger Verzögerung sowie einer verhandelnden und geschickt formulierten Einschätzung der Produktionsgruppe ‚Babelsberg‘, bediente sich Wilkening eines Tricks, um das Projekt durchzuwinken: Änderungen, die schon im Drehbuchstadium insbesondere am Filmende vorgenommen wurden und bereits dem Stand des Rohschnitts entsprachen, verkaufte er in einer überarbeiteten Stellungnahme als neuerliche Kooperationsbereitschaft und Einsicht der Filmschaffenden in Folge der Kritik am Rohschnitt. Die abschließende staatliche Abnahme im Juni 1975 geriet zur Überraschung der Filmschaffenden zur Formsache.

Filmstill zu "Bankett für Achilles"

Vorbereitungen für Achilles' Abschied in BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) Fotograf: Klaus Goldmann

Filmstill zu "Bankett für Achilles"

Letzter Arbeitstag. Ein Abschiedsfoto in BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) Fotograf: Klaus Goldmann

Ein erster Publikumstest und kein großer Auftritt in Karlovy Vary

Bevor BANKETT FÜR ACHILLES am 20. November 1975 Premiere im Premierenkino International in Berlin feierte, gab es in einem kleinen Dorf in der Nähe von Bitterfeld eine Vorpremiere. Zur Vorstellung waren die am Film als Statisten beteiligten Arbeiter und ihre Familien eingeladen. Die Reaktionen waren höflich reserviert, wie sich Autor Martin Stephan später zurückerinnerte: „Es hat sie interessiert, weil es in ihrer Welt spielte, sie konnten nachprüfen, was da stimmt und was nicht stimmt. Aber im Grunde genommen mochten sie solche Filme überhaupt nicht! Über ihr eigenes Leben Filme zu sehen, das mochten die Leute nicht.“ („Erzählen für den Film“, S. 275)

Eine Beteiligung im Wettbewerb des Filmfestspiele in Karlovy Vary wurde BANKETT FÜR ACHILLES trotz Interesses aus der ČSSR verwehrt, stattdessen lief der Film beim deutlich weniger renommierten Filmfestival im griechischen Thessaloniki, wo das Publikum – nach Angaben des mitgereisten Roland Gräf – umrahmt von malerischer Landschaft nur wenig mit der Industrieumgebung der DDR anzufangen wusste.

Verfasst von Philip Zengel. (Mai 2024)

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