Filmstill zu "Die Flucht"

Die Flucht

Für Armin Mueller-Stahl markierte DIE FLUCHT (1977) den Schlusspunkt seines großen DEFA-Schaffens. Infolge der Biermann-Affäre kehrte er der DDR wenig später den Rücken und avancierte in der Bundesrepublik sowie in Hollywood zum internationalen Charakterdarsteller. Beim Filmkunstfest MV in Schwerin wird Armin Mueller-Stahl für sein herausragendes Lebenswerk nun mit dem „Goldenen Ochsen“ geehrt.

Kurzinhalt

Filmplakat zu "Die Flucht"

DIE FLUCHT

(R: Roland Gräf, 1977) Grafiker: Jo Fritsche

Als sein geplantes Forschungsprojekt zur Senkung der Frühgeburtensterblichkeit abgelehnt wird, sieht der engagierte Oberarzt Dr. Schmith (gespielt von Armin Mueller-Stahl) für sich in der DDR keine Zukunft. Frustriert schließt er einen Vertrag mit einer westlichen Fluchthilfeorganisation. Kaum ist der Entschluss gefasst, wendet sich das Blatt: Das Projekt wird plötzlich genehmigt und Schmith verliebt sich in seine neue Kollegin Katharina (Jenny Gröllmann). Er will bleiben und lässt den Fluchttermin verstreichen. Doch die Fluchthelfer geben keine Ruhe...

 Hier finden Sie die vollständigen Filmdaten.

Produktionsnotizen

Die Dreharbeiten zu DIE FLUCHT fanden zwischen dem 14. September 1976 und dem 23. März 1977 unter der Regie von Roland Gräf statt. Zu den markanten Kulissen gehörte die Stadt Erfurt. Gedreht wurde unter anderem am Fischmarkt sowie am Juri-Gagarin-Ring. Innenaufnahmen in medizinischen Einrichtungen entstanden in Ost-Berlin. Seine internationale Premiere erlebte der Film am 6. Oktober 1977, dem Vorabend des DDR-Nationalfeiertages, im Moskauer Kino Mir zur Eröffnung einer DDR-Filmwoche. Nur eine Woche später, am 13. Oktober 1977, feierte das Werk im Berliner Kino International seine festliche DDR-Premiere.

Original-Kinotrailer zu DIE FLUCHT (Roland Gräf, 1977).

Ein Stoff von Hannes Hüttner

Das Filmprojekt wurde von Hannes Hüttner (1932–2014) initiiert, der als studierter Mediziner eine authentische Perspektive in seine schriftstellerische Arbeit einbrachte. Bereits mit seinen Szenarien zu DR. MED. SOMMER II (1969) und ES IST EINE ALTE GESCHICHTE (1972) – beide unter der Regie von Lothar Warneke verfilmt – hatte er erfolgreich Stoffe im Arzt-Milieu bei der DEFA etabliert. Dem Kritiker Horst Knietzsch zufolge zeigte Hüttners Arbeit schon damals „ein erfreuliches Bemühen um eine differenzierte Charaktergestaltung“, die „klischeehaftem Schwarz-Weiß-Denken aus dem Wege“ ging. Auch DIE FLUCHT bietet einen detailgenauen Einblick in den DDR-Klinikalltag der 1970er-Jahre. Die aufgeworfenen Themen wirken zum Teil noch heute aktuell: Etwa wenn eine Krankenschwester (gespielt von Marianne Wünscher) die personelle Überlastung beklagt und Dr. Schmith im ironischen Tonfall vorschlägt, „wie im Westen“ Pflegekräfte aus Asien oder Afrika zu „importieren“.

Filmstill zu "Die Flucht"

Austausch auf dem Erfurter Fischmarkt: Jenny Gröllmann und Armin Mueller-Stahl. Fotograf: Klaus Goldmann

Filmstill zu "Die Flucht"

Trauer um ein verlorenes Neugeborenes. Simone von Zglinicki als Patientin. Fotograf: Klaus Goldmann

Ein „heißes Eisen“

Das Thema der „Republikflucht“ galt in der DDR der 1970er-Jahre als politisches Tabu und wurde in den staatlich gelenkten Medien konsequent totgeschwiegen. Vor diesem Hintergrund wagte die Produktion einen beispiellosen thematischen Vorstoß, der in der zeitgenössischen Presse vielfach als mutiger Schritt honoriert wurde. Kritiker zogen dabei immer wieder Vergleiche zu Konrad Wolfs Literaturverfilmung DER GETEILTE HIMMEL (1964). In der Magdeburger Volksstimme (1. Dezember 1977) konstatierte Jörg-Heiko Bruns: „Seit Christa Wolfs Geteiltem Himmel hat nach meiner Meinung kaum ein Kunstwerk unserer Republik die Auseinandersetzung – die politische und moralisch-ethische – zwischen den Weltsystemen am Beispiel sehr persönlicher Schicksale so direkt zum Gegenstand gehabt.“ Für diese offensive Herangehensweise, so Bruns weiter, verdiene der Film von Hannes Hüttner und Roland Gräf uneingeschränkte Anerkennung.

Hauptrolle: Armin Mueller-Stahl

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Armin Mueller-Stahl

als Dr. Schmith in DIE FLUCHT. Fotograf: Klaus Goldmann

In der Rolle des Dr. Schmith erntete Armin Mueller-Stahl ein überaus positives Echo der zeitgenössischen Kritik. So hob etwa Günter Sobe in der Berliner Zeitung (20. Oktober 1977) hervor, dass der Schauspieler der Figur ein „glaubwürdiges Profil“ verleihe. Bis zu diesem Zeitpunkt glich Mueller-Stahls filmische Laufbahn einer Erfolgsgeschichte ohne Brüche: Mit Klassikern wie FÜNF PATRONENHÜLSEN (1960), KÖNIGSKINDER (1962) oder NACKT UNTER WÖLFEN (1962) schrieb er Filmgeschichte. Die Zäsur in seiner Karriere trat ein, als er im November 1976 den offenen Protestbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnete. Noch während der Dreharbeiten zu DIE FLUCHT stellte er 1977 einen Ausreiseantrag. Es folgten Monate der erzwungenen Untätigkeit, bis der Schauspieler schließlich im Oktober 1979 in die Bundesrepublik übersiedeln konnte. Seine Familie folgte Anfang 1980. Trotz der Herausforderung, im Alter von 50 Jahren beruflich völlig neu beginnen zu müssen, gelang Mueller-Stahl ein beeindruckender künstlerischer Wiederaufstieg. Er arbeitete mit Regiegrößen wie Rainer Werner Fassbinder zusammen und avancierte schließlich in Hollywood zu einem der wenigen deutschen Weltstars.

Filmstill zu "Die Flucht"

Kollegen im Film wie im Leben. Armin Mueller-Stahl und Winfried Glatzeder. Fotograf: Klaus Goldmann

Filmstill zu "Die Flucht"

Helfer oder Gegner? Rolf Hoppe lotst Armin Mueller-Stahl in DIE FLUCHT in den Westen. Fotograf: Klaus Goldmann

Regie: Roland Gräf – Dicht an der Gegenwart

Für den profilierten Kameramann Roland Gräf markierte DIE FLUCHT die dritte Regiearbeit. Bereits seine vorangegangenen Filme MEIN LIEBER ROBINSON (1970) und BANKETT FÜR ACHILLES (1975) hatten weitreichende Beachtung gefunden und Gräf als maßgebliche Stimme des DEFA-Kinos etabliert. Kennzeichnend für sein frühes Schaffen war die Konzentration auf Stoffe, die unmittelbar in der DDR-Gegenwart verwurzelt waren. Diese Filme vermitteln bis heute einen fast dokumentarischen Eindruck – ein künstlerisches Credo, das Gräf 1977 im Gespräch mit dem Progress-Pressebulletin unterstrich: „Ich persönlich glaube nicht, dass ein historischer Film [...] in seiner Wirkung auf ein breites Publikum die gleiche gegenwartsbezogene Aussagefähigkeit und Kraft haben kann wie ein Film, der diese Gegenwart direkt behandelt.“

Erst im darauffolgenden Jahrzehnt wandte er sich verstärkt historischen Sujets zu. Der Filmhistoriker Ralf Schenk bemerkte hierzu: „Als sich in der fortschreitenden Agonie der Honecker-Ära eine neue kulturpolitische Eiszeit Bahn brach, wandte sich Gräf zumindest äußerlich von der Gegenwart ab.“ (Filmdienst 21/2004) In dieser Phase entstanden preisgekrönte Werke wie DAS HAUS AM FLUSS (1985) oder FALLADA – LETZTES KAPITEL (1988). Doch Gräfs Wirken beschränkte sich nicht nur auf die Arbeit hinter der Kamera. Als Vorsitzender des Künstlerischen Rates der DEFA setzte er sich leidenschaftlich für die Projekte seiner Kolleginnen und Kollegen und die Forderungen junger Talente ein – ein Engagement, das er nach 1990 als Verfechter des Filmstandortes Babelsberg und als Mitglied im Stiftungsrat der DEFA-Stiftung fortsetzte. Obwohl seine filmische Stimme im gesamtdeutschen Kino der 1990er-Jahre weitgehend verstummte, bleibt sein Erbe lebendig. Wie Ralf Schenk 2016 resümierte, sind seine Filme „Fixpunkte der gesamtdeutschen Kinogeschichte“. (vgl. Ralf Schenk in „Meine Last Picture Show“, 2016)

Filmstill zu "Die Flucht"

Dreharbeiten in Erfurt: Armin Mueller-Stahl mit Simone von Zglinicki auf einer brenzligen Autofahrt. Fotograf: Klaus Goldmann

Filmstill zu "Die Flucht"

Regisseur Roland Gräf im Ausausch mit Rolf Hoppe und Armin Mueller-Stahl. Fotograf: Klaus Goldmann

Wie reagierte das DDR-Publikum?

DIE FLUCHT stieß auf eine hohe Publikumsresonanz: Knapp 400.000 Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgten das Drama in den Kinos der DDR; im Berliner Premierenhaus International waren die Vorstellungen in den ersten zwei Wochen restlos ausverkauft. Der Filmkritiker Fred Gehler beobachtete nach den Vorführungen einen „unmittelbaren Austausch von Meinungen und Gegenmeinungen“ und fragte rhetorisch: „Wann gab es das zuletzt bei einem Film aus den Babelsberger Ateliers?“ Er konstatierte dem Publikum eine tiefe Betroffenheit und die deutliche Bereitschaft, sich intensiv mit dem Gezeigten auseinanderzusetzen (vgl. Sonntag, 13. November 1977). Andere Beobachter hielten die Reaktionen direkt im Kinosaal fest: So sorgten ausgerechnet die – im DEFA-Kino höchst seltenen – Auftritte eines Mitarbeiters der Staatssicherheit für Gelächter im Publikum (vgl. Mark Brayne, Spandauer Volksblatt, 1. November 1977), was die Spannung zwischen Leinwandgeschehen und gesellschaftlicher Realität unterstreicht.

Internationales Echo

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Vater und Sohn

Dr. Schmith im Austausch mit seinem Vater (Gerhard Bienert). Fotograf: Klaus Goldmann

Weit über die Grenzen der DDR hinaus stieß DIE FLUCHT auf Resonanz und wurde in zahlreichen Ländern gezeigt – darunter die UdSSR, die ČSSR, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Vietnam. Später folgten Ausstrahlungen im polnischen, kubanischen und dänischen Fernsehen sowie in der Bundesrepublik. Ein Höhepunkt der internationalen Anerkennung war die Teilnahme am Wettbewerb des Internationalen Filmfestivals Karlovy Vary, bei dem das Werk mit einem der Hauptpreise ausgezeichnet wurde. Klaus Hannuschka hob in seinem Festivalbericht für die Märkische Volksstimme hervor, dass Regisseur Roland Gräf auch auf internationalem Parkett für seine Präzision geschätzt werde: Er lobte die „Genauigkeit der Beobachtung des Alltags, der Charaktere [und] die Ehrlichkeit, mit der die Geschichte erzählt wird“. Heinz Kersten, der wohl renommierteste DEFA-Kritiker der BRD, führte den Erfolg des Films insbesondere auf die Wahl des Themas zurück. Er verwies darauf, dass sich andere sozialistische Staaten weitaus häufiger mit den Reibungspunkten der eigenen Gesellschaft befassten als die DDR. Sein Fazit war ein deutlicher Appell: „Das spürbare Publikumsinteresse für DIE FLUCHT sollte die DEFA ermutigen, sich solchen Auseinandersetzungen künftig mehr zu stellen.“ (Frankfurter Rundschau, 25. November 1977)

Verfasst von Philip Zengel. (April 2026)

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