Die Schlüssel
Am 3. März 2026 feiert mit Jutta Hoffmann eine der bedeutendsten deutschen Schauspielerinnen ihren 85. Geburtstag. In DIE SCHLÜSSEL (R: Egon Günther, 1973) spielte Hoffmann eine ihrer wichtigsten frühen Filmrollen. Die Produktion ist ab dem 3. März in der DEFA-Filmwelt auf YouTube verfügbar. Am 12. März, 18:00 Uhr, läuft DIE SCHLÜSSEL im Berliner Kino Babylon.
Kurzinhalt
DIE SCHLÜSSEL
(R: Egon Günther, 1973) Grafiker: Fred Westphal
1972. Ric und Klaus (gespielt von Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz) sind jung, verliebt und wollen Urlaub machen. Sie, die lebenslustige Arbeiterin aus dem Glühlampenwerk, und er, der zielstrebige Ingenieursstudent, tauschen den DDR-Alltag gegen das „freiere Polen“. Ein wildfremdes polnisches Ehepaar, selbst auf der Reise nach Paris, drückt ihnen am Flughafen die Schlüssel zu ihrer Privatwohnung in Kraków in die Hand. Ein Vertrauensbeweis, der wie ein Versprechen auf eine unvergessliche Zeit wirkt. Was wird die Verliebten in Polen erwarten? Zwischen kulturellen Entdeckungen und neuen Bekanntschaften prallen die gegensätzlichen Lebensentwürfe des Paares aufeinander...
Polen und die DDR
Nach den Gräueltaten, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg an der polnischen Bevölkerung verübten, war das Verhältnis auch mit dem Ende des deutschen Faschismus nachhaltig gestört. Die gegenseitige mediale Darstellung blieb in den folgenden Jahrzehnten plakativ. „Die Wahrnehmung der Polen in der DDR und – umgekehrt – der DDR-Bürger in Polen wurde jahrelang und beinahe ausschließlich durch propagandistische Klischees der Wochenschauen geprägt“, schreibt der polnische Filmwissenschaftler Andrzej Gwóźdź (vgl. „Unterwegs zum Nachbarn. Deutsch-polnische Filmbegegnungen“, S. 115). Erst mit den Führungswechseln in Polen – Edward Gierek löste 1970 Władysław Gomułka als Parteichef ab – und in der DDR – Erich Honecker folgte 1971 auf Walter Ulbricht – kam es zu spürbaren Annäherungen. Im November 1971 wurde ein Abkommen über visafreien Grenzverkehr beschlossen, das die Einreise ab Jahresbeginn 1972 erleichterte. Neben der Demonstration des Zusammenwachsens der sozialistischen Staatengemeinschaft versprachen sich beide Länder wirtschaftliche Effekte, nicht zuletzt eine Belebung des Tourismus. Die Vorplanungen und Dreharbeiten für DIE SCHLÜSSEL erfolgten somit in einer Zeit des Aufeinander-Zugehens. Ein Filmprojekt der DEFA über gegenseitige Begegnungen in Polen stieß Anfang der 1970er-Jahre daher sowohl bei der Studioleitung in Potsdam-Babelsberg als auch im DDR-Kulturministerium auf offene Ohren.
Der Medienhistoriker Thomas Heimann hat die Filmbeziehungen zwischen der DDR und Polen in der dreiteiligen Studie Freundschaft – Przyjaźń untersucht, die in der Schriftenreihe der DEFA-Stiftung publiziert wurde.
Reisevorbereitungen: Ric stellt ihre Outfits zusammen. Fotograf: Klaus Goldmann
Aufbruch in ein Abenteuer: Ric vor einer Interflug-Maschine am Flughafen Schönefeld. Fotograf: Klaus Goldmann
Produktionsnotizen
DIE SCHLÜSSEL wurde zwischen dem 24. April und dem 7. Juli 1972 unter der Regie von Egon Günther überwiegend in Polen insbesondere in Kraków aber auch in Szczecin gedreht. Die Aufnahmen entstanden mit Unterstützung der Warschauer Filmgruppe „Illuzjon“. Das Drehbuch verfasste Günther gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin, der Autorin Helga Schütz, die in den Vorjahren mit ihren Büchern „Vorgeschichten oder schöne Gegend Probstein“ (1971) und „Das Erdbeben von Sangerhausen und andere Geschichten“ (1972) viel Beachtung fand. Die schriftliche Ausarbeitung des Gespanns war kein gewöhnliches Drehbuch, sondern eher ein grober Plan, eine Art Absichtserklärung, die viel Raum für Improvisationen, Schwerpunktverlagerungen und Ergänzungen ließ.
Premiere feierte DIE SCHLÜSSEL am 21. Februar 1974 im Berliner Kino International.
Heitere Momente: Der Studentenkarneval „Juwenalia“ sorgt für gute Stimmung. Fotograf: Klaus Goldmann
Der Urlaub verläuft zwischen Ric und Klaus nicht konfliktfrei. Fotograf: Klaus Goldmann
Ein Film mit reichlich Verspätung
Die Gründe, warum es nach Abschluss der Dreharbeiten mehr als 1,5 (!) Jahre dauerte, bis DIE SCHLÜSSEL erstmals im Kino zu sehen war, liegen in einem langen Ringen um die finale Schnittfassung. In der DDR zeigte man sich überaus besorgt über das Missfallen der polnischen Kulturfunktionäre, die den Film im Rohschnitt sichteten. Der Film sei „politisch und philosophisch falsch“ (vgl. Heimann, Freundschaft – Przyjaźń, S. 213). Spätestens ab Sommer 1973 war Erich Honecker über die Vorgänge informiert und das Filmprojekt war ein Politikum.
Eine Reihe von Szenen wurde stark beschnitten oder fiel der Zensur gänzlich zum Opfer. So wurde der polnische Bischof Stefan Wyszyński, der seit einer Versöhnungsbotschaft an die Amtsbrüder der Bundesrepublik Deutschland im November 1965 als „Unperson“ in Polen galt, aus einer Sequenz in der Krakówer Marienkirche, die die alljährliche Prozession am 8. Mai zeigt, herausgeschnitten – ein deutliches Zeichen für die Nervosität der polnischen Regierung gegenüber der selbstwussten kirchlichen Opposition (vgl. ebd.). Aufnahmen eines Konzerts des Rockstars Czesław Niemen, der in der polnischen Arbeiterpartei PZPR stark umstritten war, wurden gekürzt. Eine Szene, in der Klaus des Nachts von zwei jungen Polen vor eine Gedenktafel für die ermordeten Polinnen und Polen während des Zweiten Weltkriegs gezerrt wird, durfte nicht im Film verbleiben.
Auch nach der Premiere ein ungeliebtes Projekt
Dass DIE SCHLÜSSEL schließlich doch mit wenigen Kopien in einigen DDR-Kinos zu sehen war, dürfte darin begründet liegen, dass sich die ostdeutschen Funktionäre wenige Jahre nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED – in dessen Folge fasst eine gesamte Jahresproduktion verboten wurde – keinen weiteren filmpolitischen Eklat leisten wollten. Allerdings wurde der Film mit einer Exportsperre für alle Länder belegt. Eine bereits angekündigte Vorführung im Rahmen der Viennale 1974 sowie eine Lizenzierung in die Bundesrepublik wurden gestoppt. Als der visafreie Reisverkehr zwischen Polen und der DDR in Folge der polnischen Solidarność-Bewegung ab 1980 aufgehoben wurde, durfte DIE SCHLÜSSEL auch in der DDR nicht mehr gezeigt werden. Im DDR-Fernsehen lief der Film nie.
Wiederkehrend wird die Handlung durch dokumentarische Interviews unterbrochen. Hier mit einem Flugkapität. Fotograf: Klaus Goldmann
Klaus ist am Boden verstört. Eine Polin tröstet ihn. Fotograf: Klaus Goldmann
Regie: Egon Günther
Egon Günther
während der Dreharbeiten. Fotograf: Klaus Goldmann
Egon Günther (1927–2017) zählte zu den formell wie inhaltlich experimentierfreudigsten Regisseuren der DEFA-Geschichte. Bereits Vorgängerfilme wie LOTS WEIB (1965), ABSCHIED (1968) oder DER DRITTE (1971) wurden kontrovers diskutiert. WENN DU GROSS BIST, LIEBER ADAM (1965/66) durfte in Folge des 11. Plenums nicht fertiggestellt werden und erlebte erst 1990 seine Premiere. Bei einer Veranstaltung im Filmmuseum Potsdam 1996 antwortete Günther, als er nach den Gründen für seine filmischen Experimente befragt wurde: „Ein Film mit strenger Form ist für die Diktatur gut, weil gut zu durchschauen.“ (zitiert nach Märkische Allgemeine, 20. September 1996). Günther ergänzte, dass er keine Umsturzgedanken gegenüber der DDR gehegt habe, aber er wollte „die Form zerbrechen, um die Wahrheit zu finden.“ (ebd.)
Ein Dokumentarfilm mit Schauspielern
Die Experimentierfreudigkeit Günthers erreichte in DIE SCHLÜSSEL einen Höhepunkt. „Hätte es in der DDR-Kinematographie einst eine Art dekretierte Neue Welle gegeben, dann wäre Günthers Werk ein Paradebeispiel hierfür“, hält Andrzej Gwóźdź rückblickend fest (vgl. „Unterwegs zum Nachbarn. Deutsch-polnische Filmbegegnungen“, S. 124). Gwóźdź untermauert seine Aussage anhand einer Reihe spezifischer Stilmittel, die DIE SCHLÜSSEL kennzeichnen: reale Drehorte, improvisierte Szenen, eine dynamische Kamera und natürliches Licht. Charakteristisch ist zudem die Akzeptanz des Ungeplanten sowie die ästhetische Verschränkung von fiktionalen und dokumentarischen Elementen. Eine Vielzahl an Filmszenen war organisiert, ohne dass die Akteurinnen und Akteure wussten, was passieren würde. Günther nannte diese Methode später „anstoßen von Happenings“ (vgl. Zeitzeugengespräch von Egon Günther mit Ralf Schenk, 1999).
Jutta Hoffmann während der Dreharbeiten mit Regisseur Egon Günther. Fotograf: Klaus Goldmann
Das deutsch-polnische Filmteam in Kraków. Fotograf: Klaus Goldmann
Hauptrolle: Jutta Hoffmann
Jutta Hoffmann verband eine besondere Arbeitsbeziehung mit Egon Günther. Nachdem der Regisseur die Schauspielerin in der DEFA-Produktion DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE (R: Frank Vogel, 1965) zum ersten Mal wahrnahm, besetzte er sie vielfach in seinen Werken. Im Vorfeld von DIE SCHLÜSSEL war sie bereits in DER DRITTE (1971) sowie in den Fernsehproduktionen JUNGE FRAU VON 1914 (1970) und ANLAUF (1972) in Hauptrollen zu sehen. Die Werke seien „eine Art von Kino, die mir gefällt“ antwortete Hoffmann in einem Interview auf die Frage, warum sie so oft mit dem Regisseur zusammenarbeitete.
Der Schauspielerin gehört die wohl hervorstechendste Szene in DIE SCHLÜSSEL, die in kaum einer Würdigung des DEFA-Spielfilmschaffens fehlt: Ein improvisierter Monolog über die ungleiche Beziehung zu ihrem Freund und ihre Rolle als Frau in einem Straßenbahndepot. „Eine künstlerisch großangelegte Szene voller Bitterkeit und voller Schönheit“, wie Günter Sobe in der Berliner Zeitung bemerkte (Ausgabe 26. Februar 1974). Realisiert wurden die Aufnahmen ohne lange Vorplanungen am Ende der Dreharbeiten in Szczecin. Jaecki Schwarz war bereits abgereist, sodass Jutta Hoffmann den improvisierten Text in die Richtung des Kameramanns sprach. Als unerwartet ein polnischer Straßenbahnfahrer hinzukam, erhielt sie von Egon Günther die Anweisung „Red‘ mal mit ihm!“ Es entstand ein sich anschließender spontaner Austausch, aus dem später der Satz des Arbeiters „In deutscher Gefangenschaft nie gehungert, in russischer Gefangenschaft immer gehungert“ entfernt wurde (vgl. Zeitzeugengespräch Jutta Hoffmann, 2013).
Filmszene: Ric (Jutta Hoffmann) hält ihren Monolog im Straßenbahndepot.
Viel Kritik in der DDR-Presse
In der Gesamtbetrachtung der überlieferten Presseartikel zu DIE SCHLÜSSEL fällt auf, dass sich die DDR-Filmkritik fast ausnahmslos an dramaturgischen und formal-ästhetischen Aspekten abarbeitete. Es lässt sich rückblickend darüber spekulieren, ob das ein Vorwand war, um sich nicht mit inhaltlich unbequemen Fragen auseinandersetzen müssen. Fragen zum deutsch-polnischen Verhältnis. Oder ob ein Student und eine Arbeiterin aus der DDR nach mehr als 20 Jahren Sozialismus als Paar gemeinsam glücklich sein können. Kritisiert wurde insbesondere die fehlende Dramatik des Films und dass die stilistischen Besonderheiten der Produktion jedwedes Mitfühlen mit den Figuren beim Publikum verhindere. Vielfach wurde der frühe Tod der Hauptfigur und die anschließende Rückführung in einem Güterwaggon negativ aufgegriffen – „ganz schlimm gerät das Ende, die letzte halbe Stunde“ (vgl. Manfred Haedler, Der Morgen, 24. Februar 1974). Dass damit, wie bereits in DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (R: Heiner Carow, 1972) und REIFE KIRSCHEN (R: Horst Seemann, 1972) Konflikte im DEFA-Gegenwartsfilm durch den Tod eines Partners enden, wurde als unbefriedigender Zustand gewertet. „Wo liegt der ideelle Kern der langatmigen, quälenden Szenen um die Überführung der toten Ric?“ fragte Hans-Dieter Schütt (Junge Welt, 1. März 1974). Jenseits der Empörung in der Presselandschaft verstand der sowjetische Erfolgsregisseur Andrei Tarkowski nach der Filmsichtung das Anliegen und soll zu Egon Günther gesagt haben: „Für die vielen im Krieg Getöteten gibst du nun ein deutsches Mädchen zurück. Du opferst sie.“
Verfasst von Philip Zengel. (Februar 2026)