Die Besteigung des Chimborazo
Die DEFA-Stiftung zeigt in ihrer monatlichen Filmreihe im Berliner Kino Krokodil am 12. Januar 2026 um 19:00 Uhr DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO (1988/89) von Rainer Simon in der digital-restaurierten Fassung in Anwesenheit des Filmemachers. Anlass ist der 85. Geburtstag des Regisseurs.
Auf der Website der DEFA-Stiftung wird zudem eine von Rainer Simon zusammengestellte Online-Ausstellung mit Fotos und Texten über seine Verbindungen zur indigenen Bevölkerung in Ecuador präsentiert.
Kurzinhalt
DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO
(R: Rainer Simon, 1988/89) Grafiker: Albrecht von Bodecker
Südamerika im Jahr 1802. Der 32-jährige Alexander von Humboldt geht mit seinen Gefährten das Wagnis ein, den mehr als 5.000 Meter hohen Berg Chimborazo zu besteigen. Eine solch tollkühne Expedition wagte niemand vor ihm. Doch nicht nur der Aufstieg zum Gipfel ist für den Wissenschaftler beschwerlich. Bereits der Weg zum Fuße des Berges war steinig: Früh träumte Humboldt vom Aufbruch in ein neues Leben, musste sich loslösen vom strengen, preußischen Elternhaus und von der vorgezeichneten, spießigen Beamtenkarriere. In diesem Umfeld begann er homoerotische Freundschaften zu pflegen und trieb seine naturwissenschaftlichen Forschungen mit schmerzhaften Selbstexperimenten voran. Das scheinbar Unmögliche überwinden, lautet die Maxime seines Lebens.
200 Jahre nach der Französischen Revolution
Auch wenn im Entstehungsprozess der Filme des DEFA-Kinojahres 1989 noch niemand ahnen konnte, dass am 9. November die Berliner Mauer fallen würde, war das Thema Revolution in den vorherigen Monaten auf der Kinoleinwand bereits präsent. DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO war nach PESTALOZZIS BERG (R: Peter von Gunten, 1988) und TREFFEN IN TRAVERS (R: Michael Gwisdek, 1988) bereits der dritte Film, der Bezüge zu den historischen Ereignissen der Französischen Revolution aufwies, die 200 Jahre zuvor ihren Anfang nahm. Premiere feierte der Chimborazo-Film am 7. September 1989 im Berliner Kino International als deutsch-deutsche Koproduktion zwischen der DEFA, dem ZDF und der TORO-Filmgesellschaft sowie unter Mitarbeit der ecuadorianischen ASOCINE als einer der letzten DEFA-Filme vor der friedlichen Revolution.
Die preußische Realität entspricht nicht Humboldts Vorstellungen vom Leben. Fotografen: Wolfgang Ebert, Dietram Kleist
Alexander von Humboldt zieht es raus in die Welt. Fotografen: Wolfgang Ebert, Dietram Kleist
Regie: Rainer Simon
Rainer Simon
während der Dreharbeiten zu DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO (1988/89). Fotografen: Wolfgang Ebert, Dietram Kleist
Von einer kolumbianischen Zeitung bekam Rainer Simon einst den Beinamen „El Subversivo“ verliehen (vgl. Interview Rainer Simon und Ralf Schenk, Neues Deutschland, 31. Januar 2000). Immer wieder begehren Menschen in Simons Filmen gegen ihr Schicksal und die bestehende Ordnung auf. Mit Kritik an Obrigkeiten sparte der Regisseur nie. Vielfach musste er in der DDR Erfahrungen mit der Filmzensur machen. Sein geplantes Spielfilmdebüt, eine Verfilmung von Horst Bastians Roman „Die Moral der Banditen“ wurde nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED 1966 gestoppt. Sein Szenarium „Liebe mit 16“ durfte er nicht verfilmen. Beide Projekte wurden später von anderen Regisseuren realisiert. Am schwersten wog das Verbot des bereits fertiggestellten, in der DDR spielenden Films JADUP UND BOEL (1980), der erst acht Jahre später in den Studiokinos des Landes starten durfte. In DDR-Gegenwartsstoffen konnte der in der Regel nicht zu inhaltlichen Kompromissen bereite Simon die Dinge, die ihn bewegten, nicht dem Publikum mitteilen. In der Folge fand er seine Projektideen in der Vergangenheit: „Ich kann kostbare Lebenszeit nicht damit vergeuden zu überlegen, was aus tagespolitischen Gründen geht und was nicht. Ich suchte also in der Historie, weil ich das Gefühl hatte, da über Dinge nachdenken zu können, die mich interessieren.“ (zitiert aus Der Tagesspiegel, Heinz Kersten, 8. Oktober 1989) So lassen sich auch in DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO einige Spitzen gegen geltende Wirklichkeit in Preußen auf die DDR übertragen.
Produktionsgeschichte I: Humboldt und die Sklaverei
Rainer Simon begann sich nach dem Verbot von JADUP UND BOEL für Alexander von Humboldt zu interessieren. Bereits zuvor war DEFA-Chefdramaturg Rudolf Jürschik auf den Autor Paul Kanut Schäfer, der mit Simon an JADUP UND BOEL arbeitete, zugegangen und fragte, ob dieser sich vorstellen könne, ein Filmszenarium über Alexander von Humboldt zu schreiben. Schäfer bat um Bedenkzeit und recherchierte schließlich gemeinsam mit Simon für einen Humboldt-Film. In der ursprünglichen Projektskizze sollte Humboldts ablehnende Haltung zur Sklaverei und sein Aufenthalt auf Kuba im Zentrum stehen. „Die einzige Chance, Humboldt in Berührung mit einer anderen Kultur zu zeigen, bestand damals darin, den Film auf Kuba zu drehen“, äußerte Simon später über die Beweggründe (vgl. Aus Theorie und Praxis des Films, 1/1990, S. 54). Da kubanische Filmschaffende jedoch einen eigenen Film über Alexander von Humboldt drehen wollten, konnte dieses Vorhaben laut Simon nicht umgesetzt werden.
Die Loslösung von der Mutter (Monika Lennartz) ist für Alexander ein langer Prozess. Bruder Wilhelm (Götz Schubert) wählt einen anderen Weg. Fotografen: Wolfgang Ebert, Dietram Kleist
Freund Reinhard (Sven Martinek) unterstützt Alexander bei schmerzhaften Selbstexperimenten. Fotografen: Wolfgang Ebert, Dietram Kleist
Produktionsgeschichte II: Die Jugend und der Chimborazo
Schäfer und Simon konzentrierten sich nach der gescheiterten ersten Idee auf Humboldts Jugend. Den Schlusspunkt des Films sollte die Besteigung des Chimborazo als Symbol für die Erfüllung der Träume bilden. „95 % dieses Films hätten in Europa und nur 5 % in Südamerika gespielt“, so Simon (ebd.). Den Filmschaffenden war klar, dass sich die Aufnahmen in Südamerika aufgrund der hohen Kosten nicht ohne Koproduktionspartner realisieren lassen würden. Doch die Suche gestaltete sich schwierig. Da das Projekt bereits als nicht umsetzbar galt, wandte sich Simon der Regiearbeit für WENGLER & SÖHNE zu und schrieb das Szenarium für DER FALL Ö. DDR-Filmminister Horst Pehnert überbrachte ihm eines Tages die überraschende Nachricht, dass das ZDF einer Koproduktion mit dem Humboldt-Stoff zugestimmt habe. Am 27. Juni 1987 brachen Simon, Schäfer und der westdeutsche Produzent Karl-Heinz Menzinger zum ersten Mal zur anderen Seite des Atlantiks auf, um Drehorte in Ecuador zu finden. Simon notierte an diesem Tag: „Einen Film über Alexander von Humboldt zu drehen, heißt nachzudenken über einen Menschen, der mit äußerster Konsequenz versuchte, seinem Leben einen Sinn zu geben. Diesem seinem Anspruch muss man gerecht werden.“ (vgl. vgl. Rainer Simon: Meine Chimborazo-Tagebücher, In: Die Besteigung des Chimborazo. Eine Filmexpedition auf Alexander von Humboldts Spuren, 1990, S. 120)
Forschungen am Chimborazo mit Carlos Montúfar (Luis Miguel Campos). Fotografen: Wolfgang Ebert, Dietram Kleist
Alexander von Humboldt mit Forscherfreund Aimé Bonpland (Olivier Pascalin) und der indigenen Bevölkerung am Chimborazo. Fotografen: Wolfgang Ebert, Dietram Kleist
Abenteuer in Ecuador...
Von der Hauptstadt Quito über die Hochebene Limpiopungo am Vulkan Cotopaxi durch den Ort La Moya bis nach Totorillas in 4.000 Metern Höhe und darüber hinaus war das 13-köpfige DEFA-Filmteam um Rainer Simon bei den Dreharbeiten in Ecuador unterwegs und ging große Risiken ein. Es war eine Vielzahl unerfahrener Darsteller involviert, die zum Teil noch nie vor der Kamera standen. Der Dreh erfolgte mit schwerem Equipment in unwegsamem, steilem Gelände und mit einer deutschen Filmcrew, die mit den klimatischen Begebenheiten in den Höhen Ecuadors nicht vertraut war. Über den Zeitraum von zehn Tagen filmte das Team in über 5.000 Metern Höhe. Zudem war vorab unklar, wie sehr sich die indigene Bevölkerung auf die Dreharbeiten einlassen würde. Etwaige Sorgen waren jedoch unbegründet. Die Bevölkerung war durch den auch in der DDR gezeigten Dokumentarfilm LOS HIELEROS DEL CHIMBORAZO (dt: DIE EISTRÄGER VOM CHIMBORAZO, R: Igor und Gustavo Guayasamin, 1980) zum Teil bereits filmerprobt. Die Zusammenarbeit geschah in Erinnerung von Rainer Simon stets auf Augenhöhe. Bis heute pflegt er enge Kontakte zu den Menschen und reiste mehr als 20 weitere Male in das Land. „Kein anderer meiner Filme hat mein Leben so sehr beeinflusst und bereichert wie dieser“, hält er rückblickend fest.
... aber kein Abenteuerfilm
Auch wenn bereits vor Drehbeginn klar war, dass DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO kein klassischer Abenteuerfilm werden sollte, kristallisierte sich die finale Struktur des Films erst während der Dreharbeiten heraus. Der Südamerika-Komplex wurde deutlich umfangreicher als ursprünglich angedacht: „In gewisser Weise gewannen Land und Menschen, die fremde Kultur einen Eigenwert, den man nicht einfach willkürlich beschneiden konnte. Wir stellten fest, dass unser Material mehr und mehr dokumentarischen Charakter bekam“ (Simon in Theorie und Praxis, 1/1990, S. 56). Die in Rückblenden vermittelten, frühen Jahre Humboldts, verdichteten sich zu einer mosaikartigen Erzählung. Durch die umfassendere Darstellung des indigenen Lebens im Zusammenspiel mit einem global denkenden, sich nicht im Korsett Preußens bewegenden Humboldt wurde der Film auch zu einem Plädoyer über die Völkerverständigung mit Aktualitätsbezug: „Wir sehen uns heute überall in Europa mit den Phänomenen von Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit konfrontiert (...) Wir wissen heute, wie wir in Europa ganz direkt von den Entwicklungen der Dritten Welt abhängig sind. (...) Es zeigt sich, dass allgemeine und globale Menschheitsprobleme uns immer konkreter betreffen und dass ein Fortbestehen der Menschheit nur durch gegenseitiges Verständnis möglich ist und neue erschreckende Formen der Intoleranz ausschließen muss“, so Rainer Simon 1989 im Gespräch mit Helmut Ullrich (Neue Zeit, 2. September 1989).
Rainer Simon im Austausch mit Humboldt-Darsteller Jan Josef Liefers. Fotografen: Wolfgang Ebert, Dietram Kleist
Rainer Simon und sein Kameramann Roland Dressel beim Dreh in Ecuador. Fotografen: Wolfgang Ebert, Dietram Kleist
Neues Gesicht auf der Leinwand: Jan Josef Liefers
Jan Josef Liefers
als Alexander von Humboldt. Fotografen: Wolfgang Ebert, Dietram Kleist
An seinem 24. Geburtstag drehte Jan Josef Liefers für DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO eine der gefährlichsten Szenen seiner filmischen Karriere. Zwölf Mal stürzte er sich als Alexander von Humboldt in den Rio Puela. Ein Fluss mit schneller Strömung und einer Wassertemperatur von zehn Grad Celsius. Gesichert war er lediglich durch ein unter Wasser gespanntes Seil. Es war nicht die einzige Herausforderung für den jungen Schauspieler, der gerade erst sein Studium an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin abgeschlossen hatte. Im Gespräch mit Karl-Heinz Dorschner für den PROGRESS-Pressedienst erinnerte er sich: „Wir haben einiges in der Höhe von über fünftausend Metern gedreht, weit über den Wolken und in einer so dünnen Luft, dass jeder Schritt eine Überwindung ist, dass man größte Erschöpfung nicht mehr spielen muss, sondern sie am eigenen Leib erlebt.“ Anders als andere Mitglieder des Drehstabs – Darsteller Olivier Pascalin erkrankte bspw. an der Höhenkrankheit – blieb Liefers von größeren Blessuren verschont. Warum er die bereits anhand des Drehbuchs erkennbaren Strapazen für seinen ersten Film auf sich nahm? Mit dem Start seiner Theaterlaufbahn am Deutschen Theater war Liefers nicht restlos zufrieden. Während frühere Kommilitonen in der DDR-Provinz große Rollen spielten, hatte er Mühe sich an dem renommierten Haus ‚frei zu spielen‘. Letztlich markierte die Rolle des Alexander von Humboldt den Auftakt für eine bis heute andauernde große Karriere in Film und Fernsehen. Die DDR-Presse feierte das neue Gesicht bereits damals: „Liefers spielt seinen Humboldt von innen heraus, keine expressiven Gesten, kein überschäumendes Temperament, dafür ein sorgfältig gezeichneter Charakter – und ein Gesicht mit Leinwandpräsenz. Ein Glücksfall.“ (W., Leipziger Volkszeitung, 4. Oktober 1989)
Ein Angebot an die Jugend mit schwerem Stand gegen den Mainstream
Bei der Bewertung von DER BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO war sich die DDR-Filmkritik weitgehend einig. Während in einer Reihe von Rezensionen bemängelt wurde, dass es Humboldt an einem echten Gegenspieler mangle und es schwerfiele, eine emotionale Nähe zu ihm aufzubauen, wurde die Kameraarbeit Roland Dressels hymnisch gelobt: „Es entstehen Bilder und Szenen von seltener Kraft, Schönheit und Intensität.“ (Peter Ahrens, Weltbühne, 3. Oktober 1989) Auch die Bemühungen, die indigene Bevölkerung nicht nur als Beiwerk in den Film einzubinden sowie die Humboldt-Figur modern zu interpretieren und der jungen DDR-Generation damit ein Identifikationsangebot zu machen, fanden breite Anerkennung. „Die Botschaft der Filmautoren an die Zuschauer wird sehr wohl verstanden: Gerade junge Menschen sollen nicht lasch und bequem leben, sich nicht bescheiden und mit schnellen Erfolgen zufriedengeben, wenn es gilt, neue Ufer anzupeilen.“ (Ute Semkat, Magdeburger Volksstimme, 21. September 1989) Jedoch blieb Simons anspruchsvoll inszeniertes Angebot an die Jugend im Wendeherbst 1989 vielfach ungesehen. Während der US-amerikanische Kassenschlager DIRTY DANCING (R: Emile Ardolino, 1987) in den DDR-Kinos in seine 13. Woche ging und hunderttausende Zuschauerinnen und Zuschauer anlockte, war DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO mitunter bereits in der zweiten Woche aus den Programmplänen verschwunden. Anerkennung fand der Film, als er 1991 den Preis der Jury beim 10. Internationalen Festival für Spielfilme mit Natur- und Umweltthematik auf Teneriffa gewann. Bis heute wird der Film bei weltweiten Retrospektiven und Filmvorführungen, die auf Initiative der Goethe-Institute, der DEFA Film Library, der DEFA-Stiftung und Rainer Simon persönlich organisiert wurden, regelmäßig aufgeführt.
Verfasst von Philip Zengel. (Dezember 2025)