Erster Verlust
ERSTER VERLUST wurde 2025 auf Initiative der DEFA-Stiftung mit finanziellen Mitteln aus dem Förderprogramm Filmerbe und in enger Zusammenarbeit mit den beiden Filmemachern Peter Badel und Maxim Dessau digital-restauriert. Nach einer ersten Aufführung bei der Jahrestagung der German Studies Association (GSA) in Phoenix, Arizona im September ist die digitalisierte Fassung am Samstag, 24. Oktober 2026, 17:00 Uhr erstmals in Deutschland beim FilmRestored-Festival im Sinema Transtopia in Berlin zu sehen. Zu Gast ist Regisseur Maxim Dessau.
Kurzinhalt
ERSTER VERLUST
(R: Maxim Dessau, 1990) Grafikerin: Birgit Osswald
Sommer 1942. Als Bauer Heinrich in den Krieg muss, ist die Existenz des Hofes bedroht, denn seine junge Frau Kathrin und seine Schwester Frieda können das Anwesen unmöglich allein bewirtschaften. Hoffnung keimt auf, als die Behörden dem Dorf eine Gruppe sowjetischer Kriegsgefangener zuweisen. Doch diese sind halb verhungert und dem Tod näher als dem Leben. Frieda, die entschlossen an die Stelle ihres geliebten Bruders getreten ist, ergattert einen Gefangenen und kommandiert mit harter Hand. Kathrin, zur Magd degradiert, ist ihrer emotionalen Kälte schutzlos ausgeliefert. Ihre Einsamkeit und stille Verzweiflung verbirgt sie hinter einer Maske, während ihr Groll auf die Schwägerin und das ganze sinnlose Dasein wächst.
Produktionsnotizen
Regisseur Maxim Dessau nahm Brigitte Reimanns Erzählung „Die Frau am Pranger“ als Anregung für seinen Film. Den Text schrieb die Autorin zu Beginn ihrer schriftstellerischen Laufbahn im Alter von 22 Jahren. Bei seinem Erscheinen 1956 in der DDR war das Buch viel beachtet worden. Dessau kreierte daraus ein ganz eigenes Werk. Die Dreharbeiten fanden zwischen dem 12. August 1989 und dem 23. Februar 1990 in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs statt. Erste Landschaftsaufnahmen entstanden in Polen. Die Hauptdrehorte lagen in den Gemeinden Weißbach und Bremsnitz im heutigen Saale-Holzland-Kreis in Thüringen.
Premiere im wiedervereinigten Deutschland
Als ERSTER VERLUST am 6. Oktober 1990 eine kleine Premiere feierte, existierte die DDR seit drei Tagen nicht mehr. Es war die erste DEFA-Premiere im vereinten Deutschland. Die Vorführung erfolgte zur Eröffnung des neuen, vom Progress Film-Verleih betriebenen Clubkinos „Felix“ mit 130 Plätzen im Palais am Festungsgraben in Berlin. Im Anschluss wurde Wim Wenders’ DER HIMMEL ÜBER BERLIN gezeigt – in Anwesenheit des Regisseurs sowie weiterer europäischer Filmgrößen wie Liliana Cavani, Jörn Donner, Dušan Makavejev, Henning Carlsen und David Rose. In seiner Filmbesprechung im Tagesspiegel vom 9. Oktober 1990 zitierte Kritiker Volker Baer einen Premierengast mit den sarkastischen Worten, dass noch nie zuvor so viel internationale Prominenz zu einer DEFA-Premiere im früheren Ost-Berlin zusammengekommen sei.
Sowjetische Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Fotograf: Olaf Skrzipczyk
Der Kathrin und Frieda zugeteilte Alexej muss aufgepeppelt werden. Fotograf: Olaf Skrzipczyk
Regie: Maxim Dessau
Maxim Dessau ist zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt. Sein erstes Spielfilmprojekt SCHNAUZER (1984) war Jahre zuvor aus politischen Gründen abgebrochen worden. Nach Jahren der Assistenzen (u.a. HILDE, DAS DIENSTMÄDCHEN) und der Hinwendung zum Theater wurde ERSTER VERLUST sein erster Kinospielfilm und Stand heute sein einziger. 1991 drehte er den mit dem Bayerischen Fernsehpreis prämierten Dokumentarfilm UGORSKI über den Leningrader Pianisten Anatolij Ugorski. Das filmische Werk Dessaus blieb jedoch ähnlich unvollendet, wie das von Regiekollegen wie Ulrich Weiß oder Peter Welz, die mit vergleichbar hervorstechenden künstlerischen Handschriften in der Spätphase der DEFA am Babelsberger Studio Filme drehten. Das ist umso bedauerlicher, da das Ausnahmetalent Dessaus in den Filmkritiken zu ERSTER VERLUST sofort erkannt wurde: „Da inszeniert ein begabter Regisseur“ (Günter Sobe, Berliner Zeitung, 8. Oktober 1990), „Da beweist sich das Talent. Da fand Regie statt.“ (Henryk Goldberg, Filmspiegel 1990/24), „Für Maxim Dessau [...] ist ERSTER VERLUST [...] Ausweis für filmkünstlerische Begabung und bemerkenswerte Sicherheit im Ästhetischen“ (Rosemarie Rehahn, Wochenpost, 17. Oktober 1990).
Während der Dreharbeiten: Kameramann Peter Badel und Regisseur Maxim Dessau. Fotograf: Olaf Skrzipczyk
Vorbereitung einer Szene: Regisseur Maxim Dessau mit Julia Jäger. Fotograf: Olaf Skrzipczyk
Stilistisch außergewöhnlich: Bildsprache & Originalton
In Zusammenarbeit mit Kameramann Peter Badel gelang Maxim Dessau ein stilistisch außergewöhnlicher Film in faszinierenden schwarz-weiß Aufnahmen, leise und nachdenklich inszeniert in einer offenen, fragmentarischen Erzählweise. Bemerkenswert für die damalige Zeit: Die Filmschaffenden nutzten ausschließlich den Originalton – ohne die bei der DEFA übliche Nachsynchronisation – und schufen damit eine besondere, einzigartige Atmosphäre. Eine bedeutende Unterstützung bei der Vorbereitung des Films war dem Regisseur seine Mutter Ruth Berghaus, die den Stoff las und als Zeitzeugin wertvolle Tipps gab, um das Landleben der frühen 1940er-Jahre in Deutschland authentisch abzubilden. „Ganze Sätze von ihr wurden in das Drehbuch übernommen“, berichtet Dessau rückblickend.
Neue Beziehungskonstellation auf dem Hof: Alexey, Kathrin und Frieda. Fotograf: Olaf Skrzipczyk
Kathrin (gespielt von Julia Jäger). Fotograf: Olaf Skrzipczyk
Neue Gesichter auf der Leinwand
Herausragend besetzt ist der Film mit Julia Jäger und Uta Koschel als ungleiches Frauengespann. Für Julia Jäger war es die erste Kinohauptrolle, nachdem sie als Zwölfjährige bereits einen kleinen Part in der DEFA-Produktion MORITZ IN DER LITFASSSÄULE (R: Rolf Losansky) gespielt hatte. Regisseur Dessau entdeckte sie bei einem Vorspiel der Leipziger Theaterschule am Ende ihres ersten Studienjahres. Ursprünglich war Christiane Hagedorn für die Rolle vorgesehen, doch diese erhielt von der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ keine Freistellung für die Dreharbeiten. Für Julia Jäger war es der Auftakt für eine erfolgreiche schauspielerische Laufbahn. Bereits im Folgejahr wirkte sie unter der Regie von Detlev Buck in der Erfolgskomödie KARNIGGELS mit.
Jägers Spielpartnerin Uta Koschel hatte ihr Schauspielstudium bereits 1988 abgeschlossen und war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten am Theater Rudolstadt engagiert. Heute steht sie nicht mehr vor der Kamera oder auf der Bühne, sondern leitet seit einigen Jahren als Intendantin das Theater Vorpommern. In der Rolle des sowjetischen Kriegsgefangenen Alexej überzeugt Pawel Sanajew, der wenige Jahre zuvor schon in Rolan Bykows Drama VOGELSCHEUCHE (OT: Tschutschelo, 1984) in einer Nebenrolle zu sehen war. Ergänzt wird das Ensemble durch namhafte Darsteller wie Jaecki Schwarz, Martin Seifert und Horst Krause.
Essensausgabe für die Gefangenen. Kathrin bei einem Soldaten der Wehrmacht (Jaecki Schwarz). Fotograf: Olaf Skrzipczyk
Kathrin mit Ortsbauernführer Lange (Martin Seifert). Fotograf: Olaf Skrzipczyk
Echo
Der zeitgenössische Pressespiegel zu ERSTER VERLUST ist überaus schmal. Die überlieferten Besprechungen lassen sich beinahe an einer Hand abzählen. Fast scheint es, als hätte es diesen Film nicht gegeben. Eine erste, nur wenige Zeilen lange Pressenotiz in der Sächsischen Zeitung weist am 27. Oktober 1989 – wenige Tage vor dem Mauerfall – auf den fast abgedrehten Film hin. Als ERSTER VERLUST im Oktober 1990 Premiere feiert, kommen nur wenige Besprechungen hinzu. Das internationale Echo war hingegen beachtlich.
ERSTER VERLUST war Wettbewerbsbeitrag beim renommierten Filmfestival im spanischen San Sebastián und gewann beim Internationalen Festival des Autorenfilms in Bergamo-Sanremo den Hauptpreis. Julia Jäger wurde beim Max Ophüls Festival in Saarbrücken als beste Nachwuchsdarstellerin prämiert. Jenseits der Filmfestivals fand der ruhige Film im stürmisch-hektischen Umfeld des Jahres 1990 jedoch kaum Publikum. „Wer wird wohl Zeit und Muße haben für so einen Film in einer Zeit wie dieser, in der die Menschen anderes bewegt als eine Geschichte aus dem Deutschland des Jahres 1942. Fernsehunterhaltung hat’s da leichter.“ bemerkte Rezensentin Marina Müllheimer (Der Morgen, 10. Oktober 1990) und behielt damit Recht.
Verfasst von Philip Zengel. (Oktober 2026)