Filmstill zu "Fallada - Letztes Kapitel"

Fallada - Letztes Kapitel

FALLADA – LETZTES KAPITEL (1988) erscheint am 28. Mai 2021 nach einer hochwertigen Digitalisierung erstmals auf DVD. Aufgrund fehlender Musikrechte konnte die Produktion in den vergangenen Jahren kaum gezeigt werden. Nach einem Nacherwerb der Rechte durch die DEFA-Stiftung steht der Film nun auch für Kinovorführungen und Fernsehausstrahlungen zur Verfügung.

Kurzinhalt

Filmplakat zu "Fallada - Letztes Kapitel"

FALLADA - LETZTES KAPITEL

(R: Roland Gräf, 1988) Grafiker: Erhard Grüttner

FALLADA – LETZTES KAPITEL gewährt Einblicke in die letzten zehn Lebensjahre (1937-1947) des Schriftstellers Hans Fallada (gespielt von Jörg Gudzuhn). Fallada lebt zu dieser Zeit im mecklenburgischen Carwitz. Er bringt kaum noch etwas zu Papier, trinkt viel Alkohol und nimmt Tabletten. Da er mit einer Auftragsarbeit kaum vorankommt, erhält er eine Aufpasserin (Corinna Harfouch) aus Berlin. Gegenüber seiner ihn unterstützenden Frau Anna (Jutta Wachowiak) verhält sich Fallada aggressiv. Erst beginnt er ein Verhältnis mit dem Hausmädchen (Ulrike Krumbiegel), später lernt er die Morphinistin Ursula Losch (Katrin Sass) kennen, die ihn noch tiefer in den Abgrund reißt...

 Hier finden Sie die kompletten Filmdaten.

Hans Fallada

Hans Fallada, eigentlich Rudolf Ditzen, wird 1893 in Greifswald geboren. Das Pseudonym entstand, da Falladas Vater nicht duldete, dass sein Sohn unter dem Familiennamen publizierte. Der Name setzt sich aus zwei Märchengestalten der Brüder Grimm zusammen: Dem Protagonisten aus „Hans im Glück“ und dem stets die Wahrheit sprechenden Pferd Falada aus „Die Gänsemagd“. Zu Falladas bekanntesten Werken zählen u.a. „Kleiner Mann – was nun?“ (1932), „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ (1934), „Wolf unter Wölfen“ (1937) und „Jeder stirbt für sich allein“ (1947).  Mit seinen oft gesellschaftskritischen Stoffen wird Fallada zu einem Chronisten politischer Zustände seiner Zeit. Oft beruhen seine Schriften auf persönlichen Erfahrungen. Im Gegensatz zu vielen anderen Literaten wählt Fallada während des Nazi-Regimes nicht das Exil und arrangiert sich mit dem System, ohne mit den Nationalsozialisten zu sympathisieren. Zunehmend wird er von Alkohol und Morphium abhängig, gibt sich exzentrisch und gewaltsam. Mehrere Jahre seines Lebens verbringt er in Nervenheilanstalten und Gefängnissen. Hans Fallada stirbt 1947 im Hilfskrankenhaus Niederschönhausen in Berlin.

Filmstill zu "Fallada - Letztes Kapitel"

Jörg Gudzuhn als Hans Fallada in FALLADA - LETZTES KAPITEL (R: Roland Gräf, 1988) Fotograf: Wolfgang Ebert

Filmstill zu "Fallada - Letztes Kapitel"

Jörg Gudzuhn und Jutta Wachowiak in FALLADA - LETZTES KAPITEL (R: Roland Gräf, 1988) Fotograf: Wolfgang Ebert

Produktionsnotizen

Der Film geht auf Motive der Biografie „Leben und Tode des Hans Fallada“ (1978) von Tom Crepon zurück. Die Autorin Helga Schütz recherchierte für das Filmszenarium umfangreich im Fallada-Archiv, das damals noch in Feldberg angesiedelt war. Auch Falladas erste Frau Anna Ditzen (1901-1990) führte mit den Filmemachern Hintergrundgespräche. Die Dreharbeiten fanden zwischen Juli und Dezember 1987 überwiegend in Carwitz statt.

Original-Kinotrailer zu FALLADA - LETZTES KAPITEL (R: Roland Gräf, 1988)

Eine lange Produktionsgeschichte

Filmstill zu "Fallada - Letztes Kapitel"

Katrin Sass

in FALLADA - LETZTES KAPITEL (R: Roland Gräf, 1988) Fotograf: Wolfgang Ebert

Dem Dreh gingen jahrelange Widerstände voraus. Erste Projektideen und Gespräche zwischen der Dramaturgin Christel Gräf und dem DEFA-Chefdramaturgen Rudolf Jürschik gehen auf das Jahr 1980 zurück; das Szenarium lag 1982 vor. Kritiker des Filmprojekts, das zunächst den Arbeitstitel „Fal(l)ada, der du hangest...“ trug, waren DEFA-Generaldirektor Hans-Dieter Mäde und die Hauptverwaltung Film am Ministerium für Kultur. Auf Missfallen stieß insbesondere der Fokus auf den geistigen Verfall des Schriftstellers und seine unpolitische Haltung im Dritten Reich, der nicht dem sonst gepflegten Fallada-Bild in der DDR entsprach. Rudolf Jürschik erinnert sich in dem kürzlich in der Schriftenreihe der DEFA-Stiftung erschienenen Buch „Im Maschinenraum der Filmkunst“ an die staatlichen Vorbehalte: „(...) dieses Argument, ‚das ist aus marxistisch-leninistischer Sicht eine fehlerhafte Darstellung des Verhältnisses von Kunst und Gesellschaft’ ist ein Totschlag-Argument.“ Der Band enthält auch einen am 23. Mai 1985 verfassten 17-seitigen Brief Jürschiks an Hans-Dieter Mäde und Filmminister Horst Pehnert, in dem er sich für das Projekt einsetzt und auf den er nie eine Antwort erhielt.  Roland Gräf drehte in der Zwischenzeit ohne große Widerstände den thematisch zumindest ähnlichen Film DAS HAUS AM FLUSS, nach der Erzählung „Der Russenpelz“ von Friedrich Wolf. Erst im April 1986 erhält Jürschik von Mäde ein vertrauliches Dokument in dem es eingangs heißt: „Der Stoff und das künstlerische Ziel sind potentiell tragfähig für eine Bereicherung der antifaschistischen DEFA-Tradition.“ Nachdem DAS HAUS AM FLUSS 1986 erfolgreich im Wettbewerb der Berlinale lief, soll Horst Pehnert auf Roland Gräf zugekommen sein und gesagt haben: „Wir machen Fallada.“

Regie: Roland Gräf

Roland Gräf (1934–2017) begann seine Filmlaufbahn als Kameramann. Nach einem Studium in Babelsberg von 1954 bis 1959 begann Gräf ab 1960 für die DEFA zu arbeiten. Darunter finden sich Arbeiten für Regisseure wie Herrmann Zschoche, Frank Vogel, Lothar Warneke, Iris Gusner und Jürgen Böttcher. Mehrfach wird Roland Gräf während seiner Schaffenszeit als Kameramann mit Filmverboten konfrontiert: WIND VON VORN unter der Regie von Helmut Nitzschke wird 1962 abgebrochen, Jürgen Böttchers JAHRGANG 45 wird im Zuge des 11. Plenums des ZK der SED verboten. Das gleiche Schicksal ereilt Iris Gusners DIE TAUBE AUF DEM DACH (1973) einige Jahre später. 1970 realisiert Gräf mit MEIN LIEBER ROBINSON sein Debüt als Regisseur. Neun weitere Regiearbeiten folgen. Darunter BANKETT FÜR ACHILLES (1975), DIE FLUCHT (1977), P.S. (1978), MÄRKISCHE FORSCHUNGEN (1981) und DER TANGOSPIELER (1990). Über FALLADA – LETZTES KAPITEL sagte der Regisseur: „Fallada ist der Film, bei dem ich selbst am meisten gelernt habe. (...) Ich habe begriffen, unter bestimmten Bedingungen hat das Leben erst einmal nichts mit Moral zu tun. Das Leben ist einfach Leben. Und mancher ist so gefangen in sich selbst (...). Und irgendwann begreift man, dass Fallada vermutlich keine vernünftige Zeile zu Papier gebracht hätte, wenn sein Leben nicht so gewesen wäre, wie es eben war.“

Filmstill zu "Fallada - Letztes Kapitel"

Roland Gräf und Jörg Gudzuhn bei den Dreharbeiten zu FALLADA - LETZTES KAPITEL (R: Roland Gräf, 1988) Fotograf: Wolfgang Ebert

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Corinna Harfouch und Roland Gräf bei den Dreharbeiten zu FALLADA - LETZTES KAPITEL (R: Roland Gräf, 1988) Fotograf: Wolfgang Ebert

Eine hochkarätige Besetzung

Der Film besticht durch sein glänzend aufgelegtes Schauspielensemble. Bereits früh gab Roland Gräf bei den Projektplanungen an, dass er sich niemand anderen als Jörg Gudzuhn für die Darstellung des Hans Fallada vorstellen könne. Als Falladas erste Frau ist Jutta Wachowiak zu sehen, die in fast allen Roland-Gräf-Filmen zumindest kleine Parts spielt und eine enge Arbeitsbeziehung mit dem Regisseur pflegte. Gräf hielt über ihre dialogarme Rolle Wachowiaks fest: „Alles was sie auszudrücken hat, liegt in ihrem Gesicht, in ihren Gesten, in ihrer Haltung. Genaue physische Präsenz wiegt immer mehr als Dialog.“ Die noch junge Schauspielerin Ulrike Krumbiegel ist in der kleinen, jedoch nicht unwichtigen Figur des Hausmädchens zu sehen. Alle drei Akteure waren zur Zeit der Dreharbeiten fest am Deutschen Theater engagiert. Entsprechend strapaziös gestalteten sich nach abendlichen Vorstellungen die frühmorgendlichen Reisen von Berlin nach Carwitz. Katrin Sass spielt Falladas zweite, dem Morphium verfallene Frau. Jörg Gudzuhn erinnert sich in einem Zeitzeugengespräch mit der DEFA-Stiftung an ihren Einsatz, sich selbst im Film die Spritze zu setzen: „Da hat sie ihren Ehrgeiz reingesetzt, dass das eben nicht getürkt war“. Auch Katrin Sass’ Mutter, die Schweriner Volksschauspielerin Marga Heiden, spielt eine kleine Rolle als Großmutter Losch. Corinna Harfouch, die Ende der 1980er-Jahre mit mehreren DEFA-Filmen große Erfolge feierte, spielt die geheimnisvolle und unnahbare Else-Marie Bukonje. Sowohl Harfouch als auch Sass und Wachowiak waren bereits in Gräfs Vorgängerfilm DAS HAUS AM FLUSS besetzt.

Filmstill zu "Fallada - Letztes Kapitel"

Jörg Gudzuhn und Katrin Sass in FALLADA - LETZTES KAPITEL (R: Roland Gräf, 1988) Fotograf: Wolfgang Ebert

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Jutta Wachowiak in FALLADA - LETZTES KAPITEL (R: Roland Gräf, 1988) Fotograf: Wolfgang Ebert

Echo

FALLADA – LETZTES KAPITEL wird 1988 mit zahlreichen Preisen und dem Prädikat „besonders wertvoll“ bedacht. Auf dem 5. Nationalen Spielfilmfestival der DDR in Karl-Marx-Stadt, in dessen Rahmen am 11. Mai 1988 die Premiere erfolgte, wird die Produktion mit dem Hauptpreis als bester Film gewürdigt. Prämiert wird auch die Kameraarbeit von Roland Dressel. Auf dem Internationalen Filmfestival in Chicago (USA) gewinnt Jörg Gudzuhn 1989 den „Silbernen Hugo“ als bester Schauspieler. Die Presse urteilt überwiegend wohlwollend. Henry Goldberg stellt im Filmspiegel (13/1988) heraus, dass Roland Gräf „(...) mit dem sehr genauen, prägenden Szenarium von Helga Schütz, wohl seinen besten, dichtesten Film inszeniert und ganz vorn angekommen ist – thematisch wie ästhetisch (...).“

verfasst von Philip Zengel (Mai 2021)

DVD-Neuerscheinung: Fallada - Letztes Kapitel

Bei ICESTORM erscheint FALLADA - LETZTES KAPITEL erstmals auf DVD. Als Bonusmaterialien beinhaltet die Edition Ausschnitte aus Zeitzeugengesprächen mit Jörg Gudzuhn, Helga Schütz und Jutta Wachowiak. Die DVD ist barrierefrei.

die DVD Edition bei jpc

Buchtipp: Im Maschinenraum der Filmkunst

Ein besonderes Augenmerk legt DEFA-Chefdramaturg Rudolf Jürschik in seinen Erinnerungen „Im Maschinenraum der Filmkunst“ (Hg. Detlef Kannapin) auf die Entstehungsgeschichte von FALLADA – LETZTES KAPITEL.

mehr Informationen zum Buch
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