Wenn die Kraniche ziehen...

Am 24. August 2020 ist Dr. Erika Richter im Alter von 82 Jahren verstorben.

Michail Kalatosows Filmdrama galt Dir als eines der bedeutenden Meisterwerke. Ein Geheimnis verrate ich damit nicht. Du hast nach echten Menschen gesucht, nach dem ungeglätteten Alltag Ausschau gehalten und mit Leidenschaft die nicht-sterilen Filmeinstellungen gefunden, die uns unser dahintreibendes Leben für einige Momente bewusster, anders wahrnehmen lassen. Gefunden hast Du sie nicht nur in den Spielfilmen von Lothar Warneke, Konrad Wolf, Evelyn Schmidt oder Ulrich Weiß, sondern ebenso in den Dokumentarfilmen von Jürgen Böttcher, Volker Koepp sowie Winfried und Barbara Junge. Deine Suche führte Dich auch durch Krisenzeiten im Leben und filmisch über alle Grenzen hinaus, nach Ägypten, nach Armenien…

Kennengelernt haben wir uns erst nach alledem. In Deiner Berliner Wohnung, meterhoch eingerahmt von Büchern, haben wir mit Deiner Freundin Mareike Block vor all den Artikeln, Reden und Filmkritiken gesessen, die Du seit 1961 geschrieben hast. Schweren Herzens mussten wir auswählen, welche davon in die Festschrift zu Deinem 80. Geburtstag gelangen. Liebe zum Film, schlug ich als Titel vor. »Das gefällt mir nicht so gut«, kommentiertest Du leise, aber mit Deinem liebevollen Ernst: »Es geht mir um die besondere Erfahrung der Filme im Kino, die diese Liebe ausmacht«. Liebe zum Kino also. – Wir sprachen über Deinen Text zum Abschied von der Utopie des Ostens, darüber, wie sehr es Dir eigentlich widerstrebt, mit Worten das zu interpretieren und zu »domestizieren«, was als Filmbild doch derart eigenständig Kraft wie Tiefe besitzt und behalten soll. Mit der Würde des Menschen, seiner Autonomie, stand es für Dich wohl nie anders, wie um die Würde des Films. Das war Deine Haltung, mehr noch: Dein Ethos, spürbar als Spannung in all Deinen Texten. Demjenigen, der sie als mechanische Analyse liest, entgeht Dein intuitives Spiel, manchmal auch der intuitive Kampf, den Film nicht unter Worten zu erdrücken, sondern seine vitale Kraft an all die Sorgen und Chancen anzubinden, die das Leben stellt. Das betraf seine Helden, manchmal deren Karikaturen, es betraf die Filmschaffenden, es betraf die Zuschauenden. Du hast uns alle betroffen, uns zu Betroffenen des Films gemacht. Wer Dir zuhörte, wer Deine Texte liest, kann keinen Film mehr nur vom Rande aus betrachten.

Meinem Nachruf also bleibt Dein Anspruch wie man Filme schaut, nämlich nur, indem man sie erlebt.

verfasst von René Pikarski (DEFA-Stiftung)

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In über 55 Jahren mit großem Engagement für den Kinofilm begleitete Erika Richter als Dramaturgin 21 DEFA-Produktionen, darunter JADUP UND BOEL (R: Rainer Simon, 1980), DAS FAHRRAD (R: Evelyn Schmidt, 1981), BLONDER TANGO (R: Lothar Warneke, 1985) und COMING OUT (R: Heiner Carow, 1989). Nach dem Tod ihres Mannes Rolf Richter übernahm sie 1992 die Herausgabe der Zeitschrift Film und Fernsehen als eine der wichtigen deutschsprachigen Zeitschriften mit filmwissenschaftlichem Anspruch. Von 2000 bis 2005 war sie Mitherausgeberin des Jahrbuchs der DEFA-Stiftung apropos: Film. Für ihr Engagement für die deutsche Filmkunst wurde sie 2012 mit dem Programmpreis der DEFA-Stiftung ausgezeichnet. Sie war seit der Stiftungsgründung eine wertvolle und enge Partnerin bei der Aufarbeitung unseres Filmbestandes, ihr Beitrag bleibt unvergessen.

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