Filmstill zu "Der tapfere Schulschwänzer"

Der tapfere Schulschwänzer

Nach einer digitalen Neubearbeitung erschien der DEFA-Kinderfilmklassiker DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (1967) Ende Februar 2022 bei ICESTORM auf DVD.

Kurzinhalt

Filmplakat zu "Der tapfere Schulschwänzer"

DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER

(R: Winfried Junge, 1967) Grafiker: Christoph Ehbets

Der verträumte Viertklässler Thomas (gespielt von André Kallenbach) schwänzt die Schule und bummelt durch die Straßen von Berlin. Dabei entdeckt er einen Wohnungsbrand und alarmiert die Feuerwehr, wodurch zwei Kinder gerettet werden können. Als ein Feuerwehrmann ihm danken und seinen Namen aufschreiben will, läuft Thomas davon – eigentlich müsste er ja in der Schule sein. Am nächsten Tag steht seine anonyme Heldentat in der Zeitung, das Weglaufen wird als Bescheidenheit ausgelegt. Die Lehrerin spricht mit den Kindern darüber und Thomas gerät in Gewissenskonflikte…

 Hier finden Sie die kompletten Filmdaten.

Produktionsnotizen

Der Film entstand nach einem Drehbuch von Wera und Claus Küchenmeister und wurde zwischen dem 15. August 1966 und dem 21. Juli 1967 in zwei Etappen im Herbst und im Frühjahr in Berlin gedreht. Die Premiere erfolgte am 17. Dezember 1967 im Berliner Kino Kosmos.

Original-Kinotrailer zu DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (R: Winfried Junge, 1967)

Regie: Winfried Junge

Filmstill zu "Der tapfere Schulschwänzer"

Winfried Junge

bei den Dreharbeiten zu DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (R: Winfried Junge, 1967) Fotograf: Alexander Schittko

Bekannt ist Regisseur Winfried Junge (* 1935) insbesondere für seine Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“. Ab 1961 porträtierte er, später gemeinsam mit seiner Frau Barbara, die Menschen aus dem kleinen Ort im Oderbruch. Bis 2007 kehrten die Junges kontinuierlich nach Golzow zurück und hielten die Lebensgeschichten verschiedener Protagonisten auf Film fest. Die Ergebnisse liefen auf zahlreichen Filmfestivals und erfreuen sich bis heute einer großen Fangemeinde. Auch jenseits von Golzow drehten Barbara und Winfried Junge mehr als 30 dokumentarische Werke. Sie unternahmen zahlreiche filmische Reisen u.a. nach Syrien, Libyen und Somalia. Mit dem Zweiteiler DIESE BRITEN, DIESE DEUTSCHEN (1988) realisierten sie gemeinsam mit einem britischen Filmteam um Murray Martin die einzige Co-Produktion der DEFA mit Großbritannien. DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER blieb Winfried Junges einzige Spielfilmarbeit.

Gedreht in Berlin

Dem Kinderfilm DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER ist die Herkunft des Regisseurs aus dem Dokumentarfilmfach anzumerken. Fast das gesamte erste Drittel des Films ist den Beobachtungen in Berlin gewidmet. Vielfach fängt die Kamera repräsentative Orte ein – darunter das Alte Museum am Lustgarten, die Kinos Colosseum und International oder die Mokka-Bar auf der Karl-Marx-Allee. Mit einer U-Bahnfahrt auf dem Hochbahnviadukt der Schönhauser Allee beginnt das Abenteuer des tapferen Schulschwänzers. Der sich zu dieser Zeit im Bau befindende und rasant wachsende Fernsehturm stellte den Kameramann Claus Neumann vor einige Herausforderungen. Damit die Bildanschlüsse stimmig bleiben, ist der Fernsehturm kaum im Bild zu sehen.

Der Film zeigt auch die historische, von Gründerzeitfassaden geprägte Bausubstanz der Berliner Fischerinsel. Kurze Zeit nach den Dreharbeiten wurden die Häuser zu Gunsten wuchtiger Plattenbauten vollständig abgerissen. Der bereits erfolgte Leerzug ermöglichte die dramatischen Brandszenen mit Rauchentwicklung und Löschwasser-Einsatz für den Film. Die Kinderbuchautorin Alex Wedding machte Winfried Junge auf den bevorstehenden Untergang des alten Berlins aufmerksam und regte an, die geduckten Häuser und die engen Gassen wenigstens im Film zu bewahren. Da Junge von der DEFA keine eigenen Mittel erhielt, diese Aufnahmen in einen Dokumentarfilm zu verwenden, integrierte er die Aufnahmen in seinen Kinderfilm.

 

 

Filmstill zu "Der tapfere Schulschwänzer"

André Kallenbach am Alexanderplatz in DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (R: Winfried Junge, 1967) Fotograf: Alexander Schittko

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André Kallenbach auf der Fischerinsel in DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (R: Winfried Junge, 1967) Fotograf: Alexander Schittko

Filmkind bei der DEFA

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André Kallenbach

in DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (R: Winfried Junge, 1967) Fotograf: Alexander Schittko

Zahlreiche Kinder wirkten im Lauf von fast fünf Jahrzehnten in großen und kleinen Rollen als Filmkinder bei der DEFA und erlebten die wahrscheinlich aufregendste Zeit ihrer Kindheit. Für die meisten Darstellerinnen und Darsteller blieb es bei einem einmaligen Gastspiel, sie gingen anschließend wieder zur Schule und erlernten später einen anderen Beruf. Andere blieben dem Film treu: Peter Welz, der u.a. den vom Fliegen faszinierten 8-jährigen Mathias in Heiner Carows vielbeachtetem Kinderfilm IKARUS spielte, wurde später Regisseur und 1995 für den Bundesfilmpreis nominiert. Auch der aus einer Gruppe mehrerer hundert Kinder ausgewählte „tapfere Schulschwänzer“ André Kallenbach stand mehr als einmal vor der Kamera und war mehrfach in Filmen des DDR-Fernsehens zu sehen, bevor er sich im Alter von 20 Jahren endgültig von der Schauspielerei verabschiedete. „Ich will die Zeit beim Film nicht missen“ sagte er erst kürzlich im Interview der SUPERillu.

Weitere Hintergründe und Anekdoten über die Kinderdarsteller der DEFA sind in Knut Elstermanns Buch „Früher war ich Filmkind“ nachzulesen.

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André Kallenbach in DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (R: Winfried Junge, 1967) Fotograf: Alexander Schittko

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Hartmut Tietz in DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (R: Winfried Junge, 1967) Fotograf: Alexander Schittko

Musik: Peter Gotthardt

Peter Gotthardt (* 1941) zählt zu den renommiertesten Filmkomponisten der DDR. Seinen größten Erfolg feierte er mit Heiner Carows Kultfilm DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1972). Die erste Zusammenarbeit zwischen Gotthardt und Winfried Junge geht auf das Jahr 1965 zurück. Eigentlich sollte Jean Kurt Forest die Musik für Junges dokumentarischen Kurzfilm STUDENTINNEN – EINDRÜCKE VON EINER TECHNISCHEN HOCHSCHULE anfertigen. Das Ergebnis war jedoch nicht zufriedenstellend und es wurde kurzfristig eine Alternative gesucht. Über eine Empfehlung des Wochenschau-Komponisten Kurt Gottke erhielt Junge den Kontakt zum bis dahin in der öffentlichen Wahrnehmung unbekannten Musikstudenten Peter Gotthardt. „Praktisch über Nacht“ lieferte Gotthardt eine neue Musik, erinnert sich Winfried Junge später. Nach dieser ersten Filmmusik Gotthardts sollten 500 weitere Musiken für den Film folgen und auch die Wege von Gotthardt und Junge sollten sich in den kommenden Jahrzehnten immer wieder kreuzen. Es entstanden Filme wie FILMSOMMERLICHES (1965), MIT BEIDEN BEINEN IM HIMMEL – BEGEGNUNG MIT EINEM FLUGKAPITÄN (1968), EINBERUFEN (1971), HUMMELFLUG (1978) und der Spielfilm DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (1967).

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Ingo und André Kallenbach bei den Dreharbeiten zu DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (R: Winfried Junge, 1967) Fotograf: Alexander Schittko

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Dreharbeiten im Klassenzimmer mit Jessy Rameik und Winfried Junge für DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (R: Winfried Junge, 1967) Fotograf: Alexander Schittko

Eine Nebenrolle für Jessy Rameik

In der Nebenrolle der Lehrerin feierte die gebürtig aus Riga stammende Schauspielerin Jessy Rameik (1934–2018) mit DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER ihr Leinwanddebüt bei der DEFA. Zuvor war sie bereits eine gefragte Bühnenschauspielerin und wirkte in Quedlinburg, Meißen, Görlitz, Magdeburg und am Berliner Maxim Gorki Theater. Erste Erfahrungen vor der Kamera sammelte Rameik beim DDR-Fernsehen. Dort konnte sie ihr künstlerisches Können jedoch kaum entfalten. 1969 entdeckte der Regisseur Frank Vogel Rameik für die weibliche Hauptrolle als erfolgreiche, aber beruflich stark beanspruchte Herzchirurgin in seinem DEFA-Gegenwartsfilm DAS SIEBENTE JAHR. Für ihre Darstellung erhielt sie ein beachtliches Presseecho. Bis in die 1970er-Jahre sollte Rameik gelegentlich in kleineren Rollen bei der DEFA mitwirken. Ihre große Leidenschaft galt aber dem Theater und dem Chanson. Mit Liedern von Tucholsky, Kästner oder Brecht tourte Rameik auch international. Ihre künstlerische Leidenschaft gab sie an nachfolgende Familiengenerationen weiter: Juana-Maria, Felix und Constantin von Jascheroff sind heute allesamt gefragte Darsteller.

Echo

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André Kallenbach

in DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (R: Winfried Junge, 1967) Fotograf: Alexander Schittko

Die DDR-Filmkritik besprach DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER weitgehend wohlwollend, während heute Kritiker die Moral und den pädagogischen Zeigefinger der Produktion kritischer sehen. Die zeitgenössische Kritik lobte insbesondere die Kameraarbeit von Claus Neumann, der das „pulsierende Leben der Großstadt“ einfange (Neue Zeit, 17.12.1967). Zu einem großen Spektakel wurde die Filmpremiere im Kino Kosmos: Die Berliner Feuerwehr war mit einer Ausstellung und verschiedenen Einsatzfahrzeugen, die von den Kindern besichtigt werden konnten, vor Ort. Auch nach dem Kinoeinsatz blieb die Produktion in der DDR-Medienlandschaft präsent: Regelmäßig wurde DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER bis zum Mauerfall im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. 1967 lief der Film zudem in Polen, Bulgarien, Japan und in der Sowjetunion. Später auch in Albanien, Vietnam, Syrien, Jordanien, der ČSSR und in Belgien. Großer Fan des Films ist der deutsche Regisseur Andreas Dresen, wie Knut Elstermann in seinem Filmkinder-Buch zu berichten weiß: „Dresen genoss diesen Kitzel des Subversiven und empfand Freude angesichts eines Schülers, der zum gefeierten Helden aufsteigt, weil er etwas tut, das eigentlich verboten ist.“ Und auch André Kallenbach erzählt bis heute gerne die Anekdote, als Andreas Dresen ihn um ein Autogramm bat.

Verfasst von Philip Zengel. (März 2022)

DVD-Tipp

Der tapfere Schulschwänzer

Der DEFA-Kinderfilm DER TAPFERE SCHULSCHWÄNZER (Winfried Junge, 1967) erschien Ende Februar 2022 erstmals in digitalisierter Fassung bei ICESTORM auf DVD. Als Bonusmaterial beinhaltet die DVD den DEFA-Trickfilm: DAS WOLKENSCHAF (Katja Georgi, 1960).

Zur DVD bei jpc.de
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