Nelken in Aspik
Zum 80. Jubiläum der DEFA ist die Satire NELKEN IN ASPIK einer der meistgezeigten DEFA-Filme in den Kinos. Auch DEFA TV präsentiert den Kultfilm im Mai jeden Samstagabend in der digital-restaurierten Fassung.
Kurzinhalt
NELKEN IN ASPIK
(R: Günter Reisch, 1976) Grafikerin: Regine Blumenthal
Wolfgang Schmidt (gespielt von Armin Mueller-Stahl) ist ein fachlich wenig begabter Mitarbeiter im „Haus der Werbung“, dessen größtes Talent bisher darin bestand, viel zu reden, ohne Wesentliches zu sagen. Der Verlust seiner zwei Schneidezähne, der zu einer unschönen, zischelnden Aussprache führt, verändert alles. Schmidt beschließt, fortan zu schweigen – mit ungeahnten Folgen. Was passiert, wenn Zurückhaltung plötzlich als Genie missverstanden wird?
Produktionsnotizen: Ein Berlin-Film
Die Dreharbeiten fanden zwischen dem 25. September 1975 und dem 29. März 1976 vorwiegend in der Hauptstadt der DDR statt. Bereits der Vorspann nimmt das Publikum mit auf die monumentale Karl-Marx-Allee vorbei am damaligen Premierenkino Kosmos. Im weiteren Verlauf des Films wird die Stadt zu einer Hauptdarstellerin: Zu sehen sind der Alexanderplatz mit der markanten Anlage am Fernsehturm sowie der damals neu eröffnete Palast der Republik. Die Szenen führen das Publikum zudem durch die Rathaus- und Klosterstraße bis hin zur markanten Hochhaus-Silhouette der Fischerinsel. Trotz der engen Bindung an die Berliner Schauplätze fand die feierliche Uraufführung in Thüringen statt: Am 24. September 1976 eröffnete der Film im Erfurter Panorama Palast die „IV. Tage des sozialistischen Films“.
Original-Kinotrailer zu NELKEN IN ASPIK (Günter Reisch, 1976)
Ein langer Weg zum Dreh
Der Weg von der ersten Idee bis zur Premiere von NELKEN IN ASPIK war hürdenreich. Regisseur Günter Reisch und Autor Kurt Belicke hatten – nach der erfolgreichen Zusammenarbeit an EIN LORD AM ALEXANDERPLATZ (1967) – den Stoff in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre unter dem Arbeitstitel „Der Mann mit der Zahnlücke“ entwickelt. Ein entschiedener Gegner des Projekts war der damalige Studioleiter Albert Wilkening, der Reisch für das Drehbuch – so die Überlieferung – sogar „Ohrfeigen angeboten“ haben soll (vgl. Michael Grisko, Zwischen Historienfilm und Gegenwartskomödie, S. 229). Anfang 1975 hielt eine Protokollnotiz fest, dass der Film endgültig aus dem Produktionsplan zu streichen sei (ebd.). Dass das Projekt dennoch realisiert wurde, wirft Fragen auf: War es eine Form von Altersmilde, die den scheidenden Studioleiter Albert Wilkening kurz vor seiner Pension dazu bewog, das Risiko dennoch einzugehen? Genügend Zündstoff bot das Thema allemal: Eine Satire auf die Werbewirtschaft in einem Land, das von Mangelwirtschaft geprägt war, glich einem Drahtseilakt. Filmhistoriker Michael Grisko verweist in diesem Zusammenhang auf die prekäre ökonomische Lage der DDR: Nachdem 1970 eingeführte Werbebudgets massiv gekürzt worden waren, mündete dies 1975 in eine strikte Werbebeschränkung für ausgewählte Bereiche. Der Grund: Die mangelhafte Konsumgüterrealität sollte durch offensive Werbung nicht noch stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden (ebd.).
Der große Schweiger (Armin Mueller-Stahl) lädt ins Haus der Werbung. Fotografen: Eberhard Daßdorf, Lothar Marten, Dieter Maurer, Rudolf Meister
Eine neue Liebe? Nelken für Cilly (Helga Sasse). Fotografen: Eberhard Daßdorf, Lothar Marten, Dieter Maurer, Rudolf Meister
Regie: Günter Reisch
Günter Reisch
während der Dreharbeiten. Fotografen: Eberhard Daßdorf, Lothar Marten, Dieter Maurer, Rudolf Meister
Das filmische Schaffen von Günter Reisch (1927–2014) teilt sich in zwei markante Pole: Auf der einen Seite stehen historisch-biografische Werke über den Klassenkampf und die Arbeiterbewegung; auf der anderen eine Vielzahl facettenreicher Komödien. Diese gestalterische Dualität ergibt sich aus Reischs eigener Biografie. Sein Drang, Geschichte filmisch aufzuarbeiten, rührte aus prägenden Erlebnissen als Jugendlicher während des Zweiten Weltkriegs. Handwerklich und ideologisch geschult wurde er durch Kurt Maetzig, dem er über Jahre assistierte. Enge Verbindungen zu Autoren wie Willi Bredel und Michael Tschesno-Hell festigten zudem seine Bindung zur Arbeiterbewegung. Mit seinen Filmen über Liebknecht, Lenin oder Max Hoelz avancierte Reisch zum Wegbereiter des modernen historischen DEFA-Films in den 1970er-Jahren. Dabei verfolgte er innovative Ansätze: Für Reisch waren Geschichtsdarstellung und Gegenwartsbezug durchaus vereinbar. So suchte er beispielsweise in WOLZ weniger nach der reinen Vermittlung von Fakten, sondern nach einer künstlerischen Antwort auf die Frage: „Was zeichnet die Persönlichkeit eines Revolutionärs aus?“
Den Gegenpol zu diesen Werken bildete seine Liebe zum Humor. „Die Sicht auf komische Lösungen ist eine Lebenshaltung“, so Reisch 1977 gegenüber der Zeitschrift Film und Fernsehen. Er betonte stets den hohen Anspruch des Genres: Die scheinbar leichte Erzählweise, die präzise Montage, die gewitzte Dialogführung und der richtige Einsatz der Musik, die den Rhythmus des Regisseurs weit stärker forderten als jedes andere Genre (vgl. Film und Fernsehen, 3/1977, S. 6).
In den 1990er- und 2000er-Jahren gab Günter Reisch sein Wissen in Weimar an die nächste Generation von Filmschaffenden weiter. Als er 2013 von der DEFA-Stiftung für sein Lebenswerk geehrt wurde, würdigten zwei seiner ehemaligen Studenten seine humoristische Handschrift: Reischs Komödien seien nie „gewollt subversiv“ oder zynisch gewesen, sondern vielmehr ein „augenzwinkerndes, liebevolles, aber genaues Hinschauen auf das Leben“. Bereits 2002 hatten sie ihm ein dokumentarisches Porträt gewidmet, in dem sich Reisch selbst nachdenklich zeigte: Während er die DDR im Laufe ihres Bestehens komödiantisch begleitete, empfand er später das Bedürfnis nach einer ernsthafteren Auseinandersetzung – um zu verstehen, warum das System letztlich „gegen den Baum“ gefahren war. Leider blieb ein solches Projekt unverwirklicht.
Der Regisseur vor der Kamera: Günter Reisch mit Armin Mueller-Stahl und Co-Autor Kurt Belicke. Fotografen: Eberhard Daßdorf, Lothar Marten, Dieter Maurer, Rudolf Meister
Dreharbeiten: Günter Reisch mit Eberhard Cohrs. Fotografen: Eberhard Daßdorf, Lothar Marten, Dieter Maurer, Rudolf Meister
Ein Feuerwerk an Komik
Nahezu jede zeitgenössische Kritik zu NELKEN IN ASPIK betonte, dass sich die DEFA traditionell schwer tue mit dem Genre des Heiteren. Doch Günter Reisch und seinem Team gelang mit dem Film eine bemerkenswerte Abkehr von bekannten Konventionen. Ausgehend von der skurrilen Prämisse eines Zahnverlusts entfaltet der Film ein außergewöhnliches Spektrum komischer Mittel. Der Inszenierungsstil ist konsequent überhöht und bedient sich einer mutigen Mischung aus grotesken und satirischen Beobachtungen gesellschaftlicher Mechanismen in der DDR sowie Elementen von Slapstick und Persiflage, die bis zur Selbstironie reichen. Reisch selbst bezeichnete sein Werk als „exzentrische Komödie“. Seine Inspiration fand er dabei jenseits der DDR-Grenzen: Später bekannte er gegenüber dem Filmhistoriker Michael Grisko seine Bewunderung für die sowjetischen Satire-Großmeister Eldar Rjasanow und Grigori Alexandrow. Auch die Arbeiten von Péter Bacsó in Ungarn, Tadeusz Chmielewski in Polen und Oldřich Lipský in der ČSSR waren ihm vertraut. Filmwissenschaftler Georg Seeßlen zog zudem Parallelen zum unkonventionellen Stil des US-Regisseurs Richard Lester (vgl. „Publikumspiraten – Das Genrekino der DEFA und seine Regisseure“, S. 122) – ein Beleg für die internationale ästhetische Sprache, die der Film spricht.
Eva-Maria Hagen posiert in der Werbelandschaft. Fotografen: Eberhard Daßdorf, Lothar Marten, Dieter Maurer, Rudolf Meister
Siegfried Huster (Erik S. Klein), Leiter der „Zentralstelle für leichte Druckerzeugnisse“, ist Fan des Kollegen Schmidt. Fotografen: Eberhard Daßdorf, Lothar Marten, Dieter Maurer, Rudolf Meister
Ein populäres Darstellerensemble
Getragen wird NELKEN IN ASPIK von einem hochkarätigen Ensemble um Hauptdarsteller Armin Mueller-Stahl. Entgegen seinem sonst eher ernsten Rollenprofil darf er sich dem DDR-Publikum hier – wie schon in Reischs Vorgänger-Komödie EIN LORD AM ALEXANDERPLATZ (1967) – von seiner heiteren Seite zeigen. Er verkörpert den Part mit „vollem körperlichen und mimischen Einsatz“ (Horst Knietzsch, Neues Deutschland, 29. September 1976). An seiner Seite überzeugt eine Riege bekannter Gesichter des DDR-Kinos und -Fernsehens, darunter Erik S. Klein, Helga Sasse, Winfried Glatzeder, Eva-Maria Hagen, Herbert Köfer, Helga Göring und Carl-Heinz Choynski. Auch besondere Gastauftritte bereichern den Film: Zum Auftakt singt der Komponist Reinhard Lakomy am Flügel und setzt den Ton für den folgenden Film. Am Ende wagt sich sogar Regisseur Günter Reisch selbst in einem Sightseeing-Bus vor die Kamera.
Verkehrskontrolle zu ungünstigem Zeitpunkt. Dietmar Freiherr von Fredersdorff-Lützenheim (Herbert Köfer), Kraftfahrer und BGL-Vorsitzender, kommt ums Pusten nicht herum. Fotografen: Eberhard Daßdorf, Lothar Marten, Dieter Maurer, Rudolf Meister
Die Fluggesellschaft „ddr air“ bringt Wolfgang Schmidt bis nach San Francisco. Fotografen: Eberhard Daßdorf, Lothar Marten, Dieter Maurer, Rudolf Meister
Begrenzte Laufzeit
Armin Mueller-Stahl
in NELKEN IN ASPIK. Fotografen: Eberhard Daßdorf, Lothar Marten, Dieter Maurer, Rudolf Meister
Trotz seiner deutlichen Spitzen gegen Arbeits- und Lebenswelt der DDR stieß NELKEN IN ASPIK bei der staatlichen Abnahme im Juni 1976 zunächst auf Zustimmung. Die Hauptverwaltung Film des Ministeriums für Kultur lobte das Werk als notwendige Bereicherung, die eine „empfindliche Lücke im Spielfilmangebot“ schließe, welche auch durch Importe kaum zu füllen sei. Nach seinem Kinostart erreichte der Film in der DDR rund 300.000 Zuschauerinnen und Zuschauer – ein eher mittelmäßiges Ergebnis, das die Erwartungen des Progress-Filmverleihs nicht ganz erfüllte. Trotz der Vorbehalte des DEFA-Außenhandels, der wegen des rasanten Erzähltempos u.a. auf Schwierigkeiten für ausländische Untertitelungen hinwies, konnte der Film international verkauft werden: Lizenzen gingen nach Bulgarien, Rumänien, Ungarn und in die UdSSR. Nur wenige Wochen nach dem Kinostart änderte sich die politische Großwetterlage in der DDR infolge der Biermann-Ausbürgerung. Die Ereignisse lösten einen kulturellen Ausblutungsprozess aus, der nicht mehr zu stoppen war. Nachdem ein Großteil des Ensembles – darunter Armin Mueller-Stahl, Eva-Maria Hagen, Edwin Marian, Winfried Glatzeder und Eberhard Cohrs – der DDR den Rücken kehrte, verschwand auch NELKEN IN ASPIK schleichend aus den Kinosälen. Zum 31. Dezember 1985 wurde dem Film schließlich die offizielle Zulassung entzogen. Selbst Archivvorführungen waren fortan untersagt. Während das eigene Volk vor dem Werk „geschützt“ werden sollte, blieb der Export ins Ausland weiterhin gestattet. Auf lukrative Devisen, die auf internationalen Märkten erzielt werden konnten, wollten die politischen Funktionäre nicht verzichten…
Verfasst von Philip Zengel. (Mai 2026)