Die Leiden des jungen Werthers
Im Rahmen der internationalen DEFA-Fachtagung „DEFA-Grenzenlos: Mobilität und Raum“ an der Universität Erfurt feiert die neu digital-restaurierte Fassung von DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS (R: Egon Günther, 1976) ihre Erstaufführung. Die Digitalisierung der DEFA-Verfilmung von Goethes weltberühmten Werk wurde mit Mitteln aus dem Förderprogramm Filmerbe finanziert.
Die Vorführung findet am Donnerstag, 26. März, 19:00 Uhr, im Kommunikations- und Informationszentrum der Universität statt.
Kurzinhalt
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS
(R: Egon Günther, 1976) Grafiker: Axel Bertram
„Warum hat er sich erschossen? War es nur aus unglücklicher Liebe, oder war es ‚das Ganze‘?“ Im Gespräch mit einem Verleger mutmaßt Wilhelm über die Gründe, die seinen Freund Werther in den Freitod trieben. Anhand der überlieferten Briefe Werthers lässt sich ein Bild eines naturverbundenen Träumers zeichnen, der mit den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit nichts anzufangen weiß. Als sich Werther in Lotte verliebt, die bereits dem pflichtbewussten Albert versprochen ist, nehmen die unheilvollen Dinge ihren Lauf...
Ein deutscher Bestseller
Nachdem der Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (das Genitiv-„s“ im Titel entfiel erst mit der Überarbeitung von 1787) auf der Leipziger Herbstbuchmesse 1774 zunächst anonym erschienen war, avancierte er binnen kürzester Zeit zum europaweiten Bestseller. Das Werk markiert bis heute einen Meilenstein der Literaturgeschichte. Goethe, der bereits im Vorjahr mit seinem Drama „Götz von Berlichingen“ deutschlandweit Bekanntheit erlangt hatte, festigte damit seine Position als wichtiger Vertreter des Sturm und Drang. „Die Leiden des jungen Werthers“ verfasste er in einem regelrechten Schaffensrausch innerhalb von nur drei Monaten. Dabei verarbeitete er eigene Erlebnisse: Seine unerfüllte Liebe zu Charlotte Buff während seiner Zeit am Reichskammergericht in Wetzlar bildete das Fundament, während das tragische Schicksal des Juristen Karl Wilhelm Jerusalem die Vorlage für das Motiv des Freitods lieferte.
Werther leidet vor Liebeskummer und hadert mit der Gesellschaft, in der lebt. Fotografin: Christa Köfer
Lotte erobert ungewollt das Herz des verträumten Werthers. Fotografin: Christa Köfer
Werther im Film
Die DEFA-Produktion DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS markiert einen wichtigen, aber nicht den ersten filmischen Zugriff auf Goethes Stoff. Bereits 1938 realisierte Max Ophüls im französischen Exil LE ROMAN DE WERTHER. Mit dieser ‚französischen Interpretation‘ verfolgte Ophüls laut Werner Schneider-Quindau das Ziel, den Deutschen ihren „Großdichter zu entführen“ (zitiert nach „Goethes Werther auf der Bühne“, S. 66). 1949 folgte Karl-Heinz Stroux mit einer weitgehend werkgetreuen Theaterverfilmung. Besonders spannend gestaltete sich die Situation Mitte der 1970er-Jahre: Fast zeitgleich zu Egon Günthers DEFA-Film entstand in der Bundesrepublik Eberhard Itzenplitz’ Fernsehfilm DIE NEUEN LEIDEN DES JUNGEN W. Dieser basierte auf Ulrich Plenzdorfs gleichnamigem Kult-Roman, der die Werther-Problematik auf die DDR-Jugend der 1970er-Jahre übertrug. Da eine Verfilmung durch die DEFA zuvor gescheitert war, wurde der Stoff im Westen adaptiert. Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb der Werther im Kino präsent: von Jacques Doillons LE JEUNE WERTHER (1992), der 1993 im Wettbewerb der Berlinale lief, über Uwe Jansons moderne WERTHER-Fassung (2008) bis hin zu Philipp Stölzls biografisch gefärbtem Spielfilm GOETHE! (2010).
Werden Werthers Briefe veröffentlicht? Wilhelm im Austausch mit einem Verleger. Fotografin: Christa Köfer
Der groteske Adel tuschelt nicht nur hinter vorgehaltener Hand über Werther. Fotografin: Christa Köfer
Regie: Egon Günther
Egon Günther
während der Dreharbeiten. Fotografin: Christa Köfer
Regisseur Egon Günther (1927–2017) pflegte ein enges Verhältnis zur Literatur. Seine Doppelbegabung als Filmemacher und Schriftsteller – mit Romanen wie „Rückkehr aus großer Entfernung“ oder „Einmal Kathargo und zurück“ – prägte sein gesamtes Schaffen. Schon vor dem WERTHER hatte er bedeutende literarische Vorlagen, darunter Werke von Johannes R. Becher (ABSCHIED, 1968), Arnold Zweig (ERZIEHUNG VON VERDUN, 1973) und Thomas Mann (LOTTE IN WEIMAR, 1975) für die Leinwand adaptiert. Sein wiederkehrendes Interesse an historischen Stoffen begründete Günther 1976 damit, dass Geschichte vielfach eine „Vitalität und starke Wirkung bis in unsere Gegenwart hinein“ besitze und man besonders aus der „Geschichte der Klassenkämpfe“ essentielles für das Heute lernen könne (vgl. Tribüne Berlin, 20. August 1976). Hinter diesem Bekenntnis zum Historischen verbarg sich jedoch auch eine künstlerische Notwendigkeit: Im selben Gespräch gestand er, dass er anstelle des WERTHERS eigentlich einen Gegenwartsfilm bevorzugt hätte, es für ihn jedoch aktuell „schwierig“ sei, seine Vorstellungen von einem solchen Film zu realisieren (ebd.). Tatsächlich war sein letzter zeitgenössischer Film DIE SCHLÜSSEL (1973) erst mit zweijähriger Verspätung und unter massiven Einschränkungen in die Kinos gekommen; ein Export ins Ausland blieb dem Film gänzlich verwehrt (vgl. DEFA-Film des Monats im Februar 2026).
Sturm & Drang in stürmischen Zeiten
Egon Günther und die Autorin Helga Schütz inszenierten WERTHER nicht allein als Liebestragödie, sondern dezidiert als politisches Statement. Der Kritiker Michael Hanisch hob im Filmspiegel (19/1976) hervor, wie souverän der Film das „doppelte Leiden“ ausbalanciere: Werthers Verzweiflung entspringt gleichermaßen der unglücklichen Liebe zu Lotte wie den erstarrten gesellschaftlichen Verhältnissen im Deutschland des späten 18. Jahrhunderts. Die Kritik am Kleinbürgertum macht unmissverständlich deutlich, dass von dort keine revolutionären Impulse zu erwarten sind. Damit forderte das Duo sein Publikum zum Hinterfragen gesellschaftlicher Zustände auf – und das in einer Phase, in der sich die Meinungskorridore in der DDR massiv verengten. Mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im November 1976 setzte in der DDR ein kulturpolitischer ‚Ausblutungsprozess‘ ein, der auch den WERTHER-Film unmittelbar traf: Die für Weihnachten 1976 geplante Fernsehpremiere wurde kurzfristig gestrichen, nachdem Hauptdarstellerin Katharina Thalbach und ihr Lebensgefährte Thomas Brasch am 11. Dezember 1976 die DDR verlassen hatten. In die Bundesrepublik wurde der Film trotz dieser Ereignisse verkauft. Bereits im Juli 1977 war DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS in der ARD zu sehen – noch vor der Erstsendung im DDR-Fernsehen im September 1977.
Fröhliches Kennenlernen zwischen Lotte und Werther beim Tanz. Fotografin: Christa Köfer
Große Ernüchterung: Lotte zwischen Werther und ihrem Verlobten Albert. Fotografin: Christa Köfer
Ein Film – Zwei Fassungen
Der Impuls für die Werther-Adaption ging ursprünglich vom Fernsehen der DDR aus, das das Projekt in Kooperation mit dem DEFA-Studio für Spielfilme plante. Das Duo Helga Schütz (Szenarium) und Egon Günther (Regie) verfolgte dabei ein ambitioniertes Konzept: Sie entwickelten zwei separate Drehbücher, um den spezifischen Sehgewohnheiten von Kino und Fernsehen gerecht zu werden. Gegenüber der Journalistin Ehrentraud Novotny erläuterte Günther den künstlerischen Kern dieses Vorhabens: „Der Witz an dieser Aufgabe war, nicht einen Zwitter zu liefern [...], sondern wir versuchten, den unterschiedlichen Wirkungsmöglichkeiten von Kino und Fernsehen von vornherein Rechnung zu tragen“ (Berliner Zeitung, 6. August 1976). Günther wollte dem Publikum demonstrieren, dass das Kinoerlebnis einer grundsätzlich anderen Ästhetik folgt als das Bild auf dem heimischen Bildschirm. Trotz dieses visionären Ansatzes blieb das Ergebnis hinter den Erwartungen des Regisseurs zurück: Aufgrund begrenzter Produktionsmittel unterschieden sich Kino- und Fernsehfassung letztlich weniger deutlich, als es das ursprüngliche Konzept vorgesehen hatte.
Echo: Viel Lob für die Kamera
In der zeitgenössischen Kritik nahm die Bildgestaltung von Erich Gusko (1930–2020) eine herausragende Stellung ein. Gusko, der bereits durch Produktionen wie DER DRITTE (1971) oder LOTTE IN WEIMAR (1975) eine enge künstlerische Arbeitsbeziehung mit Egon Günther eingegangen war, schuf für den WERTHER eine ganz eigene visuelle Sprache. Die Kritikerin Rosemarie Rehahn würdigte insbesondere die „große Poesie“ seiner Arbeit, die Landschaft als „Erlebnisraum der Helden“ spürbar mache (Wochenpost, 9. September 1976). Für Michael Hanisch zählten Guskos Kompositionen sogar zum „Einprägsamsten“, was er seit Langem im Kino gesehen habe (Filmspiegel, 19/1976). Nicht unbemerkt blieb der DDR-Filmkritik die ausgefeilte Farbdramaturgie des Films, die eine melancholische Stimmung erzeugte: „Der Frühling findet nur zu Anfang kurz ins Bild von Erich Gusko, sonst herrschen herbstliche Stimmungen, braune Wälder, matte erdige Farben, als biete die Natur nicht Ausgleich, Fluchtpunkt für Werthers Gesellschaftszorn, sondern als sei auch die Natur noch eine Helfershelferin beim Selbstmord des unglücklichen, von der Gesellschaft in den Untergang gejagten Helden.“ (Manfred Haedler in „Der Morgen“, 29. August 1976)
Das unbeschwerte Spiel mit den Kindern in der Natur bereitet Werther Freude. Fotografin: Christa Köfer
Der Adel zerkratzt ihm hingegen buchstäblich das Gesicht. Fotografin: Christa Köfer
Ein großes Darstellerensemble
Hilmar Baumann
als Albert. Fotografin: Christa Köfer
Für die Titelrolle verpflichtete Egon Günther den in Rostock ausgebildeten Hans-Jürgen Wolf (1950–2018), der zum Zeitpunkt der Produktion an den Städtischen Bühnen Erfurt engagiert war. Während der Werther für Wolf die erste große Kinohauptrolle markierte – später sollte er vor allem als renommierter Synchronsprecher und -regisseur Bekanntheit erlangen –, richtete die zeitgenössische Kritik ihr Augenmerk verstärkt auf Katharina Thalbach (* 1954) als Lotte. Ihre Interpretation der Figur wurde teils enthusiastisch gefeiert. So hob Rosemarie Rehahn in der Wochenpost (Ausgabe vom 9. September 1976) den faszinierenden „Schwebezustand zwischen Kind und Frau“ hervor, den Wechsel zwischen „mutwilligem Mädchencharme und ahnungsvoll aufbrechender [...] Weiblichkeit“. Auch der Literaturwissenschaftler Eike Middell betonte die darstellerische Tiefe: Während die berühmte Brotschneide-Szene noch den „Zauber glücklicher Lebenserfüllung“ verströme, zeige Thalbach mit dem Erscheinen Alberts beeindruckend den Verfall der Figur hin zu einer „grauen Bürgerlichkeit“ und fahrigen Gestik (Sächsisches Tageblatt, 5. September 1976). Komplettiert wurde das Protagonisten-Trio durch Hilmar Baumann (1939–2018), dem die Fachpresse eine ‚reife Leistung‘ attestierte. Er verlieh „dem Albert alle Züge eines in sich geschlossenen Charakters“ (Heinz Hofmann, Nationalzeitung, 31. August 1976). Flankiert wurden die Hauptdarsteller von einem bemerkenswerten Ensemble namhafter Akteure wie Dieter Mann, Barbara Dittus, Klaus Piontek und Herwart Grosse, die selbst in kleinsten Rollen darstellerisch überzeugten.
Verfasst von Philip Zengel. (März 2026)