Filmstill zu "Ehe im Schatten"

Ehe im Schatten

In der Schriftenreihe der DEFA-Stiftung erscheint in diesem Monat das Buch Von verschiedenen Standpunkten. Die Darstellung jüdischer Erfahrung im Film der DDR von Lisa Schoß. Am 18. Juni stellt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin ihr Buch im Gespräch mit Knut Elstermann erstmals öffentlich vor.

Unser DEFA-Film des Monats widmet sich EHE IM SCHATTEN (R: Kurt Maetzig, 1947), dem ersten DEFA-Spielfilm, der sich mit der systematischen Ausgrenzung und Verfolgung von Juden im Nationalsozialismus befasst. Der Film steht u.a. über die Streaming-Plattform filmfriend.de zur Verfügung.

Kurzinhalt

Filmplakat zu "Ehe im Schatten"

EHE IM SCHATTEN

(R: Kurt Maetzig, 1947) Grafiker: Kurt Geffers

Februar 1933. Elisabeth Maurer und Hans Wieland (gespielt von Ilse Steppat und Paul Klinger) sind aufstrebende Theaterschauspieler in Berlin. Insbesondere Maurer wird vom Publikum geliebt und erhält für ihre Darstellung der Luise in „Kabale und Liebe“ stehende Ovationen. „Ich möchte immer weiterspielen. So müsste es immer weitergehen.“ sagt sie nach der letzten Vorstellung. In acht Tagen sollen die Proben für das nächste Stück beginnen. In der Zwischenzeit machen Maurer und Wieland mit Freunden Urlaub auf Hiddensee. Bei der Rückkehr hat sich die politische Lage in Berlin zugespitzt. Maurer, deren jüdische Herkunft bisher keine Rolle spielte, darf nicht mehr auf die Theaterbühne zurückkehren und lebt zunehmend gesellschaftlich isoliert. Zum Schutz vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten heiraten Hans Wieland und Elisabeth Maurer am 8. November 1933. Deutschland verlassen wollen sie nicht – Es wird schon nicht so schlimm werden…

 Hier finden Sie die vollständigen Filmdaten.

Meta und Joachim Gottschalk

Die Filmhandlung basiert auf dem Schicksal des Schauspielerehepaars Meta (* 1902, geb. Wolff) und Joachim Gottschalk (* 1904), die sich am 6. November 1941 aus Angst vor der Deportation gemeinsam mit ihrem 8-jährigen Sohn Michael das Leben nahmen. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft erhielt Meta nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein Auftrittsverbot. Die Ehe mit Joachim Gottschalk bewahrte sie vor der Deportation. Ihr Mann avancierte zum aufstrebenden Ufa-Star und übernahm zwischen 1938 und 1941 große Rollen in sieben Filmen. Als Meta Gottschalk ihren Mann im April 1941 trotz eines Verbots zur Premiere seines letzten Films DIE SCHWEDISCHE NACHTIGALL (R: Peter Paul Brauer) begleitete, kam es zum Eklat. Die Aufforderung sich scheiden zu lassen, lehnte Joachim Gottschalk ab. Als Meta und Michael nach Theresienstadt deportiert werden sollten, bat Gottschalk erfolglos darum, seine Familie begleiten zu dürfen. Als letzten Ausweg wählten die Gottschalks den Suizid. Der Tod der Familie wurde anschließend verschwiegen, öffentliche Nachrufe durften nicht erscheinen.

Filmstill zu "Ehe im Schatten"

Paul Klinger und Ilse Steppat in EHE IM SCHATTEN (R: Kurt Maetzig, 1947) Fotograf: Kurt Wunsch

Filmstill zu "Ehe im Schatten"

Ilse Steppat in EHE IM SCHATTEN (R: Kurt Maetzig, 1947) Fotograf: Kurt Wunsch

Der Weg zum Film

Der Regisseur und Schauspieler Hans Schweikart (1895–1975) besetzte Joachim Gottschalk 1940 für die männliche Hauptrolle in seinem Film DAS MÄDCHEN VON FANÖ. Nach eigenen Angaben begann Schweikart bereits 1942 mit dem Verfassen der Novelle „Es wird schon nicht so schlimm“, die auf der Geschichte der Gottschalks beruht, sich aber künstlerische Freiheiten nimmt. Der Text wurde von Kurt Maetzig gelesen, der darin viele Parallelen zu seiner eigenen Familiengeschichte entdeckte. Auch Maetzigs Eltern lebten in einer sogenannten „Mischehe“ – Mutter Marie war jüdischer Herkunft. Anders als die Gottschalks ließen sich Maetzigs Eltern zum Schein scheiden, trafen sich aber weiterhin im Geheimen. Aufgrund der Trennung verlor Maetzigs Mutter ihren Schutz und nahm sich am 9. Februar 1944, dem Vorabend der geplanten Deportation das Leben.

 

 

 

 

Produktionsnotizen

EHE IM SCHATTEN kam am 3. Oktober 1947 als sechster Spielfilm der DEFA in die Kinos. Es ist zugleich die einzige DEFA-Produktion, die in allen vier Sektoren Berlins gleichzeitig uraufgeführt wurde: im „Filmtheater am Friedrichshain“ (sowjetisch), im „Cosima“, Friedenau (amerikanisch), im „Prinzenpalast“, Gesundbrunnen (französisch) und in der „Kurbel“, Charlottenburg (britisch). Gedreht wurde zwischen März und August 1947 überwiegend in Berlin (u.a. Potsdamer Platz, Leipziger Straße, Große Hamburger Straße, Tauentzienstraße) und auf Hiddensee.

 

 

Filmstill zu "Ehe im Schatten"

Regisseur Kurt Maetzig, Kameramann Friedl Behn-Grund und Ilse Steppat bei den Dreharbeiten zu EHE IM SCHATTEN (R: Kurt Maetzig, 1947) Fotograf: Kurt Wunsch

Filmstill zu "Ehe im Schatten"

Kurt Maetzig und Kameramann Eugen Klagemann bei den Dreharbeiten zu EHE IM SCHATTEN (R: Kurt Maetzig, 1947) Fotograf: Kurt Wunsch

Regie: Kurt Maetzig

 Kurt Maetzig (1911–2012) hegte bereits früh ein großes Interesse für Filmtechnik und -ökonomie. In der ersten Hälfte der 1930er-Jahren studierte er in München und Paris. Seine Promotion schloss er zum Thema „Das Rechnungswesen einer Film-Kopieranstalt“ ab. Anschließend arbeitete er im Unternehmen des Vaters, der ein Filmkopierwerk besaß. Aufgrund seiner Herkunft wurde Maetzig im Nationalsozialismus die weitere Filmarbeit verwehrt, auch eine Ehe mit der Chemikerin Marion Keller war ihm nicht gestattet. Maetzig begann sich in der KPD zu engagieren und wurde nach Kriegsende einer der Gründerväter der DEFA sowie erster Chefredakteur der neuen Kinowochenschau „Der Augenzeuge“ in der Sowjetischen Besatzungszone. Mit EHE IM SCHATTEN legte er sein Spielfilmdebüt vor. Maetzig etablierte sich als einer der wichtigsten Regisseure der frühen DEFA-Jahre. Unter seiner Regie entstanden u.a. DIE BUNTKARIERTEN (1949), DER RAT DER GÖTTER (1950), SCHLÖSSER UND KATEN (1956) und VERGESST MIR MEINE TRAUDEL NICHT (1957).

Regisseur Kurt Maetzig erinnert sich in einem Zeitzeugengespräch an die Dreharbeiten zu EHE IM SCHATTEN (1947).

Ein Melodrama in Ufa-Tradition

Die DEFA bekannte sich bei ihrer Gründung dazu, Werke mit humanistischen, antifaschistischen und demokratischen Inhalten zu schaffen. Die ersten Nachkriegsfilme standen unter starkem Eindruck der Nazidiktatur und forcierten eine Aufklärung der Bevölkerung. Stilistisch bewegte sich der deutsche Film in den ersten Jahren nach 1945 – nichtzuletzt aufgrund der nahtlosen Weiterbeschäftigung vieler Ufa-Filmschaffender verschiedener Gewerke – jedoch in der Tradition der Ufa.

Das Publikum sollte bei der Konfrontation mit der eigenen Schuld nicht überfordert werden. Maetzig sagte: „Ich habe mich sehr bemüht, dieses ganz schwierige Thema so dezent wie möglich zu behandeln.“ (Maetzig, Filmarbeit, S. 147). Lisa Schoß analysiert in ihrem Buch ‚Von verschiedenen Standpunkten‘, dass EHE IM SCHATTEN auch „Wege der Selbstentlastung für das nichtjüdische Publikum“ bot (S. 112) und wie viele andere Nachkriegsfilme „viel Gefühl, wenig politische Analyse; stattdessen allgemeingültige moralische Botschaften“ (S. 113) beinhaltet.

Steppat, Klinger, Balthoff und Prager

Filmstill zu "Ehe im Schatten"

Alfred Balthoff

in EHE IM SCHATTEN (R: Kurt Maetzig, 1947). Fotograf: Kurt Wunsch

Die Hauptfiguren Elisabeth Maurer und Hans Wieland wurden mit zwei nichtjüdischen Darstellern besetzt. Ilse Steppat etablierte sich in der Zeit des Nationalsozialismus als gefragte Theaterschauspielern und gab in EHE IM SCHATTEN ihr Leinwanddebüt. Paul Klinger war ein bekannter Ufa-Schauspieler, der von Goebbels auf die Gottbegnadeten-Liste gesetzt wurde. 1942 spielte er in Veit Harlans Blut-und-Boden-Film DIE GOLDENE STADT eine Rolle, die eigentlich für Joachim Gottschalk vorgesehen war. Sowohl Steppat als auch Klinger konnten ihre Karrieren nach 1945 problemlos fortsetzen. Beide kannten Joachim Gottschalk persönlich. 

Lisa Schoß stellt in „Von verschiedenen Standpunkten“ fest, dass die zeitgenössischen Kritiken die Besetzung zweier wichtiger Nebenrollen mit jüdischen Darstellern „überbetonten“. Gemeint ist zum einen Alfred Balthoff (1908–1989), der in EHE IM SCHATTEN Kurt Bernstein, einen befreundeten Schauspieler der Wielands verkörpert. Anders als die Hauptfiguren wählt Bernstein den Weg in die Emigration. Balthoff selbst konnte bis 1936 in Berlin als Schauspieler tätig sein. Unter dem Namen Alfred Berliner wirkte er bis zur Auflösung 1941 beim „Kulturbund deutscher Juden“. Anschließend lebte er bis Kriegsende in verschiedenen Verstecken. In den ersten Nachkriegsjahren war er in vier DEFA-Produktionen zu sehen. Der zweite Schauspieler ist Willy Prager (1877–1956), der Dr. Louis Silbermann, Arzt und Onkel von Elisabeth, spielt. Silbermann darf nach der Machtergreifung Hitlers nur noch Juden behandeln und geht schließlich in den Untergrund. Prager war es bereits 1933 verboten, den Schauspielberuf auszuüben. Er überlebte die Nazi-Zeit in verschiedenen Verstecken. Nach Kriegsende trat er nur noch selten schauspielerisch in Erscheinung. Bei der DEFA übernahm er eine kleine Nebenrolle in der Märchenverfilmung DAS KALTE HERZ (R: Paul Verhoeven, 1950).

Filmstill zu "Ehe im Schatten"

Willy Prager und Ilse Steppat in EHE IM SCHATTEN (R: Kurt Maetzig, 1947). Fotograf: Kurt Wunsch

Hans Klering und Kurt Maetzig mit dem „Bambi“ für EHE IM SCHATTEN (R: Kurt Maetzig, 1947). Fotograf: Kurt Wunsch

Echo

EHE IM SCHATTEN ging als einer der publikumsstärksten Filme der DEFA und erfolgreichster deutscher Nachkriegsfilm in die Filmgeschichte ein. Bis 1950 erreichte die Produktion rund zehn Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer in den DDR-Kinos. Zudem wurde der Film in zahlreiche Länder verkauft, darunter die Schweiz, Frankreich, Westdeutschland, China, Großbritannien und sogar in die USA. 1948 erhielt EHE IM SCHATTEN als einziger DEFA-Film einen „Bambi“. Lisa Schoß führt in ihrer Analyse mehrere Gründe für den Erfolg an: „Zu den wichtigsten zählen der ‚behutsame‘ Umgang mit dem Thema, die Wahl der Protagonisten (deutsch-jüdisch), das dargestellte Milieu (Künstler, angelehnt an einen beliebten Leinwandstar […]), sowie die Wahl des Genres (Melodrama) und eine vertraute Bildsprache (Ufa).“ (S. 121)

Verfasst von Philip Zengel. (Juni 2023)

Schriftenreihe der DEFA-Stiftung

Von verschiedenen Standpunkten - Die Darstellung jüdischer Erfahrung im Film der DDR

Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Lisa Schoß forscht an der Schnittstelle von Jüdischen Studien und visueller Zeitgeschichte.

Zum Bertz + Fischer Verlag
menu arrow-external arrow-internal camera tv print arrow-down arrow-left arrow-right arrow-top arrow-link sound display date facebook facebook-full range framing download filmrole cleaning Person retouching scan search audio cancel youtube instagram