For eyes only
Nur ein Jahr nach dem Kinostart des ersten James-Bond-Abenteuers in Großbritannien zog die DEFA 1963 nach: Mit FOR EYES ONLY – STRENG GEHEIM (Regie: János Veiczi) brachte sie ihren eigenen Agententhriller auf die Leinwand. Der Film avancierte zum Riesenerfolg und machte Hauptdarsteller Alfred Müller quasi über Nacht im ganzen Land berühmt. Anlässlich des 100. Geburtstags des 2010 verstorbenen Schauspielers zeigt der MDR den Kultklassiker am 7. Juli im Fernsehen. Im Anschluss steht FOR EYES ONLY in der ARD-Mediathek zum Streamen bereit.
Kurzinhalt
FOR EYES ONLY
(R: János Veiczi, 1963)
Frühsommer 1961: Die Spannungen im Kalten Krieg erreichen einen Höhepunkt. Beim US-amerikanischen Geheimdienst MID laufen die Planungen für einen Überfall auf die DDR, der im Herbst nach den Bundestagswahlen stattfinden soll, auf Hochtouren. Die entsprechenden Dokumente lagern streng geheim in einer von Mr. Collins (Helmut Schreiber) geleiteten MID-Dienststelle in Würzburg. Der DDR-Geheimagent Hansen (Alfred Müller) hat sich dort erfolgreich eingeschleust. Um an die Papiere der höchsten Geheimhaltungsstufe zu gelangen, führt er ein gefährliches Doppelleben. Der MID-Sicherheitschef (Hans Lucke) ist dem Maulwurf bereits auf der Spur...
Produktionsnotizen
Die Dreharbeiten zu FOR EYES ONLY fanden vom 25. Juni 1962 bis zum 14. Januar 1963 überwiegend in Berlin statt. Prominent zu sehen ist unter anderem der Platz der Luftbrücke. Am 19. Juli 1963 feierte der Spionagethriller schließlich im Berliner Premierenkino „Kosmos“ seine Uraufführung. Schon am darauffolgenden Tag erlebte der Film im Rahmen der DDR-Sommerfilmtage seine erste Open-Air-Vorführung vor der beeindruckenden Kulisse der Regattastrecke in Berlin-Grünau.
Einflussreicher Lebemensch beim MID: Major Collins. Foto: DEFA-Stiftung
Auf der Suche nach den geheimen Dokumenten: Doppelagent Hansen. Foto: DEFA-Stiftung
Nach einer wahren Begebenheit
„Die Handlung des Films ist frei erfunden – Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten und lebenden Personen sind beabsichtigt“, heißt es im Vorspann von FOR EYES ONLY. Tatsächlich basiert das Drehbuch auf einem realen Lebensabschnitt des gebürtigen Magdeburgers Horst Hesse (1922–2006). Hesse meldete der DDR-Staatssicherheit 1954, dass ein früherer Nachbar ihn als Agenten für den US-Militärgeheimdienst MID anwerben wollte, um militärische Liegenschaften in der DDR auszukundschaften. Unter dem Decknamen „Jürgen“ wurde Hesse daraufhin zum Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit und versorgte die US-Amerikaner fortan mit präpariertem Material. Noch im selben Jahr „floh“ Hesse mit Wissen des MfS in die Bundesrepublik. In der Würzburger MID-Zentrale wertete er unter anderem Postsendungen aus der DDR aus und war an der Anwerbung neuer Agenten beteiligt. Am 20. Mai 1956 setzte er sich im Rahmen der Aktion „Schlag“ gemeinsam mit einem Komplizen in die DDR ab – im Gepäck zwei entwendete Panzerschränke, die unter anderem Agentenkarteien und Blankoausweise enthalten sollten. Bereits im Juli 1956 schlachtete die DDR-Führung die geglückte Aktion im Rahmen einer großen Pressekonferenz öffentlichkeitswirksam aus. In der Folge kam es in der DDR zu zahlreichen Verhaftungen von MID-Agenten, Prozessen und Verurteilungen. Ein US-amerikanisches Militärgericht verurteilte Hesse derweil in Abwesenheit zum Tode – ein Urteil, das nie vollstreckt werden konnte, da er sich in der DDR aufhielt. Dort machte Hesse beim MfS Karriere, stieg bis zum Major auf und ging 1966 in Invalidenrente. Danach wurde seine Geschichte als Zeitzeugenbericht propagandistisch genutzt; unter anderem entstand 1975 der DEFA-Dokumentarfilm IM ZENTRUM DER US-MILITÄRSPIONAGE unter der Regie von Joachim Hellwig. An der Spielfilmproduktion FOR EYES ONLY war Hesse hingegen in keiner Weise direkt beteiligt.
Im Jahr 2008 beleuchtete Gunther Scholz diese realen Hintergründe in der Dokumentation FOR EYES ONLY – EIN FILM UND SEINE GESCHICHTE. Der Film greift auf ein bereits 2002 aufgezeichnetes Zeitzeugengespräch mit Hesse zurück und lässt zudem den Dramaturgen Dieter Wolf sowie den Schauspieler Hans Lucke zu Wort kommen.
In Frankfurt am Main werden die Angriffspläne auf die DDR erörtert. Foto: DEFA-Stiftung
Misstrauen der Amerikaner: Hansen muss sich einem Lügendetektor-Test unterziehen. Foto: DEFA-Stiftung
Der Weg zum Film
Es war Hans Lucke, der die Idee zur Verfilmung von Hesses Geschichte lieferte. Aufmerksam auf den Stoff wurde er durch ein kleines Buch im Oktavformat, das von der Pressestelle des Ministeriums für Staatssicherheit herausgegeben worden war. Unter dem Arbeitstitel „Flucht durch die Nacht“ reichte er sein Exposé 1961 bei der DEFA ein – erhielt jedoch im Zuge des Mauerbaus zunächst eine Absage. Erst zu Beginn des Folgejahrs griff Regisseur János Veiczi die Idee wieder auf. Veiczi schwebte allerdings eine dramatische Umsetzung als politischer Thriller vor, die in Luckes Entwurf so nicht angelegt war. Auf der Suche nach einem passenden Drehbuchautor fiel die Wahl auf Harry Thürk. Dieser hatte kurz zuvor mit seinem Roman „Die Stunde der toten Augen“ einen großen Erfolg gefeiert, mit der DEFA-Adaption des Stoffes unter dem Titel HAUS IM FEUER jedoch wenig Glück gehabt – die Dreharbeiten waren vorzeitig abgebrochen worden. Gemeinsam überzeugten Veiczi und Thürk Hans Lucke, seine Ideenskizze freizugeben. Im Gegenzug sicherte man ihm eine tragende Rolle im Film zu.
Actionkino à la DEFA
Anfang der 1960er-Jahre sah sich die DEFA-Produktion in einer zunehmend harten Konkurrenz um die Gunst des Publikums ausgesetzt. Nachdem andere Länder – wie die ČSSR mit SMYK (Regie: Zbyněk Brynych, 1960) – mit Agentenfilmen erfolgreich vorgelegt hatten, wollte das DDR-Studio nachziehen. Die authentische Geschichte von Horst Hesse wurde für die Leinwand dramaturgisch ausgeschmückt und bediente zahlreiche klassische Genreelemente: von Dechiffrierungsaktionen über Lügendetektoren bis hin zu als Feuerzeug getarnten Miniaturkameras. Ergänzt wurde die Handlung zudem um einen fiktiven militärischen Angriff des Westens auf die DDR, der sich wie eine nachträgliche Rechtfertigung für den Mauerbau liest. Ein ungewöhnliches Stilmittel wählte das Produktionsteam bei der Darstellung der US-Agenten: Um die Authentizität zu erhöhen, wurden deren Dialoge zum Teil auf Englisch eingesprochen und anschließend von einem deutschen Sprecher im Voice-over-Stil übersprochen. Getragen wird der Film von einer stilsicheren Inszenierung. Besonders hervorzuheben ist die Kameraarbeit von Karl Plintzner: Er wertete den in Totalvision gedrehten Film mit starken Schwarz-Weiß-Kontrasten, expressionistischen Schattenspielen sowie geschickten optischen Einfällen auf und setzte damit visuelle Maßstäbe für das neu entstehende Genre des ostdeutschen Kundschafterfilms.
Ebenfalls auf gefährlicher, geheimer Aktion: Agent Schuck - Werner Lierck in einer ungewohnt ernsten Rolle. Foto: DEFA-Stiftung
Verfolgungsjagd auf dem Weg in die DDR. Foto: DEFA-Stiftung
Alfred Müller als Agent Hansen
FOR EYES ONLY - STRENG GEHEIM
(R: János Veiczi, 1963)
Laut DEFA-Chefdramaturg Dieter Wolf besaß Alfred Müller (1926–2010) „das freundliche Gesicht eines Durchschnittsbürgers: offen, intelligent, mit einer kleinen, unaffektierten Verschmitztheit in den Augenwinkeln. Besondere Kennzeichen: keine. Ein Ur-Berliner, der nicht einmal am Dialekt erkennbar war – es sei denn, der Jargon wurde rollengerecht zum Kunstmittel stilisiert.“ (zitiert aus: Fünfzig Schauspieler in Babelsberg vor der Kamera, S. 173). Möglicherweise war es genau diese scheinbare Unauffälligkeit, die Müller für die Rolle des „Kundschafters des Friedens“ in geheimer Mission für FOR EYES ONLY prädestinierte. Zuvor war der Schauspieler der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt; seine Filmografie wies lediglich kleinere Fernsehrollen auf. Erfolge feierte er bis dahin vor allem am Berliner Maxim-Gorki-Theater, wo er mit einem breiten Repertoire – unter anderem als Phileas Fogg in „In 80 Tagen um die Welt“ – überzeugte. Müllers Leistung bei seinem Kinodebüt fand in der DDR-Filmkritik einhellige Anerkennung. So schrieb Fred Gehler im Filmspiegel: „Er agiert sachlich-beherrscht, diszipliniert in Gestik und Mimik, ohne Allüren. Bei aller Verhaltenheit ist Müllers Spiel von beeindruckender Intensität und Suggestion. Er hat zudem Humor, verharrt nicht in uniformer Seriosität, besitzt die Fähigkeit zu artistischem Spiel.“ Durch diesen Durchbruch etablierte sich Müller als feste Schauspielgröße in der DDR, auch wenn das Kino seine enorme Popularität in der Folgezeit nicht immer vollumfänglich ausschöpfte. Für die DEFA wirkte er im weiteren Verlauf seiner filmkünstlerischen Karriere dennoch in zahlreichen Produktionen mit – darunter erneut unter der Regie von János Veiczi in DIE GEFRORENEN BLITZE, als Karl Marx im Jugendfilm MOHR UND DIE RABEN VON LONDON sowie – entgegen seinem sonstigen Rollentypus – in einem eher heiteren Part in LEBEN ZU ZWEIT.
Karl Plintzner an der Kamera während der Dreharbeiten für FOR EYES ONLY. Foto: DEFA-Stiftung
János Veiczi gibt am Set von FOR EYES ONLY Regieanweisungen. Foto: DEFA-Stiftung
Unerwartete Probleme bei der Abnahme
In der Erinnerung von Dieter Wolf blickte man bei der DEFA der staatlichen Abnahme von FOR EYES ONLY gelassen entgegen und erwartete von ministerieller Seite großes Lob. Doch Hans Rodenberg, zu dieser Zeit stellvertretender Kulturminister, sah die Dinge anders: Er störte sich insbesondere an der aus seiner Sicht unvorteilhaften Darstellung der Staatssicherheits-Mitarbeiter abseits der Hauptfigur Hansen. Diese erreichten in seinen Augen qualitativ nicht das Niveau der US-amerikanischen Agenten im Film. Die Szenen mit dem Oberst, dem Oberleutnant und dem Major des MfS – ursprünglich besetzt mit Harry Hindemith, Werner Höwekamp und Horst Kube – durften so nicht im Film verbleiben. Sie mussten komplett mit einer neuen Besetzung – nun mit Martin Flörchinger, Eberhard Esche und Horst Schönemann – nachgedreht werden. Laut Dieter Wolf stellte dies die Produktion vor kostspielige Herausforderungen, da unter anderem bereits abgebaute Kulissen in kürzester Zeit neu errichtet werden mussten.
Eine gestörte Premiere
Eva-Maria Hagen
in FOR EYES ONLY - STRENG GEHEIM (R: János Veiczi, 1963)
FOR EYES ONLY entfachte ein Publikumsinteresse, wie es die DEFA schon lange nicht mehr erlebt hatte. Mit mehr als einer Million Zuschauerinnen und Zuschauern in den ersten drei Wochen nach dem Kinostart und über 2,8 Millionen Besuchern bis 1982 erreichte der Thriller Zahlen, die das Studio zu dieser Zeit sonst fast nur mit Märchenfilmen verbuchen konnte. Eine in der DDR-Wochenzeitung Wochenpost (Ausgabe 40/1963) veröffentlichte Publikumsbefragung dokumentiert, wie überrascht das Publikum von dem Werk war. So wird ein 15-jähriger Schüler mit den Worten zitiert: „Ich habe mich eigentlich etwas über unsere DEFA gewundert. Wie hat sie es fertiggebracht, so einen ausgezeichneten Film zu drehen?“ Die Filmkritikerin Rosemarie Rehahn führte den Erfolg neben den starken Schauwerten vor allem darauf zurück, dass der Film dem Publikum völlig neue Einblicke bot: „Zu oft sagen unsere Gegenwartsfilme (und natürlich nicht nur unsere) dem Zuschauer nur das, was er selber schon – und meistens besser – weiß. FOR EYES ONLY sagt etwas, was er noch nicht weiß.“ Nicht nur in der DDR, sondern auch im sozialistischen Ausland stieß der Spionagefilm auf großen Anklang: Der DEFA-Außenhandel verkaufte ihn erfolgreich unter anderem nach Kuba, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und in die ČSSR.
Verfasst von Philip Zengel. (Juli 2026)