Hostess
Am 2. Oktober 2026 würdigt die DEFA-Stiftung Annekathrin Bürger mit einem Lebenswerk-Preis. DEFA TV präsentiert zu Ehren der Schauspielerin im Oktober jeden Freitagnachmittag den Spielfilm HOSTESS.
Kurzinhalt
HOSTESS
(R: Rolf Römer, 1975) Grafiker: Jutta de Maiziere, Michael de Maiziere
„Weißt du was? Wir werden heiraten!“ Ein romantischer Antrag hört sich anders an. Vor allem, wenn er nach zwei Jahren Beziehung beiläufig am Frühstückstisch ausgesprochen wird. „Ich glaube, ich will nicht“, antwortet die junge Ost-Berliner Hostess Jette ihrem Lebensgefährten Johannes. Nach einem heftigen Streit zieht sie aus der gemeinsamen Wohnung aus und hinterfragt, was sie eigentlich vom Leben und von der Liebe erwartet. Sie beobachtet das Scheitern der Beziehung einer Kollegin, erlebt das spießige Alltagsgrauen im Paarleben ihres Bruders und begegnet ihrem ersten Freund Peter wieder. Wohin wird ihr Weg sie führen?
Produktionsnotizen
Die Dreharbeiten zu HOSTESS fanden vom 23. Februar bis zum 8. Juli 1975 überwiegend in Ost-Berlin statt. Regie führte Rolf Römer, der auch das Drehbuch verfasste und vor der Kamera die Rolle des Peters übernahm. Premiere feierte HOSTESS am 12. Februar 1976 im Berliner Kino „Kosmos“. Für Römer war es die zweite Regiearbeit bei der DEFA. Bereits 1970 hatte er mit HE DU! ein Werk vorgelegt, das eine emanzipierte Frauenfigur in den Mittelpunkt stellte und die Stadt Berlin prominent in Szene setzte. Die weiblichen Hauptrollen in beiden Filmen schrieb er seiner Ehefrau Annekathrin Bürger auf den Leib.
In der Hauptrolle: Annekathrin Bürger
Annekathrin Bürger
in HOSTESS (R: Rolf Römer, 1975) Fotograf: Dieter Jaeger
Annekathrin Bürger zählt zu den prägendsten und vielseitigsten Schauspielerinnen des deutschen Films. Ihr Spielfilmdebüt feierte sie 1956 als 16-jährige Uschi in EINE BERLINER ROMANZE. Nach ihrem Schauspielstudium an der Babelsberger Filmhochschule war sie von 1960 bis 1963 am Theater der Bergarbeiter in Senftenberg engagiert, ehe sie ab Mitte der 1960er jahrzehntelang zum festen Ensemble der Berliner Volksbühne gehörte. Parallel wirkte sie in über 100 Film- und Fernsehproduktionen mit, darunter in so unterschiedlichen Werken wie KÖNIGSKINDER (1962), DAS ZWEITE GLEIS (1962), TECUMSEH (1972) oder als lebensbejahende Titelheldin in der erfolgreichen Komödie HOSTESS (1976). Neben ihrer Arbeit vor der Kamera zeigte sie auch gesellschaftspolitisch Haltung: Im November 1989 sang sie auf der Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz. In den 1990er-Jahren engagierte sie sich gemeinsam mit Rolf Römer für russische Waisenkinder. Für ihr herausragendes künstlerisches Schaffen erhält sie am 2. Oktober 2026 den Lebenswerk-Preis der DEFA-Stiftung.
Mehr über Annekathrin Bürger erfahren Sie auf dieser Website in einem biografischen Text über die Schauspielerin.
Ein Antrag zum Vergessen am Frühstückstisch. Jette ist schon besser in den Tag gestartet. Fotograf: Dieter Jaeger
Ist er der Richtige? Jette zweifelt an der Beziehung zu Johannes. Fotograf: Dieter Jaeger
Regie: Rolf Römer
Der ausgebildete Maurer Rolf Römer – bürgerlich Rolf Specht – fand erst mit 22 Jahren zur Schauspielerei. Nach einer Ausbildung in Potsdam-Babelsberg spielte er am Theater in Senftenberg, wo er seine spätere Ehefrau Annekathrin Bürger lieben lernte. Bald übernahm er erste Rollen bei der DEFA, etwa als haarloser Rowdy in DIE GLATZKOPFBANDE. Seine wichtigste schauspielerische Arbeit, die Hauptfigur Al in Jürgen Böttchers einzigem Spielfilm JAHRGANG 45 (1966), war nach dem Verbot des Films für knapp 25 Jahre unter Verschluss. Das Genrekino, insbesondere die „DEFA-Indianerfilme“ boten ihm neue Aufgaben. Zunehmend betätigte sich Römer als Autor, so etwa für die Spionagekomödie MIT MIR NICHT, MADAM! (1968). Da er in der DDR spätestens seit seiner Zeit in Senftenberg als politisch unzuverlässig galt, überraschte es, dass er in den 1970er-Jahren auch als Regisseur erfolgreich Fuß fassen konnte – u.a. mit HOSTESS als größter Publikumserfolg.
Rolf Römers Regielaufbahn fand mit der Polizeiruf-110-Folge SCHULDIG (1978) ein jähes Ende. In dem Film entwickelt ein Alkoholiker von seiner Umgebung unbemerkt Suizidgedanken und setzt diese schließlich in die Tat um – ein Thema, das in der offiziellen Darstellung der DDR-Realität keinen Platz haben durfte. Alle weiteren Regieprojekte wurden verhindert. Seine Anstellung bei der DEFA verlor Römer bis zur Abwicklung der Studios Anfang der 1990er-Jahre jedoch nicht. Mit Liederabenden sowie kleineren Rollen und Synchronarbeiten wurde er weiterbeschäftigt. Trotz der Restriktionen kehrte er der DDR nie den Rücken. Der Filmjournalist Ralf Schenk hielt in einem Nachruf treffend fest: „Er wollte ‚seinen‘ Staat bessern und bekehren, hing derselben Utopie an wie viele ostdeutsche Intellektuelle, trotz schlimmer Erfahrungen. Er nahm Entwürdigungen in Kauf, Umwege und Brüche. Und verstand sich dennoch immer als ein Hoffender.“
Annekathrin Bürger und Rolf Römer bei den Dreharbeiten zu HOSTESS. Fotograf: Dieter Jaeger
Rolf Römer mit Kameramann Siegfried Mogel beim Dreh. Fotograf: Dieter Jaeger
Berlin als Filmheld
In ihrer Besprechung vom 9. März 1976 kürte die Dresdner Regionalzeitung „Die Union“ die DDR-Hauptstadt Berlin zum „nicht alltäglichen Helden des Films“. Regisseur Rolf Römer und Kameramann Siegfried Mogel inszenierten die Stadt in facettenreichen und ungewöhnlichen Perspektiven: Der Fernsehturm taucht aus allen Blickwinkeln auf; die Kamera fängt das Ufer der Spree, den historischen Fischerkiez, neue Hochhäuser und alte Hinterhöfe ein. Ein bemerkenswertes Detail, das in der zeitgenössischen Kritik unerwähnt blieb: Sogar das Brandenburger Tor ist zu sehen – mit Blick Richtung West-Berlin bis hin zur Siegessäule.
Ein Abschied. Jette zieht aus. Fotograf: Dieter Jaeger
Gespräch unter Freundinnen in der Kuppel des Fernsehturms. Fotograf: Dieter Jaeger
Ein Unterhaltungsfilm…
Rolf Römer gelang mit HOSTESS etwas, das in den 1970er-Jahren nur wenigen DEFA-Produktionen vergönnt war: Er lockte in kürzester Zeit weit über eine Million Menschen in die DDR-Kinos – und das trotz einer hohen Altersfreigabe P16. Nicht allein die Berlin-Aufnahmen machten den Film zu einem echten Publikumsmagneten: Maßgeblich zum Erfolg trug auch der moderne, auf ein junges Publikum zugeschnittene Soundtrack bei – entstanden unter der Leitung von Rainer Böhm mit Titeln von der Stern-Combo Meißen, Veronika Fischer und dem Günther-Fischer-Quintett – auch Nina Hagen gab einen Song zum Besten. Zudem hob die damalige Kritik wiederholt die „freizügige Erotik“ (Leipziger Volkszeitung, 17. Februar 1976) des Films hervor, die das Interesse geschürt haben dürfte. Das treffende Fazit zog die Grand Dame der ostdeutschen Filmkritik Rosemarie Rehahn in der Wochenpost (5. März 1976): „Rolf Römer, der erklärtermaßen keine Kunst machen will, beherrscht die Kunst, publikumswirksame Filme herzustellen.“
… mit begrenzter Laufzeit
Als HOSTESS im Oktober 1977 erstmals im DDR-Fernsehen lief, war ohne Absprache mit Rolf Römer der Auftritt von Nina Hagen aus dem Film entfernt worden. Hagen hatte wenige Wochen nach der Ausbürgerung ihres Ziehvaters Wolf Biermann im November 1976 die DDR verlassen und sollte im staatlichen Fernsehen nicht mehr präsent sein. Nachdem auch Sängerin Veronika Fischer (im Jahr 1981) und Hauptdarsteller Jürgen Heinrich (1985) die DDR verlassen hatten, wurde HOSTESS mit Wirkung zum 31. Dezember 1985 die staatliche Zulassung entzogen. Bis zum Ende der DDR durfte der Film im Inland nicht mehr gezeigt werden – für den Export und den Auslandseinsatz blieb er zugelassen.
Nina Hagen singt „Zieh die Schuhe aus“ mit der Stern-Combo Meißen in HOSTESS.
Im Spiegel der Kritik
Aufteilen der gemeinsamen Plattensammlung – nur wie?
HOSTESS (R: Rolf Römer, 1975) Fotograf: Dieter Jaeger
So sehr HOSTESS an den Kinokassen überzeugte – ein Liebling der DDR-Filmkritik war der Film nicht. Der überlieferte Pressespiegel ist überschaubar, und die Urteile fielen überwiegend streng aus. Kritisiert wurden vor allem die Glaubwürdigkeit der Charaktere, ein zu dünner Plot und die starke Fokussierung auf unterhaltende Effekte. Dennoch ist es ein Mythos, dass das Werk ausschließlich Verrisse erhielt. So urteilte etwa Die Union am 9. März 1976: „Rolf Römers Film ist (...) kunterbunt, herzlich, kess und temporeich, mit einer großen Portion Liebe für seine Gestalten, für die Gegenwart, ja sogar für die Schauplätze dieser Handlung.“ Auch in der veröffentlichten Leserpost fand der Film anerkennende Stimmen. So schrieb Horst Z. aus Neustrelitz: „Ich freue mich, dass es Menschen (...) gibt, die mit offenen Augen durchs Leben gehen und den Mut haben, uns einen Spiegel vors Gesicht zu halten. Ich verstehe diesen Film als eine Anregung, uns mit diesen Widersprüchen auseinanderzusetzen.“ Jürgen T. aus Pasewalk hob besonders den künstlerischen Mut der Macher hervor: „Römer hatte den lobenswerten Mut und die Fähigkeit, herangereifte gesellschaftliche Probleme auf die Leinwand zu bringen und den Zuschauer mittels der künstlerischen Erkenntnis zum Nachdenken und zur Diskussion anzuregen und natürlich auch zu unterhalten.“ (zitiert aus Freie Erde Neustrelitz, 11. März 1976)
Verfasst von Philip Zengel. (September 2026)