Hannelore Unterberg

Regisseurin

* 28. Dezember 1940 in Altenburg

Biografie

Filmstill zu "Verflixtes Missgeschick!"

Hannelore Unterberg

bei den Dreharbeiten zu VERFLIXTES MISSGESCHICK! (R: Hannelore Unterberg, 1988) Fotograf: Dieter Jaeger

Mehr als anderthalb Jahrzehnte drehte Hannelore Unterberg Kinderfilme im DEFA-Studio für Spielfilme. Ihre Arbeiten, in denen Realismus und Poesie, Wirklichkeit und Traum zu einer Einheit verschmolzen, wurden mehrfach auf internationalen Festivals preisgekrönt. In den gesamtdeutschen Kinderfilm konnte sie ihre reichen Erfahrungen nach 1990 leider kaum mehr einbringen.

Hannelore Unterberg, geb. Neupert, wird am 28. Dezember 1940 als Tochter eines Wirtschaftskaufmanns und einer Lehrerin im thüringischen Altenburg geboren. Bereits als Schülerin ist sie Mitglied einer Puppenspiel-, dann einer Musik- und Kabarettgruppe und leitet eine Theatergruppe. Als sie die 8. Klasse besucht, entscheidet ihre Mutter, die mit ihr und den Geschwistern allein lebt, dass Hannelore eine Ausbildung als Kindergärtnerin antritt; eine Bewerbung an der Erweiterten Oberschule hält die Mutter für zwecklos, weil der Vater in den Westen übergesiedelt war. Nach der Ausbildung arbeitet sie ab 1958 als Hortleiterin in einer Zentralschule und absolviert ein Fernstudium als Unterstufen-Lehrerin. Schon in ihrer Jugend hat sie Interesse am Beruf einer Regisseurin. Sie nimmt privaten Schauspiel-, Sprecherziehungs- und Dramaturgieunterricht. Beim Institut für Musikerziehung in Berlin-Weißensee belegt sie ein Sonderstudium zur Oberstufenlehrerin für Musik. Ein zunächst vorgesehenes Studium an der Theaterhochschule in Leipzig kann sie nicht antreten, weil in dem in Frage kommenden Jahr dort keine Regisseure ausgebildet werden. So tritt sie 1967 ein Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg an. Ein fünfminütiger Übungsfilm über das Vorschulschwimmen für Kleinkinder in Rathenow wird von der „Aktuellen Kamera“, der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, ausgestrahlt. Weitere Studentenfilme folgen, darunter der Diplomfilm VON EINEM, DER AUSZOG, DAS LÜGEN ZU LEHREN mit dem Schauspieler  Alfred Müller als Münchhausen.

Filmstill zu "Der Junge mit dem großen schwarzen Hund"

Hannelore Unterberg (links) bei den Dreharbeiten zu DER JUNGE MIT DEM GROSSEN SCHWARZEN HUND (R: Hannelore Unterberg, 1985) Fotograf: Hans-Joachim Zillmer

Filmstill zu "Verflixtes Missgeschick!"

Hannelore Unterberg und Roman Kaminski bei den Dreharbeiten zu VERFLIXTES MISSGESCHICK! (R: Hannelore Unterberg, 1988) Fotograf: Dieter Jaeger

Am Ende des Studiums bietet ihr das DDR-Fernsehen eine Planstelle als Regisseurin für Krimis der Reihen „Polizeiruf 110“ und „Der Staatsanwalt hat das Wort“ im Bereich „Unterhaltende Dramatik“ an. Weil sie lieber Kinderfilme inszenieren will, wendet sie sich an die DEFA und wird hier 1972 als Dramaturgie-Assistentin eingestellt. Sie ist verantwortlich für die deutsche Fassung des Drehbuchs DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL und assistiert  Rolf Losansky bei dessen Jugendfilm ... VERDAMMT, ICH BIN ERWACHSEN. 1974 erhält sie vom scheidenden DEFA-Direktor Albert Wilkening die Chance zu ihrem Regiedebüt KONZERT FÜR BRATPFANNE UND ORCHESTER, ein Musical für Kinder mit ihrem 1968 geborenen Sohn Tobias in der Hauptrolle. Die Kritik lobt den Film als ein „Fest der guten Einfälle“: „Der Regisseurin gelingt es, die Kleinen zu ungehemmten Gefühlsäußerungen zu animieren.“ (Berliner Zeitung, 27.5.1976). Mit diesem „phantasievollen Kinderfilm“ werde „auf einfühlende Weise musische Erziehung betrieben. (...) Reale Vorgänge und phantastisches Geschehen gehen ineinander über, damit andeutend, wie die kindliche Vorstellungskraft die Welt eben noch mit dem Traum erobert.“ (Neues Deutschland, 19.6.1976). Beim UNIATEC-Festival 1976 in Moskau erhält der Film für die gelungene Kombination von Trick- und Realtechnik einen Grand Prix. Dennoch lehnt DEFA-Generaldirektor Hans Dieter Mäde eine Fortsetzung unter dem Titel „Konzert für Zahnlücke und Orchester“ mit der Begründung ab, er wolle Hannelore Unterberg nicht zum „Experimentator des Studios“ machen. Auch die Idee, das Märchen „König Macius“ des polnisch-jüdischen Dichters, Pädagogen und Arztes Janusz Korczak zu adaptieren, wird vom Studio nicht aufgegriffen. Das Projekt DAS PFERDEMÄDCHEN, das Hannelore Unterberg vorbereitet, geht an ihren Kollegen Egon Schlegel.

1978 inszeniert Hannelore Unterberg EIN MÄDCHEN AUS SCHNEE nach einer Erzählung des sowjetischen Autors Wenjamin Kawerin: das Porträt eines Zehnjährigen, der sich in eine Mitschülerin verliebt, ohne bei ihr Beachtung zu finden, und der sich in den Winterferien in eine Traumwelt flüchtet. Wiederum lobt die Kritik die hohe Sensibilität im Umgang mit Kindern als Hauptdarstellern, merkt aber auch an, dass sich „das Innenleben des Jungen ins Halluzinatorische und Phantasmagorische verliert. Was Wirklichkeit ist und was Imagination, ist manchmal kaum noch zu unterscheiden. Nichts dagegen, dass Kinder träumen und dass sie dann auch ganz in ihre Vorstellungswelten versinken, aber dieser auch etwas als Außenseiter gezeichnete Junge wirkt dabei fast schon psychisch labil, und er schaut auch meist recht traurig drein, ein elegisches Kind. Die angestrebte Poetisierung seiner Welt entbehrt nicht sentimentaler Züge.“ (Neue Zeit, 1.2.1979).

Filmstill zu "Isabel auf der Treppe"

Mario Krüger und Irina Gallardo in ISABEL AUF DER TREPPE (R: Hannelore Unterberg, 1983) Fotografen: Dieter Jaeger, Günther Sahr, Klaus Zähler

Filmstill zu "Isabel auf der Treppe"

Teresa Polle und Hannelore Unterberg bei den Dreharbeiten zu ISABEL AUF DER TREPPE (R: Hannelore Unterberg, 1983) Fotografen: Dieter Jaeger, Günther Sahr, Klaus Zähler

Besondere Aufmerksamkeit und internationale Anerkennung findet ISABEL AUF DER TREPPE (1983) nach einem Hörspiel von Waldtraut Lewin. Die Geschichte eines zwölfjährigen chilenischen Mädchens, das mit seiner Familie in die DDR emigriert ist und sich nur schwer in die neue Umgebung eingewöhnen kann, wird zum Gleichnis auf Freundschaft und Beistand, aber auch auf Gleichgültigkeit, mangelnde Empathie und zum Ritual erstarrte Solidarität. Die Aufführung des Films steht eine Zeitlang auf der Kippe, weil sich Hannelore Unterberg den Schnittauflagen der Direktion verweigert. Nach der Premiere finden mehr als fünfzig Publikumsgespräche statt, das Team erhält mehrere Preise. Die Tageszeitung Neue Zeit urteilt, ISABEL AUF DER TREPPE sei ein Film, der „sehr nachdenklich, geradezu betroffen macht und über den besonders auch die Erwachsenen nachdenken sollten, obwohl er für Kinder bestimmt ist“ (11.9.1984). Unter dem Titel „Gut und wichtig“ hebt die Berliner Zeitung die kritischen Akzente des Films hervor, die Hannelore Unterberg dezent setze, indem sie „dem Zuschauer einfach Beobachtungen vorführt, etwa: wie Kinder im Flur des Hochhauses Feuer in Briefkästen werfen. Ein gedankenloser Streich, durch den die Angst der Chilenin, eine Nachricht über ihren in Chile verhafteten Mann zu verpassen, gesteigert wird.“ (15.9.1984). ISABEL AUF DER TREPPE wird in den Wettbewerb für Kinderfilme beim Moskauer Filmfestival 1985 eingeladen und erhält den Preis des Komsomol. Im selben Jahr eröffnet er auch die Kinder- und Jugendfilmtage in Wien.

Anschließend versucht Hannelore Unterberg, einen ähnlich zeitkritischen Stoff über Ehen zwischen DDR-Bürgern und bulgarischen bzw. arabischen Partnern bei der DEFA unterzubringen. Doch der Generaldirektor lehnt ab und beauftragt sie stattdessen mit weiteren Kinderfilmen. DER JUNGE MIT DEM GROSSEN SCHWARZEN HUND nach dem gleichnamigen Buch von Hildegard und Siegfried Schumacher porträtiert einen Achtjährigen im Zwiespalt zwischen Schulpflichten, Elternwünschen und Tierliebe. Die Erwachsenenrollen sind mit  Kurt Böwe,  Dagmar Manzel und Horst Hiemer prominent besetzt; und auch der Liedermacher Gerhard Schöne erhält einen Auftritt mit einem eigens für den Film getexteten und komponierten melancholischen Lied: „War mal ein Hund, ein großer, / ein schwarzer, heimatloser...“ – DER JUNGE MIT DEM GROSSEN SCHWARZEN HUND läuft 1987 im Wettbewerb des Kinderfilmfestes der Berlinale. Einem weiteren Gegenwartsfilm für Kinder, ...UND ICH DACHTE, DU MAGST MICH, folgt 1988 das Märchen VERFLIXTES MISSGESCHICK! nach einer Vorlage des sowjetischen Dichters Samuil Marschak, eine Ermunterung an die jungen Zuschauer, „sich in schlimmen Situationen – sei es nun ein Tiefschlag, eine Pechsträhne oder gar eine Katastrophe – nicht unterkriegen zu lassen, sondern aufmüpfig, selbstbewusst, optimistisch zu sein“ (Wochenpost, Heft 33/1989).

Filmstill zu "...und ich dachte, du magst mich"

Ulrike Dräger und Sören Lißner in ... UND ICH DACHTE DU MAGST MICH (R: Hannelore Unterberg, 1986) Fotograf: Hans-Joachim Zillmer

Filmstill zu "Der Junge mit dem großen schwarzen Hund"

Niels Anschütz ist DER JUNGE MIT DEM GROSSEN SCHWARZEN HUND (R: Hannelore Unterberg, 1985) Fotograf: Hans-Joachim Zillmer

Ein zunächst für die DEFA vorgesehener Stoff nach dem Kinderbuch „Neunfinger“ von Maria Seidenmann, die Geschichte eines Jungen, dessen Vater nach einem Autounfall stirbt, während die Mutter an den Rollstuhl gefesselt ist, wird 1990 vom DDR-Fernsehen unter dem Titel DER LETZTE WINTER realisiert; der Film hat seine Uraufführung im Festtagsprogramm der ARD. Zum 31. Juni 1991 läuft Hannelore Unterbergs Vertrag bei der DEFA aus; ihre Zuversicht, weiterhin regelmäßig Kinderfilme machen zu können, zerschlägt sich. Ein Projekt wie „Nachts spielt sie in einem hellen Haus“ über ein Flüchtlingsmädchen, das sie gemeinsam mit Waldtraut Lewin entwickelt hat, findet keine Produktionsmöglichkeit. Fortan arbeitet Hannelore Unterberg für Kindersendungen öffentlich-rechtlicher Fernsehsender (u.a. „Karfunkel“, „Achterbahn“), dreht die Filme DAS MÄDCHEN AUS TSCHERNOBYL (1994, mehrfach preisgekrönt), HUT MIT B.DEUTUNG (1994), DIE NEUEN TURNSCHUHE (1995) und EIN BERNHARDINER NAMENS MÖPSCHEN (1997) nach den Kindheitserinnerungen der Autorin Ilse Gräfin von Bredow. Außerdem arbeitet sie für die TV-Serie HALLO, HIER IST RUDI! (1998/99), für die sie rund vierzig Kurzsegmente bis zu anderthalb Minuten dreht. Zeiten der Arbeitslosigkeit werden von gelegentlichen Jobs als Reiseleiterin unterbrochen. 2003 realisiert sie den erst frei finanzierten, dann von 3sat übernommenen Dokumentarfilm WIR SIND DIE KINDER VON DER HERDER-SCHULE über eine Förderschule in Weimar. Seit 2018 dokumentiert sie filmisch die jährlich stattfindenden Friedenskonzerte, die von ihrem Sohn Tobias, einem Cellisten, Komponisten, Bandleader und Musikproduzenten, mit Gästen aus verschiedenen Ländern organisiert werden.

Hannelore Unterberg ist Mitglied der Deutschen Filmakademie.

Verfasst von Ralf Schenk. (Stand: Januar 2021)

Kinotrailer zu KONZERT FÜR BRATPFANNE UND ORCHESTER (R: Hannelore Unterberg, 1975)

Literatur

  • Von den Schwierigkeiten des Filmemachens. Gespräch mit Erika und Rolf Richter. In: Film und Fernsehen, Heft 1/1976, S. 10–16.
  • Ulrike Odenwald (= Walter Beck): Hannelore Unterberg. Kinderfilm-Regisseurin. In: Film und Fernsehen, Heft 3–4/1997, S. 42–45.
  • Martin Mund (= Ralf Schenk): Spiele für Kinder (zum 60. Geburtstag). In: Neues Deutschland, 28.12.2000.
  • Ulrike Odenwald: Hannelore Unterberg. In: Familienalbum derer, die im DEFA-Studio für Spielfilme Filme für Kinder gemacht haben. Berlin 2010, S. 228–236.
  • Ralf Schenk: Hannelore Unterberg. Sich spielend ein Stück Leben aneignen. In: Cornelia Klauß/Ralf Schenk (Red.): Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme. Berlin 2019, S. 360–366.

Eine erweiterte Filmografie können Sie unter filmportal.de einsehen.

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