Coming Out

Heiner Carows DEFA-Spielfilm COMING OUT (1989) feiert am 9. November, dem Jahrestag des Mauerfalls, sein 30-jähriges Premierenjubiläum. Das Berliner Kino International zeigt die Produktion am Jubiläumstag in Anwesenheit der Hauptdarsteller (Weitere Veranstaltungsinformationen und Tickets erhalten sie auf der Website des Kinos). Zu diesem Anlass stellen wir den Film in unserer Rubrik DEFA-Film des Monats vor.

Kurzinhalt

Filmplakat zu "Coming Out"

COMING OUT

(R: Heiner Carow, 1988 - 1989) Grafikerin: Gabi König

Philipp (gespielt von Matthias Freihof) ist ein beliebter und engagierter Lehrer an seiner Schule. Mit seiner Kollegin Tanja ( Dagmar Manzel) geht er eine Beziehung ein. Als Philipp seinen Schulfreund Jakob (Axel Wandtke) wiedertrifft, erinnert er sich an frühere gegenseitige Zuneigungen. In seinen Empfindungen und Gefühlen verunsichert, lernt er in einer Kneipe Matthias (Dirk Kummer) kennen und verliebt sich in ihn...
 Hier finden Sie die kompletten Filmdaten.

Produktionsgeschichte

DEFA-Generaldirektor Hans-Dieter Mäde bescheinigte Regisseur  Heiner Carow, dass ein „solcher Film“ bei der DEFA nicht produziert werde. Carow bemühte sich trotz der ablehnenden Haltung weiterhin um die Verfilmung des Stoffes. Wolfram Witt schrieb ohne konkreten Studioauftrag ein Drehbuch und Carow holte drei Gutachten ein – ein rechtswissenschaftliches, ein soziologisches und ein psychiatrisches –, die dem fertigen Skript beigelegt wurden. Nachdem Mäde trotz der wohlwollenden Einschätzungen der Gutachter keine Bestrebungen zeigte den Stoff zu verfilmen, wandte sich Carow in seiner Position als Vizepräsident der Akademie der Künste an das SED-Politbüromitglied Kurt Hager, der schließlich seine Zustimmung signalisierte.

Trailer COMING OUT (R: Heiner Carow,1989)

Homosexualität in der DDR

Der im Volksmund oft als „Schwulenparagraf“ bezeichnete § 175 des Strafgesetzbuches trat 1872 in Kraft und wurde 1935 unter nationalsozialistischer Führung deutlich verschärft. Der Paragraf stellte gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen unter Strafe. Die DDR kehrte 1950 zur ursprünglichen Fassung des Paragrafen zurück. Mit Inkrafttreten einer neuen DDR-Strafgesetzgebung 1968 verschwand § 175 aus der Gesetzgebung. Der neue § 151 stellte gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen mit Jugendlichen unter Strafe. Dieser Paragraf wurde 1988 aus dem Gesetzbuch gestrichen. Formal juristisch waren Homosexuelle in der DDR damit deutlich bessergestellt als in der BRD – dort gab es erst Ende 1969 eine erste Novellierung der Fassung des § 175 von 1935; erst 1994 wurde er ganz gestrichen.

Im DDR-Alltag kam Homosexualität jedoch lange Zeit nicht vor – wurde totgeschwiegen. Die Angst vor dem Coming Out und folgender gesellschaftlicher Missbilligung war bei vielen Homosexuellen groß. 1973 gründet sich eine erste homosexuelle Interessengemeinschaft in Ost-Berlin, die später unter dem Tarnnamen „Sonntags-Club“ öffentliche Sitzungen abhält und bis heute existiert. Weiterhin bemühte sich in den 1980er Jahren insbesondere die evangelische Kirche um mehr gesellschaftliche Akzeptanz für Homosexualität.

Regisseur: Heiner Carow

Heiner Carow

während der Dreharbeiten zu COMING OUT (1988 - 1989) Fotograf: Wolfgang Fritsche

Heiner Carow (1929–1997) zählt zu den bedeutendsten Regisseuren der DEFA. Neben Kinder- und Jugendfilmen wie SHERIFF TEDDY (1957), SIE NANNTEN IHN AMIGO (1958), DIE REISE NACH SUNDEVIT (1965/66) und IKARUS (1975) widmete sich Carow vor allem dem Gegenwartsfilm. Er inszenierte DEFA-Klassiker wie DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1972) oder BIS DASS DER TOD EUCH SCHEIDET (1978). Carow greift alltägliche Probleme in der DDR auf, provoziert damit und löst Diskussionen aus. Sein Film DIE RUSSEN KOMMEN (1968) über die letzten Tage im Zweiten Weltkrieg wird verboten und kann erst 1987 aufgeführt werden. Teile des Films verwendete Carow bereits 1971 in KARRIERE. 1990 dreht er als seinen letzten DEFA-Film VERFEHLUNG.

Die Darsteller

Matthias Freihof spielt in COMING OUT seine erste Hauptrolle. In einem Zeitzeugengespräch schildert er, dass er drei Mal zum Vorsprechen erscheinen musste, da Carow prüfen wollte, ob die Chemie zwischen ihm und den anderen Darstellern stimmt. Dagmar Manzel war bereits drei Jahre zuvor im Heiner-Carow-Film SO VIELE TRÄUME (1986) zu sehen. Mit ihr wollte der Regisseur ein weiteres Mal zusammenarbeiten. Dirk Kummer fungierte eigentlich als Regie-Assistent der Produktion. Nachdem sich die Suche nach einem geeigneten Darsteller für die Rolle des Matthias als schwierig erwies, übernahm Kummer den Part. In einer kleinen Nebenrolle als Bardame ist Charlotte von Mahlsdorf, Gründerin des Gründerzeitmuseums Mahlsdorf und bekannter Transvestit, zu sehen.

Matthias Freihof und Dagmar Manzel Fotograf: Wolfgang Fritsche

Filmstill zu "Coming out"

Dirk Kummer und Matthias Freihof Fotograf: Wolfgang Fritsche

Premiere am Tag des Mauerfalls

Die Premiere von COMING OUT fand am 9. November 1989 im Berliner Kino International statt. Aufgrund des großen Zuschauerinteresses wurde der Film an diesem Abend zwei Mal vorgeführt. Nach Günter Schabowskis missverständlichen Aussagen bezüglich der neuen Reiseregelung für DDR-Bürger strömten zeitgleich Menschenmassen zu den Grenzübergangen. Gegen 21:20 Uhr öffnete der erste Grenzübergang an der Bornholmer Straße im Prenzlauer Berg. Das Filmteam entschied sich, trotz der politischen Ereignisse zum vorgesehen Premierenfeier-Ort, der Kneipe „Zum Burgfrieden“ unweit der Bornholmer Straße, zu fahren und dort zu feiern.

Echo

Anders als viele andere DEFA-Produktionen von 1989/90 wurde COMING OUT ein nationaler und internationaler Publikumserfolg. Auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin gewinnt der Film einen Silbernen Bären und den Teddy Award. Der renommierte Filmkritiker Heinz Kersten urteilt: „Dass es eine der besten und sensibelsten Arbeiten dieses Regisseurs wurde, ist auch den Hauptdarstellern Matthias Freihof, Dagmar Manzel und Dirk Kummer zu verdanken.“

Verfasst von Philip Zengel (November 2019).

ICESTORM Entertainment: Filmwerke HD-Remastered

DVD-Tipp

COMING OUT ist in der Reihe „Filmwerke“ als DVD verfügbar.

Bonusmaterial: Interview mit Matthias Freihof (2001, ca. 19 Minuten, Englisch mit deutschen UT), Gespräch mit Dagmar Manzel (2014, ca. 20 Minuten), Original Kino-Trailer

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