Kit & Co
Am 12. Januar 1876 – vor 150 Jahren – wurde der US-amerikanische Schriftsteller Jack London geboren. Dessen abenteuerliche Werke erfreuen sich seit Generationen großer Beliebtheit und wurden vielfach filmisch adaptiert. 1974 entstand mit KIT & CO die einzige Jack-London-Verfilmung der DEFA. Im Programm des Senders DEFA TV läuft KIT & CO im Januar 2026 wöchentlich am Freitagabend.
Kurzinhalt
KIT & CO
(R: Konrad Petzold, 1974)
Christopher „Kit“ Bellow (gespielt von Dean Reed) ist Ende des 19. Jahrhunderts mit seinem eintönigen Leben als Lokaljournalist mit schlechter Bezahlung in San Francisco unzufrieden. Als er von den Goldfunden in Alaska hört, bricht auch bei ihm der Goldrausch aus. Ohne echte Kenntnisse über das Leben in der Wildnis reist er Hals über Kopf in den Norden und wird, dort angekommen, von der Goldgräberin Joy (Renate Blume) sofort als „Greenhorn“ belächelt. Ein treuer Freund wird Bellow der wenig erfolgreiche Goldsucher Shorty (Rolf Hoppe). Zusammen sind sie Kit & Co. Das mal clever, mal unbeholfen agierende Duo gerät von einem Abenteuer in das Nächste. Werden sie in Alaska ihr Glück finden?
Vorlage: Jack London
Der in San Francisco geborene Jack London (1876–1916) stammte aus ärmlichen familiären Verhältnissen. Früh verließ er die Schule, um als Kinderarbeiter Geld für die Familienkasse beizusteuern. Nach einer Zeit als Robbenjäger auf hoher See schrieb er 1893 seinen ersten Reisebericht, der sogleich eine Auszeichnung in seiner Heimatstadt gewann. 1897 erfasste ihn der Goldrausch – gewisse Parallelen zu „Kit“ Bellow in KIT & CO werden sichtbar. Im Yukon-Territorium steckte London einen eigenen Claim ab und war Goldsucher in der Wildnis. Das Milieu für seine Abenteuerromane, die ab 1902 in den USA erschienen, kannte er somit exzellent. Generationen an insbesondere jugendlichen Leserinnen und Lesern erfreuen sich seitdem weltweit an den Büchern. In den 1960er-Jahren wurden die Alaska-Geschichten Jack Londons auch in der DDR im Verlag Neues Leben veröffentlicht. Dort war der Schriftsteller, der sich in seinen politischen Schriften mehrfach zu den gesellschaftlich schwachen Schichten bekannte und Mitglied in der Sozialistischen Partei Amerikas (SPA) war, gern gesehen: „Er [London] erwies sich in vielen Werken als ein scharfer Kritiker der Wolfsmoral der kapitalistischen Gesellschaft“ (Renate Seydel in Filmspiegel, 1975/2).
Männerfreundschaft: Shorty & Kit - gespielt von Rolf Hoppe und Dean Reed. Fotograf: Manfred Damm
Wer holt sich den Claim? Wiedersacher Wild Water Bill (Manfred Krug) lässt nicht locker. Fotograf: Manfred Damm
1974: Jack-London-Hype in den DDR-Kinos
Die zu großen Teilen im Schnee spielende Jack-London-Verfilmung KIT & CO feierte am 19. Dezember 1974 als letzter DEFA-Spielfilm des Jahres kurz vor Weihnachten im Berliner Kino International Premiere. Dem DDR-Kinopublikum war Jack London zu dieser Zeit bereits kein Unbekannter mehr. Zu Jahresbeginn flimmerte bereits die zweiteilige, rumänische Kinofassung des 1971 realisierten ZDF-Abenteuervierteilers DER SEEWOLF (R: Wolfgang Staudte & Sergiu Nicolaescu) mit Raimund Harmstorf in der Titelrolle über die DDR-Kinoleinwände. Jürgen Frohriep lieh in einer neuerstellten – im Vergleich zur bundesdeutschen Fassung deutlich herberen – DEFA-Synchronisation Harmstorf seine Stimme. Als 8-teilige Serie war DER SEEWOLF ab Februar 1974 auch im DDR-Fernsehen zu sehen.
Bereits am 25. Januar startete, der von Harald Reinl im Stil der westdeutschen Karl-May-Filme der 1960er-Jahre inszenierte SCHREI DER SCHWARZEN WÖLFE (1972) in den DDR-Kinos, dessen Handlung wie die von KIT & CO in Alaska angesiedelt ist. Ab dem 16. August konnte das DDR-Kinopublikum mit der internationalen Produktion RUF DER WILDNIS (R: Ken Annakin, 1972) mit Charlton Heston in der Hauptrolle auch bei sommerlichen Temperaturen in die Weiten Alaskas eintauchen.
Bei einer solchen Fülle von durch den DEFA-Außenhandel angekauften Jack-London-Adaptionen plus der DEFA-eigenen KIT & CO-Produktion ist man schnell verleitet, von einem Überangebot an Jack-London-Filmen zu sprechen. Die hohe Zugkraft der Werke an den Kinokassen geben den Einkäufern jedoch recht und zeugen vom hohen Bedarf an historischen Abenteuerfilmen der Zuschauerinnen und Zuschauer in der DDR in den 1970er-Jahren sowie der ungebrochenen Beliebtheit von Londons Erzählungen.
Anfeuerungsrufe von Sängerin Lucille (Monika Woytowicz) und Louis Gastell (Siegfried Kilian). Fotograf: Manfred Damm
Austausch auf Augenhöhe? Shorty mit Abenteurerin Joy (Renate Blume). Fotograf: Manfred Damm
Alaska in Osteuropa
Da dem Filmteam Alaska als Drehort für KIT & CO nicht zur Verfügung stand, musste nach Alternativen gesucht werden. Mit Unterstützung der Studios Barrandov und Mosfilm wurden passende Locations in der CSSR und in der Sowjetunion gefunden. Gedreht wurde u.a. am polnisch-tschechischen Grenzfluss Dunajec und in der Hohen Tatra auf einem Hochplateau unweit des Velické Pleso. Das Plateau war in den Wintermonaten schwer zugänglich, und der Aufstieg durch mitunter 2,50 Meter tiefe Schneeverwehungen verlangte dem Filmteam einiges ab. Weitere Aufnahmen, darunter ein großes Schlittenrennen, entstanden unweit der Stadt Petrosawodsk in Karelien. Um an den Drehort zu gelangen, legten fünf Schlittengespanne sowie 53 Hunde und ihre Betreuer vom indigenen Volk der Tschuktschen samt 2,8 Tonnen Robbenfleisch als Tierfutter eine Flugstrecke von 8.000 Kilometern zurück. Die deutschen Schauspielerinnen und Schauspieler mussten den Hunden während des Rennens die Befehle in der Sprache der Tschuktschen zurufen – kein leichtes Unterfangen, wie Regieassistent Dirk Jungnickel in einem Drehbericht für die Zeitschrift Filmspiegel festhielt. Als beste Schlittenfahrerin verwies laut Jungnickel Renate Blume ihre männlichen Kollegen auf die Plätze (vgl. Filmspiegel, Ausgabe 1974/22).
Harter Kampf in Schneelandschaft, ob sich Kit sein neues Leben so vorstellte? Fotograf: Manfred Damm
Kann Shorty seinen Freund Kit beschützen? Fotograf: Manfred Damm
Regie: Konrad Petzold
Spannung und Abenteuer prägen das filmische Œuvre des Regisseurs Konrad Petzold (1930–1999). Kaum ein anderer DEFA-Filmemacher hat sich auf dem Gebiet des bei Zuschauerinnen und Zuschauern populären, historischen Abenteuerfilms so sehr hervorgetan wie er. Zahlreiche seiner Werke erreichten ein Millionenpublikum, darunter WEISSE WÖLFE (1968), TÖDLICHER IRRTUM (1969) und OSCEOLA (1971) – sie zählen zu den meistgesehenen der DEFA-Geschichte. Neben der Regie Petzolds eint die Filme die Autorenschaft von Günter Karl, der das Genre in Zusammenarbeit mit dem Regisseur prägte und auch das Drehbuch für KIT & CO schrieb.
Bei allem Erfolg musste Petzold im Verlauf seiner Regiekarriere einige herbe Niederlagen einstecken: Im Umfeld des Mauerbaus wurde 1961 DAS KLEID, eine Adaption von Hans Christian Andersens „Des Kaisers neue Kleider“, in der eine Stadt durch eine riesige Mauer von der Außenwelt abgeschottet wird, verboten. Wenige Jahre später ließ Petzold seinen Namen aus dem Vorspann von ALFONS ZITTERBACKE (1965) entfernen, nachdem der Film in Folge des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED nur in einer um 20 Minuten gekürzten, zerstückelten Version in die Kinos kommen durfte. Besonders schwer wog die Aufgabe seines über fünf Jahre vorbereiteten Projekts „Es kommt Dein Tag“ über die Jugend des späteren Lyrikers Kurt „KuBa“ Barthel. Der Produktionsstopp erfolgte nur einen Tag vor Drehbeginn, nachdem der tschechische Koproduktionspartner gegen das Projekt in seiner bestehenden Form intervenierte und für die DEFA sowie Petzold unüberbrückbare Forderungen stellte.
Mehr Informationen über Konrad Petzold bietet der von Günter Agde verfasste Essay „Abenteuer, Spannung und eine Ausnahme – Konrad Petzold und seine Filme“, der 2019 in der Publikation Publikumspiraten. Das Genrekino der DEFA und seine Regisseure (1946-90) in der Schriftenreihe der DEFA-Stiftung erschien.
Das indigene Volk der Tschuktschen und ihre Hunde wurden in die Dreharbeiten eingebunden. Fotograf: Manfred Damm
Regisseur Konrad Petzold gibt Dean Reed und dem Rest des Teams die Richtung vor. Fotograf: Manfred Damm
Ein Starensemble
Wer hat das Spiel durchschaut?
Armin Mueller-Stahl und Dean Reed am Roulette-Tisch. Fotograf: Manfred Damm
„Man kann sich für diesen Film wohl kaum eine bessere Besetzung denken“, bemerkte Manfred Heidicke am 21. Dezember 1974 in der Berliner Zeitung und in der Tat ist KIT & CO wohl die DEFA-Spielfilmproduktion mit dem größten Starensemble der 1970er-Jahre. Für die Titelrolle wurde der seit 1972 in der DDR lebende und dort als „Weltstar“ vermarktete US-Amerikaner Dean Reed besetzt, der nach AUS DEM LEBEN EINES TAUGENICHTS (1973) zum zweiten Mal in einem DEFA-Film mitwirkte. An seiner Seite agierten Rolf Hoppe, Renate Blume – die spätere Ehefrau Reeds – und Monika Woytowicz. Als Gegenspieler besetze die Regie niemand Geringeres als Manfred Krug. Der Part war zunächst Gojko Mitić angeboten worden, der jedoch dankend ablehnte (vgl. Stefan Ernsting in „Der rote Elvis“, S. 140). Erst ein Jahr später sollten Mitić und Reed für BLUTSBRÜDER gemeinsam vor der Kamera stehen. Die Filmbesprechungen zu KIT & CO hoben vielfach die Leistung von Armin Mueller-Stahl hervor, der seiner eigentlich kleinen Rolle als Saloon-Besitzer mit einer ostpreußischen Sprachmelodie eine nachhaltige Wirkung verschaffte – ein „Kabinettstück“ (Horst Knietzsch in Neues Deutschland, 21. Dezember 1974).
Verriss der Filmkritik, aber ein Kassenschlager
Nachdem die Veröffentlichung von KIT & CO bereits Monate zuvor stetig in diversen Filmpublikationen der DDR zum Teil mehrseitig und mit großen Bildstrecken angekündigt wurde, war das Presseecho nach der Premiere ernüchternd. Renate Holland-Moritz, die dafür bekannt war, in ihren Besprechungen kein Blatt vor den Mund zu nehmen, sprach sogar vom „aufwendigste[n] Schuss in den Ofen, der je aus Babelsberg abgefeuert wurde“ (Eulenspiegel, 6. Januar 1975). Die DDR-Presse beanstandete neben dem episodenhaften Charakter der Handlung die fehlende kritische Distanz zum Goldrausch und zum Kapitalismus: „was hier gegaunert und betrogen wird, zählt nicht mehr zu den Kavaliersdelikten“ (Manfred Haedler in „Der Morgen“, 22. Dezember 1974). Auch andere Kritiker bemängelten die fehlende Sozialkritik und dass „die Suche nach dem großen Jux“ (Georg Antosch in „Der neue Weg“, 10. Januar 1975) im Vordergrund stehen würde. Daraus ergebe sich eine ungenaue Milieuzeichnung, die die harte Realität in Alaska im 19. Jahrhundert verkläre. Antosch bemerkte dazu sarkastisch: „Hier ballen sich die schwieligen Hände nur zur Faust, wenn es eine Männerfreundschaft zu erboxen gilt, hier lässt die Lynchjustiz Hanfstricke Strick sein, wenn neue Goldfunde verkündet werden, hier leben die großen Bosse mit den kleinen Leuten in friedlicher Sozialpartnerschaft – oh, was für lustige Zeiten!“ (ebd.)
Davon ungeachtet strömte das Publikum in die Kinos. Mehr als 700.000 Menschen sahen KIT & CO im ersten Jahr nach dem Kinostart, damit war die Produktion hinter Rainer Simons TILL EULENSPIEGEL der zweiterfolgreichste DEFA-Film des Jahrgangs.
Verfasst von Philip Zengel. (Januar 2026)