Filmstill zu "Einfach Blumen aufs Dach"

Donatas Banionis

Schauspieler

* 28. April 1924 in Kaunas; † 4. September 2014 in Vilnius

Biografie

Filmstill zu "Goya"

Donatas Banionis

in GOYA (R: Konrad Wolf, 1971) Fotograf: Arkadi Sager

Donatas Banionis zählt zu den bedeutendsten sowjetischen Schauspielern. Vom Theater kommend, erarbeitet sich Banionis in Produktionen von Vytautas Žalakevičius einen Namen im Filmgeschäft. Drei Mal ist Banionis im Laufe seiner Karriere in tragenden Rollen bei der DEFA zu Gast. Weltweite Beachtung findet seine Darstellung des Psychologen Kelvin in Andrej Tarkowskis Stanislaw-Lem-Verfilmung SOLARIS (1972).

Der litauische Schauspieler Donatas Banionis wird am 28. April 1924 in Kaunas als Sohn eines Schneiders und Teilnehmers der Oktoberrevolution geboren. Der im Bürgerkrieg verwundete Vater versucht nach seiner Haft als politischer Gefangener zu emigrieren. Auch den Weg des Sohnes bestimmen historische Umbrüche. Nach Ende des Weltkriegs und dem Anschluss Litauens an die UdSSR ändert sich Banionis Berufswunsch von Keramiker in Schauspieler. Er schließt sich dem Theaterreformer Juozas Miltinis an, wird sein Schüler und Ensemblemitglied des neu gegründeten Dramatischen Theaters in Panevėžys (Ponewiesch), dem er bis zu seinem Tod angehört. Wiederholt bezeichnet er die Wirkungsstätte als Basis seiner Arbeit und als „Familie“ – zwischenzeitlich wirken auch Banionis Lebensgefährtin Ona Banionienė (1924–2008) und einer seiner Söhne, Raimundas Banionis (* 1957), am Theater. Auch wenn ihn die Filmarbeit an viele Orte in der ganzen Welt führt, kehrt er immer wieder nach Panevėžys zurück, eine zwischen Riga und Vilnius liegende Großstadt, die im 20. Jahrhundert durch ihre wechselvolle Geschichte zu einem Schmelztiegel deutsch-polnisch-jüdisch-russischer Kultur wird. Banionis ist hier ein Star. Von 1980 bis 1984 fungiert er als Oberspielleiter des Theaters. Durch das rasche Wachsen der Stadt zu einem wichtigen Industriezentrum vergrößert sich die Bedeutung des Theaters. Der Spielplan einer europäischen Repertoirebühne hat für ihn viele Aufgaben. Er spielt Tschechow und Ibsen, Shakespeare und Dürrenmatt. Er war der Beckmann in Wolfgang Borcherts Heimkehrer-Drama „Draußen vor der Tür“. Vor allem aber der Willy Loman aus Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ macht ihn in Litauen bekannt. Bereits hier im Theater scheint sich das Rollenfeld herauszukristallisieren, das später auch im Kino sein bevorzugtes Gebiet wird.

Filmstill zu "Goya"

Donatas Banionis in GOYA (R: Konrad Wolf, 1971) Fotograf: Arkadi Sager

Filmstill zu "Beethoven - Tage aus einem Leben"

Donatas Banionis in BEETHOVEN - TAGE AUS EINEM LEBEN (R: Horst Seemann, 1976) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Erste Kontakte zum Film ergeben sich für Banionis bereits 1947 während seines Studiums. MARITE (1947) war eine Mosfilm-Produktion der ukrainischen Regisseurin Wera Strojewa über die litauische Partisanin Marytė Melnikaitė. Als sein eigentliches Debüt betrachtet Banionis jedoch den litauischen Film ADAM WILL EIN MENSCH WERDEN (1959) von Vytautas Žalakevičius. Die Entwicklung eines eigenen Nationalen Litauischen Kinos ist eng mit der Arbeit dieses Regisseurs verbunden. In ADAM WILL EIN MENSCH WERDEN ist Banionis die Titelfigur Adam, ein junger Arbeiter aus Kaunas, der Hauptstadt der noch unabhängigen bürgerlichen Republik Litauen, der von der sehr fernen „großen weiten Welt“ träumt. Die einfache, sehr durchschnittliche kleine Geschichte machen Regisseur und sein Darsteller zur Reflexion über Souveränität und Unabhängigkeit, über Nationalität und Freiheit. 

In der Folgezeit ergibt sich für Banionis eine enge Arbeitsbeziehung mit dem Regisseur. NIEMAND WOLLTE STERBEN (1965) ist Banionis insgesamt siebter Film und die bereits dritte Zusammenarbeit mit Žalakevičius. Der Film erzählt eine Geschichte, die thematisch an die eigene Biografie von Banionis erinnert, aber auch an Andrzej Wajdas Film ASCHE UND DIAMANT (1958). Banionis trug sich am Ende des Weltkrieges und dem Anschluss der baltischen Staaten an die UdSSR mit dem Gedanken, aus der Sowjetunion zu emigrieren. Žalakevičius beschreibt den Kampf um die Sowjetherrschaft in einem litauischen Dorf kurz nach Kriegsende. Jugendliche Banden widersetzen sich der neuen staatlichen Ordnung. Der Regisseur engagiert für seine Produktion eine ganze Gruppe junger baltischer Schauspieler, die hinfort immer wieder auch in anderen baltischen, russischen wie auch westeuropäischen Filmproduktionen besetzt wurden. Neben Juozas Budraitis, Regimentas Adomaitis und Bruno Oja gehört auch Banionis dazu.

Für Banionis führt der Film zu mehreren bedeutsamen internationalen wie auch russischen Produktionen. So verpflichtet ihn der russische Regisseur Michail Kalatosow für seine Co-Produktion des Mosfilm-Studios mit Italien DAS ROTE ZELT (1969). Seine Partner sind hier internationale Stars wie Claudia Cardinale, Sean Connery und Peter Finch. Für gleich zwei bedeutende Projekte wird der Litauer daraufhin von russischen Regisseuren nach Leningrad verpflichtet. Grigori Kosinzew, besetzt ihn in seiner Shakespeare-Adaption KÖNIG LEAR (1970) mit der Rolle des Duke of Albany. Fast zur gleichen Zeit gibt ihm Sawwa Kulisch in TOTE SAISON (1968) die Hauptrolle, den in Amerika tätigen russischen Spion Rudolf Abel zu spielen. Dieser Kundschafter im Auftrag des russischen Geheimdienstes war in den USA gefasst und zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden. Später tauschte man ihn auf der Berliner Glienicker Brücke gegen einen in der UdSSR verhafteten US-Spion aus.

Filmstill zu "Goya"

Donatas Banionis in GOYA (R: Konrad Wolf, 1971) Fotograf: Arkadi Sager

Filmstill zu "Goya"

Fred Düren und Donatas Banionis in GOYA (R: Konrad Wolf, 1971) Fotograf: Arkadi Sager

Konrad Wolf arbeitet 1971 schon am GOYA-Film, als TOTE SAISON in die russischen Kinos kommt. Möglicherweise hätte aber auch Kulischs Agentenstory den DEFA-Regisseur zu seiner überraschenden Besetzung inspirieren können. Wolf sah die Feuchtwanger-Figur Goya als einen Künstler, der zerrissen ist zwischen den Ansprüchen der Macht und seinen eigenen künstlerischen Ambitionen. Scheinbar liegen Welten zwischen dem spanischen Maler am Hofe des Königs und dem russischen Agenten in den USA, die unüberbrückbar scheinen. Banionis spielt beide Figuren so, dass durchaus Berührungspunkte deutlich werden. Der Agent und der Maler; beides wortkarge Helden, die sich nicht durch laute, äußerliche Handlungen auszeichnen. Zwei Fremde in einer ihnen feindlichen Umwelt. Gebrochene Charaktere, die sich mehr durch Zurückhaltung als durch Aktionen auszeichnen, bestimmen schon sehr bald das Rollenspektrum des noch wenig bekannten Litauers. Beobachter von Banionis‘ Schauspiel wollen entdeckt haben, dass sich sein Stil deutlich vom Stil anderer sowjetischer Filmschauspieler jener Jahre unterscheide. Banionis spielt mit Zurückhaltung und Kargheit. Er „profiliert sich als ein Schauspieler, der die Kompliziertheit der Charaktere, psychologische Prozesse und Gedankentiefe seiner Helden überzeugend auf der Leinwand zu gestalten vermag“ schreibt die Filmwissenschaftlerin Julia Kuniß über ihn.

Eine weitere Überraschung ist 1972 die Besetzung des litauischen Schauspielers durch den Russen Andrej Tarkowski. Bereits die Stoffwahl verwundert. Tarkowski, eine Ikone des europäischen Autorenfilms, der bisher durch grüblerische, philosophisch verschlüsselte Filmessays beeindruckt, dreht den Science-Fiction-Film SOLARIS (1972) nach einer Geschichte von Stanislaw Lem. Banionis verkörpert die Hauptfigur, einen Psychologen, der bei einem wissenschaftlichen Experiment, das unter übermenschlichen Bedingungen stattfindet, versucht, menschlich zu bleiben. Ein Unbekannter ist Donatas Banionis zu jener Zeit, da ihn Tarkowski besetzt, nicht mehr. Er ist eine Größe in Moskau und Panevėžys, in Berlin und anderswo. Ein Volks- und Staatskünstler der UdSSR sowie der Litauischen SSR und Kunstpreisträger der DDR.

Filmstill zu "Beethoven - Tage aus einem Leben"

Donatas Banionis und Eberhard Esche in BEETHOVEN - TAGE AUS EINEM LEBEN (R: Horst Seemann, 1976) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Beethoven - Tage aus einem Leben"

Marita Böhme und Donatas Banionis in BEETHOVEN - TAGE AUS EINEM LEBEN (R: Horst Seemann, 1976) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

1976 besetzt der Regisseur Horst Seemann die Titelrolle seines Projekts BEETHOVEN – TAGE AUS EINEM LEBEN mit Banionis. Der Film wird Banionis zweites Engagement bei der DEFA. Das Buch für den Beethoven-Film stammt aus der Feder Günter Kunerts. Feuchtwanger oder Kunert, spanischer Maler oder deutscher Musiker, in beiden Fällen handelte es sich um europäische Geistesgrößen. Banionis – ein intellektueller Schauspieler, Spezialist für große Künstlerpersönlichkeiten? Solch eine Frage mag sich mancher Beobachter damals gestellt haben, der allein über diese beiden Filme reflektiert. In Banionis litauischer Heimat sind jedoch ganz andere seiner Filme sehen: Abenteuerfilme, „Eastern“ für ein junges Publikum, das originale amerikanische Western nur stark dosiert konsumieren kann.

1977 arbeitet Banionis ein letztes Mal bei der DEFA – erneut unter der Regie von Konrad Wolf. Sechs Jahre nach GOYA spielt Banionis in MAMA, ICH LEBE einen sowjetischen Major, der während des Krieges die Aufgabe erhält, eine Gruppe junger Deutscher aus einer Antifa-Schule zu ihrem ersten Fronteinsatz mit der Roten Armee zu begleiten. Wieder interpretiert der Litauer einen Fremden. Der baltische Major – im Zivilleben Germanist – begleitet junge Deutsche zu einem Fronteinsatz in ein Land, das er nur aus der Literatur kennt, das für die Jungen jedoch Heimat ist.

Die 1986 in Moskau erschienene Kino-Enzyklopädie informiert, dass der Schauspieler seit 1960 Mitglied der Kommunistischen Partei sei und in der 9. Wahlperiode in den Obersten Sowjet gewählt wurde. 2018 wird bekannt, dass Banionis unter dem Decknamen „Bronius“ mehrere Jahre für den sowjetischen Geheimdienst KGB tätig ist. Donatas Banionis stirbt am 4. September 2014 im Alter von 90 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

verfasst von Michael Hanisch. (Stand: Januar 2021)

Filmstill zu "Mama, ich lebe"

Detlef Gieß und Donatas Banionis in MAMA, ICH LEBE (R: Konrad Wolf, 1976) Fotograf: Michael Göthe

Filmstill zu "Mama, ich lebe"

Donatas Banionis miz Uwe Zerbe und Detlef Gieß in MAMA, ICH LEBE (R: Konrad Wolf, 1976) Fotograf: Michael Göthe

Auszeichnungen

  • 1966: NIEMAND WOLLTE STERBEN - Darstellerpreis auf dem Filmfestival Karlovy Vary
  • 1966: NIEMAND WOLLTE STERBEN - Darstellerpreis auf dem Allunionsfilmfestival Kiew
  • 1966: NIEMAND WOLLTE STERBEN - Staatspreis der UdSSR
  • 1969: TOTE SAISON - Darstellerpreis auf Filmfestival Sofia
  • 1969: Staatspreis der Litauischen SSR für Tätigkeit in Theater und Film
  • 1971: GOYA - Kunstpreis der DDR (zusammen mit Fred Düren und Rolf Hoppe)
  • 1973: Titel Volkskünstler der Litauischen SSR
  • 1974: Titel Volkskünstler der UdSSR
  • 1977: DIE FLUCHT DES MISTER MCKINLEY - Staatspreis der UdSSR

Literatur

  • Iris Gusner: Notat. Donatas Banionis während der Dreharbeiten, in: Ruth Herlinghaus (Redaktion): Goya. Vom Roman zum Film, Deutsche Akademie der Künste Berlin 1971.
  • Nina Charitonowa: Der Zauberstab des Schauspielers, in: Freie Erde, Neustrelitz vom 16.9.1971 (Interview)
  • Volker Müller: Künstler, Partner, Weggefährten. Donatas Banionis, in: Das Volk, Erfurt vom 9.2.1972 (Interview)
  • Rudy Reinhard: Ein Gespräch mit Donatas Banionis: Wichtiger als Handwerk ist das Verständnis der Kunst, in: Spandauer Volksblatt, 2.11.1973
  • Hdt (d.i. Hans Dieter Tok): In Großaufnahme: Goya, Beethoven, Major Mauris, Donatas Banionis, in: Leipziger Volkszeitung, 26./27.2.1977
  • Marlis Linke: Der Schnee vom vergangenem Jahr, in: Freie Welt, Berlin vom 17.8.1977
  • Rosemarie Rehahn: Der Mann aus Pane – wie? Aus Paneveshis, in: Wochenpost, Berlin vom 11.12. 1978
  • Ralf Schenk: in Memoriam Personen: Donatas Banionis, in: Filmdienst, Nr. 21, 9.10.2014
  • Julia Kuniß: Herausgegeben von Hans-Michael Bock Cinegraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, edition text + kritik
  • k.A.: KINO – ENZIKLOPEDITSCHESKII SLOWAR, Sowjetskaja Enziklopedija Moskwa 1986
  • Donatas Banionis, in: Aktjory sowjetskowo kino, Band 1, Niwa Rossii Moskau 1995
  • k.A.: Aktjorskaja Enziklopedija. Kino Rossii, Moskau 2002

DEFA-Filmografie

Eine erweiterte Filmografie können Sie unter filmportal.de einsehen.

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