Filmstill zu "Einfach Blumen aufs Dach"

Ernesto Remani

Regisseur

* 6. Februar 1906 in Meran (Österreich-Ungarn); † 12. Dezember 1966 in Frankfurt/Main

Biografie

Filmstill zu "Die Schönste"

Ernesto Remani

bei den Dreharbeiten zu DIE SCHÖNSTE (R: Ernesto Remani, 1957/59) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

1956 lud die DEFA den Südtiroler Filmemacher Ernesto Remani ein, in Babelsberg den Farbfilm DIE SCHÖNSTE zu inszenieren. Doch das in Westberlin und Hamburg spielende Projekt geriet in die politischen Turbulenzen einer neuen kulturpolitischen Eiszeit, wurde als revisionistisch charakterisiert und nicht zur Aufführung freigegeben. Für den umtriebigen und doch oft glücklosen Remani blieb das DEFA-Engagement eine Episode. Nach seinem Tod verloren sich fast alle seiner Spuren. Erst nach der Fertigstellung und Veröffentlichung des Films durch die DEFA-Stiftung 2002 kam auch Licht ins Dunkel seiner schillernden Biografie.

Ernesto Remani wird am 6. Februar 1906 als Ernst Rechenmacher in der zu Österreich-Ungarn gehörenden Kurstadt Meran in Südtirol geboren. Seine Eltern sind ein Hilfsmonteur und eine Kellnerin. Er besucht die Grundschule, danach bis 1919 – dem Jahr der Eingliederung Südtirols nach Italien – die humanistisch geprägte Mittelschule und bis 1923 eine Handelsoberschule in Meran, die ihm ermöglicht, im Hotelgewerbe Fuß zu fassen. Nach der Ausbildung arbeitet er u.a. als Hotelsekretär in Meran und als Angestellter eines Reisebüros in Venedig. 1923 wird er Mitglied der italienischen faschistischen Partei, der er nach eigenen Angaben allerdings nur bis zu seinem Austritt 1928 angehört.

Durch die Bekanntschaft mit dem Bergfilmer Luis Trenker kommt er ins Filmgeschäft, wird Aufnahmeleiter-Assistent, Produktionsassistent und Kleindarsteller. Ohne in den Credits genannt zu werden, wirkt er an Produktionen wie Luis Trenkers und Karl Hartls BERGE IN FLAMMEN (1931), Karl Hartls F.P. 1 ANTWORTET NICHT (1932),  Hans Deppes NACHT DER VERWANDLUNG. DEMASKIERUNG (1935) und Geza von Bolvarys STRADIVARI (1935) mit. In  Werner Klinglers Weltkriegs-Drama STANDSCHÜTZE BRUGGLER (1936) spielt er eine kleine Rolle als Südtiroler Verbindungsmann.

Filmstill zu "Die Schönste"

Ernesto Remani und Kameramann Robert Baberske bei den Dreharbeiten zu DIE SCHÖNSTE (R: Ernesto Remani, 1957/59) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Die Schönste"

Willy A. Kleinau und Ernesto Remani bei den Dreharbeiten zu DIE SCHÖNSTE (R: Ernesto Remani, 1957/59) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Im NS-Reich gibt Ernst Rechenmacher an, verfolgter deutschstämmiger Südtiroler zu sein, und verspricht sich dadurch Vorteile. Im Oktober 1934 tritt er in die Reichsfachschaft Film, Fachgruppe Produktionsleiter ein, und erhält im November die Sondererlaubnis, als „Spielleiter-Assistent-Anwärter“ tätig zu sein. So wirkt er 1935 als Regieassistent bei Augusto Geninas Sängerfilm VERGISS MEIN NICHT mit dem italienischen Tenor Benjamino Gigli; im selben Jahr ist er neben  Hans Müller auch bei Werner Hochbaums DER FAVORIT DER KAISERIN Assistent innerhalb des Regiestabs. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse wird er häufig bei deutschsprachigen Filmen von italienischen Regisseuren eingesetzt, arbeitet an der Seite von Mario Camerini und Carmine Gallone. So ist er u.a. Regieassistent bei AVE MARIA (1936), DIE STIMME DES HERZENS/DER SÄNGER IHRER HOHEIT (1937), PREMIERE DER BUTTERFLY (1939) oder MANON LESCOUT (1939). Zu den ungeklärten Kapiteln seiner frühen Filmlaufbahn gehört seine angebliche Beteiligung an Dokumentaraufnahmen von Treffen zwischen Mussolini und Hitler und seine Arbeit an dem in dem in Schweden entstandenen Film STERN DES NORDENS (1939). Als sicher gilt indes seine Einberufung in den Abessinienkrieg 1935/36 durch die Italiener, die ihn aufgrund seiner italienischen Staatsbürgerschaft zeitweilig in eine Gebirgsjäger-Division verpflichten. Allerdings beharrt er hier darauf, längst deutscher Staatsbürger zu sein. In der 1939 aufgeworfenen Optionsfrage – einer von Italien und Deutschland ausgehandelten Wahlmöglichkeit für die Südtiroler, für eine der beiden Staaten zu optieren – nimmt er eine widersprüchliche Haltung ein und gibt Erklärungen ab, die seiner jeweiligen aktuellen Lage entsprechen.

Ab 1. Januar 1940 ist Rechenmacher fest bei der Bavaria-Filmkunst München angestellt, zunächst als Assistent des Produktionsleiters und ab August 1940 als Produktionsleiter. Er wird als Vertrauensmann für alle Bavaria-Produktionen in die besetzte tschechische Hauptstadt Prag beordert. Hier arbeitet er vor allem an Unterhaltungsfilmen von und mit dem Komiker Theo Lingen mit, so HAUPTSACHE GLÜCKLICH! (1941), JOHANN (1942) und ES FING SO HARMLOS AN (1944). Vom „Reichsprotektor in Böhmen und Mähren“ wird er mit der Leitung der Fachgruppe Filmproduktion in der Verbindungsstelle des Reichsprotektors bei der Böhmisch-Mährischen Filmzentrale beauftragt. Er ist damit einer der höchsten Filmverantwortlichen der deutschen Besatzungsbehörden.

Filmstill zu "Die Schönste"

Jürgen Büttner in DIE SCHÖNSTE (R: Ernesto Remani, 1957/59) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Die Schönste"

Hildegard Schreiber und Ursula Burg in DIE SCHÖNSTE (R: Ernesto Remani, 1957/59) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Im Januar 1945 beurlaubt ihn die Bavaria und ermöglicht ihm, im Auftrag des Tiroler Gauleiters und Reichsstatthalters zuerst nach Innsbruck, dann weiter nach Südtirol zu reisen, um hier eine Holzgas-Generatorenfabrik aufzubauen. Im April 1945 wird er einer von drei Teilhabern der nunmehr zivilen Fabrik. Als ihm aufgrund seines deutschen Passes Schwierigkeiten erwachsen, bittet er die Südtiroler Behörden um die Bestätigung der italienischen Staatsangehörigkeit, die ihm vom Präfekten in Bozen auch gewährt wird. Ernst Rechenmacher nennt sich fortan nur noch Ernesto Remani. Im Juli 1945 gründet er die Refi Film GmbH und inszeniert 1946 sein Spielfilmdebüt L’ISOLA DEL SOGNO, eine auf Capri spielende musikalische Komödie. Ein Jahr später reist er im Auftrag des Malteser-Ordens nach Palästina, um CUSTODI DI TERRA SANTA zu drehen, einen Dokumentarfilm über die Beschädigung der Heiligen Stätten im Krieg. Von den Maltesern erhält er 1948 den Titel „Großoffizier“ und 1949 den Ehrentitel „Baron“. Im selben Jahr lernt er den paraguayischen Botschafter in Paris kennen und lässt sich auf dessen Angebot ein, Werbefilme für das südamerikanische Land zu fertigen – konkrete Titel sind unbekannt. In Südamerika trifft er auf Hubert von Blücher, einen vormaligen Assistenten des Kameramanns Bruno Mondi, der sich nun H. B. Correll (auch: Corell) nennt und von US-amerikanischen Filmfirmen damit beauftragt ist, eingefrorene Geldeinnahmen für Hollywood-Filme, die nicht in die USA ausgeführt werden dürfen, durch Neuproduktionen vor Ort flüssig zu machen. Um Blücher/Correll, „seine Verstrickungen in die Nazi-Gold-Affäre und seine Kontakte zu ranghohen argentinischen Befehlshabern ranken zahlreiche Mythen. In den letzten Kriegstagen wurde im Garten der Familie von Blücher“ in Garmisch-Partenkirchen „ein erheblicher Anteil der Geld- und Goldreserven der Reichsbank vergraben; die Alliierten konnten nach Kriegsende nur mehr einen Teil davon sicherstellen“ (Marion Oberhofer).

Ob Blücher/Correll in Südamerika über Teile dieses Geldes verfügte, ist ungeklärt. Jedenfalls nutzt Remani die Chance der Bekanntschaft und inszeniert mit ihm als Kameramann seinen ersten Farbspielfilm EL GAUCHO Y EL DIABLO, nach Stevensons Erzählung „Das Flaschenteufelchen“. Anschließend werden Correll und Remani nach Brasilien verpflichtet, um hier den ersten brasilianischen Farbfilm, das Melodram DESTINO EM AMPUROS, zu drehen. 1955/56 folgt SOB O CÉU DA BAHIA, die farbige Liebesgeschichte eines Fischers und seiner verlorenen Geliebten. SOB O CÉU DA BAHIA läuft als brasilianischer Beitrag beim Festival in Cannes und wird mit dem Preis für die beste Farbregie, dem Grand prix technique ausgezeichnet.

Filmstill zu "Die Schönste"

Gerhard Bienert und Gisela May in DIE SCHÖNSTE (R: Ernesto Remani, 1957/59) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Die Schönste"

Ursula Burg und Willy A. Kleinau in DIE SCHÖNSTE (R: Ernesto Remani, 1957/59) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Zur selben Zeit knüpft die Düsseldorfer Transit-Film Kontakt zu Remani und bittet ihn, Ufa-Vermögen in Brasilien zu sichern. Außerdem wird er beauftragt, den Hans-Albers-Film MÜNCHHAUSEN für den Weltmarkt englisch zu synchronisieren und teilweise mit neuer Musik zu versehen. Auf der Suche nach einem geeigneten Studio knüpft Remani Kontakte zur DEFA, wird aber von der US-amerikanischen Weltvertriebsfirma ausgebremst, die die Arbeiten an MÜNCHHAUSEN nach Paris gibt. Doch Remanis Kontakte zur DEFA reißen nicht ab; so lädt ihn der amtierende DEFA-Produktionsdirektor Albert Wilkening im Herbst 1956 ein, den Farbfilm DIE SCHÖNSTE in Babelsberg zu realisieren. Der Film, mit dezenter Gesellschaftskritik am Missverhältnis von Schein und Sein in einer kapitalistischen Industriellenfamilie, wird von Januar bis April 1957 gedreht; der Westberliner Produzent Erich Mehl ermöglicht Aufnahmen in Hamburg und den Einsatz westdeutscher Darsteller wie Siegfried Schürenberg. Schon während der Drehperiode kritisiert die Hauptverwaltung Film DIE SCHÖNSTE als Produkt der Traumfabrik und ideologisch indifferent. Remani wird aufgefordert, Schnitte vorzunehmen und den Schluss zu verändern: Statt einer Versöhnung findet nun eine Trennung der Fabrikantenfamilie statt.

Plötzlich werden bei der DEFA auch Gerüchte über Remanis Tätigkeit im besetzten Prag 1940-45 laut; die Frage kommt auf, ob er aufgrund dieser Vergangenheit überhaupt noch weiter bei der DEFA beschäftigt werden könne. Die zur selben Zeit in Babelsberg arbeitenden tschechischen Künstler, die an der ersten DDR-tschechischen Co-Produktion JAHRGANG 21 beteiligt sind, stellen sich schützend vor den Südtiroler Regisseur: Remani, so gibt der Prager Regisseur Václav Gajer zu Protokoll, sei „immer sauber und anständig (gewesen) und hat uns zu helfen versucht, wo er nur konnte“. – Von Ende September bis Ende Oktober 1957 arbeitet Remani an Nachaufnahmen. Der Chefdramaturg Rudolf Böhm bittet darum, sein Visum noch weiter zu verlängern, da Remani gemeinsam mit dem Autor Wolfgang Schreyer über einen neuen Stoff für die DEFA nachdenke. Dabei handelt es sich um „Sensation für einen Tag“, eine Geschichte um gierige US-amerikanische Zeitungsunternehmer, die ein havariertes Flugzeug in der Luft halten wollen, so lange daraus Profit zu schlagen ist. Tatsächlich kann Remani noch einen Bildfahrplan fürs Treatment ausarbeiten; danach erhält er keine Aufenthaltserlaubnis für die DDR mehr. Schreyer entwickelt mit Remanis Genehmigung aus der Geschichte einen eigenen Roman und den dreiteiligen Fernsehfilm TEMPEL DES SATANS, der 1961 von Georg Leopold in den Ateliers der DEFA gedreht wird.

Filmstill zu "Die Schönste"

Ursula Burg und Maly Delschaft in DIE SCHÖNSTE (R: Ernesto Remani, 1957/59) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Die Schönste"

Jürgen Büttner und Jochen Hesse in DIE SCHÖNSTE (R: Ernesto Remani, 1957/59) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Im Januar 1958 wird DIE SCHÖNSTE noch einmal vor der Zulassungskommission vorgeführt und erneut abgelehnt. Der Leiter der Hauptverwaltung Film im Ministerium für Kultur, Anton Ackermann, schreibt in der SED-Zeitschrift „Einheit“, der Film sei „eine Verniedlichung und Lobpreisung kapitalistischer Verhältnisse mit weitgehender ,Volksgemeinschafts-Ideologie‘.“ („Einheit“, Heft 4/1958). Auch auf der Zweiten Filmkonferenz der SED im Juli 1958 wird DIE SCHÖNSTE neben SPIELBANK-AFFÄRE von  Arthur Pohl als Beispiel eines revisionistischen Films scharf getadelt. Am Versuch der DEFA, DIE SCHÖNSTE im Oktober/November 1958 durch eine agitatorisch kommentierende Rahmenhandlung, weitere neue Szenen und Kürzungen des alten Materials zu „retten“, ist Ernesto Remani nicht mehr beteiligt; diese Arbeiten übernimmt  Walter Beck, der dafür allerdings um absolute Diskretion bittet. Auch diese Neufassung wird nicht zugelassen; das Material kommt ins Studioarchiv und wird später ans Staatliche Filmarchiv der DDR übergeben. Erst 2001 können beide Varianten des Films im Auftrag der DEFA-Stiftung und des Bundesarchiv-Filmarchiv rekonstruiert und an die Öffentlichkeit gebracht werden.

Weitere Filmpläne Ernesto Remanis, etwa der von Correll verfasste Stoff „Leb oder stirb“ über den Kampf italienischer Partisanen gegen deutsche Abwehroffiziere im Herbst 1943, werden nicht realisiert. 1960 stellt Remani als Synchronregisseur eine englische Fassung von MÜNCHHAUSEN her. Fortan arbeitet er bei der Transit-Film GmbH, zuletzt als Abteilungsleiter Wochenschau und Dokumentarfilm. Er beteiligt sich an der Rückführung von deutschen Nitro-Filmkopien, die 1945 von US-Truppen in die Library of Congress gebracht worden waren. Außerdem kümmert er sich um die Klärung von Rechtefragen, vornehmlich von früheren deutsch-italienischen Co-Produktionen.

Ernesto Remani stirbt am 12. Dezember 1966 in Frankfurt am Main. In der größeren Öffentlichkeit wird sein Tod nicht wahrgenommen; erst nach der von der DEFA-Stiftung initiierten Aufführung von DIE SCHÖNSTE beim Filmfestival in Bozen 2003 kümmern sich nun auch Südtiroler Historiker um ihren „verlorenen Sohn“, nennen ihn ein „ideologisches Chamäleon“, das fünf Sprachen fließend beherrschte, „für unterschiedlichste Regime wie das NS-Regime, den Peronismus und die DDR“ gearbeitet habe und sich „anscheinend mühelos verschiedenen Ideologien anschmiegte“. Auf Video und DVD ediert, entwickelt sich DIE SCHÖNSTE nicht zuletzt aufgrund seiner bizarren Zensurgeschichte, aber auch wegen der herausragenden Hauptdarsteller  Willy A. Kleinau, Ursula Burg, Gisela May und  Gerhard Bienert zum späten Publikumserfolg.

Verfasst von Ralf Schenk. (Februar 2022)

Literatur

  • Hans R. Beierlein: Deutsche Filmregisseure im Strudel der südamerikanischen Währungskrise. In: Abendpost, Frankfurt am Main, 21.5.1952.
  • gek.: Der Regisseur kam aus Berlin. In: Der Morgen, Berlin/DDR, 8.3.1957.
  • Christa Otten: Die Schönste. Letzte Klappe gefallen. In: Filmspiegel, Berlin/DDR, Heft 8/1957.
  • Wolfgang Schreyer: Versprühende Flamme. In: W.S.: Der zweite Mann. Rückblick auf Leben und Schreiben. Berlin 2000, S. 162-167.
  • Ralf Schenk: Alles nur Schein. In: Berliner Zeitung, 18.5.2002.
  • Ralf Schenk: Alles nur Schein. In: Film-Dienst, Köln, Heft 15/2002, S. 10-13.
  • Hans Wiesner: Beinahe eine Stroheimsche Vita. In: Die Neue Südtiroler Tageszeitung, Bozen, 16.4.2003.
  • Marion Oberhofer: Ernesto Remani oder Geschichte zerfällt in Bilder. In: Kulturelemente. Zeitschrift für aktuelle Fragen, Bozen, Nr. 120, April/Mai 2015, S. 4-5.

DEFA-Filmografie

Eine erweiterte Filmografie können Sie unter filmportal.de einsehen.

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