Hans Lucke

Schauspieler, Autor, Regisseur

* 25. April 1927 in Dresden; † 27. August 2017 in Weimar

Biografie

Filmstill zu "Urlaub ohne dich"

Hans Lucke

bei den Dreharbeiten zu URLAUB OHNE DICH (R: Hans Lucke, 1961) Fotograf: Max Teschner

Hans Lucke, der während seiner Zeit als aktiver Schauspieler meist dem Theater den Vorzug gab, spielte zwischen 1955 und 1974 vorwiegend kleinere Rollen in DEFA-Filmen. Zweimal versuchte er sich auch als Regisseur. Sein Regiedebüt SOMMERWEGE fiel 1960 der Zensur zum Opfer und wurde erst 2014 von der DEFA-Stiftung restauriert und zur Uraufführung gebracht.

Hans Lucke, geboren am 25. April 1927 in Dresden, findet schon als Vorschulkind Gefallen am Dramatischen: Mit seinen Kasperlepuppen unterhält er die Familie. Später, nach ersten Theaterbesuchen, reift in ihm der Wunsch, Bühnenbildner zu werden; er spricht deswegen beim Leiter des Malsaals der Dresdner Staatstheater vor. Als Schüler der 10. Klasse wird Lucke Luftwaffenhelfer, dann Flaksoldat. Im Frühjahr 1944 besteht er den Eignungstest für ein Schauspielstudium am Konservatorium Dresden, doch die Wehrmacht beruft ihn am Ende des Zweiten Weltkrieges als Panzergrenadier ein. Er ist an den Kämpfen auf den Seelower Höhen beteiligt und gerät für anderthalb Jahre in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach Dresden zurückgekehrt, nimmt er an der provisorisch eingerichteten „Akademie für Musik und Theater“ sein Studium auf, erhält erste kleinere Rollen und tingelt als Conférencier mit einem bunten Programm übers Land. 1947 wird er am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz engagiert, für 200 Reichsmark brutto monatlich. Hier spielt er unter anderem Herzog Alba in Friedrich Schillers „Don Carlos“, den Barmixer in der Komödie „Drei Mann auf einem Pferd“ und den Mann im Mond in „Peterchens Mondfahrt“.

Filmstill zu "Sommerwege"

Hans Lucke bei den Dreharbeiten zu SOMMERWEGE (R: Hans Lucke, 1960/2014) Fotografin: Karin Blasig

Filmstill zu "Sommerwege"

Hans Lucke und Johannes Arpe bei den Dreharbeiten zu SOMMERWEGE (R: Hans Lucke, 1960/2014) Fotografin: Karin Blasig

In Zittau, seiner nächsten Theaterstation, tritt Lucke als Egmont, als Franz Moor in „Die Räuber“ oder als Vater Galotti in Lessings „Emilia Galotti“ auf. Danach spielt er an der Landesbühne Sachsen in Radebeul. Sein Schauspielerkollege Sepp Klose bemüht sich um Nebenverdienste für sich und seine Kollegen und wendet sich deshalb an den ehemaligen Dresdner Intendanten  Martin Hellberg, der als Filmregisseur nach Babelsberg gewechselt ist. Auf diese Weise erhält auch Hans Lucke eine erste kleine Filmrolle als US-amerikanischer Besatzungssoldat in der Satire DER OCHSE VON KULM (1955). Zur selben Zeit verfasst er sein erstes Drama „Fanal“ über den kommunistischen Hamburger Aufstand 1923, das an der Landesbühne Radebeul seine Premiere erlebt. Ebenfalls in Radebeul kommt sein Lustspiel „Taillenweite 68“ heraus, das von zahlreichen Sprechbühnen der DDR übernommen wird. Das Kriminalstück „Kaution“ erlebt dann bereits am Staatstheater Dresden Premiere, der nächsten Station in Luckes Theaterlaufbahn. Gemeinsam mit Kollegen gründet er 1955 das Kabarett „Herkuleskeule“. Die Gaunerkomödie „Glatteis“, die wendige Sprücheklopfer und deren „Kunst des Phrasendreschens“ aufs Korn nimmt, wird nach wenigen Aufführungen auf Geheiß der Kulturbehörden abgesetzt. Für sein Stück „Der Keller“ (1958), in dem Lucke sein Kriegstrauma verarbeitet, erhält er dagegen den Lessing-Preis des Ministeriums für Kultur der DDR.

Filmstill zu "Sommerwege"

Johannes Arpe in SOMMERWEGE (R: Hans Lucke, 1960/2014) Fotografin: Karin Blasig

Filmstill zu "Sommerwege"

Helga Göring und Bruno Carstens in SOMMERWEGE (R: Hans Lucke, 1960/2014) Fotografin: Karin Blasig

1958 ergibt sich für Lucke die Möglichkeit, in Berlin zu arbeiten. Aus zwei parallelen Angeboten – vom Maxim Gorki Theater und von der DEFA – entscheidet er sich für den DEFA-Vertrag. Er hofft auf die Hauptrolle als deutscher Soldat in  Konrad Wolfs STERNE, wird jedoch mit einer anderen Aufgabe betraut: Für die erste deutsch-sowjetische Ko-Produktion FÜNF TAGE – FÜNF NÄCHTE über die Rettung der Dresdner Gemäldegalerie durch die Sowjetarmee 1945 soll er als Co-Autor und Co-Regisseur des sowjetischen Kollegen Lew Arnschtam fungieren. Auf einer Reise nach Moskau arbeitet Lucke gemeinsam mit ihm am Exposé, lehnt aber schließlich die weitere Kooperation ab, weil ihn historische Unwahrheiten und übertriebenes Pathos abschrecken. An seiner Stelle übernimmt danach Heinz Thiel die Co-Regie des Films. Nach seiner Drehbuchmitarbeit an der Satire aufs westdeutsche Wirtschaftswunder-Bürgertum, HOCHMUT KOMMT VOR DEM KNALL (1959, Regie:  Kurt Jung-Alsen), wird Lucke als Regisseur für den Film SOMMERWEGE verpflichtet.  Johannes Arpe, der eine der Hauptrollen spielt, soll sein Regiementor sein (Drehzeit: August bis Dezember 1959). Doch das im Landwirtschaftsmilieu angesiedelte Drama um einen Mittelbauern, der in die LPG gezwungen werden soll, wird von den zuständigen Filmpolitikern mit der Begründung abgelehnt, der Film würde das „gesellschaftliche Anliegen, die Rolle der Partei bei der sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft“ zu zeigen, beschädigen. Das Material wird im Archiv eingelagert und kann erst 2014 von der DEFA-Stiftung restauriert und ins Kino gebracht werden. In einem Artikel, der innerhalb der Diskussionsreihe „Die Filmkunst und der Mensch von 1960“ im „Neuen Deutschland“ erscheint, fordert Lucke Filme, in denen die Nöte und Freuden des Menschen, „seine Sorgen und seine Begeisterung, seine Torheit und seine Weisheit“ darstellen. Er wendet sich gegen oberlehrerhaftes Schulterklopfen und „Überheblichkeit von der Leinwand herab“, gegen Stoffe, „die Maschinen statt menschlicher Herzen, die platte Produktionssteigerungsagitation statt echter Konflikte“ zeigen.

Doch auch sein nächster Versuch als Regisseur, das Filmlustspiel URLAUB OHNE DICH (1961), steht unter keinem guten Stern. Als der vorgesehene Hauptdarsteller  Ulrich Thein plötzlich absagt, muss Lucke kurz vor Beginn der Dreharbeiten selbst die Rolle übernehmen; eine Doppelbelastung, die der Qualität des Films abträglich ist. Für das Projekt FOR EYES ONLY – STRENG GEHEIM (1963) entwirft Lucke ein Exposé, das die Geschichte eines aus der DDR in die Bundesrepublik eingeschleusten Agenten zur Komödie verdichtet. Der Regisseur János Veiczi lehnt diese Idee aber ab und funktioniert den Stoff zum politischen Thriller um. Der Auftrag, ein Szenarium zu schreiben, geht an den Schriftsteller Harry Thürk. Lucke übernimmt die Rolle eines amerikanischen Colonels. 

Filmstill zu "Urlaub ohne dich"

Hans Lucke in URLAUB OHNE DICH (R: Hans Lucke, 1961) Fotograf: Max Teschner

Filmstill zu "Urlaub ohne dich"

Hans Lucke im Gespräch mit Monika Reeh bei den Dreharbeiten zu URLAUB OHNE DICH (R: Hans Lucke, 1961) Fotograf: Max Teschner

Anfang 1962 löst Hans Lucke seinen Vertrag bei der DEFA und kehrt zum Theater zurück. Zunächst an der Volksbühne, dann am Deutschen Theater Berlin spielt er in Inszenierungen von  Wolfgang Heinz,  Wolfgang Langhoff, Lothar Bellag und anderen. Über seinen Stauffacher in Wolfgang Langhoffs Inszenierung „Wilhelm Tell“ schreibt der Kritiker Dieter Hildebrandt in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Den besten Darsteller, Hans Lucke, lässt Langhoff (...) den Stauffacher spielen, mit einer großen, überlegenen Ruhe, mit einer verhaltenen Leidenschaftlichkeit und mit der vitalen Besonnenheit dessen, der das große Ziel der gemeinsamen Erhebung vor Augen hat.“ Benno Besson verpflichtet ihn als Orgon in Molières „Der Tartuffe“, als Ajax I in Peter Hacks‘ „Die schöne Helena“ und in weiteren legendären Inszenierungen wie „Der Frieden“ und „Ödipus“. Adolf Dresen und Wolfgang Heinz besetzen ihn 1968 in „Faust I“.

Ähnlich bedeutende Aufgaben findet Lucke in Film und Fernsehen nicht; dafür sind die Rollen oft zu marginal.  Slatan Dudow besetzt ihn in VERWIRRUNG DER LIEBE (1959) als Kunstprofessor; in  Heiner Carows DAS LEBEN BEGINNT (1960) ist er ein abgeklärter Deutschlehrer, in  Kurt Maetzigs SEPTEMBERLIEBE (1960) ein Oberleutnant der Staatssicherheit, in Johannes Arpes ÄRZTE (1960) ein junger Arzt und in Heinz Thiels TANZ AM SONNABEND – MORD? (1961) ein Volkspolizei-Wachtmeister. Nach seinem Abschied von der DEFA tritt er noch als Narr in Hanus Burgers Shakespeare-Musical ...NICHTS ALS SÜNDE (1965), als Feldwebel in  Günter Reischs JUNGFER, SIE GEFÄLLT MIR (1968) und als Regisseur in  Frank Vogels Ehedrama DAS SIEBENTE JAHR (1968) auf. In der deutsch-sowjetisch-bulgarischen Koproduktion AMBOSS ODER HAMMER SEIN (1972) spielt er einen Gefängnisarzt, der den Antifaschisten Georgi Dimitroff während des Reichstagsbrandprozesses betreut. Zu seiner letzten Kinorolle wird der Colonel Bowie in  Konrad Petzolds Jack-London-Adaption KIT & CO (1974). 1977 spielt Lucke letztmalig im DDR-Fernsehen, in Manfred Mosblechs Holzwege.

Filmstill zu "Septemberliebe"

Hans Lucke und Annekathrin Bürger in SEPTEMBERLIEBE (R: Kurt Maetzig, 1960) Fotograf: Eduard Neufeld

Filmstill zu "Ärzte"

Hans Lucke mit Horst Drinda und Karla Runkehl in ÄRZTE (R: Lutz Köhlert, 1960) Fotograf: Eduard Neufeld

1972 entschließt sich Hans Lucke, das Deutsche Theater zu verlassen und als freiberuflicher Schauspieler und Autor zu arbeiten. Er ist Regisseur und Autor am Volkstheater Rostock und Lehrer an der dortigen Schauspielschule. Und er verfasst Drehbücher fürs DDR-Fernsehen, darunter für den Kriminalfilm BLÜTENSTAUB (1972) aus der Reihe „Polizeiruf 110“ und die Serie DIE LEUTE VON ZÜDEROW (1984). Immer mehr findet er Gefallen an kulturhistorischen Themen. So schreibt er Stücke wie die Komödie „Stadelmann“ (1983) über den „alten, versoffenen Diener Goethes, der als komische Figur helfen soll, Sponsoren für ein Denkmal des Klassikers zu gewinnen“ (Lucke), und die Erzählung „Jud Goethe“ (1997), ein Versuch, die „ambivalente Nachbarschaft von Buchenwald und deutscher Klassik mit Ironie zu erfassen“. 1989 erscheint sein autobiografisches Romandebüt „Trick Charly“. Zu seinen weiteren Werken gehören das Reisebuch „Goethes Weimar“ (1991, mit Irina Kaminiarz), ein Friedrich-Nietzsche-Feature (1992), Bildbände über Weimar und Thüringen, das Kriminalhörspiel „Schwester, lieb Ophelia“ (2000) und die Biografie „Hoffmann von Fallersleben – alles Schöne lebt in Tönen“ (2006, mit Irina Kaminiarz). 2012 erscheint das von ihm gelesene Hörbuch über Goethe und den Prinzen Louis-Ferdinand von Preußen, „Ein Wiedersehen, froh und bedenklich“.

Hans Lucke stirbt am 27. August 2017 in Weimar. Aus seinem Nachlass veröffentlicht seine Lebensgefährtin Irina Lucke-Kaminiarz 2020 die Erinnerungen „Närrische Zeiten“.

Verfasst von Ralf Schenk. (Stand: Dezember 2020)

Literatur

Eigene Texte (Auswahl)

  • Hans Lucke: Bessere Drehbücher – bessere Filme. In: Neues Deutschland, Berlin/DDR, 2.10.1960.
  • Hans Lucke: Erinnerungen aus einem Schauspielerleben. Quartus Verlag Bucha 2020.

Fremdtexte (Auswahl)

  • J.R. (= Joachim Reichow): Hans Lucke. In: Neues Deutschland, Berlin/DDR, 28.9.1959.
  • Ralf Schenk: Sektierer auf dem flachen Land. In: Berliner Zeitung, 23.10.2014 (über die Uraufführung von SOMMERWEGE).
  • Günter Agde: Die Utopie blieb auf dem Acker. In: Neues Deutschland, 25.10.2014 (über die Uraufführung von SOMMERWEGE).
  • F.-B. Habel: Kommt ein Agitator ins Dorf. In: Junge Welt, Berlin, 14.11.2014 (über die Uraufführung von SOMMERWEGE).
  • Frank Quilitzsch: Bühnengeflüster, gedämpft von oben. In: Thüringische Landeszeitung, Weimar, 18.9.2020.

DEFA-Filmografie

Eine erweiterte Filmografie können Sie unter filmportal.de einsehen.

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