Filmstill zu "Der Baulöwe"

Der Baulöwe

Dank der bis heute ungebrochenen Beliebtheit des Hauptdarstellers Rolf Herricht und pointierter Gags über das DDR-Bauwesen zählt DER BAULÖWE (Georgi Kissimov, 1979) auch mehr als 40 Jahre nach der Uraufführung zu den beliebtesten DEFA-Komödien. Am Montag, den 30. Oktober 2023, zeigt der MDR die Produktion zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr. Zudem ist der Film 30 Tage in der ARD-Mediathek verfügbar.

Kurzinhalt

Filmplakat zu "Der Baulöwe"

DER BAULÖWE

(R: Georgi Kissimov, 1979) Grafiker: Hans-Eberhard Ernst

„Als Schauspieler suche ich das Grunderlebnis Arbeit!“ lässt der beliebte und allseits bekannte Unterhaltungskünstler Ralf Keul (gespielt von Rolf Herricht) sein Umfeld wissen, als er aufgefordert wird, sein geerbtes Grundstück an der Ostsee zu bebauen. Keul packt der Traum vom eigenen Haus und er wird zum „Baulöwen“. Fünf Richtige beim Tele-Lotto liefern im passenden Moment die nötige Finanzspritze für das Vorhaben. Keuls Ehefrau (Annekathrin Bürger) und die beiden Töchter (Franziska Troegner und Annett Kruschke) freuen sich bereits auf die neue Sommer-Residenz der Familie. Doch der handwerklich gänzlich unbegabte Keul überschätzt seine Fähigkeiten. Baustoff-Mangel, fehlende Transportmöglichkeiten, korrupte Handwerker und bürokratische Hürden sind nur einige seiner Sorgen. Ein Fehlschlag jagt den nächsten...

 Hier finden Sie die vollständigen Filmdaten.

Produktionsnotizen

DER BAULÖWE wurde zwischen dem 1. März und dem 18. Juni 1979 gedreht. Wichtigster Drehort war Ahrenshoop an der Ostsee. Einige Szenen entstanden in Berlin und auf dem DEFA-Studiogelände in Potsdam-Babelsberg. Am 6. Juni 1980 feierte der Film im Berliner Kino Kosmos Premiere. 

 

 

 

 

Filmstill zu "Der Baulöwe"

Vor Beginn der Bauarbeiten ist die Welt für Unterhaltungskünstler Keul DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) in bester Ordnung. Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Der Baulöwe"

Mit einer großen Portion Enthusiasmus beginnt Ralf Keul in DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) das Bauvorhaben. Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Die DEFA-Filmkomödie – ein schwieriges Genre

„Er ist das Sorgenkind seit eh und je und jedesmal eine schwere Geburt – der heitere Sproß des DEFA-Filmlebens.“ – Gleich zu Beginn sieht sich das Presseheft des DDR-Filmverleihs PROGRESS zum ‚Baulöwen’ dazu gezwungen auf das schwierige Verhältnis zwischen der DEFA-Filmkomödie, dem DDR-Kinopublikum und der Filmkritik hinzuweisen. Weiter heißt es: „Beklagt werden Mangel an Stoffen, Autoren und Regisseuren (...) sowie Unklarheit über Genre- und Wirkungsgesetze, so daß der natürliche Publikumshunger nach heiterer Unterhaltung noch immer zumeist durch mehr oder minder befriedigende Auslandsproduktionen gesättigt werden muß.“ DER BAULÖWE soll Abhilfe schaffen.

Meist sind es jedoch – damals wie heute – die immer gleichen DEFA-Filme, die als gelungene Komödien angeführt werden, bspw. KARBID UND SAUERAMPFER (R: Frank Beyer, 1963) oder EIN IRRER DUFT VON FRISCHEM HEU (R: Roland Oehme, 1977). Viele andere Versuche werden von Kritik und Publikum geschmäht und so finden sich in der DEFA-Filmgeschichte nur wenige Filmschaffende, die ihr Œuvre wiederkehrend dem Heiteren widmeten und damit fast zwangsläufig auf weitreichende Anerkennung und Auszeichnung verzichteten. „Tragödie ist einfach, Komödie schwer“ (Michael Grisko, Zwischen Historienfilm und Gegenwartskomödie, S. 102) hielt Günter Reisch einmal treffend fest.

 

 

Presseecho: Es hagelte Verrisse

Mit Blick auf die allgemeinen Gedanken zur DDR-Filmkomödie und die wenigen Leuchtturmprojekte scheint es kaum verwunderlich, dass die DDR-Filmkritik über den ‚Baulöwen’ kaum etwas Positives zu berichten wusste. Hans Dieter Tok bezeichnete den Film in der Leipziger Volkszeitung vom 7. Juni 1980 als „schwankhaft verwässert“. Henryk Goldberg sah einen „künstlerischen Misserfolg“ (nd, 14. Juni 1980). Die „Neue Zeit“ meinte am 11. Juni 1980, DER BAULÖWE sei „weder Fisch noch Fleisch“ und sprach von „aufgewärmten Pointen“. Günter Sobe forderte in der Berliner Zeitung vom 7. Juni 1980 gar eine Änderung der Genrezuordnung: Vom Lustspielfilm zum Trauerspielfilm. Ungeachtet dieser Einschätzungen fand das Publikum – wohl nicht zuletzt aufgrund des Kokettierens mit Missständen in der DDR-Bauwirtschaft, die viele in irgendeiner Form bereits selbst erlebt hatten – Gefallen an der Produktion. Mehr als 600.000 Menschen sahen DER BAULÖWE 1980 in den DDR-Kinos. Der DEFA-Außenhandel verkaufte den Film nach Bulgarien, Polen, Ungarn, Korea, Vietnam und an das tschechoslowakische Fernsehen.

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Ahrenshoop: Der Rohbau steht... DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

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... doch ein Missgeschick reiht sich an das andere. DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

DEFA-Gastspiel für Regisseur Kissimov

Ob es ein Zufall war, dass der Kinokassen-Erfolg mit dem ‚Baulöwen’ ausgerechnet einem Regisseur gelang, der nicht in der DDR sozialisiert wurde und mit einer gewissen Außensicht auf die DDR-Gesellschaft blickte? Über das Leben des Bulgaren  Georgi Kissimov (1939–2009) sind heute nur noch wenige Informationen bekannt. In seiner Heimat arbeitete Kissimov zunächst als Schauspieler, hegte jedoch früh Interesse am Regie-Beruf. Da es in Bulgarien an Ausbildungsmöglichkeiten mangelte, zog er Mitte der 1960er-Jahre in die DDR. Kissimov studierte in Potsdam-Babelsberg Regie und bewies bereits dort ein ausgesprochenes Talent für das Komische. Sein Diplomfilm OLDTIMER (1975) mit Martin Flörchinger und Hans Klering in den Hauptrollen war ein beachtlicher Erfolg. Während des Studiums knüpfte Kissimov erste Kontakte zum DEFA-Regisseur Günter Reisch. 1968 war er in der kleinen Rolle des Goldschmieds in Reisch’ JUNGFER, SIE GEFÄLLT MIR zu sehen. Reisch war es auch, der ihm 1975 zu seiner ersten Regieassistenz beim DEFA-Spielfilm NELKEN IN ASPIK verhalf. Mit DER BAULÖWE übernahm Kissimov, der über viele Jahre freischaffend für das Fernsehen der DDR tätig war, nur ein einziges Mal die Regie bei einem Kinofilm. Mit der Wiedervereinigung kam sein filmkünstlerisches Schaffen zum Erliegen.

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Familie Keul im Gespräch mit Regisseur Georgi Kissimov bei den Dreharbeiten zu DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

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Kameramann Wolfgang Braumann bei der Arbeit für DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Bloß kein Schwank

In einem Interview mit Marlies Linke im Vorfeld des Kinostarts von DER BAULÖWE zeigte sich Georgi Kissimov mit seiner ersten Kinoarbeit zufrieden. Befragt, ob er ein besonderes Talent für das Komische habe und was für ihn komisch sei, war es ihm wichtig zu betonen, dass DER BAULÖWE keine reine Komödie sei, „erst recht kein Schwank, denn er behandelt eine Problematik, die jeder kennt und die für Leute recht ernsthaft ist.“ (Kino DDR, 6/1980, S. 6) Kissimov ergänzte „Humor, darf nicht durch Äußerlichkeiten hergestellt werden, er soll aus den Beziehungen zwischen Helden und Situationen erwachsen.“ (ebd.) Mit Blick auf diese Selbsteinschätzung dürfte ihn das negative Presseecho durchaus getroffen haben. Zu einem deutlich positiveren Schluss als die Pressekollegen kam der Film- und Fernsehwissenschaftler Peter Hoff, der sein Kissimov-Porträt für die Schriftenreihe „Podium und Werkstatt“ (3/1980, S. 80–83), mit „Talent zur Komödie“ überschrieb. Hoff notierte darin seine Gedanken zum Stil des Regisseurs und arbeitete heraus, dass sich Kissimovs Werke durch ein „Belachen“ niemals ein „verletzende[s] Verlachen“ kennzeichnen.

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Fällt die Münzsammlung dem Hausbau zum Opfer? Hannjo Hasse im Gespräch mit Rolf Herricht in DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

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Es ist schwierig mit den Handwerkern. Austausch zwischen Rolf Herricht, Edwin Marian und Willi Neuenhahn in DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Nach wahren Begebenheiten

Autor Kurt Belicke (1929–1993) fühlte sich durch eigene Hausbau-Erlebnisse zur Niederschrift des filmischen Szenariums inspiriert. Für die Dreharbeiten stellte er sein Haus zur Verfügung, das sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit zehn (!) Jahren im Bau befand. Georgi Kissimov erinnerte sich in einem Gespräch mit dem Filmhistoriker Ralf Schenk an Belickes Bauprojekt zurück: „Wenn Sie gesehen hätten, wie dort die Fliesen verlegt worden waren. Das hätte ich mit der linken Hand besser gemacht.“ (SuperIllu, 27/2008, S. 28–29) Auch seinen schrottreifen ‚Opel Rekord’, der im Laufe der Filmhandlung in Flammen aufgeht, steuerte Belicke bei.

Mit Georgi Kissimov verband den Schriftsteller eine langjährige, vertrauensvolle Freundschaft. 1978 realisierte das Gespann mit HOCHZEIT IN WELTZOW nach einer Erzählung von Günter de Bruyn ihr erstes gemeinsames Filmprojekt für das Fernsehen der DDR. Mit dem ‚Baulöwen’ fand die Zusammenarbeit ihre Fortsetzung für das Kinopublikum. 

Ein „Herricht“-Film

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Rolf Herricht

ist DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Die Hauptrolle des Ralf Keul schrieb Kurt Belicke Rolf Herricht (1927–1981) auf den Leib. Herricht war einer der großen Publikumslieblinge des DDR-Fernsehens, bekannt aus der Samstagabendshow „Ein Kessel Buntes“ und durch seine Sketche mit Hans-Joachim Preil und Helga Hahnemann. Vor der Filmkamera war Herricht ab 1959 präsent. In zahlreichen DEFA- und Fernsehproduktionen übernahm er kleinere und größere Rollen. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen GELIEBTE WEISSE MAUS (R: Gottfried Kolditz, 1964), DER RESERVEHELD (R: Wolfgang Luderer, 1965) und DER MANN, DER NACH DER OMA KAM (R: Roland Oehme, 1972). DER BAULÖWE war – zwei Jahre vor seinem plötzlichen Tod im Alter von 53 Jahren – Herrichts letztes DEFA-Engagement, indem er noch einmal sein gesamtes komisches Können unter Beweis stellen konnte und u.a. in einer Revue-Nummer glänzte. Der Film verließ sich auf die Zugkraft seines Hauptdarstellers, der gleich zu Beginn, das Löwengebrüll des Maskottchens vom Hollywood-Studio Metro-Goldwyn-Mayer imitierend, den Anfang des Films ankündigen durfte.

Verfasst von Philip Zengel. (Oktober 2023)

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