Filmstill zu "Einfach Blumen aufs Dach"

Georgi Kissimov

Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler

* 7. Mai 1939 in Sofia; † 4. September 2009 in Berlin

Biografie

Filmstill zu "Der Baulöwe"

Georgi Kissimov

bei den Dreharbeiten zu DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Der bulgarische Regisseur Georgi Kissimov, der seit Mitte der 1960er-Jahre in der DDR lebte, galt bei der DEFA und im DDR-Fernsehen als Spezialist für Lustspiele und Komödien. Mit DER BAULÖWE, für dessen Titelrolle er den Komiker und Publikumsliebling Rolf Herricht verpflichtete, gelang ihm ein schöner Kinoerfolg. Weitere Kinopläne scheiterten, und nach 1990 gelang es Kissimov nicht mehr, seinen Beruf weiter auszuüben.

Georgi Kissimov wird am 7. Mai 1939 in Sofia geboren; sein Vater ist der berühmte Theater- und Filmschauspieler Konstantin Kissimov (1897-1965), der von 1924 bis 1965 am Nationaltheater Sofia engagiert ist und auch in mehreren in der DDR gezeigten bulgarischen Filmen spielt (u.a. DIE GANZE STADT SUCHT VERA, 1956; DER EID DER HEIDUCKEN, 1958; DIE FÜNF WUNDERTATEN DES SCHLAUEN PETR, 1960). Georgi studiert an der Theaterhochschule Sofia und arbeitet zwei Jahre in seiner Heimat als Schauspieler, bevor er 1965 in die DDR kommt. Er tritt ein Regiestudium an der Deutschen Hochschule für Filmkunst Potsdam-Babelsberg an und absolviert Praktika sowohl im DEFA-Studio für Dokumentarfilme als auch im DEFA-Studio für Spielfilme. In Günter Reischs Komödie JUNGFER, SIE GEFÄLLT MIR (1968) nach dem Kleist-Drama „Der zerbrochene Krug“ übernimmt er die kleine Rolle eines Goldschmieds. Bereits in einer studentischen Beobachtungsübung, einer Studie über einen Schiedsrichter während eines Fußballspiels, beweist er sein besonderes Talent, das Komische in alltäglichen Vorgängen zu entdecken. Die immense Bedeutung, die die Beteiligten dem Fußball beimessen, wird ironisch gebrochen. Wie in späteren Filmen führt das zu einem „Belachen, niemals zu einem verletzenden Verlachen. Nicht über die Menschen wird gelacht, sondern über die Situationen, in die sie sich begeben“ (Peter Hoff). 1975 legt Kissimov seinen Diplomfilm OLDTIMER nach einem Szenarium von Klaus Poche vor; in den Hauptrollen sind Martin Flörchinger und Hans Klering zu sehen: zwei alte Männer, die ein altes Auto immer wieder zum Kauf anbieten, diesen Kauf jedoch sofort wieder annulieren, wenn sie ihr Ziel – mit Mitmenschen in Kontakt zu kommen – erreicht haben. Über den vermeintlichen Egoismus der beiden Greise lernen die Zuschauenden „den tatsächlichen Egoismus der Jungen (zu) durchschauen. Es geht um die moralische Qualität jener Zeitgenossen, die zwar ein altes Auto, nicht aber ein alter Mensch interessiert.“ (Peter Hoff).

Filmstill zu "Der Baulöwe"

Annekathrin Bürger und Rolf Herricht im Gespräch mit Georgi Kissimov (ganz rechts) bei den Dreharbeiten zu DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Der Baulöwe"

Rolf Herricht in DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

In einem Brief an Studiodirektor Albert Wilkening setzt sich Günter Reisch im Juni 1975 dafür ein, Kissimov als Regieassistent für seine neue Komödie NELKEN IN ASPIK zu engagieren. Kissimov spielt hier auch einen Reporter. Etwa zur selben Zeit übernimmt er eine kleine Rolle als türkischer Offizier in Siegfried Kühns UNTERWEGS NACH ATLANTIS. Aufgrund seines Diplomfilms, der mit Erfolg im DDR-Fernsehen gezeigt wird, und dank einer Empfehlung von Kurt Belicke, dem Autor von NELKEN IN ASPIK, mit dem Kissimov seit langem befreundet ist, beauftragt ihn die Abteilung Heitere Dramatik des Fernsehens mit der Regie zu HOCHZEIT IN WELTZOW (1978), einem Film nach der gleichnamigen, schon 1960 veröffentlichten Erzählung von Günter de Bruyn. Die Geschichte eines Berliner Kriegsheimkehrers (Dieter Montag), der im Winter 1945/46 beschließt, sich erst einmal in einem havelländischen Dorf einzuquartieren und sich hier satt zu essen, wird von der Kritik als historisch genaues, lebenswahres und amüsantes Bild jener Zeit beurteilt. Der Film, der mit absurden Momenten aufwartet, aber seine soziale Genauigkeit im Blick auf die Machtverhältnisse in dem Nachkriegsdorf nie verleugnet, entsteht als Auftragsproduktion im DEFA-Studio für Spielfilme.

Inzwischen ist auch die DEFA-Dramaturgie auf Kissimov und seine Fähigkeit aufmerksam geworden, leichthändig zu inszenieren und zugleich tiefer liegende, tragikomische Ebenen zu berühren. Die Drehbücher von PUGOWITZA und ROMANZE MIT AMÉLIE, die ihm angeboten werden, gefallen ihm allerdings nicht; er lehnt sie ab. Wiederum ist es Kurt Belicke, der ihn für die von ihm verfasste Kinokomödie DER BAULÖWE ins Gespräch bringt: Rolf Herricht spielt einen berühmten Unterhaltungskünstler, der beim Bau eines eigenen Hauses an der Ostsee mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert wird: von Engpässen an Material bis zu Handwerkern, die Schaufel und Maurerkelle nur für Westgeld in die Hand nehmen, und bürokratischen Behördenangestellten. Gedreht wird unter anderem in Ahrenshoop; Belicke stellt dafür sein eigenes Haus zur Verfügung. In einem Interview plädiert Kissimov für die Verbindung von komischen „mit traurigen oder tragischen Passagen, so wie das Leben. Humor darf nicht durch Äußerlichkeiten hergestellt werden, er soll aus den Beziehungen zwischen Helden und Situationen erwachsen.“ (Kissimov zu Linke, 1980). Neben Rolf Herricht und Annekathrin Bürger in den Hauptrollen zeigt der Regisseur in der Besetzung der Nebenrollen ein gutes Gefühl für komische Chargen. Zu sehen sind etwa Carl-Heinz Choynski, Edwin Marian und Willi Neuenhahn, Peter Dommisch und Michael Kolbe. Bereits in der ersten Woche nach seiner Premiere erreicht DER BAULÖWE über 50.000 Besucher, bei den Kinohits des Jahres 1980 steht er mit 620.000 an 11. Stelle.

Filmstill zu "Der Baulöwe"

Rolf Herricht auf großer Bühne in DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Der Baulöwe"

Annekathrin Bürger und Rolf Herricht in DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

In dem anschließenden Fernsehfilm EMIL, DER VERSAGER (1981) nach einer Erzählung von Ludwig Turek erzählt Kissimov die Berliner Nachkriegsstory eines phantasievollen Tausendsassa, der nach den Schrecken der Kriegsjahre ohne übermäßige Anstrengung ein glücklicher Mensch zu werden versucht; die Titelrolle spielt Dieter Mann. Kissimovs Hauptfiguren, zu denen auch der späte Junggeselle Detlef (Jaecki Schwarz) in dem als Auftragsproduktion bei der DEFA gedrehten Fernsehfilm ACH DU MEINE LIEBE (1984) zählt, sind nie lupenreine Helden, sondern möglichst differenziert ausbalancierte Komödiencharaktere, die nach vielen Seiten schillern. In seinen Filmen gelingt es Kissimov stets, die erste Garde Ost-Berliner Theaterschauspielerinnen und -schauspieler zu gewinnen.

Die Dramaturgin Gabriele Herzog, die bereits bei DER BAULÖWE mit Kissimov zusammengearbeitet hatte, bietet ihm Anfang der 1980er-Jahre das Projekt OLLE HENRY an, für den er sich sogar schon auf Motivsuche begibt. Doch der Film wird schließlich von Ulrich Weiß inszeniert. So dreht Kissimov, weiterhin freischaffend, ausschließlich fürs Fernsehen der DDR. In WIEDERBEGEGNUNG (1982) beschreibt er die Wiederannäherung eines geschiedenen Ehepaars, gespielt von Hildegard Alex und Dieter Mann, das während eines Kuraufenthalts um eine Entscheidung zwischen Glücksanspruch und Verantwortung ringt. – In MEINE HOFFNUNGSVOLLEN KINDER (1983) wird ein älteres Ehepaar (Karin Ugowski und Wolfgang Greese) mit überraschenden familiären Entscheidungen der Kinder konfrontiert. – KLAVIER GESUCHT (1986), eine Folge der Sendereihe „Der Staatsanwalt hat das Wort“, porträtiert einen Betrüger, der eine ältere Dame (Ilse Voigt) um ihr Erspartes bringen will. – Für die Reihe „Schauspielereien“ dreht Kissimov UND PLÖTZLICH EIN CLOWN (1984), fünf heiter-nachdenkliche Geschichten von Rudi Strahl für den Schauspieler Hans Teuscher, sowie LIEBHABER (1985) mit Katja Paryla und Günter Junghans und AUF TOUREN (1987) mit Renate Blume-Reed und Jürgen Zartmann. 1989/90 inszeniert er SPREEWALDFAMILIE, eine siebenteilige Fernsehserie mit  Helga Göring als sorbische Großmutter, die versucht, die Sitten und Gebräuche ihrer Heimat an die nachfolgenden Generationen zu vermitteln. Susanne Düllmann, Wolfgang Greese, Jaecki Schwarz und Horst Krause spielen weitere Hauptrollen. In der letzten, im Januar 1991 ausgestrahlten Folge wird die Hauptfigur vor die Entscheidung gestellt, in ihrem Dorf zu bleiben oder mit ihrem aus den USA zu Besuch gekommenen Schwager, ihrem früheren Freund (Rudolf Asmus), nach Amerika überzusiedeln.

Filmstill zu "Der Baulöwe"

Herbert Köfer in DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Der Baulöwe"

Rolf Herricht in DER BAULÖWE (R: Georgi Kissimov, 1979) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Während seiner Arbeitsjahre in der DDR behält Kissimov seine bulgarische Staatsbürgerschaft. Das erleichtert ihm Auslandsreisen, so u.a. zu seinem Bruder, der in der bulgarischen Botschaft in Oslo arbeitet. – SPREEWALDFAMILIE bleibt der letzte Film des Regisseurs; nach dem Ende der DDR gelingt es ihm nicht mehr, in seinem Beruf Fuß zu fassen. Georgi Kissimov stirbt nach langer Krankheit am 4. September 2009 in Berlin.

Verfasst von Ralf Schenk. (März 2022)

Literatur

  • Peter Hoff: Talent zur Komödie. Über den Regisseur Georgi Kissimov. In: Podium und Werkstatt, Berlin/DDR, Heft 3/1980, S. 80-83.
  • Marlis Linke: Gespräch mit dem Regisseur Georgi Kissimov. In: Kino DDR. Progress-Pressebulletin, Berlin/DDR, Heft 6/1980, S. 5-7.
  • Ralf Schenk: Mit Herricht am FKK-Strand. Interview mit Georgi Kissimov. In: Super-Illu, Heft 27/2008, S. 28-29.

DEFA-Filmografie

Eine erweiterte Filmografie können Sie unter filmportal.de einsehen.

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