Filmstill zu "Einfach Blumen aufs Dach"

Horst Bonnet

Regisseur

* 8. März 1931 in Berlin; † 10. Januar 2006 in Berlin

Biografie

Filmstill zu "Orpheus in der Unterwelt"

Horst Bonnet

bei den Dreharbeiten zu ORPHEUS IN DER UNTERWELT (R: Horst Bonnet, 1973) Fotograf: Herbert Kroiss

Der Theaterregisseur Horst Bonnet drehte zwei Operettenfilme nach Jacques Offenbach für die DEFA: den halbstündigen SALON PITZELBERGER (1965) als Fingerübung innerhalb der satirischen Kurzfilmreihe DAS STACHELTIER sowie ORPHEUS IN DER UNTERWELT (1973) als große 70-mm-Produktion. In beiden Arbeiten entfaltete er Witz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung und schrieb sich als perfekter Regisseur musiktheatralischer Werke in die Geschichte der DEFA ein.

Horst Gustav Franz Bonnet wird am 8. März 1931 als Sohn des Schauspielers Franz Bonnet (1893-1972) in Berlin geboren. Nach 1933 hat der Vater, ein Mitglied der Kommunistischen Partei, Schwierigkeiten im Beruf und arbeitet vorwiegend an privaten Bühnen, bevor er 1942 ein Engagement am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin bekommt und die Familie dorthin umzieht. Bereits in Berlin wird Horst Bonnet durch einen Kulturfilm, der in seinem Kindergarten gedreht wird, für die Kamera entdeckt und tritt ab 1936 in mehreren Produktionen auf, so in KINDERARZT DR. ENGEL (1936, Johannes Riemann) sowie in den Kurzfilmen FANDUNGSAKTE D.V.C. 452 – EIN TATSACHENBERICHT (1937, Bernhard Wentzel), PITTY (1938, Jürgen von Alten) und ES KANN DER BESTE NICHT IN FRIEDEN LEBEN (1938, Phil Jutzi). Am Berliner Admiralspalast spielt er 1938/39 das Pfefferkuchenmännchen in dem Kinderstück „Peterchens Mondfahrt“; am Deutschen Theater wird er 1939 in „So war Herr Brummell“ von Ernst Pentzoldt an der Seite von Paul Dahlke, Inge Landgut und Ferdinand Marian besetzt. Mit dem Umzug nach Schwerin enden diese frühen Auftritte als Kinderdarsteller.

Filmstill zu "Orpheus in der Unterwelt"

Horst Bonnet und Dorit Gäbler bei den Dreharbeiten zu ORPHEUS IN DER UNTERWELT (R: Horst Bonnet, 1973) Fotograf: Herbert Kroiss

Filmstill zu "Orpheus in der Unterwelt"

Horst Bonnet (rechts) bei den Dreharbeiten zu ORPHEUS IN DER UNTERWELT (R: Horst Bonnet, 1973); an der Kamera: Otto Hanisch. Fotograf: Herbert Kroiss

Zunächst will Bonnet Medizin studieren. Aufgrund guter Erfahrungen am Schülertheater seines Gymnasiums entschließt er sich jedoch, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und besucht ab 1947 die von Lucie Höflich geleitete Schauspielschule des Mecklenburgischen Staatstheaters. Zu seinen Kommilitonen gehören Otto und Eberhard Mellies, Martin Eckermann und Wolf-Dieter Panse. Nach Abschluss der Schauspielschule wird Bonnet an die 400 Zuschauer fassende Schweriner Maxim-Gorki-Bühne engagiert, die von Wolfgang E. Struck geleitet wird und vorwiegend zeitgenössische, vor allem sowjetische Stücke spielt. Am Staatstheater tritt er u.a. in der französischen Komödie „Heutzutage mit 18 Jahren“ an der Seite von Gisela May auf und wirkt bei Bertolt Brechts „Die Mutter“ als Regieassistent von Hanns Anselm Perten. Während dieser Inszenierung lernt Bonnet die Brecht-Vertraute Ruth Berlau kennen, die ihm die Möglichkeit eröffnet, als Meisterschüler der Akademie der Künste nach Berlin zu kommen. Zwischen 1950 und 1952 hospitiert er am Berliner Ensemble u.a. bei der Wiederaufnahme von „Mutter Courage und ihre Kinder“ und bei der „Mutter“-Inszenierung, am Deutschen Theater assistiert er bei Wolfgang Langhoffs Produktion von Goethes „Egmont“ und Jurij Burjakowskijs „Julius Fučik“. Anschließend kehrt er nach Schwerin zurück, um dort als Regisseur zu arbeiten. Seine erste Inszenierung ist das satirische Stück „Marek im Westen“ (1952) von Gerhard W. Menzel, danach folgen u.a. Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“ und Molières „Scapins Streiche“. Mit „Fra Diavolo“ versucht er sich erstmals auch an einer Opernregie. Der damit verbundene Erfolg führt 1954 zu einem Engagement für Schauspiel und Musiktheater in Erfurt, wo er in drei Jahren rund 15 Inszenierungen vorlegt, darunter eine erste Inszenierung von „Orpheus in der Unterwelt“.

Auf Anregung von Götz Friedrich, mit dem Bonnet seit seiner Zeit als Meisterschüler bekannt ist, entschließt er sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Um sein Handwerk zu vervollkommnen, wird er 1957 Assistent des legendären Walter Felsenstein an der Komischen Oper Berlin. Die praktischen Erfahrungen an der Seite des bedeutenden Opernregisseurs ermutigen ihn 1959 zur Übernahme der Funktion des Oberspielleiters für Musiktheater in Potsdam, die er zwei Spielzeiten lang ausübt. 1962 ergibt sich die Chance, am Berliner Metropol-Theater erneut Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ zu inszenieren. Aus dem Erfolg resultieren weitere Regieaufgaben in Berlin, so die Kabarettrevue „Vom Montmartre zum Montklamott“ (1963) in der Distel, ein Offenbach-Abend mit den beiden Einaktern „Salon Pitzelberger“ und „Monsieur und Madame Denis“ (1963) in der Staatsoper, Benjamin Brittens „Bettleroper“ (1964) in der Komischen Oper, „Die verkaufte Braut“ (1965) in der Staatsoper und Paul Burkhards „Feuerwerk“ (1966) am Metropol-Theater. An der Volksbühne inszeniert er Eugène Scribes Komödie „Das Glas Wasser“ (1966).

Filmstill zu "Salon Pitzelberger"

Harald Neukirch und Helga Piur in SALON PITZELBERGER (R: Horst Bonnet, 1964) Fotograf: Roland Dressel

Filmstill zu "Salon Pitzelberger"

Reiner Süß und Gerd E. Schäfer in SALON PITZELBERGER (R: Horst Bonnet, 1964) Fotograf: Roland Dressel

In diesen Jahren tritt auch die DEFA mit der Bitte an ihn heran, sich als Gastregisseur dem Szenarium für Peter Hacks‘ „Die schöne Helena“ anzunehmen. Bonnet, der als Filmregisseur keine Erfahrung hat, bittet darum, ihn zu Übungszwecken ein paar Kurzfilme in der satirischen Reihe DAS STACHELTIER drehen zu lassen. So entsteht im Juni und Juli 1964 in Berlin-Johannisthal der rund halbstündige Offenbach-Film SALON PITZELBERGER mit  Helga Piur, Gerd E. Schäfer und Reiner Süß in den Hauptrollen. Der Szenenbildner Alfred Hirschmeier unterstützt Bonnet bei der Arbeit am Drehbuch. Die Fingerübung, die in ihrer szenischen Auflösung noch sehr dem Theater verpflichtet ist, kommt sowohl im Studio als auch beim Publikum gut an. Doch der Drehstart zur „Schönen Helena“ zögert sich immer weiter hinaus; inzwischen kommen auch andere Regisseur wie Egon Günther für die Verfilmung ins Spiel. Schließlich schlägt Bonnet vor, „Orpheus in der Unterwelt“ fürs Kino zu adaptieren; die Leitung der DEFA ist einverstanden und beauftragt ihn mit einem Exposé und dem Szenarium, das er 1967/68 erarbeitet.

Anfang 1968 unterschreibt Horst Bonnet einen Vertrag als fest angestellter Regisseur der Deutschen Staatsoper Berlin, der mit der Spielzeit 1968/69 in Kraft treten soll. Und bei der DEFA beginnen im August 1968 die Vorbereitungsarbeiten für ORPHEUS IN DER UNTERWELT, dessen Drehstart im 70-mm-Format auf den 2. Januar 1969 festgelegt wird. Doch Anfang September wird die Studioleitung darüber informiert, dass Horst Bonnet nicht zur Verfügung stehe. Nach dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die ČSSR hat er gemeinsam mit seiner Frau selbstgefertigte Flugblätter auf Berliner Parkbänken verteilt, die dazu auffordern, den Prager Reformer Alexander Dubček, „die Sache des Sozialismus“ zu unterstützen. Obwohl Dubček zu diesem Zeitpunkt noch amtierender Sekretär der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei ist, wird Bonnets Forderung als staatsfeindlich ausgelegt und er zu einer Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt. Seine ebenfalls an der Aktion beteiligte Frau erhält zwei Jahre Haft. Dank internationaler Protestschreiben an die Regierung der DDR, u.a. von Boris Blacher, Yehudi Menuhin, Luigi Nono und Benjamin Britten, wird Bonnet nach 13 Monaten Haft entlassen.

Filmstill zu "Orpheus in der Unterwelt"

Fred Düren und Dorit Gäbler in ORPHEUS IN DER UNTERWELT (R: Horst Bonnet, 1973) Fotograf: Herbert Kroiss

Filmstill zu "Orpheus in der Unterwelt"

Wolfgang Greese und Gerry Wolff in ORPHEUS IN DER UNTERWELT (R: Horst Bonnet, 1973) Fotograf: Herbert Kroiss

Während die Staatsoper noch zögert, ihren Anstellungsvertrag mit ihm wieder zu reaktivieren, besetzt ihn Götz Friedrich in seiner Inszenierung von George Gershwins „Porgy und Bess“ (1970) in der Komischen Oper als Sheriff. Walter Felsenstein lädt ihn ein, bei seiner im DEFA-Studio für Spielfilme hergestellten Fernsehadaption der Offenbach-Oper „Hoffmanns Erzählungen“ (1970) zu assistieren. An der Leipziger Oper inszeniert Bonnet Franz Léhars „Die lustige Witwe“ und schließlich als Gast an der Berliner Staatsoper Jules Massenets „Manon“. Danach tritt seine Festanstellung an der Staatsoper in Kraft.

1973 wird ORPHEUS IN DER UNTERWELT erneut in den aktuellen Produktionsplan der DEFA aufgenommen. Gedreht wird von Februar bis Mai 1973 sowohl im Studio als auch bei Außenaufnahmen in Bulgarien; das Budget beläuft sich auf knapp vier Millionen Mark. Alfred Hirschmeier baut einen spektakulären Olymp im Atelier; die Kostüme von  Christiane Dorst und Werner Schulz sind flirrend und erotisch. Bonnet besetzt prominente Theater- und Filmstars der DDR wie  Rolf Hoppe, Dorit Gäbler, Helga Piur, Fred Delmare. Die Sänger Horst Hiestermann (Orpheus), Ingrid Czerny (Eurydike), Siegfried Vogel (Jupiter) und Gudrun Wichert (Venus) leihen den Darstellern ihre Stimmen. Die Schauspieler Gerry Wolff als Offenbach und Fred Düren als Styx singen ihre Couplets selbst; Achim Wichert als Pluto singt und spielt. Nach seiner Premiere im Februar 1974 wird ORPHEUS IN DER UNTERWELT von der Kritik weitgehend begeistert aufgenommen; zu lesen ist, dass „ein wahrhaft olympisches Feuerwerk“ gezündet wurde und ein „ringsum sehens- und hörenswerter Film entstanden“ sei (Der Morgen). Als der Film bei den Internationalen Filmfestspielen in Karlovy Vary läuft, bedanken sich tschechoslowakische Filmschaffende spontan mit einem kleinen heimlichen Empfang für Bonnets Solidarität nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts 1968.

Filmstill zu "Orpheus in der Unterwelt"

Beschwerdestimmung im Olymp in ORPHEUS IN DER UNTERWELT (R: Horst Bonnet, 1973) Fotograf: Herbert Kroiss

Filmstill zu "Orpheus in der Unterwelt"

Cancan-Szene in ORPHEUS IN DER UNTERWELT (R: Horst Bonnet, 1973) Fotograf: Herbert Kroiss

Nach dem Erfolg von ORPHEUS IN DER UNTERWELT möchte die DEFA gern mit Horst Bonnet weiter arbeiten. Eine Zeitlang ist das Musical „Mein Freund Bunbury“ von Gerd Natschinski für eine Adaption im Gespräch. Doch Natschinski kann sich nicht mit der Auflage der DEFA-Direktion anfreunden, sein Werk auf 90 Minuten zu kürzen. – Jahre später erhält Bonnet einen ersten Entwurf zu dem Musicalfilm ZILLE UND ICK auf seinen Tisch, findet dazu aber keinen Zugang; der Film wird 1983 von Werner W. Wallroth inszeniert. Bonnet, der inzwischen am Theater ein viel beschäftigter Regisseur ist, dreht nie wieder einen Kinofilm. Fürs Fernsehen der DDR nimmt er 1987 noch seine Volksbühnen-Inszenierung von Molières DER EINGEBILDETE KRANKE mit Hans Teuscher, Marion van de Kamp, Reiner Heise, Astrid Krenz, Daniel Minetti und Walfriede Schmitt auf.

Zu seinen weiteren Inszenierungen an der Berliner Staatsoper gehören u.a. „Die verkaufte Braut“ (1970), „Falstaff“ (1971 und 1991, mit einem Bühnenbild von Alfred Hirschmeier), „Don Pasquale“ (1974), „Der Revisor“ (1976), „Die lustigen Weiber von Windsor“ (1976), „Fra Diavolo“ (1980), „Die schöne Galathee“ (1982), „Die Insel Tulipatan“ (1982), „Die Fledermaus“ (1984 und 1991), „Manon Lescaut“ (1986), „Die Entführung aus dem Serail“ (1989), „Die Kluge“ (1990), „Neues vom Tage“ (1992), „Tiefland“ (1993) und andere, mit denen Bonnet laut Kritik „bewusst einen publikumsfreundlichen Gegenpol zu künstlerisch wesentlich anspruchsvolleren Inszenierungen“ setzte. Daneben inszeniert er u.a. an der Volksbühne, in Essen („Die Fledermaus“, 1979), Graz („Don Pasquale“, 1980; „Die beiden Blinden“, 1983; „Salon Pitzelberger“, 1984), Wien („Bettleroper“, Volksoper Wien, 1985), Chemnitz („Die verkaufte Braut“, 1996), Bremen, Augsburg („Geliebter Jacques – Offenbachiade“, 1995) und an der Komödie am Kurfürstendamm („Das Glas Wasser“, 1995 mit Kostümen von Christiane Dorst).

Horst Bonnet stirbt am 10. Januar 2006 in Berlin.

Verfasst von Ralf Schenk. (Juni 2021)

Literatur

  • Sigrid Neef: Regisseure im Gespräch – Horst Bonnet. In: Theater der Zeit, Berlin/DDR, Heft 12/1979, S. 42-44.
  • Sein erster Orpheus sang in Erfurt. In: Das Volk, Erfurt, 19.4.1974.
  • Interview mit Horst Bonnet von Elke Schieber, 5.12.2000, Archiv des Filmmuseums Potsdam, maschinengeschriebenes Manuskript.

DEFA-Filmografie

Eine erweiterte Filmografie können Sie unter filmportal.de einsehen.

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