Filmstill zu "Einfach Blumen aufs Dach"

Horst Reinecke

Regisseur, Dramaturg, Darsteller

* 29. September 1913 in Magdeburg; † 6. Januar 1984 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz)

Biografie

Filmstill zu "Reifender Sommer"

Horst Reinecke

bei den Dreharbeiten zu REIFENDER SOMMER (R: Horst Reinecke, 1957/58) Fotograf: Heinz Wenzel

Der Schauspieler, Dramaturg und Regisseur Horst Reinecke arbeitete in den 1950er-Jahren rund fünf Jahre bei der DEFA, betreute hier u.a. Martin Hellbergs Historienfilm THOMAS MÜNTZER und drehte zwei eigene Spielfilme. So schnell er ins Studio gekommen war, so schnell verließ er es auch wieder und ging zurück ans Theater. Vor allem sein Kriminalfilm TREFFPUNKT AIMÉE ist als Zeitdokument aus dem Berlin des Kalten Krieges noch von einigem Interesse. Mit REIFENDER SOMMER drehte er den letzten Film des bedeutenden Schauspielers Willy A. Kleinau.

Gustav Heinrich Walter Horst Reinecke wird am 29. September 1913 als Sohn des Fabrikanten Walter Reinecke in Magdeburg geboren. Sein Vater, Besitzer einer kleinen Treibriemenfabrik mit etwa zwanzig Beschäftigten, ist Freimaurer und tendiert politisch zum „Stahlhelm“, einem nationalistischen Bund ehemaliger Frontsoldaten. Als die Ehe der Eltern 1923 geschieden wird, lebt Reinecke bei seiner Mutter Elli, die ihn trotz materieller Nöte – sie ist auf finanzielle Zuschüsse durch den geschiedenen Mann angewiesen – zur Beschäftigung mit Kunst, Literatur und Theater anregt. 1931 schließt Reinecke das Realgymnasium Magdeburg mit dem Abitur ab und arbeitet hier auch aktiv in einem Schülertheaterclub mit. Bei verschiedenen Schauspielern, darunter Eduard Wandrey, der später in den DEFA-Filmen 1-2-3 CORONA, STRASSENBEKANNTSCHAFT und UNSER TÄGLICH BROT zu sehen ist, nimmt er Einzelunterricht. Gleichzeitig bildet er sich in Regie und Dramaturgie weiter. 1934 erhält er von der Reichstheaterkammer, Fachschaft Bühne, den Leistungsnachweis und darf somit als Schauspieler auftreten. Er freundet sich mit dem Theaterwissenschaftler und Shakespeare-Übersetzer Rolf Hans Rothe an, der aufgrund seiner antifaschistischen Einstellung in die Emigration geht und dem er zeitlebens durch einen Briefwechsel verbunden bleibt.

In den folgenden Jahren spielt Reinecke an mehreren deutschen Theatern, so 1934-36 an den Städtischen Bühnen Magdeburg, 1936/37 am Stadttheater Brandenburg, 1937/38 am Theater Hamburg-Altona, 1938/39 am Westfälischen Landestheater Bochum und am Bremer Schauspielhaus und von September bis November 1940 am Westmark-Theater Koblenz. Danach wird er zum Fronttheater „Volksdeutsche Bühne“ einberufen, dem er bis 1941 angehört. Im Zweiten Weltkrieg ist er Nachrichtensoldat und kommt im Mai 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er im November 1949 entlassen wird. Die Gefangenschaft, während der er einen politischen Umerziehungslehrgang besucht und danach als Kulturleiter in einem Offizierslager eingesetzt wird, bezeichnet er später als „Schule meines Lebens“: „Sowjetischen Offizieren, sowjetischen Ärzten und Krankenschwestern, die mir bei einer Lungenentzündung das Leben retteten, verdanke ich ein anderes und sinnvolleres Leben.“

Filmstill zu "Reifender Sommer"

Horst Reinecke (Bildmitte) gibt Regieanweisungen bei den Dreharbeiten zu REIFENDER SOMMER (R: Horst Reinecke, 1957/58) Fotograf: Heinz Wenzel

Filmstill zu "Treffpunkt Aimée"

Horst Reinecke (rechts außen mit Krawatte und Sonnenbrille) bei den Dreharbeiten zu TREFFPUNKT AIMÉE (R: Horst Reinecke, 1956) Fotograf: Herbert Kroiss

Im Dezember 1949 beginnt seine Nachkriegstätigkeit als Sekretär beim Kulturbund Magdeburg. Noch im selben Monat wechselt er als Chefdramaturg an die Städtischen Bühnen Magdeburg. Um sich beruflich weiterzubilden, besucht er 1950 einen dreimonatigen Lehrgang am Theaterinstitut Weimar. In Magdeburg inszeniert er u.a. 1951 die Einakter „Heiratsantrag“, „Der Bär“ und „Das Jubiläum“ von Anton Tschechow sowie „Jegor Bulytschow und die anderen“ von Maxim Gorki und 1952 Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“. Ein Kritiker bescheinigt ihm: „Realismus, der das Bühnengeschehen auf das Wesentliche vereinfacht, trotz Fülle des Individuellen im Menschsein jeder Gestalt, Klarheit der Szenenführung, trotz Herausarbeitung von Feinheiten der Atmosphäre, das waren die Kennzeichen seiner Regieführung, die dem Zuschauer einen Spiegel vorhielt, der nichts verzerrte, und dessen Bilder dem Leben näher kamen als jedweder gewollt wirkende Stil.“ („Neue Zeit“, 1.8.1952). – Im August 1952 wechselt Reinecke als Chefdramaturg ans Maxim Gorki Theater Berlin. Im Auftrag des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) verfasst er Material für Theaterzirkel, so über Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ (1952) und Maxim Gorkis „Feinde“ (1952). Daneben kandidiert er 1950 in Magdeburg als Stadtverordneter; 1954–1956 ist er auch Vorsitzender der Sektion Film beim Zentralvorstand der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft. Im Juli 1952 wird er Mitglied der SED, aus der er allerdings im September 1959 wegen „unmoralischen Verhaltens“ wieder ausgeschlossen wird.

Im Februar 1953 erhält Horst Reinecke einen Vertrag als stellvertretender Chefdramaturg beim DEFA-Studio für Spielfilme. Schon im März publiziert er im „Neuen Deutschland“ den Artikel „Ideologische Klarheit und künstlerische Meisterschaft gehören zusammen“, in dem er für die enge Verbindung „mit einigen Filmaktivs großer Produktionsbetriebe in der Hauptstadt und in der Republik“ plädiert: „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie gut man in ihren Diskussionen lernt, sich auf die Erbauer des Sozialismus zu orientieren. Weiter bitten wir hiermit jeden einzelnen aus dem Publikum, uns zu schreiben. Über seine Eindrücke, über das, was er an unseren Filmen gut oder schlecht findet, seine Vorschläge, seine Forderungen. Schreibt, was ihr arbeitet, wie ihr lebt, worüber ihr euch freut, was ihr von unseren Filmen erwartet!“ (13.3.1953). In der Folge betreut Reinecke mehrere politische Schwerpunktfilme dramaturgisch, so  Carl Balhaus‘ DER TEUFELSKREIS (1955) über den bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff und dessen Aussagen im Reichstagsbrandprozess, den Spanienkriegs-Film MICH DÜRSTET (1956) von  Karl Paryla und vor allem  Martin Hellbergs aufwendigen Historienfilm THOMAS MÜNTZER (1955/56) über den Pfarrer und Bauernführer im Großen Deutschen Bauernkrieg.

Filmstill zu "Der Teufelskreis"

Jochen Brockmann als Georgi Dimitroff in DER TEUFELSKREIS (R: Carl Balhaus, 1955) Fotograf: Manfred Klawikowski

Filmstill zu "Mich dürstet"

Ilsabè Caregnato und Edwin Marian in MICH DÜRSTET (R: Karl Paryla, 1956) Fotograf: Kurt Schütt

Gemeinsam mit Heinz Seibert inszeniert er Ende 1955 für den Deutschen Fernsehfunk das Fernsehspiel „Treffpunkt Aimée“, das am 21. Januar 1956 erstausgestrahlt wird. Weil der Stoff schon lange in der Dramaturgie der DEFA gelegen hatte, beschließt die Direktion nach erfolgreicher TV-Premiere, ihn nun auch fürs Kino zu adaptieren. So wird ab 1. April 1956 Reineckes Vertrag als stellvertretender Chefdramaturg ausgesetzt, um ihm einen Regievertrag für seinen ersten eigenen Kinospielfilm TREFFPUNKT AIMÉE zu geben. Thema sind der Schmuggel von PVC-Pulver, einem Ausgangsmaterial für die Kunststoffproduktion, aus der DDR nach Westdeutschland, und ein damit verbundener Mordversuch. Die Kritik konstatiert zwar, dass die Geheimnisse der Handlung schon sehr früh gelüftet würden und dem Zuschauer „viel Anlass zum Beteiligt- und Gespanntsein genommen wird“, lobt aber das Bestreben, „Personen sowohl der einen wie der anderen Seite differenziert zu charakterisieren und ihr Handeln zu motivieren“. Horst Reinecke habe sich „nicht ohne Erfolg bemüht, dem Film von der Inszenierung her zu geben, was des Kriminalfilms ist“. (Kurt Zeisler in: Deutsche Filmkunst, Berlin/DDR, Heft 11/1956). Die „Neue Zeit“ konstatiert: „Horst Reinecke macht keine waghalsigen Experimente, bleibt dem Drehbuch sehr temperamentvoll auf der Spur und zeigt eine verlässliche Hand bei der Führung der Akteure.“ (Leopold Pridtkau, 12.10.1956). Dagegen kritisiert das „Neue Deutschland“, der Film kranke „daran, dass er tatsächliches Geschehen zwar wiedergibt, aber nicht künstlerisch verdichtet. Der Kampf unserer Kriminalpolizei gegen Saboteure und andere Verbrecher, deren Auftraggeber in Westberlin sind, spielt sich ungleich härter ab, als es der Film auch nur andeutet. Die in Westberlin sitzenden Gangster mit politischem Akzent wissen es ganz genau: Wer das Verbrechen in die Deutsche Demokratische Republik hineinträgt, der lässt sich in eine Sache auf Leben und Tod ein. Weil sie das wissen, sind sie doppelt gefährlich. Diese Härte des Kampfes hätte der Film schärfer herausarbeiten müssen.“ (Horst Knietzsch, 12.10.1956).

Im September und Oktober 1956 nutzt Reinecke die Chance, sein Handwerk bei zwei Kurzfilmen der satirischen Reihe „Das Stacheltier“ auszuprobieren. In dem Doppel-Stacheltier TECHNISCHE SCHWIERIGKEITEN karikiert er, dass Dienstreisen an die Ostsee oftmals nur für die eigene Erholung genutzt werden. Trotz guter Besetzung, u.a. mit Kurt Rackelmann und Ruth Maria Kubitschek, wird der Film nicht zugelassen; die Begründung lautet: „Künstlerische Aussage und Gestaltung äußerst schwach.“ AUF STICHWORT prangert die schlechte Arbeitsmoral an, die sich vor allem in Fehltagen nach übermäßigem Alkoholkonsum äußert. Der Film wird nach zweijähriger Laufzeit zurückgezogen: „Der Inhalt trägt heute nicht mehr zur Entwicklung sozialistischer Moralgrundsätze und insbesondere zur Erziehung zu einer neuen Einstellung zur Arbeit bei.“

Filmstill zu "Treffpunkt Aimée"

Renate Küster und Rolf Moebius in TREFFPUNKT AIMÉE (R: Horst Reinecke, 1956) Fotograf: Herbert Kroiss

Filmstill zu "Treffpunkt Aimée"

Günther Simon in TREFFPUNKT AIMÉE (R: Horst Reinecke, 1956) Fotograf: Herbert Kroiss

Anfang 1957 arbeitet Reinecke gemeinsam mit der jungen Schriftstellerin Brigitte Reimann an dem Projekt „Groschen der Verzweiflung“ (Arbeitstitel: „Verratene Jungen“ bzw. „Auf totem Gleis“), über das die Reimann in ihren Tagebüchern schreibt: „Wir haben einiges aus dem spröden Stoff herausgeholt.“ Im April liegt eine 119 Seiten lange Fassung vor, doch die Geschichte kommt nicht zur Drehreife. In dem bei der Reichsbahn spielenden Drehbuch steht eine junge Frau zwischen ihrem früheren und ihrem jetzigen Freund, der aus Verzweiflung über seine schlechte Behandlung am Arbeitsplatz beinahe zum Saboteur wird. In der Personalakte Brigitte Reimanns beim Ministerium für Staatssicherheit wird festgehalten: „Bereits nach wenigen Einstellungen ist das Verbrechen (Befestigung einer Sprengladung an einer Lokomotive) ausführlich dargestellt. Der Täter ― Werner Gerlach ― ist als im Grunde guter junger Mann, seine Freundin Mariann als überaus sympathische, reizvolle Frau und ihr früherer Freund Gerd Schröder als untadeliger, Tag und Nacht studierender und in seiner Geradlinigkeit langweiliger junger Mann erkennbar. (...) Diese Arbeit ist ein Musterbeispiel nicht nur der Aufweichung in Schriftstellerkreisen, sondern sogar der sehr aktiven, ja geradezu aggressiven Aufweichungstendenz, die im Falle des Wirksamwerdens äußerst gefährlich auf die Bewusstseinsbildung der Werktätigen Einfluss nehmen würde.“ (BArch, BStU, ASt Magdeburg, AGI 77/59, Personalakte, Bl. 32―37, hier Bl. 32). Als besonders negativ wird gerügt, dass die weibliche Hauptfigur statt des treuen und tüchtigen Gerd einen „Spion und Diversanten“ liebt.

Nach Abbruch der Arbeit übernimmt Reinecke mit Regievertrag vom 1. Juni 1957 die Verfilmung des Romans „Lied über dem Tal“ von August Hild, an der zuvor sowohl Helmut Brandis als auch  Gustav von Wangenheim als Regisseure gescheitert sind. Er verändert den Stoff, besetzt ihn neu und nennt den Film nun REIFENDER SOMMER. Kameramann ist  Horst E. Brandt, der in seinen Erinnerungen schreibt, Reinecke habe sich zwar „alle Mühe“ gegeben, „ein realistisches Lebensgefühl auf die Leinwand zu bringen“, doch habe er „das Abgleiten des Stoffs in eine banale dörfliche Dreiecksgeschichte nicht verhindern“ können. Reinicke hat Schwierigkeiten mit der Inszenierung. Am 2. Oktober 1957 wendet sich Produktionsdirektor Albert Wilkening mit der Frage an den Nachwuchsregisseur  Walter Beck, der noch auf seinen ersten eigenen Spielfilm wartet, ob er in das Projekt einsteigen wolle. Zwei Wochen später, am 18. Oktober 1957, stirbt der männliche Hauptdarsteller  Willy A. Kleinau, der den verwitweten Neubauern Erich Kattner spielt, bei einem Autounfall. Um die notwendigen Anschlüsse herstellen zu können, wird der Schauspieler Gerd Ehlers als eine Art Double von Kleinau gewonnen. Mischtonmeister Georg Gutschmidt bastelt aus zurückliegenden Filmen Kleinaus mühevoll Dialogteile, die in REIFENDER SOMMER eingefügt werden. Nachdem die DEFA am 1. März 1958 die Weiterzahlung des vereinbarten Honorars an Reinicke einstellt, weil er die Fertigstellung des Films „nicht mit der erforderlichen Energie betrieben“ habe, bringen Walter Beck und Horst E. Brandt den Film im April 1958 zu Ende. Doch plötzlich wird die DEFA mit Einwänden konfrontiert. Beck: „Die Geschichte des Films erzählt von der gegenseitigen Hilfe, die Neubauern einander gewähren. Diese Phase aber ist inzwischen politisch überholt. Jetzt steht die Bildung von Genossenschaften auf der Agenda. Davon erzählt der Film nichts. Daran nehmen manche Anstoß. Die Studioleitung kämpft um den Einsatz des Films.“ – Reinecke hat indes längst das Angebot des Staatstheaters Schwerin angenommen, dort als Chefdramaturg tätig zu sein, und tritt diese Stelle am 1. April 1958 an. Kurz zuvor inszeniert er am Greifswalder Theater das Stück „Marie Hedder“ von Gerhard Fabian, die Geschichte einer jungen Bäuerin, deren Aufnahme in die LPG abgelehnt wird, weil sie zwei außereheliche Kinder geboren hat. Als REIFENDER SOMMER im Mai 1959 endlich uraufgeführt wird, reagiert die Kritik weitgehend negativ: „So mager wie die gesellschaftlichen Einsichten, die das Filmgeschehen vermittelt, bleibt das Ergebnis der im Grunde recht gleichgültigen Gemütsaffären. (...) So haben es auch die Schauspieler nicht leicht, die blutarmen Konstruktionen dieses Films mit Leben zu erfüllen – wobei die geschraubten, gestelzten Dialoge noch ein zusätzliches Erschwernis sind.“ (Hans Ulrich Eylau in „Berliner Zeitung“, 13.5.1959).

Filmstill zu "Reifender Sommer"

Gisela Uhlen in REIFENDER SOMMER (R: Horst Reinecke, 1957/58) Fotograf: Heinz Wenzel

Filmstill zu "Reifender Sommer"

Willy A. Kleinau und Christa Gottschalk in REIFENDER SOMMER (R: Horst Reinecke, 1957/58) Fotograf: Heinz Wenzel

Im Folgenden wechselt Horst Reinecke seine Arbeitsstellen oft: Schon im Juli 1959 verlässt er Schwerin, um als Chefdramaturg ans Theater Quedlinburg zu wechseln. Hier bleibt er allerdings nur anderthalb Monate; einziges Resultat ist die Inszenierung des Stücks „Gefährliches Schweigen“ von Gerd Focke über die bakteriologische Kriegsführung der USA im Koreakrieg und die Verantwortung der Wissenschaft für ihre Forschungen. – Von August 1960 bis Januar 1962 datiert Reineckes Wirken als Regisseur am Stadttheater Altenburg. Danach ist er vorübergehend ohne Arbeit und bringt u.a. im Mai 1963 auf der Kammerbühne des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin das musikalische Schauspiel „Meister Mateh“ des türkischen Dichters Aziz Nesin heraus. Die Titelrolle spielt der neu ernannte Generalintendant des Theaters, Martin Hellberg, der sich an seinen früheren DEFA-Dramaturgen erinnert hat und ihn ab Januar 1964 als Werbeleiter des Staatstheaters beschäftigt.

Ab Juni 1966 ist Reinecke Regisseur und Schauspieler am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen und wird hier Vorsitzender der Betriebsgewerkschaftsleitung. Im August 1969 beginnt er seine Arbeit als Schauspieler am Staatstheater Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Er spielt vornehmlich kleine Rollen, so in Inszenierungen von Gerhard Meyer („Auferstehung“ von Lew Tolstoi, 1970), Wolfgang Krempel („Die Illegalen“ von Günther Weisenborn, 1970, aufgezeichnet vom Fernsehen der DDR), Hartwig Albiro („Die schöne Helena“ von Peter Hacks, 1973) und Axel Dietrich („Der Frieden“ von Peter Hacks, 1977). In Hartwig Albiros und Piet Dreschers Inszenierung von Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ (1970/71) spielt er den Bruder Wung an der Seite von Gabriele Heinz,  Michael Gwisdek,  Jörg Gudzuhn,  Peter Sodann und Horst Krause. Bei der Inszenierung von Schillers „Die Räuber“ (1971/72) gehört er zu einem Regiekollektiv, gemeinsam mit u.a. Hartwig Albiro und Irmgard Lange. Versuche, ihn als wissenschaftlichen Mitarbeiter der Dramaturgie zu beschäftigen, führen nicht zu sichtbaren Erfolgen. Nebenher erteilt er Privatunterricht in Dramaturgie und Schauspielführung; unter anderem lehrt er die Dresdner Puppenspielerin Hella Müller. 1972 besetzt ihn  Günter Meyer in seinem DEFA-Kinderfilm DIE SQUAW TSCHAPAJEWS in einer Nebenrolle.

Filmstill zu "Reifender Sommer"

Willy A. Kleinau, Gisela Uhlen und Brigitte Krause in REIFENDER SOMMER (R: Horst Reinecke, 1957/58) Fotograf: Heinz Wenzel

Filmstill zu "Reifender Sommer"

Otto E. Stübler und Hans Klering in REIFENDER SOMMER (R: Horst Reinecke, 1957/58) Fotograf: Heinz Wenzel

1978 erreicht Horst Reinecke das Rentenalter und tritt nur noch selten auf; seine Festanstellung am Theater Karl-Marx-Stadt endet am 31. August 1979. Nach 1990 wird bekannt, dass er „als IM Gerhard Wolter umfangreiche Berichte über das Schauspielensemble, auch über meine Person“ (Hartwig Albiro), an das Ministerium für Staatssicherheit geliefert hat. (Mail von Hartwig Albiro an Ralf Schenk, 18.1.2021). Seine Tätigkeit für das MfS beginnt im Oktober 1958 und endet mit seinem Tod. In einer späten Beurteilung des MfS heißt es: „Seit Erreichung des Rentenalters und der Möglichkeit von Rentnerreisen in das NSW werden mit dem IM op. interessante Verbindungen nach WB (Westberlin) ausgebaut. Unter der Legende des ausschließlichen Interesses für das Theater besteht die Zielstellung in der Herstellung stabiler Verbindungen zu Angehörigen der Schaubühne Berlin-West.“ (BArch/BStU, MfS, BV KMSt, AIM 1487/89, Bd. 1, Blatt 217).

Horst Reinecke stirbt am 6. Januar 1984 in Karl-Marx-Stadt. In erster und dritter Ehe ist er mit der Schauspielerin Charlotte Hoffmann-Reinecke verheiratet (1938-55 und 1959-84), mit der er die beiden Kinder Hans-Peter Reinecke (1941–2005) und Renate Reinecke (1944–2016) hat, die ebenfalls Schauspieler werden. – In zweiter Ehe (1956-58) heiratet er Emma Cohn-Reinecke, die zeitweise als Werbeleiterin des Berliner Maxim Gorki Theaters arbeitet. Auch deren Tochter Ruth Reinecke (geboren 1955) ist als Schauspielerin tätig.

Verfasst von Ralf Schenk. (Februar 2022)

Literatur

  • Horst Reinecke: Ideologische Klarheit und künstlerische Meisterschaft gehören zusammen. In: Neues Deutschland, Berlin/DDR, 13.3.1953.
  • Horst Reinecke: Der sowjetische Film. In: Neues Deutschland, 19.8.1953.
  • Horst Reinecke: Der Aufstieg des Alois Piontek (Theaterkritik). In: Neues Deutschland, 22.3.1956.
  • Horst Reinecke: Vertrauen (Theaterkritik). In: Neues Deutschland, 6.12.1956.
  • Horst Reinecke: Volkstümlichkeit und Spannung. Zu drei interessanten ausländischen Filmen. In: Neues Deutschland, 3.1.1957. (unter anderem zu DER MANN OHNE GESICHT von Jerzy Kawalerowicz und DIE KLUFT von Laszlo Ranody).
  • Heinz Kahlau: Unsere jungen Regisseure: Dass die Bauern nicht lachen (Drehbericht zu REIFENDER SOMMER). In: Filmspiegel, Berlin/DDR, 24/1957, S. 8-9.
  • Horst Reinecke: Jeder einmal im Monat ins Staatstheater. In: Der Blick, Heimatzeitung für den Stadt- und Landkreis Schwerin, 7.2.1964.
  • Brigitte Reimann: Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963. Aufbau Verlag Berlin 1997, S. 70.
  • Horst E. Brandt: Halbnah. Nah. Total. Erinnerungen. DEFA-Stiftung Berlin 2003, S. 91-93.
  • Walter Beck: Mär und mehr. Ein arbeitsbiographisches Kaleidoskop. DEFA-Stiftung Berlin 2019, S. 104-105.
  • BArch/BStU, Archiv der Außenstelle Chemnitz, MfS BV Karl-Marx-Stadt, AIM 1487/89 1/7.

Eine erweiterte Filmografie können Sie unter filmportal.de einsehen.

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