Stiftungspreise 2022

Die DEFA-Stiftung vergibt erneut Stiftungspreise im Gesamtwert von 40.000 Euro. Nach zwei Jahren Pause aufgrund der Covid19-Pandemie konnte die Verleihung erstmals wieder im großen Rahmen in der Akademie der Künste stattfinden.

 

Preisträger

Preis für das filmkünstlerische Lebenswerk

Jutta Wachowiak

Jutta Wachowiak

auf der Preisverleihung der DEFA-Stiftung am 30. September 2022, Fotograf: André Wagenzik

Liebe Jutta, ich umarme dich.

Liebe Gäste, liebe Kollegen, Freunde, Theaterleute, Zuschauer, Mitspieler.

Liebe Jutta, wir haben uns kennengelernt. Privat. Persönlich. Kollegial. Im damaligen Chemnitz. Im damaligen Karl-Marx-Stadt. Um Gottes Willen. Im jetzigen Chemnitz. Du kamst aus Potsdam. Ich kam von der Schauspielschule. Meyer war der Intendant, und ich hatte das große Glück mit dir in „Kabale und Liebe“ den Ferdinand zu spielen und in „Kasimir und Karoline“ den Merkl Franz.

Und diese Begegnungen mit dir, die waren für mich in der Annäherung – ich war ja ein Anfänger – etwas ganz Besonderes. Wie stellt man sich denn als junger Mann an, eine Frau, die schon eine richtig gute Schauspielerin ist, nicht zu enttäuschen? Man möchte sich selbst nicht enttäuschen. Wie mache ich das? All dies, all diese verkrampften Gedanken, die ich als Kollege oder Anfänger auf der Bühne hatte, stellten sich als Quatsch dar.

Ich hatte das Gefühl, wir fanden sehr schnell zueinander. Die Verständigung war eine über das Stück, über die Probleme, über Realität im Stück, über Realität in der Welt. Ganz konkret in Karl-Marx-Stadt, in diesem geteilten Deutschland. Was wir wollten, wohin wir wollten. Sehr einfach. Wir hatten Ziele. Sehr gut zu spielen. Aufregende Stücke. Aufregend zu spielen. Der Meyer war unser Intendant, Wolfram Krempel unser Oberspielleiter. Und ich hatte das Glück, dass ich Rollen mit dir bekam, die große Lust machten zu spielen. Und so spielte ich mit dir, und das war jedes Mal auch für mich eine Aufregung. Ein Ereignis. Nichts Abgebrochenes oder Langweiliges. Sondern es war immer irgendwie ein Entdecken. Auch Gegeneinander. Das ist geblieben, bis zu unserem letzten Zusammentreffen. Auch in Gesprächen.

Und dies ging auch fort, als wir in Berlin waren. Über all die Jahre. Deutschland fand sich zur Vereinigung. Du hattest eine nicht unwesentliche Position in dieser Zeit. In diesem Streit. Was wird mit diesen beiden Deutschlands? Was kann man daraus machen, damit dieses Deutschland nicht so wird wie das Deutschland, das es einmal war. Das klingt jetzt nach sehr, sehr viel. Sehr hochtrabend. Aber es war so. Du warst auch beseelt davon, Dinge zu tun, dass Einigkeit zwischen den Menschen entsteht. Eine soziale und künstlerische Einigkeit entstehen konnte.

Ich habe all die Jahre mit dir gespielt – durfte mit dir spielen – und das war für mich immer etwas ganz Besonderes. Wir haben uns, glaube ich, sehr gut verstanden. Ich habe dich verstanden. Ich habe deine beiden Töchter gut verstanden. Du hast mich privat verstanden, wie ich lebte. Ich verstand wie du lebtest. Und das ist für mich eine der größten Freuden. Dass ich dich erlebt habe, dass ich mit dir spielen konnte. Diese Auszeichnung heute, empfinde ich als etwas ganz Besonderes für dich.

Ich danke dir. Ich danke uns allen, dass wir hier sein können und dürfen und wünsche alles, alles Liebe dir und allen Medien und Menschen, die du in Zukunft begeistern magst.

Ich umarme dich, meine liebe Jutta, viele, viele, viele schöne Rollen, viele, viele schöne Jahre. Dein Chris. Danke!

Laudator: Christian Grashof

Preis für herausragende Leistungen im deutschen Film

Thomas Wendrich

Thomas Wendrich

auf der Preisverleihung der DEFA-Stiftung am 30. September 2022, Fotograf: André Wagenzik

„Hinten scheißt die Ente“. „Zur Zeit verstorben“. „Nimm dir dein Leben“.
Das sind Titel seiner ersten Drehbücher und Filme.

„Lieber Thomas“! Ich habe versucht, Dich etwas zu ergründen, bin auf Abgründe gestoßen und immer wieder auf Gründe, wo ich mich mit dir getroffen habe. Aber dafür musste ich finstere Wege gehen.

Ich kam an dem sächsischen Dorf „Dunkelhäuser“ vorbei, wo keiner tot übern Zaun hängen will. Aber da baumelt ein Mann am Strick. Ein Pole, den sie hier „Polacke“ nennen. Er ist tot, aber sein Herz schlägt noch. Und da sehe ich plötzlich einen anderen, der nackt durch die Gegend rennt, weil man Bandwürmer austrocknen müsse. Eine Kuh hängt hoch in der Luft an einer Halterung; ein junger Mann fängt deren Scheiße auf und modelliert damit Jesus, an dem sein gewalttätiger Vater erstickt. Auf sowas muss man erst mal kommen. Auch auf das polnische Mädchen Ilonka, schön, arglos, rein, die ihren Freund sucht, ihn nur noch tot auffindet, aber dafür die Liebe ins Dorf bringt. Zu Milan, jenem Jungen mit der Kuhscheiße.
„Nimm Dir dein Leben“ ist ein grausam schönes Märchen, das einer überbordenden Phantasie entspringt, aber auch einer Wut, die von innen kommt…

Wut ist Antrieb. Ich bin noch in Sachsen geblieben, um nach „Neusorge“ zu gelangen, einem Dorf an der Elbe. Hoch oben thront das Waisenhaus „Frohe Zukunft“, wo eine Frau Kinder züchtigt. Die Frau heißt Maria.
Auch „Maria am Wasser“ spielt in Ostdeutschland nach der deutschen Einheit. Die Menschen aber leben immer noch im selben Fahrwasser, in dem einst Kinder ertrunken sind. Sie waren in einem Panzer, der durch die Elbe fuhr und nie wieder auftauchte. Um die Geschichte zu vertuschen, hat man den Anschein erweckt, sie würden noch leben. Einer ist damals weggeschwommen. Marcus, Marias Sohn. Jetzt, zwanzig Jahre später, kommt er zurück an diesen finsteren Ort. Marcus setzt sich aus, obwohl man ihn als Eindringling betrachtet. Das macht Thomas Wendrich auch. Er setzt sich aus. Mit Geschichten von dort, wo er herkommt, wo er nicht mehr so richtig hingehört, mit Figuren, die er aus schmerzhafter Erfahrung sehr gut kennt. Er scheut sich nicht, sie als boshaft, heimtückisch, gewalttätig zu zeichnen. Aber Thomas ist nicht pur. Er kommt vom Theater. Er ist ein Spieler, der mit seinem Material jongliert, indem er es grotesk überhöht. Bertolt Brecht und Heiner Müller stehen Pate, und ich denke, ein Wladimir Majakowski auch.

Ach, habe ich Brandenburg vergessen? „Zur Zeit verstorben“? Diese herrlichen drei alten Männer auf einer Bank? Eine Welt, die verrottet, aber sich immer noch irgendwie heimisch anfühlt? Franz, Herbert, Robert. Drei alte Männer voller Eigensinn, Altersbockigkeit, Selbstironie und schon außerhalb von Gut und Böse.
Sie sitzen einfach nur da. Schweigen. Dann:
Und – wie geht’s?
O ja, jeden Tag ein bisschen schlechter.
Zeit - abzukratzen.
Gott hat Euch ein Gesicht jejeben, lachen müsst ihr selbst, sagt Franz.
Wisst ihr wat? Ick hol uns jetzt n Eis.
Langes Palaver, was für‘n Eis. „Und n Löffel, Franz, den kann ick denn abgeben.“ - „Du Franz, machste mir Sahne oben druff?“ Klar.
Franz wackelt los und kommt mit beschmierten Brötchen zurück.
„Sag mal, wo sind eigentlich meine Pommes frites?“
„Siehste? Hab ick verjessen.“ sagt Franz.

Und plötzlich hupt ein Bus. Son schöner alter Bus. Der lockt Franz. Franz steigt ein, Franz fährt los. Zufrieden hebt er ab. Ohne Rückfahrkarte.

Thomas Wendrich hat‘s mit dem Wasser. In der Elbe kannst du ertrinken, ein heimtückischer Fluss, aber du kannst dich zur Not auch „freischwimmen“ wie Marcus. Auch die westdeutsche Kleinstadt, die ich jetzt besuche, hat einen Fluss. Die Menschen hier sagen sich lächelnd „Guten Morgen“, sie winken sich zu, hier ist alles so friedlich und rein. Aber Vorsicht! In der Überzeichnung liegt das Trügerische. Hinter der Fassade lauern die Abgründe. In „Freischwimmer“, von Andras Kleinert inszeniert, kann man wieder die Lust am Spiel erkennen, am Mischen von Genres, an überraschenden Wendungen, am Malen einer Welt, in der die Menschen zu Psychopathen werden. Hier kann sich keiner freischwimmen. Hier geht auch keiner weg, außer, er kommt durch einen Liebesknochen zu Tode … zum Beispiel.

Mir fällt ein Interview ein, dass Thomas über „Lieber Thomas“ gemacht hat: Er sagte: Brasch wollte nie in den Kapitalismus, obwohl er am realsozialistischen Sozialismus gelitten hat wie ein Hund. „Lieber Thomas“, ich denke, da hast du auch ein bisschen über dich gesprochen. Du bist ein kritischer Geist. Du richtest dich nicht ein. Du scherst dich nicht darum, was gefallen könnte, was gängigen Normen entspricht. Du nimmst in Kauf, dass du Dresche kriegst, auch wenn es wehtut. Ich weiß, Du bist verletzlich. Aber gefällig sein um des Lobes willen? Nicht dein Ding.

Mit Christian hast du zwei Filme gemacht: „Je suis Karl“ über eine neue, paneuropäische Rechte und „Die Täter – heute ist nicht alle Tage“, den ersten Teil der Trilogie "Mitten in Deutschland: NSU“. Keine Thesen, die Ihr beweisen wolltet. Eher ein Tasten, eine Neugier, eine akribische Recherche. Ihr wolltet herausfinden, wie Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu diesen empathielosen Tätern wurden. Gab es Abzweigungen, an denen eine Beate Zschäpe hätte abbiegen können? Hätte sie. Wollte sie nicht. Ihr habt Euch für eine mutige Erzählweise entschieden, in beiden Filmen. Neo-Faschismus und Rechts-Populismus können sexy sein. Eine Ideologie kann zum Sog, ja zur Sucht werden. Das ist so gnadenlos erzählt, dass es kaum erträglich ist. Hier agieren Figuren, die ihre Kauzigkeit verloren haben. Und es tut besonders weh, weil sie komplexe, widersprüchliche Wesen sind. Ich kann sie verstehen, ohne Verständnis aufzubringen. Das ist mutig. Das ist stark.
Ich habe jetzt von „IHR“ gesprochen. Thomas Wendrich ist ein Autor, der mit Regisseuren viel Zeit verbringt. Die Bücher entstehen über die Nähe zur Regie. Im Reden miteinander. Im gegenseitigen Vertrauen und voller Respekt, was in unserer Branche nicht selbstverständlich ist. Christian sagt, Thomas ist ein Gesprächspartner, an dem prallst du nie ab, da wird geschimpft, gelacht, gestritten, es ist immer Inspiration. Mit Thomas kannst du dich am Abend treffen, sagt er, mit der ersten Flasche Wein beginnst du zu fabulieren, das kann auch bis zur dritten gehen, aber er steht trotzdem morgens auf, setzt sich mit einer Tasse Tee und Schwarzbrot an den Schreibtisch und beginnt zu sortieren, was wir am Abend gesponnen haben. Er schreibt. Thomas schreibt, weil er schreiben muss.

Und es ist kein Zufall, dass in seinem Debütroman „Eine Rose für Putin“ ein Drehbuchautor mit seinem Regisseur um die richtige Geschichte ringt. Was ist überhaupt richtig und was falsch? Wenn die Phantasie überläuft, dann verwischen sich Räume. Und wenn nachts um drei Uhr ein Regisseur anruft, ihm sei gerade etwas eingefallen, dann legt der Autor nicht auf, die Gedanken des Regisseurs dringen auf ihn ein, der Kopf des Autors beginnt zu rattern, weil sich natürlich schon die eigenen Ideen dazugesellen. Mit dem Schlaf ist es jetzt sowieso vorbei.
Ich bin übrigens auch dem Kunstkritiker Sebastian Zöllner in die Schweiz gefolgt, der eine abgefahrene Geschichte schreiben will. Dazu muss er aber einen blinden Maler des Betruges überführen, damit seine Biographie nach dessen Tod ein Bestseller wird. Also vergisst er jeden Anstand und scheut sich vor keinem Übergriff. Aber ist der Maler überhaupt blind? Ist Zöllner das egomane Arschloch, als das er erscheint? Dieses Verwirrspiel zweier Figuren ist ganz nach Thomas‘ Geschmack, man weiß nie, woran man ist. Und ich kann mir gut vorstellen, er hat es genossen, auch mit Wolfgang Becker zu arbeiten bei „Ich und Kaminski“, jener Transformation von Daniel Kehlmanns Roman. Mit dem zu arbeiten war sicher eine Herausforderung. Und eine Lust. Schließlich ist er genauso durchgeknallt und obsessiv wie Christian Schwochow oder Andreas Kleinert. Und wie Thomas Wendrich selbst. Und natürlich wie Brasch…

Die Reise geht nun ihrem Ende zu.

Ich habe Thomas mal gefragt, ob er keine Zweifel hatte, über Brasch ein Drehbuch zu schreiben, weil viele Menschen doch noch leben, die ihn kannten. Und in der Geschichte kommen Prominente vor, die man kennt. Keine Sekunde, hat er gesagt. Ich weiß, was ihn reizte: Braschs Widerstandsgeist. Der hat sich nie angepasst. Der hat sich auch nicht kaufen lassen und nie das gesagt, was man von ihm hören wollte. Nicht in der DDR, nicht in der Bunderepublik Deutschland. Thomas Brasch und politische Korrektheit? Fehlanzeige. Man hätte ihn im Westen lustvoll als Opfer gefeiert, aber was hat er gesagt? „Ich bin ein Täter.“ Das ist Material, aus dem Thomas Wendrich schöpft. Und übrigens: Stichwort „Kulturelle Aneignung“. Er fand sich in den meisten Filmen über ostdeutsche Realität nicht wieder. Schließlich ist die Arbeit über einen Dichter mit ostdeutschem Hintergrund auch die Spiegelung seiner selbst. Ich habe von Räumen gesprochen, die sich verwischen. Das ist großartig in der Kunst: Du kannst von einer Ebene in die nächste gleiten, von der fiktionalen Realität zu abgrundtiefen Träumen kommen. Du kannst zeigen, wozu du fähig bist und in welche - auch deiner Abgründe - du schauen willst. Das reicht bis zur Mordlust. Da haben sich Brasch als Protagonist, Kleinert als Regisseur und Wendrich als Autor gefunden. Und ich geselle mich gern dazu, obwohl mir, ehrlich gesagt, die Frauen in „Lieber Thomas“ doch ein bisschen unterbelichtet erscheinen. 

Verzeih mir diese kleine Kritik, Thomas, denn ich will dich feiern. Ich habe die Preise nicht aufgezählt, die du schon bekommen hast. Die alle hochverdient sind. Aber heute bekommst Du diesen dazu: für dein handwerkliches Können, deine unerschöpfliche Fabulierlust, deinen Humor und vor allem für deine Aufmüpfigkeit, die wir so dringend brauchen im deutschen Film. Herzlichen Glückwunsch!

Laudatorin: Heide Schwochow

Förderpreis für junges Kino

Henrika Kull

Henrika Kull

Förderpreisträgerin für junges Kino 2022, Fotograf: André Wagenzik

Sie sei zur Regie über den dritten Bildungsweg gekommen, so hat das Henrika Kull einmal selbst formuliert. Vor dem Regiestudium an der Filmuni Babelsberg hat sie Soziologie und dann Produktion an der DFFB studiert. War dieser Schritt gesetzt, ging es rasch voran und der Abschlussfilm wurde zugleich ihr internationales Langfilmdebüt. 

JIBRIL feierte seine Weltpremiere 2018 im Panorama der Berlinale, auf Augenhöhe mit Filmen von Lutz Pehnert, Wolfgang Fischer, Ursula Meier, Lionel Baier und vielen mehr.

Nur drei Jahre später stellt sie ihren zweiten Film fertig, der dieses Mal das Panorama während des Sommer Specials 2021 eröffnet. 

Beiden Filmen gehen dokumentarische Kurzfilme und lange persönliche Recherchen voran. Für JIBRIL geht Kull in Hochsicherheitsgefängnisse und spricht dort mit Insassen sowie Mitarbeitenden. Im Vorfeld von Glück recherchiert sie akribisch in Berliner Bordellen, lernt dort Sex Arbeiter*innen und andere Angestellte im Umfeld kennen. Es sind ungewöhnliche Räume, die sie anziehen. Orte, die nur am Rand der Gesellschaft existieren, wohin wenige Blicke abschweifen, geschweige denn verharren oder genau hinschauen. Und Henrika Kull blickt genau hin. Sie ist nicht interessiert an überholten, moralgetränkten Milieustudien – sie begreift und inszeniert diese oft mystifizierten und falsch gelesenen Orte als Möglichkeitsräume menschlicher Begegnungen. In Jibril gibt die Hauptfigur Maryam dem Insassen Gabriel gleich einen anderen Namen (JIBRIL arabisch für Gabriel) und sie bestimmt ob und wann sie ihn besuchen möchte – er jedoch, kann nur warten und hoffen. Neben einer Liebe die von Projektionen und Sehnsüchten geleitet wird, zeigt uns Henrika Kull in JIBRIL eine selbstbestimmte junge Frau und Mutter mit irakischen Wurzeln. Es sind keine idealisierten Figuren in JIBRIL und GLÜCK - wo sich die beiden Sexarbeiter*innen Sascha und Maria ineinander verlieben – sondern Figuren die unmittelbar und unverstellt auf der Leinwand erscheinen.

Die agile Kamera ihrer regelmäßigen Kollaborateurin Carolina Steinbrecher begleitet die Akteur*innen und ihr Umfeld, erforscht ihre physiognomischen Merkmale und bildet ein Kino der Körperlichkeit ab. Henrika Kulls Figuren stehen im Verhältnis zu Ihrer Umgebung, finden aber immer wieder zur Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, im Alltag so wie im Beruf. In GLÜCK ist der Körper Ware; Sex Transaktion. Trotzdem oder gerade deshalb ist hier Platz für Selbstbestimmung, Empathie, Loyalität, für Feminismus und für die Liebe. Dort wo man sie nicht vermutet, ihr keine Chance einräumt findet sie ihren Weg. Ob sie andauern wird, ist unserer Imagination überlassen. In den schönsten Momenten beider Filme, dürfen wir Zuschauer zusammen mit diesen feministischen und queeren Figuren in eine Art Schwebezustand verfallen und uns einer selbstbestimmten Realität annähern.

„Eine vielversprechende neue weibliche Stimme des europäischen Kinos“, versprach Cineuropa 2018, und Andreas Busche zählte sie in seinem Beitrag im Tagesspiegel 2021 zu den "interessantesten deutschen Regisseur*innen". 

Zeit gilt es keine zu verlieren. Das nächste Drehbuch ist bereits in Arbeit und es freut mich, dass die DEFA dir, liebe Henrika, den Förderpreis 2022 verleiht. 

Laudator: Michael Stütz

Programmpreis

Internationales Frauen Film Fest Dortmund+Köln

Festivalleiterin Maxa Zoller

auf der Preisverleihung der DEFA-Stiftung am 30. September 2022, Fotograf: André Wagenzik

Einer der Programmpreise der DEFA-Stiftung geht in diesem Jahr an das Internationale Frauen* Film Fest Dortmund+Köln.

Warum? Wegen ihrer Neugierde.

Neugierde ist ein Motor, der einen antreibt, Neugier sorgt dafür, sich nicht mit schnellen Antworten zufrieden zu geben, zuzuhören, sich auf Unbekanntes einzulassen. Diese Neugierde war für das seit 2006 bestehende Festival Anlass für eine Filmreihe mit dem Titel „Nach der Wende 1990/2020“, um zu fragen, was macht eigentlich ostdeutsche Filmemacherinnen aus? Hat diese Kategorie überhaupt noch Bestand? Wer genauer fragt, wird fündig. Es gibt sie, die Generation, die nach 1989 ihre Chance ergriff, andere Geschichten zu erzählen, den Zuschreibungen und Oberflächlichkeiten, die den Blick auf das Experiment DDR verstellen, ihre Auffassung von Aufarbeitung entgegenzusetzen. Quasi mit Street Credibility und gleichzeitig der nötigen Distanz, nicht in falsche Sentimentalitäten zu verfallen, vor allem aber auch mit erzählerischer Originalität. Der Kuratorin Betty Schiehl und der Festivaldirektorin Maxa Zoller ist es gelungen, Filmemacherinnen dreier Generationen mit ostdeutscher Biografie erstmals zusammenzubringen und zusammenzudenken. Sie zeigten unter anderem die Filme von Susann Maria Hempel, Tamara Trampe,Tina Bara,Thanh Nguyen Phuong, Annekatrin Hendel, Grit Lemke, Ines Johnson-Spain, Barbara Metselaar Berthold, Therese Koppe und Petra Tschörtner, initiierten Gespräche und Texte, die in dem lesenswerten Buch „Was wir filmten - Filme von ostdeutschen Regisseurinnen nach 1990“ mündeten. Mit ihrem offenen Blick suchen sie eher das Gemeinsame, als das Trennende. „Nachilfestunden“ heißt es im Vorwort. In diesem Geiste hätten sich das Zusammentreffen von West und Ost viele schon 1990 gewünscht

Ich gratuliere stellvertretend für all jene, die an der Filmreihe und der Produktion des Buches beteiligt waren, Betty Schiel und Maxa Zöller, über deren Verdienste, den Filmen von Frauen den Raum und die Aufmerksamkeit zu geben, die sie verdient haben, sich noch sehr viel mehr sagen ließe … oder: Bleibt einfach neugierig.

Laudatorin: Cornelia Klauß

Programmpreis

Filmklub Güstrow e.V.

Jens-Hagen Schwadt

vom Filmklub Güstrow auf der Preisverleihung der DEFA-Stiftung am 30. September 2022, Fotograf: André Wagenzik

Sehr geehrte Gäste!

Ich habe die besondere Ehre heute einen der Programmpreise der DEFA-Stiftung an den Filmklub Güstrow zu vergeben. Der Filmklub Güstrow, das sind ein paar “Kino-Verrückte” aus Mecklenburg-Vorpommern.

Eine treffendere Beschreibung für den Filmklub Güstrow kann es kaum geben. Und es ist mir eine große Freude, das keineswegs unsinnige Tun dieser cinephilen Enthusiast*innen vorzustellen.

Ich selbst habe erst vor wenigen Jahren Bekanntschaft mit dem Filmklub Güstrow gemacht, nämlich im Frühjahr 2020. Sie erinnern sich: Die ganze Welt hatte Corona. Kultureinrichtungen wurden geschlossen und ein Kinobesuch war unmöglich. Ein kultureller Ausnahmezustand, der für die „Kino-Verrückten“ kaum zu ertragen ist und dem sie innerhalb von 3 Wochen mit der Eröffnung eines Autokinos in Güstrow begegnen.

Denn: Ohne Kino geht es nicht! Davon ist Jens-Hagen Schwadt, der Kopf des Filmklubs Güstrow, überzeugt. Seit über 30 Jahren ist er Ansprechpartner und Ansporn für kinobegeisterte Menschen und unterstützt diese mit seinem Know-How beim Aufbau von kulturellen Kinos. Hunderte von Stunden musst Du, lieber Jens-Hagen, dafür ehrenamtlich am Telefon oder vor Ort zugebracht haben, um die Zusammenhänge zwischen FFA, VdF, der Medienanstalt und GEMA zu erklären, damit auch das kleinste Dorf Kino machen kann. 

Wie „Verrückt nach Kino“ auch die übrigen Mitglieder des Filmklubs Güstrow sind, verdeutlicht die gleichnamige Dokumentation von Carmen Blazejewski aus dem Jahr 2018. Blazejewski begleitet unter anderem den Filmvorführer Uwe Höppner, der ebenfalls seit über 30 Jahren mit dem Mobilen Kino des Filmklubs Güstrow Filme in die abgelegensten Winkel des Nordens liefert und bei Bedarf sogar noch die notwendige Kinotechnik mitbringt. Ob Sommerkino auf dem Dorfplatz oder verregnetes Open-Air, Kino in Klöstern und Kirchen, Schulen oder Jugendclubs, Gemeindehäusern oder Dorfstuben - überall wird Höppner empfangen als gehöre er seit langer Zeit zur Familie.

Das mobile Kino hat seine Wurzeln in der Landfilm der DDR, die von 1948 bis 1990 unter dem Motto: „Den Arbeitern Brot, den Bauern Kultur!“ die Landbevölkerung mit Propaganda und Unterhaltung versorgte und bei der Höppner zum Filmvorführer ausgebildet wurde. Die Wende bedeutet zwar das Aus für die Einrichtung, doch die Filmvorführungen in der ländlichen Region enden damit nicht.

Denn glücklicherweise gibt es da den Landesverband Filmkommunikation Mecklenburg-Vorpommern und den Filmklub Güstrow. Gemeinsam schmieden sie Pläne, wie dem Kulturverlust zu begegnen sei und es entsteht die Idee zu den Abspielringen.

Das Konzept ist denkbar einfach: In den Abspielringen organisieren sich mehrere Kinoinitiativen und teilen sich die Kosten der Mindestgarantie. Denn diese Art Grundgebühr der Filmvorführung ist im dünn besiedelten, ländlichen Raum die größte Hürde.

Gerade mal 14 Orte in MV sind 1994 im Abspielring organisiert, bis 2016 steigt ihre Zahl auf über 60 Spielstätten. Damit existieren im Jahr 2016 in MV mehr kulturelle als kommerzielle Kinos und es finden insgesamt über 1000 Vorführungen statt, die von etwa 20.000 Gästen besucht werden.

Zu diesem Zeitpunkt obliegt die Verwaltung der Abspielringe noch dem Landesverband Filmkommunikation M-V, der jedoch buchstäblich an seine Grenzen gerät. Denn das Interesse an dem Konzept der Abspielringe ist mittlerweile auch außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns enorm groß.

Also stecken die Kino-Verrückten wieder die Köpfe zusammen und initiieren im Jahr 2017 das Projekt „Dorfkino einfach machbar“. Eine Onlineplattform zur effizienten Verwaltung von Filmbestellungen und Spielstätten. Mit finanzieller Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes entwickeln sie eine Datenbank und Bestellplattform, die offen ist für bundesweite Kinoinitiativen. Die Programmierung übernimmt Stephan Wein, der die Datenbank bis heute betreut und ein Instrument geschaffen hat, das einfach funktioniert!

Christine Maslok und Jens-Hagen Schwadt nutzen die freiwerdende Zeit für den Ausbau der Abspielringe und gemeinsam gelingt es, die Anzahl der Spielstätten innerhalb von 6 Jahren zu vervierfachen.

Mittlerweile sind bundesweit annähernd 300 Kinoinitiativen in den Abspielringen organisiert. Jährlich kommen etwa 2000 Filme zur Aufführung, darunter immer wieder auch Filme aus dem DEFA-Filmstock, und über 30.000 Zuschauer*innen werden erreicht. Flächendeckend übernehmen die Kinoinitiativen die filmkulturelle Grundversorgung in ländlichen Regionen.

Für diese beeindruckenden Leistungen beim Ausbau der Abspielringe, für die Akquise und Betreuung der Partner*innen und den steten Einsatz für das Kino auf dem Land wird der Filmklub Güstrow heute mit einem der Programmpreise der DEFA-Stiftung ausgezeichnet und dazu gratuliere ich von ganzem Herzen!

Laudatorin: Denise Grduszak

Programmpreis

CineMova e.V.

Das Team von CineMova

auf der Preisverleihung der DEFA-Stiftung am 30. September 2022, Fotograf: André Wagenzik

Filme können nicht viel bewirken, aber einiges schon. Wo und wann fängt so etwas an? Das ist oft unklar. Im Fall von CineMova kann ich dies jedoch ziemlich genau rekonstruieren. Der CineMova-Verein besteht seit 2009, damals gegründet als „Ukrainischer Kinoklub Berlin“. Als wir uns 2014 kennenlernten und von da an begannen, monatlich in der Brotfabrik Filme aus der Ukraine zu zeigen, waren die Krim und der Donbas schon von Russland besetzt. Für mich bedeutete dies einen späten Moment des Aufwachens, verbunden mit Beschämung über die eigene Gleichgültigkeit.

Der erste gemeinsame Filmabend fand am 10. November 2014 mit „БРАТИ. ОСТАННЯ СПОВІДЬ“ (Brati Ostannaja Spovjd) von Viktoria Trofimenko statt. Ein mythisch angehauchtes Beziehungsdrama aus den Karpaten. Seither haben wir viele Filme gemeinsam gezeigt und gesehen. Wir haben gelacht und geweint, diskutiert und geschwiegen. Viel habe ich von Euch gelernt: Danke, Sasha, Dasha, Zhanna, Anna, Polina, Celina, Svitlana und all die anderen. Lass uns weitermachen!

Es war ein großartiger Vorschlag seitens der Preis-Jury - nicht von mir - Eure beharrliche Arbeit, die weit über die Vorführungen in der Brotfabrik hinausgeht, mit einem Programmpreis zu würdigen. Deshalb habe ich sofort begeistert zugestimmt, diese Worte heute hier zu sprechen und den Preis zu übergeben.

Ein kleiner Preis für kleine Filme in kleinen Kinos. Filme können nicht viel bewirken, aber einiges schon. Sie verkörpern die Kraft der Schwachen gegenüber den vermeintlich Starken. David gegen Goliath. Darauf sollten wir später noch anstoßen.

Laudator: Claus Löser

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