Helmut Spieß

Regisseur, Dramaturg

* 3. März 1902 in Ilmenau; † 11. März 1962 in Berlin

Biografie

Filmstill zu "Tilman Riemenschneider"

Helmut Spieß

bei den Dreharbeiten zu TILMAN RIEMENSCHNEIDER (R: Helmut Spieß, 1958) Fotograf: Hannes Schneider

Helmut Spieß kam 1950 als Dramaturg zum DEFA-Spielfilm und wurde einer der produktivsten Regisseure der 1950er-Jahre. Mit reichen Theatererfahrungen ausgestattet, versuchte er sich sowohl im Genre der Komödie, des Märchenfilms, des historisch-biografischen Films und der Filmrevue. Dabei blieb seine Handschrift weitgehend gediegen-konventionell, in Form und Stil den Babelsberger Ufa-Traditionen verpflichtet.

Geboren am 3. März 1902 in der thüringischen Kleinstadt Ilmenau, studiert Helmut Spieß Germanistik, Theaterwissenschaften, neue Sprachen und Kunstgeschichte in Jena, München und Berlin. In Jena betätigt er sich während dieser Zeit auch als Leiter des Theaters an der Volkshochschule. 1933 promoviert er an der Universität Jena zum Thema „Goethe, Eckermann und ,Faust auf der Bühne‘“. Im selben Jahr startet er seine Theaterlaufbahn als Dramaturg, Regisseur und gelegentlicher Schauspieler am Stadttheater Osnabrück. Hier tritt er unter anderem in einer Inszenierung von Shakespeares „Wintermärchen“ auf. Von 1934 bis 1937 ist er an den Städtischen Bühnen Gladbach-Rheydt, 1938/39 am Freilandtheater Flensburg und von 1940 bis 1942 als Dramaturg bei der Ufa angestellt. Um 1942 wird er Abteilungsleiter in der Ufa-Nachwuchsabteilung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt Helmut Spieß als Chefdramaturg und Regisseur zum Deutschen Nationaltheater Weimar. Noch vor der Wiedereröffnung des Großen Hauses im August 1948 inszeniert er am Kleinen Haus in der Weimarhalle. Seine erste Arbeit ist das russische Stück „Stürmischer Lebensabend“ von Leonid Rachmanow, das im April 1946 Premiere hat. Bereits in seiner zweiten Inszenierung, „Bunbury“ von Oscar Wilde (Premiere: 31. Dezember 1946), besetzt er den jungen Schauspieler Peter Podehl, der in den folgenden Jahren zu einem seiner bevorzugten Darsteller wird, später zur DEFA wechselt und am Drehbuch zu Wolfgang Staudtes DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK (1953) beteiligt ist. Auch andere Weimarer Schauspieler, die mit Spieß arbeiten, treten später in DEFA-Filmen auf, zum Beispiel Walter Jupé, Gerd Michael Henneberg, Heinz Scholz, Lisa Wehn und Christa Lehmann.

Filmstill zu "Tilman Riemenschneider"

Helmut Spieß bei den Dreharbeiten zu TILMAN RIEMENSCHNEIDER (R: Helmut Spieß, 1958) Fotograf: Hannes Schneider

Filmstill zu "Interview mit Berlin - 10 Jahre Deutsche Demokratische Republik 1949 - 1959"

Helmut Spieß bei den Dreharbeiten zu EINER VON UNS (1959). Aufnahme aus dem DEFA-Dokumentarfilm INTERVIEW MIT BERLIN - 10 JAHRE DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REPUBLIK 1949 - 1959 (R: Max Jaap, 1959) Fotografen: Erich Nitzschmann, Wolfgang Randel

Spieß inszeniert mit Vorliebe Komödien und Singspiele, so wie 1947 „Bezauberndes Fräulein“ von Ralph Benatzky, 1948 „Der Revisor“ von Nikolai Gogol, 1949 „Die Komödie der Irrungen“ von William Shakespeare und „Scherz, List und Rache“ von Johann Wolfgang Goethe. Bis zum Ende der Spielzeit 1950 bringt er rund zwanzig Stücke mit über 300 Vorstellungen auf die Bühne. Gelegentlich spielt er auch selbst, so den Kammerdiener Charly in Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“ (1949) und den Familienvater in Peter Podehls Schwank „Familientheater“ (1950). In der Goethe-Gedenkfeier „Das Weltkind in der Mitten“ (1947), die er dramaturgisch betreut, spricht er verbindende Worte; in der Matinee „Die Waffen ruh’n...“ (1948) anlässlich des Tages der Befreiung, des Todestages Schillers und des Tages des freien deutschen Buches trägt er „Fragen eines lesenden Arbeiters“ von Brecht vor und zitiert aus „Die moralische Eroberung Deutschlands“ von Emil Ludwig. Über die Arbeitsweise von Spieß schreibt Peter Podehl in seinem Erinnerungsblog: „Helmut Spieß arbeitete gern und viel, aber eher unsystematisch und nicht gerade willig, wenn es um Notwendigkeiten ging.“ So habe er bei der Inszenierung des Stückes „Donna Diana“ (1950) von Austìn Moreto zwar Gag an Gag, Einfall an Einfall gereiht, aber wenig auf den großen Bogen geachtet. Dennoch lobt ein Rezensent: „Ein ungeahnter Gipfelpunkt der Spielzeit. Das war das Beste, was das Deutsche Nationaltheater bisher gezeigt hat. Eine schlechthin vollendete Ensemble-Leistung. Die überragende Leistung des Regisseurs ist hier untrennbar mit der aller Mitwirkenden verbunden.“

Im Sommer 1950 folgt Helmut Spieß seinem Weimarer Generalintendanten Hans-Robert Bortfeldt, der zum Chefdramaturgen der DEFA berufen worden ist, nach Berlin und Babelsberg. Bei der DEFA arbeitet er zunächst als Dramaturg und betreut die Filme MODELL BIANKA (1951) von  Richard Groschopp und DIE GESCHICHTE VOM KLENEN MUCK (1953) von  Wolfgang Staudte. Als  Wolfgang Schleif im Sommer 1953 die Regie zur Komödie HEXEN niederlegt, empfiehlt er ausdrücklich Helmut Spieß als seinen Nachfolger. Thema des Films ist der weit verbreitete Aberglaube, der von Spekulanten und Schiebern in einem kleinen Thüringer Dorf ausgenutzt wird, um sich selbst zu bereichern. Die Außenaufnahmen, die Mitte September 1953 beginnen, finden im Thüringer Wald statt. Dabei verpflichtet Spieß auch einige Weimarer Schauspieler, so Lisa Wehn als Hexenguste und Gerd Michael Henneberg als Staudten-Enderlein. Aufgrund von Erkrankungen unter den Darstellern und der von der Direktion geforderten Neubesetzung einer Hauptrolle ziehen sich die Dreharbeiten bis Juni 1954 hin. Die Premiere findet im September 1954 statt; nach einem Jahr registriert der Verleih rund 2,4 Millionen Zuschauer, ein gutes Ergebnis.

Filmstill zu "Hexen"

Elfriede Boll, Lothar Blumhagen und Heinz Triebel in HEXEN (R: Helmut Spieß, 1954) Fotograf: Erich Kilian

Filmstill zu "Hexen"

Lisa Wehn und Heinz Triebel in HEXEN (R: Helmut Spieß, 1954) Fotograf: Erich Kilian

Als zweiten Spielfilm inszeniert Spieß von März bis Juli 1955 die historische Biografie ROBERT MAYER – DER ARZT AUS HEILBRONN. Für die Hauptrollen engagiert er den Wiener Schauspieler Emil Stöhr und die soeben aus der Bundesrepublik in die DDR übergesiedelte Gisela Uhlen. In der Wochenschrift „Die Weltbühne“ lobt Carl Andrießen, das sei „ein sauberer, fesselnder, umsichtig besetzter Film, der die individuelle und gesellschaftliche Problematik jenes ungewöhnlichen Arztes deutlich macht“. Noch zweimal kehrt Spieß in den folgenden Jahren zum Genre des historisch-biografischen Films zurück: mit seinem Künstlerporträt TILMAN RIEMENSCHNEIDER (1958), wiederum besetzt mit Emil Stöhr in der Titelrolle, und mit EINER VON UNS (1960), frei nach Ereignissen aus dem Leben des kommunistischen Sportlers Werner Seelenbinder, der 1942 wegen illegaler Arbeit verhaftet und 1944 ermordet wurde. Den Dreharbeiten gehen Studien des Sportlermilieus und des Arbeiterlebens jener Jahre voran; die Kritik lobt die Stimmigkeit des Milieus und die Rekonstruktion der historischen Atmosphäre in alten Berliner Arbeitervierteln. Spieß und seine Drehbuchautoren Gerhard Neumann und Hans Albert Pederzani verstehen es, dem historisch-biografischen Genre neue Aspekte der Spannung und Unterhaltsamkeit abzugewinnen.

Ideologische Kritik erfährt Spieß‘ erster Farbfilm DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN (1956), den ursprünglich sein Weimarer Freund und Kollege Peter Podehl inszenieren soll. Nach Podehls Umzug in die Bundesrepublik wird dessen Szenarium von Kurt Bortfeldt, dem Bruder des einstigen Weimarer Generalintendanten und DEFA-Chefdramaturgen Robert, neu bearbeitet; allerdings bleibt dabei Podehls Einfall erhalten, das Schneiderlein nicht, wie im Märchen, mit der Prinzessin zu verheiraten, sondern mit einem Mädchen aus dem Volk. Das „Neue Deutschland“ kritisiert, das sei eine „gewaltsame Bearbeitung“ und eine „vulgäre Anwendung marxistischer Grundsätze“: „Die Schöpfer haben alle Märchenfiguren klassenmäßig grob rubriziert. (...) Eine solche ,Bearbeitung‘ des Grimmschen Märchens zeigt wenig Achtung vor einem literarischen Werk, das seit Generationen zum Märchenschatz des deutschen Volkes gehört.“ Mit seiner „gewissen Bilderbuchtechnik“ (Spieß) changiert DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN, das ausschließlich im Studio inszeniert wird, zwischen naturalistischen und stilisierten Elementen. Spieß greift auf seine reichen Theatererfahrungen zurück, zeigt zum Beispiel die Figuren des Hofstaats ungewöhnlich leicht und heiter, für Kinder gut fassbar.

Filmstill zu "Robert Mayer - Der Arzt aus Heilbronn"

Gisela Uhlen und Emil Stöhr in ROBERT MAYER - DER ARZT AUS HEILBRONN (R: Helmut Spieß, 1955) Fotograf: Gerhard Kowalewski

Filmstill zu "Einer von uns"

Karla Runkehl und Günther Simon in EINER VON UNS (R: Helmut Spieß, 1959) Fotograf: Josef Borst

Während der Dreharbeiten zu der heiter-musikalischen CinemaScope-Revue EINE HANDVOLL NOTEN kommt es im Sommer 1960 zum Eklat. Unter anderem weil bei Drehbeginn noch längst nicht alle Kompositionen vorliegen, ist Spieß unsicher über die Stilistik des Films. Er glaubt auch, Hauptrollen seien falsch besetzt. Nach der Hälfte der Drehzeit ist der Etat für die Gagen schon weit überschritten, Spieß spricht sich für radikale Kürzungen der noch zu drehenden Passagen aus. Schwere Differenzen mit dem Autor Otto Schneidereit, der selbst einige Einstellungen inszeniert hatte, sind die Folge; Schneidereit beschwert sich bei der DEFA-Direktion über „hysterische Ausbrüche“ des Regisseurs. So scheidet Helmut Spieß im September 1960 aus dem Drehprozess aus, im Oktober wird sein DEFA-Vertrag gelöst. Schneidereit bringt den Film allein zu Ende. Der Schauspieler  Günther Simon kritisiert: „Was als Musical hätte inszeniert werden müssen, ist eine langweilige alte Operetteninszenierung geworden.“ (Brief vom 25. Februar 1961 an die Studiodirektion).  Kurt Maetzig schlägt vor, dass alle anderen DEFA-Stäbe Gelder zusammenlegen, „damit man den Film nochmals schwarzweiß in 30 Tagen drehen kann“; eine nicht zu realisierende Idee. Im Oktober 1961 erklärt sich Spieß einverstanden mit der entstandenen Fassung und der Nennung seines Namens als Co-Regisseur im Vorspann. Der Film erreicht knapp 1,5 Millionen Zuschauer.

Neben seinen abendfüllenden DEFA-Filmen dreht Spieß 1957/58 drei satirische Kurzfilme der Reihe DAS STACHELTIER. Die nach einem Szenarium von Günter Kunert verfasste Satire EIN LEBENSLAUF wird in der Fachzeitschrift „Deutsche Filmkunst“ gelobt: „Das sitzt von Idee und Buch her haarscharf, und so wird es auch von Spieß inszeniert, genau, dicht an der Wirklichkeit und darum bei aller sarkastischen Zuspitzung beweiskräftig“ (Hans Dieter Mäde). In dem Fernsehkrimi ES GESCHAH IN BERLIN (1958, Regie: Hans-Joachim Hildebrandt), der Korruption und Betrügereien in Westberlin anprangert, spielt Spieß die Rolle des Dr. Händler. Für die TV-Reihe „Neue sowjetische Dramatik“ inszeniert er das Lustspiel DA KAM EIN JUNGER MANN INS HAUS (1959). Im selben Jahr kehrt er noch einmal ans Deutsche Nationaltheater Weimar zurück und bringt Carlo Goldonis Komödie „Der Lügner“ auf die Bühne, u.a. mit Christina Huth und Christa Lehmann. Zum schönen Publikumserfolg avanciert sein im DEFA-Studio für Spielfilme produzierter Fernsehfilm FLITTERWOCHEN OHNE EHEMANN (1961) mit  Eva-Maria Hagen, Lore Frisch und  Herbert Köfer, eine heitere Liebesgeschichte, die auch in die DDR-Kinos übernommen wird. Zuletzt gestaltet Spieß, ebenfalls fürs Fernsehen, die dramatische Geschichte über einen Generationskonflikt zwischen Vater und Sohn, DAS IST DIEBSTAHL, die im Januar 1962 erstmals ausgestrahlt wird.

Filmstill zu "Das tapfere Schneiderlein"

Kurt Schmidtchen in DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN (R: Helmut Spieß, 1956) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Eine Handvoll Noten"

Angela Brunner, Werner Lierck und Rudolf Ulrich in EINE HANDVOLL NOTEN (R: Otto Schneidereit, Helmut Spieß, 1961) Fotograf: Eberhard Daßdorf

Beliebt sind seine Vorlesungen als Dramaturgiedozent an der Deutschen Hochschule für Filmkunst Potsdam-Babelsberg. Der Dramaturg und Komponist Peter Rabenalt erinnert sich, dass vor allem „seine Filmanalysen während der laufenden Vorführung (...) immer ein Vergnügen besonderer Art“ gewesen seien: „Gern nahm er dazu Ufa-Filme und demonstrierte daran die Funktionsweisen klassischer dramaturgischer Regeln. (...) Über die Dramaturgie der Ufa-Filme und die Dramaturgie des Theaters, in der sich Spieß bis hin zu auswendig zitierten Monologen auskannte, verwies er auf immer wiederkehrende szenische Grundtypen, die bis in die neuzeitlichen Filme (...) wirksam waren.“

Am 11. März 1962, kurz nach seinem 60. Geburtstag, stirbt Helmut Spieß. Mit der Bemerkung, er wolle aus tiefer Furcht vor Krankheit und Einsamkeit keinesfalls älter als sechzig Jahre werden, hatte er seinen Tod schon vorher angekündigt. Als offizielle Todesursache wird Herzinfarkt angegeben. Im Nachruf der Filmzeitschrift „Deutsche Filmkunst“ schreibt Wolfgang Gersch: „Er liebte die volkstümliche Komödie, die ganz seinem künstlerischen Temperament entsprach, seinem Humor, seiner Güte, seiner liebevollen Menschenzeichnung. Sein gediegenes Wissen und seine reichen Erfahrungen vermittelte er während einiger Jahre an der Filmhochschule, bescheiden und gewissenhaft, wie er lebte und wirkte.“

Verfasst von Ralf Schenk. (Stand: November 2020)

Literatur

Eigene Texte:

  • Helene Blume-Gliewe, Helmut Spieß: 10 Jahre Bühnenbildnerin, Gladbach 1939.
  • Helmut Spieß: Genius Loci. In: Zur Eröffnung des Deutschen Nationaltheaters Weimar nach dem Wiederaufbau an Goethes 199. Geburtstag 28. August 1948. Weimar 1948, S. 19–30.
  • Helmut Spieß: Unsere Filmdramaturgie greift nach dem Leben. In: Neue Film-Welt, Berlin/DDR, Heft 12/1951, S. 1.
  • Helmut Spieß: Von der Präzision des Heiteren. Programmheft der Inszenierung „Der Lügner“ (Carolo Goldoni), 1958.

Fremdtexte:

  • Peter Podehl: Erinnerungen. www.peterpodehl.com/tagebuch/blogger-85-oder-donna-diana/
  • Hans Dieter Mäde: Treffsicherheit – nach wie vor das Hauptproblem. Zu einigen Fragen unserer „Stacheltier“-Produktion. In: Deutsche Filmkunst, Heft 8/1958, S.227–229.
  • W. G. (= Wolfgang Gersch): Helmut Spieß. In: Deutsche Filmkunst, Heft 5/1962, S. 204.
  • Ulrike Odenwald (d.i.: Walter Beck): Familienalbum derer, die im DEFA-Studio für Spielfilme Filme für Kinder gemacht haben. Trafo Wissenschaftsverlag Berlin 2010, S. 42–44 (über DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN).
  • Peter Rabenalt: Meine Lehrer von der DEFA. In: Leuchtkraft. Journal der DEFA-Stiftung, 1. Jahrgang. Berlin 2018, S. 61–62.

Eine erweiterte Filmografie können Sie unter filmportal.de einsehen.

menu arrow-external arrow-internal camera tv print arrow-down arrow-left arrow-right arrow-top arrow-link sound display date facebook facebook-full range framing download filmrole cleaning Person retouching scan search audio twitter cancel youtube instagram