Heinz Brinkmann

Regisseur, Drehbuchautor, Produzent

* 24. Juni 1948 in Heringsdorf; † 4. April 2019 in Berlin

Biografie

Heinz Brinkmann

Fotograf: F. Bernd, W. Dietrich Quelle: Filmmuseum Potsdam

1948 im Seebad Heringsdorf auf Usedom geboren, studiert Brinkmann an der Deutschen Hochschule für Filmkunst Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg das Fach Kamera. Neben einer Beschäftigung als Lehrassistent und Dozent für Kamera an der Fachrichtung Regie erhält er dort nach einem Externstudium 1975 das Regie-Diplom. Danach ist er als freiberuflicher Regisseur, Autor und Kameramann unter anderem für die DEFA-Wochenschau DER AUGENZEUGE tätig.

Nachdem Heinz Brinkmann im November 1976 gemeinsam mit den Dokumentaristen Jürgen Böttcher, Richard Cohn-Vossen, Werner Kohlert, Heiner Sylvester und Günter Kotte einen Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR unterschreibt und auch nicht bereit ist, diese Unterschrift zurückzuziehen, erhält er vom DEFA-Studio für Dokumentarfilme keine Aufträge mehr. 1976 hospitiert er bei Benno Bessons Inszenierung des Heiner-Müller-Stücks „Die Hamletmaschine“ an der Berliner Volksbühne und 1978 bei Thomas Langhoffs Inszenierung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ am Maxim Gorki Theater Berlin. Mit der Hoffnung, später als Spielfilmregisseur arbeiten zu können, wirkt er 1977 als Regieassistent an Egon Schlegels DEFA-Spielfilm DAS PFERDEMÄDCHEN (1979) mit. Von 1983 bis 1991 arbeitet er als Regisseur im DEFA-Studio für Dokumentarfilme.

Schon während seiner Zeit bei der DEFA-Wochenschau DER AUGENZEUGE dreht er Sujets über Mecklenburg-Vorpommern, etwa über die Barlach-Gedenkstätte in Güstrow. Wichtig werden ihm Filme über den Alltag in der DDR und spannende Biografien. Für die DEFA KINOBOX, den feuilletonistischen Nachfolger der Wochenschau, stellt er unter anderem den 90-jährigen Stralsunder Maler Erich Kliefert vor oder beschreibt den Küstenschutz an der Ostsee. Mit einer OSTSEEBOX (1987), die mit skurrilen Porträts, surrealen Bildern und einer märchenhaften Erzählstruktur über die Sehnsucht nach Freiheit und ursprünglicher Natur philosophiert, kann er seine künstlerischen Ansprüche deutlich machen. Immer wieder kehrt er zu Themen aus der Musik und der Bildenden Kunst zurück: So porträtiert er in SELLINER FOTOGRAF (1988) einen greisen Fotografen, der seit 1920 im Ostseebad Sellin tätig war.

Filmstill zu "Das Pferdemädchen"

DAS PFERDEMÄDCHEN (R: Egon Schlegel, 1979) Fotografen: Heinz Pufahl, Jörg Erkens

Filmstill zu "Das Pferdemädchen"

DAS PFERDEMÄDCHEN (R: Egon Schlegel, 1979) Fotografen: Heinz Pufahl, Jörg Erkens

Mit der schon 1987 gedrehten, aber erst im März 1989 uraufgeführten Reportage DIE KARBIDFABRIK (1987/88) gelingt es Brinkmann, Szenen aus dem Innenleben eines technologisch veralteten Karbidwerkes im Chemiedreieck Halle-Merseburg-Leuna zu einer Parabel auf die Endzeitstimmung in der DDR zu verdichten. Von einer intakten Auenlandschaft zu Beginn des Films führen die Motive bis zu Arbeitern in einer Werkhalle, die sich als graue Gestalten hinter dicken Staubschichten bewegen. „Arbeiter, Funktionäre und Leiter machen ihrer Wut und Verzweiflung Luft: ,Die Leute fliegen zum Mond, nur hier ändert sich nichts.‘ Ein Abteilungsleiter sagt nachdrücklich in die Kamera, dass die gesellschaftlichen Probleme sich verschärfen werden, wenn nicht endlich ökonomisch gearbeitet würde, es keine entscheidenden Veränderungen in den Technologien gebe.“ (Elke Schieber in: „Schwarzweiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilm 1946–92“). Unmittelbar nach dem Sturz Honeckers im Oktober 1989 wird der Film im DDR-Fernsehen als Beleg dafür gezeigt, dass die politische Zensur in den Medien der DDR nun ein Ende habe.

Viele folgende Filme verknüpfen individuelle Erfahrungen mit zeitgeschichtlichen Momenten: In WALDSCHLÖSSCHEN (1991) über eine Staatssicherheits-Zentrale bei Schwerin kommen sowohl ehemalige Stasi-Mitarbeiter als auch ein Pastor zu Wort, der sich in der Bürgerbewegung engagiert. DAS FELD BRENNT (1992) zeigt einen alten Kommunisten und Landarbeiter, der einsam am Rand einer Müllkippe lebt, die Politik hasst, an Gott zweifelt und nur der Natur vertraut. DIE WEIHE DER GOTTLOSEN KINDER (1997) fragt nach der einstigen und heutigen Bedeutung der Jugendweihe, die in den neuen Bundesländern als atheistische Variante zur Konfirmation oder Kommunion bevorzugt wird. HORNO UND ANDERSWO (1995) dokumentiert den Kampf der Einwohner um ihre Heimat und gegen die Braunkohle im nordrhein-westfälischen Garzweiler und im brandenburgischen Horno. All diese Filme sind genaue Zeitbilder radikaler gesellschaftlicher Einschnitte und Umbrüche und lassen sich auf die Emotionen ihrer Figuren ein.

Zum größten Erfolg in Heinz Brinkmanns Schaffen wird der gemeinsam mit Jochen Wisotzki 1990 gedrehte Film KOMM IN DEN GARTEN (1990), eine der letzten Produktionen des DEFA-Studios für Dokumentarfilme, aus dem der Regisseur wie alle anderen künstlerischen Mitarbeiter 1991 entlassen wird. Hauptfiguren sind drei Freunde und Anpassungsverweigerer aus dem Berliner Prenzlauer Berg, die sich gegenseitig zu leben und zu überleben helfen: ein Maler, der in der DDR als „arbeitsscheu“ gebrandmarkt war und zehn Jahre im Gefängnis verbrachte, ein Journalist, der dem Alkohol verfiel, und ein Außenwirtschaftler, der aus der Akademie der Wissenschaften entlassen wurde und am S-Bahnhof Schönhauser Allee selbst gebastelte Lampen verkauft.

Filmstill zu "Komm in den Garten"

KOMM IN DEN GARTEN (R: Jochen Wisotzki, Heinz Brinkmann, 1990) Fotograf: Frank Breßler

Filmstill zu "Komm in den Garten"

KOMM IN DEN GARTEN (R: Jochen Wisotzki, Heinz Brinkmann, 1990) Fotograf: Frank Breßler

Der poetisch-humorvolle Film beobachtet die drei Männer bei ihren täglichen Verrichtungen, lässt sie ausführlich zu Wort kommen, bietet ihnen die Gelegenheit zur Selbstinszenierung und reflektiert den existentiellen Widerspruch zwischen individuellem Freiheitsdrang und staatlicher Bevormundung in der DDR. KOMM IN DEN GARTEN, eine Mischung aus Dokumentarischem und Gespieltem, wird mit der Silbernen Taube der Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche 1990 und einer Lobenden Erwähnung beim Dokumentarfilmfest München ausgezeichnet. Fünf Jahre später verfolgt der Regisseur mit DER IRRGARTEN die Biografien der drei Männer weiter und reflektiert darüber, wie sehr Menschen gerade in Zeiten des Wandels nach innerem Gleichgewicht, Harmonie und Liebe suchen.

Seit 1991 ist Brinkmann als freischaffender Regisseur und Autor tätig. Er gehört zu den Mitbegründern des Mecklenburg/Vorpommern Film e. V. und des Schweriner FilmKunstFestes. Von 1991 bis 2006 fungiert er als Vorsitzender des Mecklenburg/Vorpommern Film e. V. und ist am Aufbau der Film- und Videowerkstätten im Landesfilmzentrum Schwerin und im Film- und Medienzentrum Wismar beteiligt.

Wie schon vor 1989 kehrt der Regisseur auch nach der deutschen Vereinigung immer wieder in seine Heimat an der Ostsee zurück. In CARMEN - HAUS AM MEER (1991), einer Episode aus dem Film WOHER - WOHIN, erzählt er Geschichten einer Strandvilla auf Usedom, die einst als Pension seiner Großmutter gehörte und 1953 im Rahmen der „Aktion Rose“, einer politisch motivierten Enteignungswelle, in staatlichen Besitz überging. In dem Film-Essay USEDOM - EIN DEUTSCHES INSELLEBEN (1993) beschreibt er, welchen Veränderungen die Seebäder nach der Vereinigung unterworfen waren und erinnert an die alte Seebad-Kultur von vor 1933. AKT(E) PEENEMÜNDE (1997) über die auf Usedom gelegene einstige Raketen-Forschungsstätte der Nazis thematisiert die Komplexität und Kompliziertheit des Umgangs mit Geschichte, OPERATION REVIVAL (2005) erzählt vom Schicksal alliierter Kriegsgefangener im Stalag Barth.

Filmstill zu "Der letzte Abstich"

DER LETZTE ABSTICH (R: Heinz Brinkmann, 1991) Fotograf: Jürgen Hoffmann

Filmstill zu "Die Karbidfabrik"

DIE KARBIDFABRIK (R: Heinz Brinkmann, 1987/88) Fotograf: Jürgen Hoffmann

In INSELLICHT - USEDOMER BILDER (2005) befragt Brinkmann die Maler Sabine Curtio, Volker Köpp, Oskar Manigk und Matthias Wegehaupt nach ihrem Verständnis von Kunst und Leben. Wie in vielen anderen seiner Filme geht es dem Regisseur auch hier um das „Vergegenwärtigen des Standortes, ums Innehalten und Sammeln, was eine ebenso notwendige wie schwierige Aufgabe ist in Zeichen des nivellierenden Massentourismus, in der sich so manche Identität viel zu schnell auflöst“ (Horst Peter Koll in „film-dienst“, 22/2005). 

Drei ungewöhnlichen Brüdern wendet sich Brinkmann 2012 mit FALLWURF BÖHME zu. Im Mittelpunkt steht das Schicksal des ehemaligen DDR-Handball-Nationalspielers Wolfgang Böhme, dessen Karriere auf Betreiben der Staatsicherheit vor den Olympischen Spielen 1980 beendet wurde.

In USEDOM - DER FREIE BLICK AUFS MEER (2017), dem jüngsten Film Heinz Brinkmanns, der 2018 auch im Programm der Internationalen Filmfestspiele Berlin zu sehen war, erzählt der Regisseur von herrlichen Villen an der längsten Strandpromenade Europas, von der Vertreibung jüdischer Mitbürger durch die Nazis, von der Teilung Usedoms nach dem Zweiten Weltkrieg in eine deutsche und eine polnische Hälfte. Brinkmann befragt Zeitzeugen nach Bewahrung und Veränderung: den ehemaligen Bürgermeister, der sich über Bausünden vergangener Jahre ärgert, einen Landwirt, der sich ein Eiland im Achterwasser für seine Bio-Rinder gekauft hat, eine polnische Hotelfachfrau und andere Brückenbauer zwischen beiden Staaten. Zugleich zitiert Brinkmann aus seinem Usedom-Film von 1993, vergleicht Pläne seiner damaligen Filmpartner mit der Realität von heute. Ein feuilletonistischer Streifzug durch ein Paradies mit Rissen.

Nach schwerer Krankheit verstirbt Heinz Brinkmann am 4. April 2019 in Berlin.

Verfasst von Ralf Schenk. (Stand: April 2019)

Literatur

  • Heidemarie Hecht: Heinz Brinkmann. In: Schwarzweiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilme 1946–92. Berlin 1996 (2. Aufl. 2000), S. 250-252 
  • Torsten Fragel, Thomas Weiß (Red.): Heinz Brinkmann – Filmkatalog. Wismar 1998, 76 S. 
  • Steffi Pusch: Exemplarisch DDR-Geschichte leben. Ostberliner Dokfilme 1989/90. Frankfurt am Main 2000.
  • Ralf Schenk: SCHNITTE: Karbid und Rhabarbersaft, in: Berliner Zeitung, 9.04.2018
  • Ralf Schenk: Zärtliche Geschichten. Zum Tod des Dokumentaristen Heinz Brinkmann, in: Berliner Zeitung, 05.04.2019.

Auszeichnungen

  • 1984 Nationalpreis der DDR I. Klasse im Kollektiv (für UNSER ZEICHEN IST DIE SONNE)
  • 1990 Silberne Taube ex aequo 33. Leipziger Dokumentarfilmwoche für KOMM IN DEN GARTEN
  • 1990 Findling des Interessenverbandes Filmkommunikation e.V. sowie lobende Erwähnung der Internationalen Ökonomischen Jury
  • 1991 Lobende Erwähnung 6. Internationales Dokumentarfilmfestival München für KOMM IN DEN GARTEN
  • 1991 Erster Kurzfilmpreis für VORWÄRTS UND ZURÜCK, erstes Schweriner Festival
  • 1993 Zweiter Kurzfilmpreis Schwerin für MOMENT MUSICALE 92

DEFA-Filmografie

Eine erweiterte Filmografie können Sie unter filmportal.de einsehen.

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