Stiftungspreise 2026
Am 2. Oktober 2026 wurde in der Akademie der Künste die 25. Preisverleihung der DEFA-Stiftung ausgerichtet. Wie in den Vorjahren waren die Auszeichnungen insgesamt mit 40.000 Euro dotiert.
Preisträger
- Preis für das künstlerische Lebenswerk: Annekathrin Bürger
- Preis für herausragende Leistungen im deutschen Film: Johann Feindt
- Preis für junges Kino: Julian Radlmaier
- Programmpreis: Günter Agde
- Programmpreis: Moritzhof Magdeburg
- Programmpreis: Filmfriend
Fotos zur 25. Preisverleihung finden Sie in Kürze auf dieser Seite.
Preis für das künstlerische Lebenswerk
Annekathrin Bürger
Liebe Annekathrin,
Du fragtest Du mich einmal, mit ehrlicher Verwunderung, warum die Leute Dich eigentlich mögen. „Ich habe doch gar keine so gewaltigen Filme gemacht“. Abgesehen davon, dass das nicht stimmt, denn Du hast sehr wohl Bleibendes geschaffen, wovon noch die Rede sein wird, sagt der Satz doch so viel über Dich, die Fragende aus: Es ist genau diese Bodenständigkeit, die einen großen Teil Deines Zaubers und Deiner Beliebtheit ausmacht. Du stammst aus einem Künstlerhaushalt, die Mutter tanzte im Ballett, der Vater war Tierzeichner, einige seiner schönen Bilder hängen bei Dir in der Wohnung. Zu Reichtum und Ruhm gelangten beide nicht, aber sie dienten ehrlich und unbeirrt der Kunst, darin sind sie Dir immer Vorbild geblieben. Bevor Du selbst auf der Bühne standest, in Berlin und in Senftenberg, warst Du Bühnenassistentin und Requisiteurin am Bernburger Theater. Zum Glück hast Du diese Perspektive nie ganz verloren, diesen nüchternen Blick aus der Seitengasse, diesen Beobachter-Standpunkt außerhalb des Lichtkegels der Scheinwerfer.
Wir spürten sehr genau, dass sich diese Künstlerin nicht wichtiger nahm als die Arbeit, die sie täglich für uns mit Freude und Ernsthaftigkeit verrichtete. Dabei bist Du mit Deiner Ausstrahlung, Deinem Charme und der nahbaren Eleganz im wahrsten Sinne des Wortes ein Star, obwohl wir dieses Wort nicht benutzten. Auch über Deine Lippen kam es nicht. In Zeitschriften gab es Homestorys und Modestrecken mit Dir. Das Interesse an Dir ging über Deine Rollen hinaus, Du hast Deine Zuschauerinnen und Zuschauer eingeladen, Anteil an Deinem Spiel und an Deinem Leben zu nehmen. Nicht durch Anbiederung an den vermeintlichen Geschmack der Massen, sondern durch dauerhafte, höchste Leistung, unbedingte Hingabe und Professionalität. Deine Anfänge beim Film sind so märchenhaft wie es sich für eine Legende Deines Formats gehört. Über 14.000 Mädchen soll Regisseur Gerhard Klein für seine BERLINER ROMANZE von 1956 gesehen haben. Du warst die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen, die gefunden wurde. Nicht weniger besessen als Gerhard Klein war Slatan Dudow, mit dem Du Deinen Durchbruch schafftest, in de ausgelassenen, ungemein erfolgreichen Film VERWIRRUNG DER LIEBE von 1959, allein die berühmte Ballszene in der Weißenseer Kunstschule brauchte wohl 20 Drehtage. Das Bleibende, von dem ich schon sprach, gelang Dir vor allem in den antifaschistischen Filmen, ohnehin das beste Erbe der DEFA. In Filmen wie DAS ZWEITE GLEIS von Hans-Joachim Kunert und Frank Beyers Meisterwerk KÖNIGSKINDER, beide 1962, hast Du unvergessliche Figuren geschaffen, Frauen auf der Suche nach den richtigen Entscheidungen, nach Wahrhaftigkeit und Verantwortung. In diesen, Deinen besten Rollen brauchst Du den Vergleich mit den internationalen Diven jener Jahre wie Monica Vitti, Tatjana Samoilowa und Silvana Mangano nicht zu scheuen.
Du hast aber auch für beste Unterhaltung gesorgt, in Komödien wie MIT MIR NICHT, MADAM! oder DER BAULÖWE, und Du warst selbst im Wilden Westen überzeugend, in TÖDLICHER IRRTUM oder dem sehr innovativen TECUMSEH. Mit Deinem viel zu früh verstorbenen Mann Rolf Römer hast Du den Filmhit HOSTESS (1976) gedreht, das war so federleicht, so sinnlich, ein erfrischendes neues Rollenbild von selbstbewussten DDR-Frauen, das Dir sehr lag: die Liebende, die Berufstätige, die aufrichtige Frau von Nebenan, die sich gegen Verlogenheit und Routine wehrt, wie in Rolf Römers Regiedebüt HE DU!.
Zum Gesamtkunstwerk Annekathrin Bürger gehört unbedingt diese warme Stimme, die so glasklar ist und unendlich reich in ihren Ausdrucksmöglichkeiten. Wenn wir sie hören, ist es immer, als ob ein vertrauter Mensch anruft, der seinen Namen gar nicht nennen muss, weil wir ihn sofort erkennen. Mit dieser wunderbaren Stimme sangest Du am 4. November vor einer Million Menschen das Lied eines politischen Gefangenen in Stalins Lagern, das Du schon in den Monaten zuvor in Dein Soloprogramm aufgenommen hattest. Auch dieses Lied, das ergreifend über den Alexanderplatz wehte, zeigte uns den Beginn einer neuen Zeit an. Du hast Dich immer als einen glücklichen Menschen gesehen, der den richtigen Leuten zur richtigen Zeit begegnete, das endete auch nach dem Ende der DDR nicht ganz. Bodo Fürneisen schenkte Dir in DER REST, DER BLEIBT (1991) eine Deiner schönsten Rollen, eine Frau, die einen jüngeren Mann liebt. In Frankreich hättest Du viel mehr solcher Filme gedreht, hier blieb es eine kostbare Ausnahme. Alexandra Sell besetzte Dich 2017 in ihrem originellen Eiskunstlauf-Film DIE ANFÄNGERIN. Vielen Fernsehzuschauern bist Du in bester Erinnerung als Kneipenwirtin Frederike im Tatort, Du warst da mit Deiner Lebensklugheit und Herzenswärme stets der rettende Hafen für die Ermittler und irgendwie auch für uns. Ja, liebe Annekathrin, wir, die Leute, mögen Dich so sehr, weil Du bist wie Du bist: Eine Diva mit Herz, eine berufstätige Grand Dame, Frau Nachbarin und Leinwandgöttin und gute Freundin, große Künstlerin und feiner Mensch, alles in einem, unverwechselbar, unnachahmlich, unerreicht - eben Annekathrin Bürger. Sei dafür bedankt und umarmt und herzlich beglückwünscht!
Laudator: Knut Elstermann
Preis für herausragende Leistungen im deutschen Film
Johann Feindt
Laudator: Andreas Kleinert
Preis für junges Kino
Julian Radlmeier
Es kommt eher selten vor, dass es in gegenwärtigen deutschen Spielfilmen mal um die DEFA geht. Aber bei einem Spaziergang erzählt Ursula ihrer neuen Freundin Zulima von ihrer Mutter, die früher bei den ORWO-Werken gearbeitet hat: „Mutti hat die lichtempfindliche Emulsion angerührt. Deshalb hatten die DEFA-Filme nämlich so einen besonderen Glanz, hat Vati immer gesagt. Und ohne Muttis Händchen für anorganische Chemie hätte die Renate Krößner ausgesehen wie’n Karpfen, seiner Meinung nach.“
Darauf antwortet Zulima nur mit: „Renate, wer?“
Ursula, eine der Protagonistinnen aus Julian Radlmaiers jüngstem Film SEHNSUCHT IN SANGERHAUSEN, ist allerdings nicht nur die Tochter einer ORWO-Fabrikarbeiterin, sondern auch die Ur-ur-ur-ur-ur-Enkelin einer Dienstmagd, die den romantischen Dichter Novalis bediente. Im Film geistern also gleich mehrere Gespenster der Vergangenheit durch die heutige Kreisstadt in Sachsen-Anhalt. Kulturelles Erbe und Tradition verweben sich in allen seinen Filmen mit den Geschichten von modernen Figuren.
Julian Radlmaier drehte als Regiestudent an der dffb zunächst zwei mittellange Spielfilme bevor 2017 sein Diplomfilm und zugleich Kinodebüt Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes erschien. Es folgten BLUTSAUGER und SEHNSUCHT IN SANGERHAUSEN. Für alle seine Filme schreibt er die Drehbücher, führt Regie und übernimmt die Montage.
Julian Radlmaier begegnet seinen Figuren mit Menschlichkeit und Haltung auf Augenhöhe: Egal ob es um die Putzkolonne vor einer Ausstellungseröffnung im mittellangen Film EIN PROLETARISCHES WINTERMÄRCHEN, die Erntehelferinnen und Erntehelfer auf der Oklahoma Apfel-Farm in SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES oder den Marx-Lesekreis am Strand in BLUTSAUGER geht, alle Figuren werden mit Ehrlichkeit und Witz gezeichnet und in ihrer eigenen Situation und Perspektive ernst genommen. Neben den bunten Ensembles begeistern auch die strukturierten, detailreichen und vor allem auch schönen Filmbilder in satten Farben.
In BLUTSAUGER sagt Corina Harfourchs Figur an einer Stelle: „Ein Vampirfilm – ist das nicht ein bisschen ordinär?“ Ironisch und spielerisch antwortet Julian Radlmaiers Film auf diese Frage mit Genreelementen und filmhistorischen Bezügen und schafft so eine zeitlose Vampirkomödie über den Klassenkampf.
Kürzlich hat Julian Radlmaier in einem Artikel seine Vorstellung eines politischen Kinos als eine Kollage von fiktiven, dokumentarischen und komödiantischen Elementen beschrieben. In seinem bisherigen Filmschaffen ist eine klare Entwicklungslinie dieses Kinos zu erkennen und wir sind sehr gespannt auf die nächsten Filme! Herzlichen Glückwunsch!
Laudatorin: Johanna Deventer
Programmpreis
Günter Agde
Es gibt nur wenige Menschen, die sich so lange und intensiv mit der DEFA-Geschichte beschäftigt haben wie Günter Agde. Sein Werdegang begann allerdings nicht beim Film, sondern beim Theater. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften in Leipzig und einigen Versuchen als Dramaturg an verschiedenen Theatern kam er über Umwege zum Film. Als Referent bei der Akademie der Künste wurde das Thema „Filmgeschichte“ zu seinem Spezialgebiet. In dieser Zeit entstand u.a. Günters Dissertation über den Regisseur Kurt Maetzig. Die Doktorarbeit ist – noch heute – bemerkenswert, weil darin Maetzigs Verbotsfilm „Das Kaninchen bin ich“ prominent erwähnt wird. Mehr noch: Günter wagte in seinem Text etwas, das für die damaligen Verhältnisse einzigartig gewesen sein dürfte: Er übte deutliche Kritik am 11. Plenum. Günter schrieb damals: Auf dem Plenum – ich zitiere –:
„(…) kam es zu rigorosen Beschreibungen von Zusammenhängen und Beweisketten, die in dieser Schärfe, Undifferenzierung und Verallgemeinerung nicht mehr völlig zutreffend sein konnten (…). Feindliche Einflüsse wurden teilweise gleichgesetzt oder vermengt mit der unruhigen, subjektiven Suche mancher Künstler, darunter Kurt Maetzig. Das Bestreben, (…) tiefer in das psychologische Profil von Figuren einzudringen, die Widersprüche (…) zu erfassen und (…) die Entwicklung des sozialistischen Bewußtseins voranzutreiben, wurde pauschal und streng zu Kritik schlechthin und zu Skeptizismus kurzgeschlossen.“
Das 11. Plenum wurde ein Lebensthema für Günter, vielleicht das Wichtigste für ihn überhaupt. Denn als im Herbst 1989 endlich die Zeit gekommen war, die 1965/66 verbotenen Filme aus dem Archiv holen zu können, ergriff er die Initiative und organisierte in der Akademie der Künste eine wegweisende Tagung zur Geschichte des Plenums. Erstmals waren die Filme wieder öffentlich zu sehen, erstmals kamen die betroffenen Künstler selbst zu Wort. Aus der Tagung ging jener Sammelband hervor, der dem Plenum seinen bis heute gültigen Namen gab: „Kahlschlag“.
Doch das Plenum war bei weitem nicht das einzige Thema, mit dem Günter sich beschäftigt hat – ab 1990 dann fast durchweg freiberuflich. Über die Jahre entstanden eine Vielzahl von Büchern zur DEFA-Geschichte, meist mit Fokus auf einen Regisseur, Schauspieler oder Autor. Günter geht es dabei nicht darum, Denkmäler für Künstler zu bauen, die er selbst schätzt und verehrt, sondern um eine möglichst breite Dokumentation ihres filmischen Werkes. Neben dem DEFA-Film galt sein Interesse besonders dem sowjetischen Kino. Auch dazu liegen wichtige Publikation vor. Etwa zur Werkgeschichte von KÄMPFER (1936) von Gustav von Wangenheim oder zur Geschichte des legendären Filmstudios „Meschrabpom“, dem zusätzlich gleich zwei Retrospektiven gewidmet waren, eine bei der Berlinale und eine bei DOK Leipzig, beide – natürlich – kuratiert von Günter Agde.
Fast schon akribisch werden in allen seinen Büchern Schriftstücke veröffentlicht, durch Interviews und Dokumente ergänzt, die einen Gesamtblick auf das jeweilige Schaffen ermöglichen. Neben den wichtigen Publikationen zur Filmgeschichte war Günter Agde in zahlreichen filmhistorischen Kontexten aktiv, die ich an dieser Stelle nur stichwortartig erwähnen kann: Er ist Gründungsmitglied von Cinegraph in Babelsberg, Mitherausgeber der Zeitschrift „Filmblatt“, er hat dutzende Filmeinführungen gehalten, er ist Autor von ungezählten Kritiken, Festivalberichten und Artikeln zur Filmgeschichte und nicht zu vergessen: Er hat eine Vielzahl von filmhistorischen Lehrveranstaltungen gehalten.
So wichtig die Filmgeschichte für Günters Arbeit war, so wichtig war ihm aber auch ein anderes Thema: Die Erinnerung an das Unrecht, das Menschen in der NS-Diktatur, im Stalinismus und nicht zuletzt auch in der SBZ und der DDR widerfahren ist. So entstand u.a. ein Buch zur Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 7, das in Sachsenhausen an der Stelle des NS-Konzentrationslagers errichtet und zur Inhaftierung von politischen Gefangenen genutzt wurde. Oder sein Buch über die „Greussener Jungs“ – eine Gruppe von Jugendlichen, die 1946 als vermeintliche „Werwölfe“ verhaftet und vom NKWD verurteilt wurden. Von den 38 Jugendlichen starben 24 in Sachsenhausen.
Die DEFA-Stiftung würdigt mit diesem Programmpreis daher nicht nur das langjährige publizistisches Engagement von Günter Agde für das deutsche Film-Erbe, sondern auch sein kritisches Bewusstsein für geschichtspolitische Debatten und gegen die Verdrängung der Vergangenheit.
Und – last but not least – gehört zu dieser Würdigung auch die Erinnerung an einen legendären Kurzauftritt in einem prominenten DEFA-Film. In Rainer Simons DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO hatte Günter seinen vielleicht größten Auftritt, zusammen mit vielen anderen Filmpublizisten aus der DDR übrigens, die ebenfalls in der Szene zu sehen sind. Dass Günter hier Pfeife raucht, war meines Wissens kein Zufall – sie ist eine Art Markenzeichen von ihm. Wenn also in Zukunft irgendwo ein DEFA-Film gezeigt wird und es im Foyer nach Pfeife riecht, dann ist Günter bestimmt in der Nähe – oder er hält vielleicht sogar die Einführung zum Film, wer weiß. Ich hoffe, dass das noch möglichst lange so bleibt und gratuliere ganz herzlich im Namen der DEFA-Stiftung zu diesem Preis.
Laudator: Andreas Kötzing
Programmpreis
Moritzhof Magdeburg
„Geh doch mal ins Kino, da verfliegt die Wut.“ So singt es Manfred Krug in AUF DER SONNENSEITE, einem Film von Ralf Kirsten, der passenderweise in wenigen Tagen wieder im Moritzhof zu sehen sein wird. Und das darf man durchaus als charmante Einladung verstehen: ins Kino und in den Moritzhof.
Nun ist es mit der Wut eine nicht ganz einfache Sache: Sie kann uns wachrütteln und etwas in Bewegung bringen, aber sie kann auch blind machen. Und wenn wir gemeinsam Zukunft gestalten wollen, sollten wir uns von ihr nicht den Blick verengen lassen. Was aber hilft gegen diese Verengung, gegen blinde Wut?
Im Kino geht das Licht aus, wir schauen nach vorn. Und obwohl das den Blick doch scheinbar einengt, geschieht etwas Bemerkenswertes: Unser Blick weitet sich. Für eine Weile lassen wir uns auf Welten und Leben ein, die nicht unsere eigenen sind. Und wenn das Licht wieder angeht, beginnt im besten Fall ein Gespräch. Genau das geschieht im Kino im Moritzhof in Magdeburg.
Seit vielen Jahren zeigt das Kulturzentrum DEFA-Filme, und zwar mit einer Konsequenz und Vielfalt, die beeindruckend sind. Filme wie ICH WAR NEUNZEHN, ERSCHEINEN PFLICHT, FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER?, COMING OUT oder DIE DICKE TILLA erzählen von Krieg und Verantwortung, von gesellschaftlichen Zwängen, von Freiheit, Freundschaft und Selbstbestimmung. Ob Komödie, Liebesgeschichte oder Kinderfilm: Jede Form des filmischen Erzählens ist Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Filme bewahren, worüber Menschen gelacht haben, was sie bewegte und welche Geschichten eine Gesellschaft über sich selbst erzählte.
Das Kino im Moritzhof macht diese Vergangenheit zugänglich. Aber es lässt sie nicht in der Vergangenheit stehen. Seit vielen Jahren begleitet Paul Werner Wagner die Filmabende, lädt Filmschaffende, Zeitzeug*innen und weitere Gesprächspartner*innen ein und kommt mit dem Publikum über die Filme ins Gespräch. Auch die diesjährige Lebenswerk-Preisträgerin Annekathrin Bürger war mehrfach dort zu Gast.
So wird aus DEFA-Filmgeschichte etwas Gegenwärtiges und aus dem Kinosaal ein Raum, in dem die kleinen wie großen Fragen Platz haben: Wie wollen wir miteinander leben? Wie wollen wir Gesellschaft gestalten? Und wie bewahren wir unsere Freiheit, gerade in der Kultur? Ein solcher Raum verlangt nicht, dass alle derselben Meinung sind. Er lässt unterschiedliche Erfahrungen und Überzeugungen aufeinandertreffen, hält Widersprüche aus und eröffnet die Möglichkeit, einander zuzuhören und trotz aller Gegensätze im Gespräch zu bleiben.
Und damit sind wir wieder beim Moritzhof. Denn genau dafür steht das Tor des Moritzhofs täglich offen! Und da es sich um einen mehr als 180 Jahre alten Vierseithof mitten in der Magdeburger Neustadt handelt, ist dieses Tor, wie man sich vorstellen kann, ziemlich groß. Man muss also schon blind oder blind vor Wut sein, um den Eingang nicht zu finden.
Dahinter warten Kino, Café, Galerie, Scheune und Innenhof. Filme, Musik, Literatur und Kunst. Für Menschen, die sich kennen, und für Menschen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden. Für unterschiedliche Generationen, Erfahrungen und Ansichten. Und vor allem: für das Gespräch.
Dass dieses Tor offensteht, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Dafür braucht es Menschen, die es jeden Tag aufs Neue öffnen. Menschen, die Filme auswählen und Gäste einladen, die Veranstaltungen organisieren, Technik betreuen, Förderanträge schreiben, Karten verkaufen, Stühle stellen und dafür sorgen, dass aus einem historischen Hof tatsächlich ein lebendiger Kulturort wird. Für diese Menschen ist dieser DEFA-Programmpreis.
Ihr haltet das DEFA-Filmerbe lebendig, indem ihr die Filme zurück auf die Leinwand holt und gemeinsam mit eurem Publikum neu betrachtet. So öffnet ihr Räume für Begegnung, Widerspruch und neue Perspektiven und helft damit, Zukunft zu gestalten. Und wenn das nichts mehr nützt, könnt ihr es einfach mit Manfred Krug halten, der in dem bereits zitierten Lied weitersingt, dass im Kino nicht nur die Wut verfliegt, sondern hin und wieder auch ein DEFA-Lustspiel ganz guttut. Danke für Eurer Schaffen und herzlichen Glückwunsch zu dieser Auszeichnung.
Laudatorin: Nicola Jones
Programmpreis
Filmfriend
Dass ich hier als Jurymitglied und Vertreter von Vision Kino stehe – einer Institution, die das Kino als sozialen und kulturellen Ort für junge Menschen stärkt – macht diese Vergabe auf den ersten Blick fast paradox. Ausgerechnet ich zeichne einen Streamingdienst aus? Das darf doch gar nicht wahr sein! Doch darf es: denn dieser Streamer, genannt filmfriend, ist anders, ist besonders und richtet sich dennoch an alle, ist niedrigschwellig und anspruchsvoll zugleich. Diese Quadratur des Kreises gelingt mit großer Liebe zum Detail, mit Geschmack, klaren Kriterien und Gestaltungswillen.
Hinter Filmfriend steht die Idee der öffentlichen Bibliotheken: der freie, ungehinderte Zugang zu Wissen, Bildung und Kultur – völlig unabhängig von Herkunft oder Geldbeutel. Bibliotheken sind heute verlässliche, kommerzfreie Orte. Ein echter „Dritter Ort“ in einer Welt, in der selbst Vertrauen kapitalisiert werden kann.
Filmfriend, zugänglich mit dem einfachen Bibliotheksausweis, ist frei vom Zwang zur Gewinnmaximierung. Das ist ein ganz zentraler Punkt und ein wichtiges Signal gegen den Kulturpessimismus, der die technische Entwicklung mitunter begleitet. Bei Filmfriend wird kulturelle Teilhabe nicht nur behauptet, sondern als eigener Anspruch gelebt. Das Programm ist ausdifferenziert und klug kuratiert. Allein 35 Rubriken im Kids-Bereich zeigen, wie tiefgreifend man sich hier Gedanken macht.
Und natürlich: es gibt eine einzigartige DEFA-Retrospektive. Diese macht das reichhaltige Filmerbe der DEFA auffindbar – von DDR-Alltags- und Verbotsfilmen über Kinderfilme und Märchen bis hin zu den allseits bekannten Filmen. Auch der Dokumentarfilm kommt mit Filmen von Helke Misselwitz, Volker Koepp, Andreas Voigt, Sibylle Schönemann oder Thomas Heise nicht zu kurz. Ergänzt wird das Angebot durch fundierte Informationen zur DEFA-Geschichte und Einordnungen, etwa zu den damaligen Frauen- und Männerbildern oder der Zeit des Umbruchs in den späten 1980er und frühen 1990er-Jahren.
Zu guter Letzt noch ein paar beeindruckende Zahlen:
Gestartet ist filmfriend 2017 in den Berliner Bibliotheken mit einem sehr kleinen Team und 500 Titeln. Heute arbeiten hier 22 Menschen, und der Katalog umfasst mehr als 8.000 Filme, Serien und filmische Beiträge. Über 800 Bibliotheken in sieben Ländern sind mittlerweile angeschlossen – von Deutschland, Österreich und der Schweiz bis nach Frankreich. Regelmäßig wird das Filmangebot ergänzt und ausgebaut. Und filmfriend wächst weiter: Mit filmfriend-schule.de wurde dieses Jahr ein eigenes Portal gelauncht, das auf die Bedürfnisse von Schulbibliotheken sowie Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern zugeschnitten ist.
Irgendjemand schrieb einmal, filmfriend fühlt sich wie die Streamingversion von Arte an. Ich würde sagen, es ist mehr als Arte und vor allem nicht nur für dieses Publikum!
Natürlich wollen wir bei Vision Kino – und ich denke, wir alle hier im Saal – den Aufschwung des Kinos weiter fortsetzen, gerade auch bei der jüngeren Generation. Das Kino bleibt einzigartig: ein besonderer, gemeinsamer Ort. Es ist etwas völlig anderes, als allein in den eigenen vier Wänden auf ein Tablet zu schauen. Und wir möchten auch nicht, dass filmfriend als eine Alternative zu unseren Kinoveranstaltungen der bundesweit angebotenen SchulKinoWochen verstanden wird.
Aber filmfriend tritt nicht in Konkurrenz zum Kino, sondern eher zu den bekannten Streamern. Es ist eine wertvolle Ergänzung und Vertiefung. Filmfriend greift filmisches Kulturgut auf, macht es auch dort zugänglich, wo das nächste Lichtspielhaus fehlt – und bewahrt so manchen Filmschatz davor, unbeachtet zu bleiben oder gar verloren zu gehen.
Den Innovationspreis hat das Team schon bekommen, nun gratulieren wir ganz herzlich zum mehr als verdienten Programmpreis der DEFA-Stiftung!
Laudator: Leopold Grün
2026