Filmstill zu "Mein lieber Robinson"

DEFA-Chronik für das Jahr 1948

 

Februar 1948

Um neue Talente für den Film (Schauspieler, Regisseure und – geplant - Kameramänner) zu finden und auszubilden, richtet die DEFA im Berliner Ruinenkomplex Unter den Linden 11 ein Nachwuchsstudio ein. Leiter wird Ilja Trauberg. Rund 20 Studierende nehmen 1948 das Studium auf. Den Kern der Dozenten bildet das Ehepaar Kepich. Die DEFA zahlt für die Studierenden jährlich ca. 120.000 Mark einschließlich Stipendien. Aus dem Nachwuchsstudio gehen u.a. die Schauspielerinnen Karla Runkehl, Barbara Adolph und Yvonne Merin sowie die DEFA-Regisseure Günter Reisch, Heiner Carow, János Veiczi, Walter Beck, Konrad Petzold, Joachim Kunert und Siegfried Hartmann hervor.
(vgl. gezahlte Mieten 1949: BA DR 117/53175; DEFA-Betriebsgeschichte 1981, Teil I, S. 115; Günter Reisch: …Will Regisseur werden. Verlag Neues Leben Berlin 2015, S. 48f)

März 1948

Die SMAD erlaubt erstmals die Nutzung des ehemaligen UFA-Gelände in Babelsberg für Dreharbeiten. Zunächst kann auf das frühere Nachwuchsstudio im Haus 3 zurückgegriffen werden. Hans Müller dreht hier Aufnahmen zu dem Zirkusfilm 1-2-3 CORONA. Von nun an verlagert sich die Spielfilmproduktion schrittweise in die ehemalige UFA-Stadt zurück und bleibt bis 1990 der exklusive Ort für die Kinospielfilmproduktion in der DDR.
(Ralf Schenk: DEFA 1946-1992. 100 Jahre Studio Babelsberg. Filmmuseum Potsdam 2012, S. 123)

24. März

Ab Herbst 1947 kommen erhebliche finanzielle Unregelmäßigkeiten der Jahre 1946 und 1947 ans Tageslicht, die – als Folge der Improvisation in der Gründungszeit – dem Generaldirektor Alfred Lindemann angelastet werden. Es geht um erhebliche Fehlbeträge, Korruption, Urkundenfälschung, Kredite, Prämienzahlungen ohne Steuerabzug, überhöhte Honorarzahlungen, eine Kasse für Schwarzmarktkäufe, fehlende Quittungen, Auslandsaufträge zuungunsten von Sovexportfilm und mehr. Im Ergebnis legt Lindemann seine Funktion als geschäftsführendes Vorstandsmitglied der DEFA nieder. Seine Funktion als Produktionschef übernimmt Dr. Albert Wilkening. Lindemanns Stelle im DEFA-Vorstand wird kurzzeitig durch Rudi Engel besetzt, bisher Präsident der Zentralverwaltung für Umsiedler.
(Günter Jordan: Die Fabrik oder Der Fall Alfred Lindemann In. apropos: Film. Jahrbuch der DEFA-Stiftung 2000, S. 179ff; Karl Hans Bergmann, Der Schlaf vor dem Erwachen, DEFA Stiftung, 2. bearb. Auflage 2004, S. 360ff)

Mai 1948

5.–7. Mai

Neuausrichtung der Kulturpolitik: Anton Ackermann revidiert seinen demokratischen Ansatz der letzten Jahre in seinem Referat „Marxistische Kulturpolitik“ beim ersten Kulturtag der SED in der Deutschen Staatsoper Berlin.
(ND, 8. Mai 1948, S. 1; Um die Erneuerung der deutschen Kultur, Dokumente 1945-1949, Dietz-Verlag Berlin 1983, S. 219-264)

Juni 1948

20. Juni

Währungsreform in den drei Westzonen. Am 23./24. Juni folgt die Währungsreform in der SBZ und in Ost-Berlin; am 25. Juni in den drei Westsektoren Berlins. Am 24. Juni beginnt die Blockade der Westberliner Sektoren durch die sowjetische Besatzungsmacht und die Luftbrücke der West-Alliierten zur Versorgung West-Berlins. Die DEFA sieht sich dadurch einem beginnenden Exodus derjenigen Künstler ausgesetzt, die in den Berliner Westsektoren wohnen.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 33)

Juli 1948

1. Juli

Als Nachfolger des von der SED aus seinem Amt entfernten DEFA-Direktors Alfred Lindemann und des Übergangsdirektors Rudolf Engel (April/Mai) tritt der Verlagsleiter und persönliche Mitarbeiter Paul Merkers beim Parteivorstand der SED Walter Janka in die DEFA-Direktion als Vorstandsmitglied für Wirtschaft und Verwaltung ein.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 34)

8. Juli

Der Vorstand der DEFA besteht nun laut Notariatsprotokoll vom 8. Juli 1948 aus: Hans Klering (Generaldirektor), Kurt Maetzig, Walter Janka, Ilja Trauberg und Alexander Wolkenstein. Als Prokuristen fungieren Leo Rimmler (Leiter der Atelierbetriebe), Albert Wilkening (Produktionschef und Technischer Direktor), Günther Matern (Direktor für Wirtschaft und Verwaltung) und Dr. Wolff von Gordon (Chefdramaturg).
(DEFA-Betriebsgeschichte 1981, Teil I, S. 104)

Die Kurzfilmproduktionen werden einer einheitlichen Leitung unterstellt, mit der der erfahrene Kulturfilmer Hanns Julius Wille beauftragt wird.
(Günter Jordan: Die frühen Jahre In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 28)

August 1948

Der Sonderdokumentarfilm BOTSCHAFTER DES FRIEDENS über den erstmaligen Besuch des Alexandrow-Ensembles der Roten Armee im August 1948 kommt in die Kinos. Durch die Einbeziehung des Publikums und seinen unsentimentalen Kommentar wird es ein Film über das Verhältnis der Deutschen und der Russen, über eine mögliche Freundschaft. Regisseurin Marion Keller zieht ihren Namen aus dem Vorspann zurück, weil sie den sachlichen Titel „Alexandrow-Ensemble“ nicht durchsetzen kann.
(Christiane Mückenberger/Günter Jordan: „Sie sehen selbst, Sie hören selbst..“ Die DEFA von ihren Anfängen bis 1949. Marburg, Hitzeroth 1994, S. 305ff; Günter Jordan: Die frühen Jahre In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 26f; DEFA 1946-1964 Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme, Filmografie, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft Berlin 1969)

Oktober 1948

6. Oktober

Nach einer Kurskorrektur der SED-Parteiführung zur kompromisslosen Anerkennung der führenden Rolle der KPdSU (B) werden auf Beschluss des Zentralsekretariats der SED die bisherigen Gesellschafter der DEFA (Herbert Volkmann, Alfred Lindemann, Kurt Maetzig) abberufen und als neue Aktionäre die Mitarbeiter des SED-Parteiapparats Grete Keilson, Alexander Lösche und Wilhelm Meißner eingesetzt.
(DEFA-Betriebsgeschichte 1981, Teil I, S. 105; Christiane Mückenberger: Zeit der Hoffnungen 1946-1949 In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 25)

Gemäß Beschluss der Gesellschafterversammlung vom 6. Oktober 1948 besteht der Vorstand weiterhin aus Hans Klering (Generaldirektor), Kurt Maetzig, Walter Janka, Ilja Trauberg und Alexander Wolkenstein.
(HR-Auszug Amtsgericht Potsdam vom 25. November 1948. Kopie in: Bibliothek der Filmuniversität Potsdam)

November 1948

Der Chefredakteurin des „Augenzeugen“ Dr. Marion Keller wird Dr. Gerhard Dengler, bis dato Chefredakteur der Sächsischen Zeitung, als politischer Chefredakteur zur Seite gestellt. Diese politische Unterstützung und Kontrolle geht zurück auf eine Sitzung der Kommission Film beim Zentralen Kulturausschuss der SED vom 22. Juni 1948, auf der Kritik an der nicht ausreichenden politischen Ausrichtung des „Augenzeugen“ geübt wurde. Dengler setzt durch, dass in der Wochenschau zu allen aktuellen politischen Ereignissen Stellung genommen wird und die Beiträge aus der Wirtschaft zulasten von Kultur und Sport erhöht werden. Dass die filmische Umsetzung mangelhaft ist, schreibt Dengler der politischen Unbildung der Kameraleute und Aufnahmeleiter und der Blockade durch die künstlerische Leiterin Marion Keller zu.
(Gerhard Dengler: Zwei Leben in einem. Militärverlag der DDR. Berlin 1989. S. 228ff; Marion Keller: Erlebnisse und Einsichten bei den ersten zweihundert Augenzeugen. In: Zeitschrift Film und Fernsehen. Nr. 2. Berlin 1992; Günter Jordan: Film in der DDR Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung, 2013, S. 160)

1. November

Rückgabe der Verleihrechte für eigene Filme an die DEFA durch Sovexport. Damit ist die Grundlage zur Gründung eines DEFA-eigenen Filmverleihs geschaffen.
(DEFA-Betriebsgeschichte 1981, Teil I, S. 85)

5. November

Premiere des DEFA-Spielfilms UND WIEDER 48 (R: Gustav von Wangenheim) anlässlich der 100. Jährung der Deutschen Revolution 1848/49.
(fwb, DEFA-Spielfilme 1946-1964, Filmografie, Hrsg.: Staatliches Filmarchiv der DDR)

Dezember 1948

3. Dezember

Eintragung der DEFA als gemeinsame deutsch-sowjetische Aktiengesellschaft in das Handelsregister. Die DEFA hat bereits mehr als 2000 festangestellte Mitarbeiter.
(DEFA-Betriebsgeschichte 1981, Teil I, S. 105)

3. Dezember

Premiere des DEFA-Spielfilms AFFAIRE BLUM (R: Erich Engel), der anhand eines authentischen Falls dem virulenten Antisemitismus in der Weimarer Republik nachgeht.
(fwb, DEFA-Spielfilme 1946-1964, Filmografie, Hrsg.: Staatliches Filmarchiv der DDR; Ralf Schenk: DEFA 1946-1992. 100 Jahre Studio Babelsberg. Filmmuseum Potsdam 2012)

8. Dezember

Ilja Trauberg, in der DEFA hochgeschätzter sowjetischer Filmregisseur und DEFA-Vorstand, stirbt unter ungeklärten Umständen kurz nach seinem 43. Geburtstag in der Wohnung von Hans Klering. Da in Traubergs engstem Kreis kurz vorher der Kulturoffizier Mosjakow durch das NKWD verhaftet wurde, halten sich in der DEFA über viele Jahre Spekulationen über seine Todesursache. Die Presse und der „Augenzeuge“ berichten mehrfach an prominenter Stelle und sprechen von einem Herzschlag. Die DEFA richtet eine Trauerfeier im Deutschen Theater aus, auf der Kurt Maetzig die Trauerrede hält.

Anmerkung: Für das Sterbedatum Ilja Traubergs gibt es widersprüchliche Angaben.

  1. In einem Protokoll, das im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) verwahrt wird, steht geschrieben: „Am Tag nach dem Tod von Genosse Trauberg, am 9. XII. 48 um 9 Uhr wurde eine außerordentliche Sitzung des Vorstandes der AG „DEFA“, anläßlich des Todes von Genosse Trauberg, einberufen. Der Vorstand erörterte die Frage der Organisation einer Trauerfeier und der Information der deutschen Öffentlichkeit über den Tod Traubergs in der Presse.“ Demnach wäre der Todestag der 8. Dezember 1948, der in den meisten Veröffentlichungen genannt wird.
  2. Das ND schreibt bereits am Donnerstag, dem 9. Dezember 1948 „Am Dienstagmorgen ist Ilja Trauberg einem Herzschlag erlegen.“ Dem folgend wäre der Todestag der 7. Dezember. Primärdokumente, wie Sterbeurkunde o.ä. sind bisher nicht auffindbar.

(ND, 9. Dezember 1948, S. 5; ND, 12. Dezember 1948, S. 5; Christiane Mückenberger: Zeit der Hoffnungen 1946-1949 In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 26; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 35)

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