Filmstill zu "Mein lieber Robinson"

DEFA-Chronik für das Jahr 1990

 

Januar 1990

Die tiefgreifenden sozialen und gesellschaftlichen Sorgen der Kunstschaffenden manifestieren sich im Zusammentreffen der Vertreter verschiedener DDR-Künstlerverbände, die zur Vorbereitung eines gemeinsamen Schutzbundes zusammenkommen. In diesem Kontext übergeben sie ihre Grundsatzerklärung unter dem Titel „Ohne kulturelle Identität hört dieses Land auf zu existieren“ an Ministerpräsident Hans Modrow sowie an den Kulturausschuss der Volkskammer. Die darin formulierten Forderungen und Konzepte finden schließlich unmittelbar Eingang in die Gesetzgebung: Am 7. März 1990, dem letzten Sitzungstag der Volkskammer, wird das Gesetz über die staatlichen Pflichten zum Schutz und zur Förderung von Kultur und Kunst verabschiedet.
(ND, 6./7. Januar 1990, S. 4; ND, 8. März 1990, S. 1; Berliner Zeitung, 8. März 1990, S. 2;Informationsbulletin des VFF, Nr. 10, 4/1990)

1. Januar

Als Konsequenz des lang anhaltenden Konflikts zwischen jungen Nachwuchsregisseuren und der Studioleitung nimmt eine eigenverantwortliche „Nachwuchsgruppe“, die spätere „Gruppe DaDaeR“, ihre Arbeit auf. Der Gruppe werden zehn Prozent der staatlichen Subventionen des Spielfilmstudios zugewiesen, was im Jahr 1990 einer Summe von 3,5 Millionen Mark entspricht. Zum gewählten Leiter avanciert Thomas Wilkening, während ein Zwölfer-Rat über die Realisierung der Filmprojekte entscheidet. Als erste Produktionen gibt das Gremium das Clownsspiel LETZTES AUS DER DADAER unter der Regie von Jörg Foth sowie den surrealistischen Film BANALE TAGE von Peter Welz frei.
(DEFA-Blende, 26. Feburar 1990, S. 3; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 262; Reinhild Steingröver: Spätvorstellung. Die chancenlose Generation der DEFA. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Berlin: 2014)

4. Januar

In einer Beratung zwischen Filmschaffenden und dem Minister für Kultur, Dr. Dietmar Keller, herrscht Einigkeit darüber, dass eine Neugestaltung der staatlichen Subventionen für die Filmproduktion, eine Steigerung der Effektivität sowie eine Dezentralisierung der Entscheidungsprozesse im Filmwesen unerlässlich sind.
(ND, 6./7. Januar 1990, S. 4)

5. Januar

Auf seiner 13. Tagung fordert der Zentralvorstand der Gewerkschaft Kunst nachdrücklich den Erhalt des sozialen Sicherungssystems für die Kunst- und Kulturschaffenden der DDR.
(ND, 8. Januar 1990, S. 7)

15. Januar

Die am 29. Dezember 1989 gegründete Interessengemeinschaft Ordentlicher Mitglieder der Akademie der Künste befasst sich im Rahmen eines Hearings der Akademie der Künste der DDR mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen sowie deren ökonomischen, sozialen und kulturellen Konsequenzen. Die Veranstaltung findet unter dem Titel „Die deutsche Frage – Politik und Kunst 1990“ statt.
(ND, 16. Januar 1990, S. 4)

17. Januar

Im zweiten Programm des Fernsehens der DDR erfolgt die Erstausstrahlung des bereits 1983/84 produzierten DEFA-Films UND DER MENSCH LEBT AUF DER ERDE. Der Dokumentarfilm von Regisseurin Gitta Nickel, eine Auftragsproduktion für den Deutschen Fernsehfunk (DFF), thematisiert den Aufbau des Dorfes Meltewitz bei Leipzig.
(ND, 19. Januar 1990, S. 4)

18. Januar

Im Berliner Kino International erfolgt die erstmalige Wiederaufführung des verbotenen DEFA-Spielfilms DER FRÜHLING BRAUCHT ZEIT aus dem Produktionsjahr 1965 von Günter Stahnke.
(ND, 20./21. Januar 1990, S. 10)

25. Januar

Im Kino International feiert der DEFA-Spielfilm RÜCKWÄRTSLAUFEN KANN ICH AUCH unter der Regie von Karl Heinz Lotz Premiere. Das Werk thematisiert das Schicksal der spastisch gelähmten Kati, die für ihren Wunsch kämpft, eine Regelschule zu besuchen, um gesellschaftlich integriert zu sein und später bessere Chancen im Leben zu haben. Die Handlung beruht auf authentischen Begebenheiten aus dem Umfeld der Familie des Drehbuchautors Manfred Wolter. Am Rande der Premiere protestieren über einhundert Rollstuhlfahrer sowie weitere Mitglieder des Berliner Behindertenverbandes gegen bauliche und gesellschaftliche Barrieren. Dabei wird insbesondere kritisiert, dass selbst das Premierenkino International über keinerlei behindertengerechte Zugänge verfügt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1989, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 23; ND, 26. Januar 1990, S. 12; Berliner Zeitung, 27. Januar 1990, S. 7; Neue Zeit, 27. Januar 1990, S. 3)

26. Januar

Anlässlich der Kultusministerkonferenz absolviert der Kulturminister der DDR einen offiziellen Besuch in Bonn.
(ND, 27./28. Januar 1990, S. 5)

26. Januar

Im Konrad-Wolf-Saal der Akademie der Künste der DDR findet die Wiederaufführung der in den Jahren 1962 und 1963 verbotenen Filme von Günter Stahnke statt. Gezeigt werden die FETZERS FLUCHT und MONOLOG FÜR EINEN TAXIFAHRER.
(ND, 25. Januar 1990, S. 4)

Februar 1990

5.  7. Februar

In der Akademie der Künste werden sechs weitere der 1965/66 verbotenen Filme aufgeführt: DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE (R: Frank Vogel), DER FRÜHLING BRAUCHT ZEIT (R: Günter Stahnke), KARLA (R: Herrmann Zschoche), JAHRGANG 45 (R: Jürgen Böttcher), BERLIN UM DIE ECKE (R: Gerhard Klein) sowie WENN DU GROSS BIST, LIEBER ADAM (R: Egon Günther). Die Vorführungen werden von der Arbeitsgruppe „Verbotene Filme“ beim Verband der Film- und Fernsehschaffenden, dem Kulturministerium und der Akademie der Künste durch Podiumsdiskussionen begleitet. An diesen nehmen Regisseure, Autoren und Hauptdarsteller teil, darunter auch jene, die zuvor aus der DDR ausgereist waren. Wenige Tage später werden die Werke DAS KANINCHEN BIN ICH, DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE, DER FRÜHLING BRAUCHT ZEIT, KARLA, JAHRGANG 45, BERLIN UM DIE ECKE und WENN DU GROSS BIST, LIEBER ADAM im Rahmen einer international beachteten Retrospektive auf dem 20. Internationalen Forum des jungen Films während der 40. Berlinale gezeigt. Der Film SPUR DER STEINE wird zudem als Sondervorführung im Wettbewerb des Festivals präsentiert.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 105ff; Berliner Zeitung, 2. Februar 1990, S. 7; ND, 25. Januar 1990, S. 4; ND, 31. Januar 1990, S. 4; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 262

5. Februar

Die Volkskammer der DDR verabschiedet einen Beschluss über die Gewährleistung der Meinungs-, Informations- und Medienfreiheit.
(ND, 7. Februar 1990, S. 4; Informationsbulletin des VFF, 5/1990)

9. Februar

Die 40. Internationalen Filmfestspiele Berlin werden erstmalig in beiden Teilen der Stadt eröffnet. Filme des Wettbewerbs werden im Kino Kosmos gezeigt, die Beiträge der Kinderfilmfestspiele im Colosseum und die Werke des Forums des jungen Films im Kino International. Die DDR-Regisseurin Helke Misselwitz ist Mitglied der internationalen Jury.
(ND, 10./11. Februar 1990, S. 5)

26. Februar

Die Regisseure des DEFA-Studios für Spielfilme wenden sich in einem Brief an die Beratungen des Runden Tisches. In ihrem Schreiben artikulieren sie die Sorge vor einer drohenden Kommerzialisierung der Filmproduktion sowie vor dem Verlust jener Werte und Traditionslinien, die den Filmen der DEFA zu internationaler Anerkennung verholfen haben. Mit demselben Anliegen richten sie sich im Mai erneut an die Volkskammer und den Ministerpräsidenten Lothar de Maizière.
(DEFA-Blende, 21. Mai 1990, S. 1, 3)

März 1990

Es erfolgt die Konstituierung des Vereins „Berliner Filmkunsthaus Babylon e. V.“. Das traditionsreiche Filmkunsttheater am Rosa-Luxemburg-Platz, das 1929 ursprünglich als Stummfilmkino eröffnet wurde, kämpft wie viele andere Kultureinrichtungen um sein Überleben. Besonders der Filmwissenschaftler Rolf Richter engagiert sich maßgeblich für den Fortbestand des Hauses.
(ND, 22. März 1990, S. 4; Babylon Berlin: Geschichte , Abruf: 19. Mai 2025; Arsenal Berlin: Gleichgewichtsübungen – Zum 80. Geburtstag von Rolf Richter – Filme, Texte und Collagen . Abruf: 17. Februar 2025)

1. März

574 Mitglieder des Schriftstellerverbandes der DDR beraten im Kulturhaus VEB Elektrokohle Lichtenberg über Funktion und Struktur ihres Verbandes. Die Eröffnungsrede hält Volker Braun. Bereits am 22. Dezember 1989 war der langjährige Präsident Hermann Kant dem Druck verschiedener Mitgliedergruppen gewichen und von seinem Amt zurückgetreten.
(ND, 1.-4. März 1990, jeweils S. 4)

1. März

Die Regierung der DDR verabschiedet den Beschluss, das Volkseigentum in eine staatliche Treuhandschaft zu überführen.
(ND, 2. März 1990, 10./11. März 1990, 15. März 1990)

4. / 5. März

In Berlin (West) beraten 22 Filmschaffende sowie Vertreterinnen und Vertreter von Kinderkino-Initiativen aus der DDR und der BRD über die Zukunft des deutschen Kinderfilms. Da die DDR auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle einnimmt, soll deren Tradition bewahrt werden. In diesem Zuge wird das Kinderfilmfestival „Goldener Spatz“ in Gera für das Jahr 1991 als deutsch-deutsche Begegnungsstätte geplant.
(ND, 6. März 1990, S. 4)

6. März

Was in der DDR lediglich eine formale Hülle darstellte, gewinnt nun existenzielle Bedeutung: Die Belegschaft des DEFA-Studios für Spielfilme wählt eine freie Interessenvertretung. Die bisherige hauptamtliche Vorsitzende der Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL), Ursula Schulze, deren Aufgabenbereich vorwiegend die Verwaltung von Urlaubsplätzen, Arbeitsschutz, medizinischer Betreuung sowie sozialen Einrichtungen umfasste, wird nicht im Amt bestätigt. Bei einer Wahlbeteiligung von 63 Prozent wird ein neuer, ehrenamtlicher und gleichberechtigter Vorstand gebildet. Diesem gehören Jan-Peter Schmarje (Bereichsleiter Trickfilm), Ilse Peters (Schnittmeisterin), Georg Rauscher (Leiter der Technischen Kontrolle im Kopierwerk) sowie der Produktionsleiter Horst Hartwig an, welcher zunächst die Funktion des Sprechers übernimmt.
(DEFA-Blende, 12. März 1990, S. 1f; Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 225f)

7. März

In Berlin tritt die Volkskammer der DDR im Palast der Republik mit der Regierung Modrow zu ihrer letzten Sitzung vor den ersten freien Wahlen am 18. März zusammen. An diesem Tag werden 22 Gesetze verabschiedet, darunter das Gesetz über die staatlichen Pflichten zum Schutz und zur Förderung von Kultur und Kunst. Bereits am Vortag beschloss die Volkskammer das erste Gewerkschaftsgesetz der DDR, welches die Tarifautonomie, Unabhängigkeit, Mitbestimmung sowie das Streikrecht verankert.
(ND, 7. März 1990, S. 1, 8. März 1990, S. 1; Informationsbulletin des VFF, Nr. 10, 4/1990)

9. März

Vertreter politischer und gesellschaftlicher Organisationen aus beiden deutschen Staaten konstituieren eine gemeinsame Kulturkommission.
(ND, 10./11. März 1990, S. 4)

9. – 24. März

In Dresden findet das 1. Unabhängige Filmfest statt. In insgesamt 100 Veranstaltungen werden 160 Filme präsentiert, von denen zwei Drittel ihre DDR-Erstaufführung feiern. Als Eröffnungsfilm wird die BRD-argentinische Koproduktion LA AMIGA (Regie: Jeanine Meerapfel) gezeigt, die den „Verschwundenen“ der argentinischen Militärdiktatur gewidmet ist. In elf Spielstätten setzt sich das Programm zudem mit Themen wie Neofaschismus, Stalinismus, der Dritten Welt und Drogenproblematiken auseinander.
(Filmspiegel, 8/1990, S. 11; ND, 16. März 1990, S. 4)

13. März

In Dresden (Sachsen) und Erfurt (Thüringen) werden Landesverbände des Kulturbundes gegründet.
(ND, 13. März 1990, S. 4)

18. März

In der DDR finden die ersten freien und geheimen Wahlen statt, an denen sich 93,4 % der Wahlberechtigten beteiligen. Als klarer Sieger geht die „Allianz für Deutschland“ (CDU/DSU/DA) mit 56,1 % der Stimmen hervor. Die SPD erzielt 21,9 %, die PDS 16,4 %, während das Bündnis 90 (Neues Forum/Demokratie Jetzt) – die Träger der friedlichen Revolution – lediglich 2,1 % erreicht. Damit spricht sich eine deutliche Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger für eine rasche Vereinigung der DDR mit der Bundesrepublik aus.

Am 12. April 1990 wird Lothar de Maizière zum Ministerpräsidenten gewählt. Von den insgesamt 23 Ministerposten übernimmt die CDU zehn und die SPD sieben; drei Ressorts gehen an die Liberalen, zwei an die DSU und eines an den Demokratischen Aufbruch.
(Bundesstiftung Aufarbeitung: Die Regierung de Maizière , Abruf: 10. Februar 2025)

22. März

Der DEFA-Spielfilm RÜCKKEHR AUS DER WÜSTE von Bernhard Stephan, eine Koproduktion zwischen der DEFA und der algerischen ENPA, feiert Premiere. Die Handlung folgt dem 25-jährigen Elektriker Thomas Tänzer, der der provinziellen Enge des DDR-Alltags durch einen Arbeitseinsatz in der algerischen Wüste glücklich entflohen ist. Als er jedoch ein zweites Mal dorthin aufbrechen will, wird ihm dies aufgrund seiner negativen Kaderakte verweigert.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1989, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 22; ND, 23. März 1990, S. 4; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 255f)

22. März

Mit einem sechsstündigen Kinomarathon im Leipziger „Capitol“ präsentiert sich der erste westdeutsche Filmverleih offiziell in der DDR. Eine Woche lang zeigt der Tübinger „Arsenal-Filmverleih“ dort insgesamt 20 Filme aus aller Welt.
(ND, 24./25. März 1990, S. 4)

26. März

Die zentrale Delegiertenkonferenz der neu formierten „Gewerkschaft Kunst, Kultur, Medien“ wählt Ruth Martin, die bisherige BGL-Vorsitzende des Staatlichen Filmarchivs der DDR, zur neuen Vorsitzenden. Schwerpunkt der kommenden Amtszeit ist die Sicherung der Arbeitsplätze von Kunst- und Kulturschaffenden. Um dieses Ziel zu verfolgen, steht die Gewerkschaft bereits in engem Kontakt mit dem Hauptvorstand der IG Medien der Bundesrepublik.
(DEFA-Blende, 6/1990; ND, 29. März 1990, S. 4)

April 1990

5. April

Im Berliner Kino International feiert Rolf Losanskys Jugendfilm ABSCHIEDSDISCO Premiere. Basierend auf der gleichnamigen Erzählung von Joachim Nowotny thematisiert Losansky die Trauer eines 15-jährigen um seine verstorbene erste Liebe. Durch diesen Verlust schärft sich sein Blick für die Tragik des Heimatdorfes: Die Bewohner und die Landschaft müssen dem Braunkohletagebau weichen. Ungewöhnlich für einen DEFA-Film dieser Zeit ist der aufgezeigte Ausweg: Der Film thematisiert den Widerstand der Älteren, die ihre Heimat nicht verlassen wollen, sowie die Haltung der Jungen, die den Sinn der Zerstörung hinterfragen und stattdessen lieber neue Bäume pflanzen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1989, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 15f; Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 321; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 255f)

13. April

Auf der konstituierenden Sitzung des Ministerrats der DDR beruft Ministerpräsident Lothar de Maizière den Journalisten und Kulturmanager Herbert Schirmer zum Minister für Kultur. Schirmer ist CDU-Mitglied und war zuvor aktiv im Neuen Forum tätig.
(ND, 14./15. April 1990, S. 3)

20./21. April

Die 36. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen präsentieren außerhalb des Wettbewerbs in zwei Sonderveranstaltungen zwölf Dokumentar- und Animationsfilme aus der DDR. Diese Produktionen erhielten in den vergangenen drei Jahrzehnten keine Aufführungsgenehmigung, da sie die gesellschaftliche Wirklichkeit ungeschminkt abbilden. Obwohl die Filme weder umstürzlerisch noch staatsgefährdend wirken, eint sie eine kritische Distanz zur offiziellen Lesart, deren Brisanz außerhalb der DDR-Strukturen oft nur schwer vermittelbar ist.

Im Programm laufen unter anderem:

  • Kurt Tetzlaffs Dokumentarfilm ES GENÜGT NICHT 18 ZU SEIN, der 1966 im Zuge des 11. Plenums der SED verboten wurde.
  • Die Produktion MONTAGEBRÜDER (1972) von Gerd Wille.
  • Werner Kohlerts BERGMÄNNER (1986), ein Werk über die mangelhafte Arbeitsorganisation und Versorgung im Bergbau.
  • HEIM (1978) von Angelika Andrees, eine Dokumentation über Kinder in einem mecklenburgischen Heim.
  • KONFRONTATION – REKRONSTRUKTION EINES DICHTERS (1977) von Konrad Herrmann, der die satirische Seite von Erich Weinert beleuchtet.
  • EINMAL IN DER WOCHE SCHREIN (1982) von Günter Jordan, der fast ohne Worte und mit viel Musik den Alltag Jugendlicher im Berliner Prenzlauer Berg zwischen Mopedfahren, Skateboarden und dem Bedürfnis nach Freiraum einfängt.
  • Trickfilme von Sabine Meienreis.

An aktuellen Produktionen werden gezeigt:

  • LIEBE NINA von Thomas Kuschel, das Porträt einer Ostberliner Journalistin, die während der polizeilichen Übergriffe auf Demonstranten am 7. Oktober 1989 verletzt wurde.
  • ICH SEH HIER NOCH NICHT IN DIE SONNE von Heinz Brinkmann, in dem Arbeiter an der Erdgastrasse über die politischen Veränderungen in der DDR reflektieren.

Flankiert wird das Programm durch Ost-West-Diskussionen, die sich anhand von fünf sogenannten Mauerfilmen mit der Teilung auseinandersetzen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 164, 165; ND, 24. April 1990, S. 4Neue Zeit, 24. April 1990, S. 4; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 182f)

Mai 1990

7. Mai

Im DEFA-Studio für Spielfilme findet ein Expertengespräch über die künftigen Chancen der DEFA-Produktionen, die Profilierung Berlins als Filmstadt sowie die Perspektiven des Standorts Babelsberg statt. An der Debatte beteiligen sich Dr. Uwe Lehmann-Brauns (CDU-West), Veronika Vorwein (CDU-Ost), der DEFA-Generaldirektor Gert Golde sowie der künstlerische Direktor Prof. Rudi Jürschik.
(DEFA-Blende, 9/1990)

18. Mai

Die Finanzminister beider deutscher Staaten unterzeichnen den Staatsvertrag über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Damit übernimmt die DDR zum 1. Juli 1990 das wirtschafts- und sozialpolitische System der Bundesrepublik und führt die D-Mark als alleiniges Zahlungsmittel ein. Mit diesem Schritt wird die wirtschaftliche Eingliederung der DDR in die Bundesrepublik vollzogen.

27. – 31. Mai

Die sechste und zugleich letzte Ausgabe des Nationalen Spielfilmfestivals der DDR findet nicht im herkömmlichen Austragungsort Karl-Marx-Stadt, sondern in Berlin statt. Die Vorführungen erfolgen zeitversetzt in Ost- und Westberlin, wobei das Kino International und das Kino Arsenal als Spielstätten dienen.

Zwölf Spielfilme der vergangenen zwei Jahre stehen im Fokus des Programms. Den Hauptpreis des Festivals gewinnt Michael Gwisdek für sein Werk TREFFEN IN TRAVERS. Die Regiepreise gehen an Heiner Carow für COMING OUT sowie an Rainer Simon für JADUP UND BOEL. Ein besonderer Programmpunkt ist die erneute Aufführung der Verbotsfilme aus den 1960er-Jahren. Anlässlich des Festivals veröffentlicht Rudolf Jürschik im Neuen Deutschland unter dem Titel „Kritisches Nachdenken über Verluste und künstlerische Werte des DEFA-Kinofilms“ seine Überlegungen zur künftigen Perspektive der Filmproduktion.
(Filmspiegel, 10/1990, S. 2, 13/1990, S. 14-15; Berliner Zeitung, 28. Mai 1990, S. 4; ND, 28. Mai 1990, S. 4; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 263)

Juni 1990

Kulturminister Herbert Schirmer beruft Wolfgang Gersch zum neuen Abteilungsleiter für den Bereich Film/Video.
(Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 209; Wolfgang Gersch: Geschichte der nicht wahrgenommenen Möglichkeiten oder Wie 1990 das Ende der DEFA begann, Publikation der DEFA-Stiftung 2011; S. 11)

7. Juni

Der Spielfilm MOTIVSUCHE von Regisseur Dietmar Hochmuth feiert Premiere. Das Werk, dessen Dreharbeiten drei Wochen vor dem Mauerfall abgeschlossen wurden, thematisiert kritisch die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichem Anspruch und gelebter Wirklichkeit junger Menschen in der DDR. Im selben Jahr wird die Produktion sowohl auf dem 6. Nationalen Spielfilmfestival der DDR als auch beim 11. Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken ausgezeichnet.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1989, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 21; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 255f; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 629ff)

14. Juni

AD des DEFA - Dokumentarfilms „Wer hat dich, du schöner Wald…”, RE: Günther Lippmann.
(in: Frankfurter Rundschau, v. 07.12.1990)

17. Juni

Die DDR-Regierung verabschiedet das „Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens“. Damit geht auch die DEFA zum 1. Juli in das Eigentum der Treuhandanstalt über. Die Geschäftsführung ist fortan verpflichtet, sämtliche Entscheidungen mit den Beauftragten der Treuhand abzustimmen.
(Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel. 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 329; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 263; Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 234)

21. Juni

Als eine der letzten großen DDR-Produktionen wird das DEFA-Gegenwartsdrama DIE ARCHITEKTEN von Peter Kahane uraufgeführt. Der Film ist eine schonungslose Abrechnung der damals 40-jährigen – der vierten und letzten Generation von DEFA-Regisseuren –, die in ihrem Land nie die Chance auf eine echte künstlerische Selbstverwirklichung erhielten. Die Realisierung des Werkes wird erst in der Phase der staatlichen Auflösung möglich, als die Instanzen ihren Anspruch auf die Unterdrückung kritischer Inhalte verlieren. Letztlich kommt der Film jedoch zu spät für die politische Wirkung: Symbolisch hierfür steht die Szene des Abschieds am Brandenburger Tor, die nur vier Tage vor dem Fall der Mauer gedreht wird.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 21; Berliner Zeitung, 22. Juni 1990; Elke Schieber: Anfang vom Ende oder Kontinuität des Argwohns 1980 bis 1989. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 274; Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, 2. Auflage, Berlin 2006 S. 461ff; Ralf Schenk: DEFA 1946-1992. 100 Jahre Studio Babelsberg. Filmmuseum Potsdam 2012, S. 143)

25. Juni

Unmittelbar vor dem letztmöglichen Termin schließen das Spielfilmstudio, vertreten durch Generaldirektor Gert Golde, und die Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL), vertreten durch Jan-Peter Schmarje und Frank-Armin Hübner, eine Rationalisierungsvereinbarung ab. Das Vertragswerk entspricht einem Sozialplan nach bundesdeutschem Recht. Die Vereinbarung umfasst Maßnahmen zur Arbeitsplatzsicherung, Überbrückungsgelder, Regelungen zum Kündigungsschutz und zu Kündigungsfristen sowie Bestimmungen zu Vorruhestand, Abfindungen und Wiedereinstellungen. Sie tritt am 25. Juni 1990 in Kraft und kann erstmalig zum 31. Dezember 1991 gekündigt werden.
(DEFA-Blende, 20. Juli 1990, S. 2fDorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 224, 228, 327-331)

26. Juni

Das DEFA-Spielfilmstudio reicht unter der Nummer 1309 die geforderten Umwandlungsdokumente bei der Treuhandanstalt ein. Diese Unterlagen umfassen eine detaillierte Bestandsermittlung sowie ein Entwicklungskonzept, das konkrete Leistungserwartungen und Personalzahlen definiert. Die Erstellung dieser Dokumente erweist sich für alle DDR-Betriebe als Mammutaufgabe unter extremem Zeitdruck. Erschwert wird das Vorhaben durch die Umbruchphase, in der sich die Bewertungsgrundlagen für Grund und Boden, Materialbestände, Ausrüstungen, laufende Filmproduktionen, Auftragsvolumen, Geldbestände und Kredite fast täglich ändern. Das eingereichte Konzept der DEFA baut auf der Annahme einer fortlaufenden jährlichen Förderung, der Beibehaltung von Festanstellungen für das künstlerische Personal sowie einem stabilen Anteil von etwa 50 Prozent Auftragsproduktionen für das Fernsehen auf.
(Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 215, 221, 314f)

30. Juni

Nach dubiosen Verkäufen von Rechten an DEFA-Produktionen untersagt der Minister für Kultur dem DEFA-Außenhandel jegliche weiteren Aktivitäten. In diesem Zuge storniert das Ministerium Mitte Juni den bereits im Februar 1990 mit dem Westberliner Produzenten Manfred Durniok geschlossenen Auswertungsvertrag über 250 DEFA-Filme. Um den Filmstock als nationales Kulturgut für ein vereintes Deutschland zu sichern, beginnt Abteilungsleiter Wolfgang Gersch gemeinsam mit dem Filmwissenschaftler Rolf Richter und der Regisseurin Helke Misselwitz mit der Erarbeitung der rechtlichen Grundlagen für eine DEFA-Stiftung.
(ND, 14. Juni 1990; S. 6; Filmecho/Filmwoche, Ausgabe 26/1990, S. 4; Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 338ff; Stefanie Eckert. Das Erbe der DEFA. Die fast unendliche Geschichte einer Stiftungs-Gründung. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Berlin 2008, S. 17ff)

30. Juni

Mit Ablauf des 30. Juni 1990 werden der Generaldirektor des DEFA-Spielfilmstudios sowie sämtliche Studiodirektoren der DEFA von ihren Ämtern abberufen.
(Das Neue Berlin; 1. Edition, 2009Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018)

30. Juni

Die Geschäftsleitung des Spielfilmstudios steht vor der dringenden Frage, wie die Filmproduktion unter marktwirtschaftlichen Bedingungen finanziert werden kann. Seit 1969 bildeten die Erlöse aus der Filmauswertung im In- und Ausland sowie Subventionen aus dem Filmproduktionsfonds der HV Film die wesentlichen Säulen der Finanzierung. Allein der Produktionsfonds des DEFA-Spielfilmstudios umfasste bis zu diesem Zeitpunkt jährlich etwa 38 Millionen Mark der DDR, ergänzt durch einen Honorarfonds von rund 1,6 Millionen Mark der DDR.
(Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 131f)

Juli 1990

Am 1. Juli 1990 tritt der Staatsvertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion in Kraft, wodurch weite Teile der Wirtschafts- und Rechtsordnung der Bundesrepublik in der DDR wirksam werden. Mit der Währungsunion avanciert die D-Mark zum alleinigen Zahlungsmittel. Löhne, Gehälter, Renten sowie Mieten werden im Verhältnis 1:1 umgestellt.

Die von vielen ersehnte Parität erweist sich jedoch, wie von Kritikern befürchtet, als ökonomische Schocktherapie mit gravierenden Folgen für die ostdeutsche Industrie und die DEFA. Statt des erhofften marktwirtschaftlichen Urknalls und rasch blühender Landschaften löst die sofortige Umstellung eine tiefe Anpassungskrise aus. Diese wird durch das Wegbrechen der traditionellen Absatzmärkte sowie die schnelle Expansion westdeutscher Konkurrenz weiter verschärft.

1. Juli

Mit dem Vollzug der Wirtschafts- und Währungsunion beginnt die rechtliche und organisatorische Umstrukturierung der DEFA-Betriebe, die im Zuge ihrer Privatisierung durch die Treuhandanstalt aus volkseigenen Betrieben in Kapitalgesellschaften überführt werden.

  • Der VEB DEFA-Studio für Spielfilme wird in die DEFA-Studio Babelsberg GmbH (i. Gr.) umgewandelt; die Eintragung in das Handelsregister erfolgt am 13. August 1991. Die Geschäftsführung übernehmen der bisherige Generaldirektor Gert Golde und der bisherige Direktor für Technik, Bernhard Nowak. Firmensitz ist Potsdam-Babelsberg, August-Bebel-Straße 26–53.
  • Der VEB DEFA-Studio für Dokumentarfilme wird in die DEFA-Studio für Dokumentarfilme GmbH (i. Gr.) umgewandelt; die Eintragung in das Handelsregister erfolgt am 4. September 1990. Als Geschäftsführer fungiert der bisherige Studiodirektor Friedrich Seidel. Der Firmensitz befindet sich in der Berliner Otto-Nuschke-Straße 32. Betriebsteile befinden sich in Berlin und Potsdam-Babelsberg.
  • Der VEB DEFA-Studio für Trickfilme wird zur DEFA Dresden GmbH umgewandelt. Die Geschäftsführung übernimmt der bisherige Studiodirektor Thomas Wedegärtner. Der Firmensitz bleibt unverändert in Dresden, Kesselsdorfer Straße 208.
  • Der VEB DEFA-Studio für Synchronisation wird zur DEFA Synchron Berlin GmbH umgewandelt. Geschäftsführer wird der bisherige Studiodirektor Gert Springfeld. Der Firmensitz verbleibt in Berlin-Johannisthal, Am Flugplatz 6a.

Alle DEFA-Betriebe unterstehen nun der Treuhandanstalt, deren Auftrag die Sanierung, Veräußerung oder Liquidation der Unternehmen ist. Die Geschäftsleitung des Spielfilmstudios versucht bis zuletzt, die Umwandlung in eine marktwirtschaftlich orientierte GmbH zu vermeiden. Ihr Ziel ist es, das Studio als staatlich finanzierte Kultureinrichtung im Eigentum des Landes Brandenburg zu erhalten. Das Konzept sieht vor, weiterhin als fester Produzent für die ostdeutschen Fernsehanstalten zu fungieren und einen Kern von 1.600 festangestellten Mitarbeitern – gegenüber ursprünglich 2.400 – beizubehalten. Diese Pläne werden jedoch sowohl von Kulturminister Schirmer und Abteilungsleiter Wolfgang Gersch als auch von der Treuhand als vollkommen unrealistisch verworfen.
(ND, 3. Juli 1990 S. 5, 7. Juli 1990, S. 5; Filmspiegel, 13/1990, S. 3; Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 329, 342; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 263f; Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 223ff, 321ff)

1. Juli

Der VEB Progreß Film-Verleih wird in die Progress Film-Verleih GmbH (i. Gr.) umgewandelt; die Eintragung in das Handelsregister erfolgt am 6. September 1990 unter der Nummer HRB 35 008. Die Geschäftsführung verbleibt bei Hans-Joachim Müller, auch der Firmensitz in der Berliner Burgstraße 27 bleibt unverändert.

Progress behält weiterhin die Inlandsrechte an den DEFA-Produktionen, beschränkt auf das Gebiet der neuen Bundesländer. Seine bisherige Monopolstellung für das Filmangebot im Osten Deutschlands verliert das Unternehmen jedoch. Wenige Tage vor dem 1. Juli eröffnet Progress sein hauseigenes Kino „Börse“ als neues Filmkunsttheater.
(Neue Zeit, 20. Juni 1990, S. 16)

12. Juli

Die Belegschaft der DEFA-Studio Babelsberg GmbH (i. Gr.) wählt einen 18-köpfigen Betriebsrat als ihre neue Interessenvertretung. Zum Vorsitzenden wird mit 15 Ja-Stimmen bei drei Enthaltungen Jan-Peter Schmarje bestimmt. Von den insgesamt 2033 wahlberechtigten Mitarbeitenden beteiligen sich 54 Prozent an der Abstimmung.
(DEFA-Blende, 16. Juli 1990, S. 2, 30. Juli 1990, S. 1)

26. Juli

Wolfgang Gersch, Abteilungsleiter im Ministerium für Kultur, erläutert vor dem Künstlerischen Rat der DEFA seinen Entwurf für eine neue Filmförderrichtlinie. Geplant ist eine projektgebundene Vergabe der Mittel, die sich eng am bundesdeutschen Fördersystem orientiert. Über die Bewilligung sollen künftig unabhängige Fachgremien entscheiden. Das gesamte Konzept basiert auf dem Leitbild freier Filmschaffender.
(Neue Zeit, 10. Juli 1990, S. 8; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 264; Wolfgang Gersch: Geschichte der nicht wahrgenommenen Möglichkeiten oder Wie 1990 das Ende der DEFA begann, Publikation der DEFA-Stiftung 2011; Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 217ff)

28. Juli

Kurz vor der drohenden Zahlungsunfähigkeit erhält die DEFA-Studio Babelsberg GmbH (i. Gr.) vom letzten DDR-Kulturminister Herbert Schirmer die Zusage über einen Zuschuss in Höhe von 18 Millionen DM, um laufende Filmprojekte abschließen zu können. Dass der Minister seine Kompetenzen mit dieser ungedeckten Bürgschaft überschreitet, ist im Studio nicht bekannt; die Zusage ermöglicht jedoch die Aufnahme eines dringend benötigten Zwischenkredits. Im September geht dem Ministerium eine Spende der PDS aus dem vormaligen SED-Parteivermögen zu, sodass die Summe Ende September 1990 – unmittelbar vor der Auflösung der DDR-Regierung – tatsächlich auf dem Konto der DEFA eintrifft.

Keiner der damit finanzierten Filme wird zu einem Publikumserfolg. Während die Menschen im Osten Deutschlands um ihre Existenz kämpfen, orientieren sich die privatisierten Kinos an US-amerikanischen Blockbustern. Erst allmählich entwickelt sich ein Bewusstsein für den Wert dieser letzten Produktionen als Zeitdokumente und Schlüsselwerke eines gesellschaftlichen Umbruchs von historischem Ausmaß.
(Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 329; Wolfgang Gersch: Geschichte der nicht wahrgenommenen Möglichkeiten oder Wie 1990 das Ende der DEFA begann, Publikation der DEFA-Stiftung 2011, S. 38; Ralf Schenk: DEFA 1946-1992. 100 Jahre Studio Babelsberg. Filmmuseum Potsdam 2012, S. 143ff; Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 219f)

August 1990

In der DEFA-Studio Babelsberg GmbH wird für 700 Mitarbeitende Kurzarbeit angeordnet.
(Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 224)

9./10. August

Im Bundesarchiv in Koblenz finden Gespräche mit dem Staatlichen Filmarchiv der DDR (SFA) über dessen Eingliederung in das Bundesarchiv statt. Pläne der westdeutschen Seite, die Belegschaft des SFA von 170 Beschäftigten zu halbieren, werden nach einer detaillierten Begründung der Aufgabenbereiche und Qualifikationen wieder fallengelassen. Bestehende Arbeitsverhältnisse mit Rentnern sind jedoch ausnahmslos zu beenden.
(Eva Halm, Hans Karnstädt, Wolfgang Klaue, Günter Schulz: Bilder des Jahrhunderts. Staatliches Filmarchiv der DDR 1955-1990, Bertz + Fischer Verlag, 2015. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, S. 360)

20. August

Aufgrund tiefgreifender Differenzen über den Weg aus der wirtschaftlichen und finanziellen Krise der DDR zerbricht im August 1990 die Große Koalition. Nachdem Ministerpräsident Lothar de Maizière am 16. August mehrere Minister entlassen hat, darunter Finanzminister Walter Romberg (SPD), verlassen am 20. August 1990 aus Protest auch die verbliebenen SPD-Ministerinnen und -Minister die Regierung. Die Liberalen hatten der Regierung bereits Ende Juli ihre Unterstützung entzogen, ließen ihre Minister jedoch zunächst im Amt. Bis zum 2. Oktober 1990 werden die vakanten Ministerposten kommissarisch besetzt.

20. August

Das Staatliche Filmarchiv der DDR vereinbart mit der Stiftung Deutsche Kinemathek die Einlagerung von Nitrofilmen in deren Bunkern in Babelsberg und Berlin-Wilhelmshagen. Am selben Tag kündigt der Minister für Kultur der DDR dem langjährigen Direktor des SFA, Wolfgang Klaue, im Auftrag der westdeutschen Behörden zum 31. Dezember 1990.

Neben seiner Funktion als Leiter des SFA war Klaue von 1979 bis 1984 Präsident der Fédération Internationale des Archives du Film (FIAF). Die Föderation ernennt ihn während der Umbruchphase zum Ehrenmitglied, kann seine Entlassung jedoch nicht verhindern. Nach dem Beitritt der DDR am 3. Oktober 1990 wird Klaue im Dezember zunächst nach Koblenz versetzt und schließlich zum Jahresende 1991 per Aufhebungsvertrag aus dem Dienst entlassen.
(Wolfgang Gersch: Geschichte der nicht wahrgenommenen Möglichkeiten oder Wie 1990 das Ende der DEFA begann, Publikation der DEFA-Stiftung 2011; S. 20; Eva Hahm, Hans Karnstädt, Wolfgang Klaue, Günter Schulz: Bilder des Jahrhunderts. Staatliches Filmarchiv der DDR 1955-1990, Bertz + Fischer Verlag, 2015. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, S. 360)

31. August

Im Berliner Palais Unter den Linden (heute Kronprinzessinnenpalais) unterzeichnen Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble und Staatssekretär Dr. Günther Krause den Einigungsvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten, nachdem beide Regierungskabinette dem Dokument am Vormittag zugestimmt haben. Der Vertrag umfasst 45 Artikel auf über 900 Seiten. Er regelt den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland sowie sämtliche damit verbundenen Änderungen des Grundgesetzes, die Angleichung der Rechtsordnungen und die Neuordnung der öffentlichen Verwaltung sowie des öffentlichen Vermögens.

September 1990

12. September

Die Sowjetunion stimmt einem Beitritt des vereinigten Deutschlands zur NATO zu und unterzeichnet in Moskau den sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag. Damit ist die unabdingbare Voraussetzung für die deutsche Einheit erfüllt: die Zustimmung der vier alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkrieges. Seit Mai 1990 verhandeln die Außenminister beider deutscher Staaten mit ihren Amtskollegen aus Großbritannien, Frankreich, den USA und der Sowjetunion über die internationalen Rahmenbedingungen der Vereinigung. Als größtes Hindernis erweist sich dabei bis zuletzt die Frage der künftigen Bündniszugehörigkeit.

12. September

Der Ministerrat der DDR beschließt unter der Registrier-Nr. 30/18/90 als eine seiner letzten Amtshandlungen die Errichtung einer DEFA-Stiftung. Diese soll als Stiftung des öffentlichen Rechts mit Sitz in Berlin die Eigentums- und Auswertungsrechte des DEFA-Außenhandels übernehmen. Ihr primärer Zweck liegt in der Förderung der künstlerischen Filmproduktion in den umgewandelten DEFA-Studios sowie in der Pflege, Erhaltung und nichtkommerziellen Auswertung des DEFA-Filmbestands. Das Stiftungsvermögen setzt sich aus den Filmrechten und der Immobilie des DEFA-Außenhandels in der Milastraße zusammen. Ziel ist es, den mehrere tausend Werke umfassenden Bestand als nationales Kulturgut geschlossen zu erhalten.

Wenige Tage später, am 25. September, beruft Kulturminister Schirmer den Stiftungsrat ein. Dieser besteht aus Wolfgang Klaue als Vorsitzendem, Helke Misselwitz als Stellvertreterin sowie Vertretern der beteiligten Institutionen. Zum 1. Oktober 1990 wird Dr. Wolfgang Gersch zum Geschäftsführer bestellt; er gibt jedoch bereits am 17. Oktober seinen Rücktritt bekannt, da seine Dienststelle, das Bundesinnenministerium, Einwände gegen die Aufteilung seiner Arbeitskraft erhebt. Auch Wolfgang Klaue fehlen nach seiner Versetzung an das Bundesarchiv in Koblenz die Ressourcen, um den Aufbau der Stiftung voranzutreiben.

Zudem reicht die DEFA-Studio für Dokumentarfilme GmbH am 25. September Klage gegen die Stiftungsgründung ein, um die Verwertungsrechte an den eigenen Filmen zu behalten. Am 31. Oktober äußert schließlich die Berliner Senatsverwaltung für Justiz rechtliche Zweifel an der wirksamen Errichtung der Stiftung, da eine hinreichende gesetzliche Grundlage fehle; der Ministerratsbeschluss allein sei nicht ausreichend. Zudem seien keine Rechte wirksam übertragen worden, da sich der DEFA-Außenhandel bereits in Liquidation befunden habe.

Infolge dieser juristischen und administrativen Hürden scheitert die erste DEFA-Stiftung noch im Jahr 1990. Das Eigentum am gesamten DEFA-Filmbestand – einschließlich Filmen, Begleitmaterialien und Schriftgut – verbleibt zunächst bei der Treuhandanstalt. Erst 1997 geht dieses Material per Vertrag auf das Bundesarchiv über. Die endgültige Neugründung der DEFA-Stiftung erfolgt nach langjährigen Verhandlungen am 15. Dezember 1998.
(Berliner Zeitung, 13. September 1990, S. 2; 20. September 1990, S. 9; 28. September 1990, S. 9; DEFA-Blende Nr. 20/1990, 22. Oktober 1990, S. 3; Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 338, 341; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 264; Stefanie Eckert. Das Erbe der DEFA. Die fast unendliche Geschichte einer Stiftungs-Gründung. DEFA-Stiftung Berlin 2008, S. 27-32; Wolfgang Gersch: Geschichte der nicht wahrgenommenen Möglichkeiten oder Wie 1990 das Ende der DEFA begann, Publikation der DEFA-Stiftung 2011; S. 43ff)

13. September

Der Betriebsrat der DEFA-Studio Babelsberg GmbH informiert auf einer Gesamtbelegschaftsversammlung über die existenzbedrohende Lage des Studios. Er bezeichnet die aktuelle Entwicklung als größte Katastrophe in der Geschichte der DEFA und verweist insbesondere auf:

  • die bevorstehenden massiven Personalreduzierungen sowie
  • die Unwirksamkeit des im Juni vereinbarten Rationalisierungsschutzabkommens.

Nach einer Überprüfung durch die Rechtsabteilung der Treuhandanstalt wird das Abkommen, das ursprünglich frühestens zum 31. Dezember 1991 kündbar sein sollte, für rechtsungültig erklärt. Dies ebnet den Weg für Massenentlassungen noch im Jahr 1990 und weitere Stellenstreichungen ohne soziale Abfederung. Der Betriebsrat präsentiert einen Forderungskatalog, den auch die als Gäste anwesenden Vertreter der IG Kunst, Kultur und Medien unterstützen:

  • die Anerkennung der Verbindlichkeit des Rationalisierungsschutzabkommens,
  • die Gewährung einer Teuerungszulage,
  • die sofortige Aufnahme von Tarifverhandlungen sowie
  • den Aufschub der Massenentlassungen durch eine Ausweitung der Kurzarbeit.

Die Geschäftsführung, die formal für den Erhalt des Studios und der Arbeitsplätze eintritt, steht dem gesellschaftlichen Umbruch weitgehend ohnmächtig gegenüber; soziale Schutzabkommen bilden in dieser Phase der ostdeutschen Transformation eine seltene Ausnahme.
(DEFA-Blende, 24. September 1990, S. 1; Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 224f, 231ff, 332f)

28. September

Zum neuen Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg wird Prof. Wolf-Dieter Panse berufen. Seine Wahl erfolgt durch das Konzil, das wie auch der Senat zuvor aus demokratischen Wahlen hervorgegangen ist. Er löst den bei der Studierendenschaft beliebten Lothar Bisky ab, der das Amt fünf Jahre lang innehatte. In seiner Zeit als Rektor hatte Bisky bereits zu den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 an der Hochschule durchgesetzt, dass das in der Verfassung der DDR verankerte Recht auf geheime Wahlen mittels Wahlkabinen tatsächlich umgesetzt wird. Dies schlug sich im Vergleich zu den offiziellen Wahlergebnissen der übrigen DDR in deutlich abweichenden Stimmverhältnissen nieder.
(Berliner Zeitung, 1. Oktober 1990; S. 4)

Oktober 1990

1. Oktober

Das DEFA-Studio für Spielfilme produziert im Jahr 1990 bis zum Ende der DDR am 2. Oktober insgesamt acht Kinospielfilme. Die Premieren von sechs dieser Werke finden jedoch erst nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, mithin ab dem 3. Oktober 1990, statt.

3. Oktober

Mit dem Wirksamwerden des Einigungsvertrages vollzieht sich am Tag der Deutschen Einheit der Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland nach Artikel 23.

3. Oktober

Als einzige staatliche Einrichtung der DDR wird das Staatliche Filmarchiv (SFA) geschlossen und in voll arbeitsfähigem Zustand in eine Bundeseinrichtung überführt. Zum 3. Oktober 1990 erfolgt die Eingliederung der physischen Bestände, der filmbegleitenden Dokumente sowie der Mehrheit der Mitarbeitenden in das Bundesarchiv. Dort fusioniert das SFA mit den filmarchivisch arbeitenden Referaten zur neuen Abteilung Filmarchiv. Helmut Morsbach, vormaliger Mitarbeiter des SFA, übernimmt die Stellvertretung des Archivleiters Karl Griep. Berlin avanciert damit zum Sitz des zentralen deutschen Filmarchivs. Durch die Zusammenführung der Bundesbestände mit jenen des ehemaligen DDR-Filmarchivs und der Bestände der Stiftung Deutsche Kinemathek entsteht ein bedeutender Schwerpunkt für die deutsche Filmforschung. Die zunächst übernommenen Bereichsleiter des SFA werden zum 30. September 1991 gekündigt oder aus ihren Funktionen enthoben.
(Volker Baer Ein Spiegel deutscher Kulturpolitik. Was wurde aus dem Staatlichen Filmarchiv der DDR? Filmdienst, Ausgabe 23/1994; Eva Hahm, Hans Karnstädt, Wolfgang Klaue, Günter Schulz : Bilder des Jahrhunderts. Staatliches Filmarchiv der DDR 1955-1990, Bertz + Fischer Verlag, 2015. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, S. 361)

3. Oktober

Obwohl seit der Wiedervereinigung auch Ost-Berlin zum Zuständigkeitsbereich des Berliner Senats gehört, verharrt die Filmförderung konstant bei 21,3 Millionen DM. Das Land Brandenburg installiert im Jahr 1991 eine eigene Filmförderung, die in den Jahren 1991 und 1992 jeweils 15 Millionen DM sowie 1993 13,5 Millionen DM beträgt. Die Gründung einer gemeinsamen Filmboard Berlin-Brandenburg GmbH kommt trotz vielfältiger Bemühungen in diesem Zeitraum noch nicht zustande.
(Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 341)

3. Oktober

Unter dem Label DEFA entstehen nach dem Ende der DDR noch 32 Kinospielfilme als sogenannte Überläufer. Ihre Finanzierung sichern Zuweisungen des letzten DDR-Kulturministeriums, Kofinanzierungen durch andere Filmgesellschaften und Fernsehanstalten sowie diverse Filmförderungen. 16 dieser Projekte werden noch vom DEFA-Studio für Spielfilme begonnen und nach dem 3. Oktober 1990 fertiggestellt; die übrigen 16 produziert die DEFA Studio Babelsberg GmbH bis zur urkundlichen Namensänderung des Studios.

Die letzten Produktionen setzen im Frühjahr 1993 ein, wobei NOVALIS – DIE BLAUE BLUME von Herwig Kipping das finale Werk unter dem Signum DEFA darstellt. Das öffentliche Echo dieser späten Filme gleicht jenem der übrigen subventionierten Produktionen in der Bundesrepublik: Sie existieren, finden jedoch kaum Beachtung. Die investierten Millionen bleiben ohne spürbare Wirkung, eine Revitalisierung des deutschen Films wird nicht erwartet, und selbst die Beteiligten zeigen sich vom anhaltenden Klagen über den Zustand der Branche ermüdet. Ein grandioser Abschied misslingt, da es den DEFA-Filmschaffenden wie allen Bürgern der ehemaligen DDR an Kraft, Distanz und einer erstrebenswerten Lebensperspektive mangelt.
(Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 338; Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 252f)

5. Oktober

Premiere des DEFA - Dokumentarfilms „Die Mauer”, RE: Jürgen Böttcher, im Berliner Kino „Arsenal“.
(in: Freitag, v. 22.03.1991)

6. Oktober

Auf Initiative der Meisterschüler der Akademie der Künste, Tony Loeser und Thomas Heise, werden DEFA-Dokumentarfilme von 15 Regisseurinnen und Regisseuren präsentiert, die von Kino und Fernsehen zu dieser Zeit kaum Beachtung finden. Die Werkschau zeichnet ein beklemmendes Bild der Monate zwischen Mai 1989 und März 1990 und macht Agonie, Protest, Verunsicherung sowie Ratlosigkeit spürbar. Es ist der Versuch der Dokumentaristen, die sich vollziehenden Umbrüche in der DDR zu begreifen.

Zum Programm gehören unter anderem SPERRMÜLL von Helke Misselwitz über einen jungen Gitarristen sowie IM DURCHGANG – PROTOKOLL FÜR DAS GEDÄCHTNIS von Kurt Tetzlaff, das das Porträt eines 18-jährigen Pfarrerssohns zeichnet. Gerd Kroske fängt in KEHRAUS über Straßenfeger auf den nächtlichen Leipziger Straßen die herrschende Endzeitstimmung ein, während Thomas Heise in IMBISS SPEZIAL den Stillstand angesichts der Bilder der Massenflucht thematisiert. Weitere Beiträge sind Günter Lippmanns Filme WER HAT DICH, DU SCHÖNER WALD... über das Waldsterben im Erzgebirge. Ralf Marschallek dokumentiert in STRENG VERTRAULICH – DIE INNERE VERFASSUNG die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit, während Petra Tschörtner in UNSERE ALTEN TAGE das Schicksal in Heime abgeschobener Senioren zeigt. Roland Steiners LA ROTONDA VICENZA befasst sich mit Ignoranz und dem Suizid von Professor Lothar Kühne.

Die Kritikerin Margit Voss bündelt die Stimmung aller Filme in einem Motiv aus der Maxhüttenchronik von Joachim Tschirner: Kumpel montieren den roten Stern vom Dach ihres Betriebes ab. „Er hat schon lange nicht mehr geleuchtet“, stellen sie ohne Häme fest, und fügen hinzu: „Wer weiß, was da mal draufkommt.“
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 120, 121 ,122, 125, 127f; Berliner Zeitung, 8. Oktober 1990, S. 4; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika. 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 191ff)

6. Oktober

Im neu eröffneten Kino „Felix“ des Progress Film-Verleihs im Kastanienwäldchen im Prenzlauer Berg feiert der in Schwarz-Weiß gedrehte DEFA-Spielfilm ERSTER VERLUST Premiere. In seinem Erstlingswerk erzählt Regisseur Maxim Dessau eine Geschichte über das Bekenntnis zum Mut und die Notwendigkeit, sich den Konsequenzen des eigenen Handelns zu stellen – eine zeitlose Botschaft. Stilistisch bricht Dessau dabei mit der traditionellen Erzählweise des antifaschistischen Films. Als Vertreter der jüngsten Regiegeneration der DEFA wurde Dessau in den 1980er-Jahren wiederholt an seinen Projekten gehindert; so wurde sein eigentlicher Debütfilm SCHNAUZER im Jahr 1984 abgebrochen und verschwand im Tresor.
(Berliner Zeitung, 8. Oktober 1990, S. 4; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 260; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 222ff)

7. Oktober

Im Zuge der Sichtung zahlreicher Verbotsfilme in den Jahren 1989 und 1990 entdeckt der Regisseur Roland Gräf in der Ecke eines nicht klimatisierten Vorführraums eine Arbeitskopie des 1973 verbotenen DEFA-Spielfilms DIE TAUBE AUF DEM DACH von Iris Gusner. Da das Material bereits erhebliche Schichtablösungen aufweist, veranlasst Gräf die Sicherung mittels eines schwarz-weißen Dup-Negativs sowie einer Kinokopie; eine farbige Reproduktion ist aus technischen Gründen zu diesem Zeitpunkt unmöglich.

Am 7. Oktober 1990 erlebt Die Taube auf dem Dach im Berliner Kino Babylon seine Uraufführung. In der Folgezeit verlieren sich die Spuren des Materials erneut. Erst nach umfangreichen Recherchen gelingt es der DEFA-Stiftung 2009/10, das schwarz-weiße Dup-Negativ wiederzufinden und den Film zu restaurieren.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 113; DEFA-Blende, 8. Oktober 1990, S. 1)

9. – 11. Oktober

Das 13. Festival für Dokumentar- und Kurzfilm für Kino und Fernsehen in Neubrandenburg steht im Zeichen der gesellschaftlichen Umbruchsituation. Am Eröffnungstag verkaufen die Veranstalter lediglich 40 Eintrittskarten; in der ersten Vorstellung finden sich nur 75 Zuschauer im 500 Personen fassenden Kinosaal ein. Existenzielle Sorgen halten das Stammpublikum davon ab, sich mit der gesamtgesellschaftlichen Lage filmisch auseinanderzusetzen. Auch die Filmschaffenden des Dokumentarfilmstudios blicken auf die Abwicklung ihres Studios und konzentrieren sich mehr auf marktwirtschaftliche Anforderungen, Regularien und Finanzierungsfragen als auf die Werke ihrer Kolleginnen und Kollegen.

Von 88 eingereichten Filmen gelangen 41 in das Programm. Das Festival versteht sich in diesem Jahr primär als Forum für bisher nicht aufgeführte Produktionen. Gezeigt werden unter anderem die DEFA-Dokumentarfilme FLUGVERSUCHE von Hans-Eberhard Leupold, IM DURCHGANG – PROTOKOLL FÜR DAS GEDÄCHTNIS von Kurt Tetzlaff, KOMM IN DEN GARTEN von Heinz Brinkmann und Jochen Wisotzki sowie KEHRAUS von Gerd Kroske. Zudem stehen Werke wie AUFGEBEN ODER NEU BEGINNEN über den verfemten Walter Janka von Karlheinz Mund, WIR SIND JA SO DISZIPLINIERT GEWESEN über Karl Schirdewan von Henry Köhler, FRANK von Hans Wintgen sowie MEHR ALS DAS HALBE LEBEN von Elke Schieber auf dem Programm. Die Veranstaltung ist die letzte unter der bisherigen Leitung und mit dem gewohnten Konzept. Im Jahr 1992 folgt am selben Standort das Festival dokumentART als Nachfolgeprojekt.
(Neue Zeit, 10. Oktober 1990, S. 1; Berliner Zeitung, 9. Oktober 1990, S. 9; Berliner Zeitung, 13. Oktober 1990, S. 11; Filmspiegel, 23/1990, S. 36-37; Reinhild Steingröver: Spätvorstellung: Die chancenlose Generation der DEFA. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung. Bertz+Fischer, Berlin: 2014)

7. Oktober

Der DEFA-Spielfilm LETZTES AUS DER DADAER von Jörg Foth feiert Premiere. Nach dem bereits 1989 im Dokumentarfilmstudio realisierten Film TUBA WA DUO, der auf einem Bühnenstück von Hans-Eckardt Wenzel basiert, setzt Foth in der neu gegründeten Künstlerischen Arbeitsgruppe des Spielfilmstudios das Clownspiel mit Wenzel und Steffen Mensching filmisch um. Die Dreharbeiten finden während der Umbruchphase zwischen März und Mai 1990 statt. Das Werk stellt den ersten und zugleich letzten Musikfilm der jüngsten Regiegeneration dar. In einem Nebeneinander von Nonsens und Traurigkeit spiegelt die Inszenierung die Zerrissenheit des damaligen Publikums wider. Dabei prägen weder der Jubel über den Untergang noch Melancholie über das Verschwinden der DDR den Tonfall des Films.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 27; Berliner Zeitung, 10. Oktober 1990, S. 9; Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel. 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 336ff; Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, 2. Auflage, Berlin 2006 S. 464ff; Reinhild Steingröver: Spätvorstellung: Die chancenlose Generation der DEFA Berlin: Bertz+Fischer 2014, S. 28-72)

25. Oktober

Werner Bergmann, seit 1947 Kameramann bei der DEFA, stirbt im Alter von 69 Jahren. Neben eigenen Regiearbeiten wie NACHTSPIELE (1979) oder dem Kinderfilm DIE DICKE TILLA (1982) schreibt er Filmgeschichte vor allem durch seine 25-jährige Zusammenarbeit mit Konrad Wolf. In insgesamt zwölf gemeinsamen Werken findet Bergmann für Wolfs unterschiedliche Stoffe stets die passende Bildsprache – von den leuchtenden Farben in EINMAL IST KEINMAL (1955) über die prägnante Ästhetik von DER GETEILTE HIMMEL (1964) und ICH WAR NEUNZEHN (1967) bis hin zu den stillen Schwarz-Weiß-Motiven in MAMA, ICH LEBE (1976). Seine Karriere ist dabei auch ein Zeugnis persönlicher Willenskraft: Nachdem er als 18-jähriger Soldat im Krieg einen Arm verlor, kehrte er zurück und avancierte trotz dieser schweren körperlichen Beeinträchtigung zu einem der prägendsten Kameramänner der DEFA.
(DEFA-Blende, 17. Dezember 1990, S. 6; Peter Badel: Trauen Sie keiner Propaganda und keinem Filmbild, sondern nur Ihrem Augenschein. Eine Reminiszenz an den Kameramann Werner Bergmann. In: Leuchtkraft Nr. 7, DEFA-Stiftung 2024, S. 112-116)

November 1990

19. November

In der Babelsberger Clubgaststätte „Blankschramme“ am Weberplatz gründen Filmschaffende den Brandenburger Filmverband. Die Vereinigung versteht sich als Interessenvertreter und Partner der im Land Brandenburg tätigen Filmmitarbeiter. Als vordringliche Aufgabe des Verbandes wird zunächst die Akquise von Fördergeldern definiert. Den Vorsitz übernimmt Tony Loeser, Kameramann und Leiter des Animationsbereichs der DEFA Studio Babelsberg GmbH.

Dem Vorstand gehören darüber hinaus die Dramaturgin Tamara Trampe, die Regisseure Roland Gräf und Rainer Simon sowie die Produktionsleiterin Andrea Hoffmann an, die allesamt der DEFA Studio Babelsberg GmbH entstammen. Ebenfalls im Vorstand vertreten sind Elke Schieber vom Filmmuseum Potsdam, der Dokumentarfilmregisseur Dirk Otto und Thomas Frick als Student der Hochschule für Film und Fernsehen.
(DEFA-Blende, 3. Dezember 1990, S. 1ff)

23. – 29. November

Die erste gesamtdeutsche Internationale Filmwoche für Dokumentar- und Animationsfilm in Leipzig steht unter dem Motto „Filme der Welt – Für die Würde des Menschen“ und empfängt Teilnehmende aus 33 Ländern. Neben sozialkritischen Werken bilden Filme zur Situation in der Dritten Welt sowie die Befragung verschiedenster Gesellschaftsmodelle thematische Schwerpunkte. Das Amt der Festivalpräsidentin übernimmt Dr. Christiane Mückenberger, die 1965 aufgrund ihres Einsatzes für kritische DEFA-Produktionen entlassen worden war. Als Vizepräsidenten fungieren Winfried Junge sowie Klaus Wischnewski, der ebenfalls im Zuge des 11. Plenums des ZK der SED aus seinem Amt geschieden war.
(Sächsische Zeitung, 2. Dezember 1990; Filmspiegel, 23/1990, S. 5, 10/1990, S. 2)

26. November

Auf der Internationalen Dokumentarfilmwoche in Leipzig feiert der DEFA-Dokumentarfilm VERRIEGELTE ZEIT von Sibylle Schönemann seine Uraufführung. Die Regisseurin, die 1984 nach einem Ausreiseantrag verhaftet, wegen „gemeinschaftlicher Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit“ verurteilt und 1985 in die Bundesrepublik abgeschoben wurde, sucht darin die Stätten ihrer Haft auf. In Gesprächen mit damals involvierten Personen geht sie den Fragen nach Verantwortung, Verdrängung, Schuld und der Verweigerung von Reue nach, was dem Werk eine universelle Tragweite verleiht. Der Film avanciert zu einem aufsehenerregenden Erfolg und wird zu zahlreichen Festivals eingeladen. Unter anderem wird er noch im Jahr 1990 mit der Silbernen Taube des Leipziger Festivals ausgezeichnet.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 129; Neue Zeit, 30. November 1990, S. 12; Berliner Zeitung, 27. November 1990, S. 9; Elke Schieber: Anfang vom Ende oder Kontinuität des Argwohns 1980 bis 1989. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 324; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika. 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 243ff; Cornelia Klauß: Sibylle Schönemann – Wie überleben? In: Ralf Schenk & Cornelia Klauß (Hrsg.): Sie – Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme, Schriftenreihe der DEFA-StiftungBertz + Fischer Verlag, Berlin: 2019, S. 312–318)

Dezember 1990

Jan-Peter Schmarje, Betriebsratsvorsitzender des DEFA-Spielfilmstudios, richtet einen dringlichen Brief an den Präsidenten der Treuhandanstalt, Detlev Rohwedder. Darin schildert er die katastrophale Lage der Belegschaft und verweist auf die drohenden Massenentlassungen, von denen 850 Mitarbeitende betroffen sind. Er kritisiert scharf, dass diese Entlassungen erfolgen, während gleichzeitig lukrative Aufträge, wie etwa Fernseharbeiten, zunehmend an Kollegen in West-Berlin vergeben werden.
(Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 225)

13. Dezember

Eine Gruppe junger Filmschaffender, überwiegend aus dem Dresdner Trickfilmstudio, will dem erfolglosen Handeln der Leitungsebene etwas entgegensetzen und gründet in der Kantine des Trickfilmstudios den Filmverband Sachsen. Die neue Organisation rückt Film, Fernsehen und Video in das Zentrum ihres Wirkens und deckt das Spektrum von der Produktion über den Vertrieb bis hin zur Medienerziehung ab. Dabei versteht sich der Verband als Plattform für Profis und Amateure gleichermaßen. Als vordringliche Aufgabe sieht der Verband seine Rolle als Partner der Landesregierung, um die Verabschiedung eines Filmfördergesetzes im Freistaat Sachsen voranzutreiben. Zum Vorsitzenden wird das Gründungsmitglied und der Trickfilmer Ralf Kukula gewählt.
(Sabine Scholze: Die Wende und die Zeit danach. In: Die Trickfabrik. DEFA-Animationsfilme 1955-1990. [Hrsg. Ralf Schenk & Sabine Scholze]. Dresden/Berlin 2003, S. 369-378)

19. Dezember

Im DEFA-Spielfilmstudio findet die Jahresabschluss-Vollversammlung der Vertrauensleute statt. Geschäftsführer Gert Golde bilanziert angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen ein positives Ergebnis:

  • Ein Umsatz von 34,7 Millionen DM trotz der Vertragskündigung durch das Fernsehen der DDR.
  • Die Auslieferung von 16 Kino- und 15 Fernsehfilmen.
  • Acht Kinospielfilme sowie 18 Fernsehfilmteile befinden sich aktuell in Produktion.
  • Ab Oktober erhalten Beschäftigte, für die der Rahmenkollektivvertrag Film der DDR weiterhin Gültigkeit besitzt, eine 25-prozentige Tarifzulage.
  • Für die Mitarbeitenden des Atelierbetriebs erfolgt eine Lohnanpassung auf 56 bis 60 Prozent des bundesdeutschen Lohntarifs.

Den Vertrauensleuten muss jedoch auch mitgeteilt werden, dass die Bemühungen des Kulturministeriums – insbesondere jene von Wolfgang Gersch – um eine spezifische Filmförderung für die Filmschaffenden der ehemaligen DDR gescheitert sind.
(Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 237ff)

31. Dezember

Von den ursprünglich 2270 Beschäftigten des DEFA-Spielfilmstudios (Stand: 1. Juli 1990) werden zum Jahresende etwa 700 entlassen. Davon betroffen ist vor allem das filmspezifische Fachpersonal – darunter Personen aus den Gewerken Regie, Drehbuch, Dramaturgie, Kamera, Schnitt und Kostüm – sowie Personal aus DDR-typischen Bereichen wie der Materialwirtschaft und der Neuen Technik. Weitere 150 Mitarbeiter, die noch mit dem Abschluss letzter Produktionen befasst sind, erhalten ihre Kündigung zum 31. März 1991.

In zähen Verhandlungen wird durchgesetzt, dass für die Ausscheidenden der Sozialplan greift. Dieser sieht Abfindungen zwischen 2.000 und 15.000 DM vor, wofür insgesamt 5,8 Millionen DM aufgewendet werden. Das Studio leistet diese Zahlungen aus den Erlösen der eigenen wirtschaftlichen Tätigkeit. Während vereinzelt Mitarbeitende bereits vor der Kündigungswelle Kontakte in die Bundesrepublik knüpfen oder eigene Firmen gründen können, scheiden rund 300 Beschäftigte durch Vorruhestand oder Verrentung aus dem Betrieb aus. Ein Großteil der entlassenen Belegschaft wechselt in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.
(Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 225-229; Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 334f)

31. Dezember

Die ARD überträgt ihre Silvestersendung aus dem DEFA-Spielfilmstudio und nimmt dabei direkt Bezug auf den historischen Drehort. Entertainer Andreas Lukoschik führt mit Stargästen musikalisch und schauspielerisch durch die Geschichte von UFA und DEFA. In einer Einblendung aus Paris wirbt auch Marlene Dietrich für den Erhalt der Studios. Parallel dazu setzt sich die Regisseurin Helma Sanders-Brahms, Vizepräsidentin der Gruppe „Film und Fernsehen“ im Kulturbeirat der Europäischen Kommission, intensiv für die Belange der DEFA ein. Seit Monaten knüpft sie Kontakte zwischen dem Studio und potenziellen Partnern oder Käufern.
(Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 239ff)

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