Filmstill zu "Mein lieber Robinson"

DEFA-Chronik für das Jahr 1985

 

Im Jahr 1985 nehmen einige Kunstschaffende der DEFA an folgenden erstmaligen Filmwochen im Ausland teil:

  • Im März: In Managua (Nikaragua) an der Filmwoche mit Beiträgen aus acht sozialistischen Ländern anlässlich des 40. Jahrestages des Sieges über den Hitlerfaschismus.
  • Im April: Im April in Buenos Aires (Argentinien) im Kulturzentrum „General San Martin an der ersten DDR-Filmwoche. Als Eröffnungsfilm läuft DIE VERLOBTE (R: Günther Rücker, Günter Reisch).
  • Im Oktober: An den Kinderfilmtagen der DDR in Damaskus (Syrien).
  • Im Oktober: In Flandern (Belgien) an der DDR-Filmwoche.

Spiegelbildlich finden Filmwochen anderer Länder in der DDR statt. Darüber hinaus nehmen DEFA-Filmschaffende international an diversen Filmwochen und Festivals teil.
(Berliner Zeitung, 26. März 1985, S. 7; ND, 10. April 1985, S. 4; Filmspiegel, 9/1985, S. 2; FBJ, 1985, S. 449; FBJ, 1985, S. 449)

Januar 1985

11. Januar

Der Regisseur Volker Koepp bringt LEBEN IN WITTSTOCK in die Kinos. Nachdem er ab 1975 in vier Kurzfilmen – MÄDCHEN IN WITTSTOCK (1975), WIEDER IN WITTSTOCK (1976), WITTSTOCK III (1978) und LEBEN UND WEBEN (1981) – drei Textilfacharbeiterinnen des VEB Obertrikotagenbetriebs „Ernst Lück“ begleitet hat, verdichtet dieser fünfte Teil die Beobachtungen zu einer tiefgründigen Langzeitstudie.

Koepp dokumentiert die Entwicklung der Frauen in der märkischen Kleinstadt über beinahe ein Jahrzehnt. Der Film zeichnet den Weg von anfänglichen Hoffnungen und beruflichen Erfolgen bis hin zu wachsender Resignation und dem Rückzug in die Privatsphäre nach. Lange, metaphorische Einstellungen erhellen dabei auch jene Konflikte, die im offiziellen Diskurs ungesagt bleiben. Insbesondere das Porträt von Edith, deren Lebensweg vom Lehrling zur Obermeisterin eine DDR-Musterbiografie darstellt, spiegelt die emotionale Belastung wider. Unter der Kameraführung von Christian Lehmann wirkt sie zunehmend verschlossen; ihr langes Schweigen und die Verharren der Kamera auf ihrem Gesicht werden zum beredten Zeugnis einer inneren Entfremdung.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1984, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 44; Filmspiegel, 8/1984, S. 3-6; Film und Fernsehen, 7/1985, S. 28-29, 2/1985, S. 4-5; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 184f)

31. Januar

Der DEFA-Spielfilm DIE FRAU UND DER FREMDE feiert im Berliner Kino International seine Premiere. Unter der Regie von Rainer Simon entsteht frei nach Leonhard Franks Erzählung „Karl und Anna“ eine universelle Geschichte über Liebe, Schuld und Moral. Simon thematisiert die Perversität des Krieges, ohne die Kamera unmittelbar auf das Grauen des Schlachtfeldes zu richten. Stattdessen erfasst er die Komplexität des menschlichen Daseins über die Empfindungen seiner Protagonisten vor dem Hintergrund von Kriegsgefangenschaft und Heimkehr.

Auf der Berlinale schreibt das Werk Filmgeschichte: Als einzige Produktion der DEFA wird DIE FRAU UND DER FREMDE mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Die Ehrung erfolgt ex aequo mit dem britischen Beitrag WETHERBY (R: David Hare, 1985). Trotz dieses internationalen Erfolges verzichtet der staatliche Progress Film-Verleih darauf, die prestigeträchtige Auszeichnung offensiv für die Bewerbung des Films zu nutzen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1984, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 17f; Film und Fernsehen, 3/1985, S. 8-9, 4/1985, S. 14; Aus Theorie und Praxis des Films, 1/1986, S. 134-142; Informationsbulletin des VFF, 5/1986, S. 4-6; Elke Schieber: Anfang vom Ende oder Kontinuität des Argwohns 1980 bis 1989. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 299; Axel Geiss: Repression und Freiheit. DEFA-Regisseure zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung 1997, S. 142f; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 231)

März 1985

15. März

Die Heinrich-Greif-Preise des Jahres 1985 werden vergeben.

  • An ein Schöpferkollektiv des DEFA-Studios für Trickfilme um Christa Wiemer, Walter Rehn und Katharina Benkert für ihre langjährige erfolgreiche Arbeit auf dem Gebiet des Animationsfilms für Kinder.
  • An die Schnittmeisterin Evelyn Carow für ihre künstlerischen Leistungen.
  • An den Szenenbildner Hans Poppe für hervorragende Leistungen.
  • An die Assistenz-Regisseurin Doris Borkmann für hohe Leistungen am DEFA-Studio für Spielfilme.
  • An den Kameramann Werner Heydn des DEFA-Studios für Dokumentarfilme für langjährige hervorragende künstlerisch-publizistische Kameraarbeit.

(Märkische Volkstimme, 16. März 1985; ND, 16. /17. März 1985, S. 1f; Informationsbulletin des VFF, 4/1985, S. 29)

28. März

In Anwesenheit von Kurt Hager findet die festliche Premiere des Dokumentarfilms DAS JAHR 1945 von Regisseur Karl Gass statt. Das zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus kompilierte Werk spannt unter Verwendung zahlreicher historischer Originalaufnahmen den Bogen über die letzten 128 Tage des Krieges in Europa bis in die ersten Tage des Friedens.

Regine Sylvester, Rezensentin der Wochenzeitung „Sonntag“, beobachtet bereits während der Pressekonferenz die besondere Wirkung des Films. Die Dokumentation öffnet das Gespräch unter den Anwesenden: Sowohl Filmschaffende als auch Journalisten berichten in sehr persönlichem Ton von ihren schmerzhaftesten Kriegserinnerungen, von Gefangenschaft, Lazaretten, Krankheit und tiefer Verzweiflung. Sylvester resümiert in ihrer Kritik, dass ein solcher Film wieder für ein Thema sensibilisieren könne, das vielen bereits als hinreichend und abschließend behandelt galt. Ihr Urteil lautet: „Der Film war an der Zeit.“
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1984, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 43; Film und Fernsehen, 2/1986, S. 37-38; BFF, 2 1986, S. 99; Informationsbulletin des VFF, 5/1986, S. 25-27; Aus Theorie und Praxis des Films, 2/1987, S. 151 -156; ND, 29. März 1985, S. 1; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 232)

April 1985

18. April

Der DEFA-Spielfilm HÄLFTE DES LEBENS wird im Berliner Kino International uraufgeführt. Unter der Regie von Herrmann Zschoche und nach dem Szenarium von Christa Kożik thematisiert das Werk die tragische Liebe des Dichters Friedrich Hölderlin zu Susette Gontard. In den Hauptrollen agieren Ulrich Mühe als Hölderlin und Jenny Gröllmann. 

Der Film zeichnet Hölderlins Lebensweg in den Jahren 1796 bis 1806 nach, beginnend mit seiner Zeit als Hauslehrer bei der Frankfurter Bankiersfamilie Gontard. Zschoche inszeniert das Scheitern dieser tiefen Verbindung an den gesellschaftlichen Konventionen der Zeit und den moralischen Zwängen des Bürgertums als eine hochemotionale Bildfolge. Für seine Darstellung des zerrissenen Dichters wird Ulrich Mühe später mit dem Kritikerpreis „Die große Klappe“ ausgezeichnet. Das Werk, das die Sehnsucht nach individueller Freiheit und die Härte gesellschaftlicher Ausgrenzung gegenüberstellt, findet beim Publikum großen Anklang und wird beim Nationalen Spielfilmfestival mit dem Publikumspreis geehrt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1984, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 19f; Film und Fernsehen, 6/1985, S. 10-12; Filmspiegel, 10/1985, S. 10; Philip Zengel:  DEFA-Film des Monats: Hälfte des Lebens, März 2020)

Mai 1985

1. Mai

Wolfgang Klaue, Direktor des Staatlichen Filmarchivs der DDR, wird für seine langjährige Tätigkeit als Präsident der FIAF (Fédération Internationale des Archives du Film) mit dem Orden „Stern der Völkerfreundschaft“ in Silber geehrt. Er steht dem Weltverband der Filmarchive von 1979 bis 1985 vor. Nach dem Ende seiner Amtszeit als Präsident wird er zum Vizepräsidenten der FIAF gewählt.
(ND, 2. Mai 1985, S. 4)

31. Mai

Der DEFA-Spielfilm ETE UND ALI feiert im Berliner Kino International seine Premiere. Unter der Regie von Peter Kahane entsteht eine erfrischende Mischung aus Roadmovie und Gegenwartskomödie. In der Hauptrolle debütiert Jörg Schüttauf als schüchterner Ete an der Seite von Thomas Putensen, der den draufgängerischen Ali verkörpert. Die Handlung setzt am Tag der Entlassung aus dem Grundwehrdienst an. Während Ete vor den Trümmern seiner Ehe steht – seine Frau Marita hat einen Liebhaber –, graut es dem unternehmungslustigen Ali vor der Öde seines Heimatdorfes. In einer Mischung aus Hilfsbereitschaft und Übermut drängt sich Ali in Etes Leben, vertreibt den Nebenbuhler und versucht, die zerrüttete Beziehung seines Freundes mit fragwürdigen Methoden zu retten. Kahane erzählt dabei unbeschwert von der Suche zweier junger Männer nach ihrem Platz in der Gesellschaft, ohne die Alltagskonflikte der DDR zu beschönigen.

Der Film markiert einen wichtigen Moment für das junge DEFA-Kino der 1980er-Jahre. Besonders die natürliche und vitale Darstellung Jörg Schüttaufs wird von der Kritik hervorgehoben und beim Nationalen Spielfilmfestival der DDR mit dem Preis für den besten männlichen Nachwuchsdarsteller gewürdigt. Das Werk trifft das Lebensgefühl einer Generation, die zwischen Anpassung und dem Wunsch nach Ausbruch schwankt.
(Filmspiegel, 13/1985, S. 14; Film und Fernsehen, 7/1985, S. 18)

Juli 1985

19. Juli

Jürgen Böttchers Porträt über den 96-jährigen Maler Hermann Glöckner, KURZER BESUCH BEI HERMANN GLÖCKNER, kommt in die Kinos. Gemeinsam mit Kameramann Thomas Plenert nähert sich Böttcher dem konstruktivistisch arbeitenden Künstler, der in der offiziellen Kunstlandschaft der DDR lange Zeit fast vergessen war. Der Film zeigt Glöckner mit tiefem Respekt vor seiner Lebensleistung, seiner Altersweisheit und seiner ungebrochenen schöpferischen Lust. Dass die Darstellung hochbetagter Menschen im Filmschaffen der DDR Seltenheitswert besitzt, verdeutlicht die Reaktion einer Fernsehredakteurin nach der Vorführung des Werkes. Mit der abfälligen Frage „Was soll dieser Tattergreis auf der Leinwand?“ offenbart sie das Unverständnis gegenüber Böttchers würdevoller Altersstudie.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1984, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 44; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 193)

Oktober 1985

7. Oktober

Die Nationalpreise für Kunst und Literatur des Jahres 1985 werden verliehen.

  • I. Klasse: An den Regisseur Karl Gass des DEFA-Studios für Dokumentarfilme (Betriebsteil Babelsberg) für seinen schöpferischen, auf Massenwirksamkeit orientierten Beitrag zur Entwicklung des Dokumentarfilmschaffens der DDR.

(ND, 5./6. Oktober 1985, S. 4; Filmspiegel, 22/1985, S. 2)

15. Oktober – 25. November

In Budapest findet ein sechswöchiges KSZE-Kulturforum statt. Über 800 Kulturschaffende, Künstler und Politiker aus 33 europäischen Staaten sowie den USA und Kanada beraten über die Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Der DDR-Delegation gehören namhafte Persönlichkeiten an, darunter Hermann Kant, Manfred Weckwerth, Willi Sitte, Gisela May, Stefan Hermlin, Siegfried Matthus, Kurt Maetzig, Lothar Bisky und Lothar Warneke. Für den Bereich Film ergreift der Regisseur Kurt Maetzig das Wort und spricht zum Thema „Für ein Klima des Vertrauens“. Als wesentliches Ergebnis der Konferenz stehen neben den Schlusskommuniqués und den Arbeitsplänen der Fachgruppen vor allem das gegenseitige Kennenlernen und der persönliche Gedankenaustausch zwischen Kunstschaffenden unterschiedlicher Identität und Herkunft.
(ND, 16. Oktober 85, S. 4; 24. Oktober 1985, S. 5; Berliner Zeitung, 29. Oktober 1985, S. 5; Film und Fernsehen, 4/1986, S. 2-3, 6-7; FBJ, 1985, S. 452)

18. Oktober

Anlässlich des 60. Geburtstages des 1982 verstorbenen DEFA-Spielfilmregisseurs und langjährigen Präsidenten der Akademie der Künste, Konrad Wolf, wird dessen Name an die Hochschule für Film und Fernsehen der DDR (HFF) in Potsdam-Babelsberg verliehen. Die Einrichtung trägt fortan den Ehrennamen HFF „Konrad Wolf“.
(ND, 19. Oktober 1985, S. 4; BFF, 4/1985, S. 5-14; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 232)

Dezember 1985

4. – 9. Dezember

In München findet auf Einladung der Filmgruppe „Das Team“ e.V. eine Filmwoche unter dem Titel „Filme aus der DDR – Filmemacherinnen stellen sich vor“ statt. Im Zentrum der Vorführungen und Fachgespräche stehen unter anderem die DEFA-Dokumentarfilme HEUWETTER und MANCHMAL MÖCHTE MAN FLIEGEN von Gitta Nickel sowie die Spielfilme ISABEL AUF DER TREPPE von Hannelore Unterberg und DAS FAHRRAD von Evelyn Schmidt. Diese Begegnung bildet den Auftakt für eine Reihe ähnlicher Einladungen zu Filmdiskussionen in die Bundesrepublik, die der DEFA in den kommenden Jahren folgen werden.
(Informationsbulletin des VFF, 2/1986, S. 7; FBJ, 1985, S. 450)

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