Filmstill zu "Mein lieber Robinson"

DEFA-Chronik für das Jahr 1989

 

Februar 1989

Das DEFA-Studio für Spielfilme erstellt seinen letzten Kaderentwicklungsplan. Dem Dokument ist eine detaillierte Analyse der Belegschaft nach Alter, Geschlecht und Parteizugehörigkeit vorangestellt. Ein Auszug der statistischen Erfassung verdeutlicht die personelle Struktur in den Leitungsfunktionen sowie im künstlerischen Bereich:

2. Februar

Der zweistündige DEFA-Dokumentarfilm WINTER ADÉ von Regisseurin Heike Misselwitz feiert im Berliner Kino Toni seine festliche Premiere. Auf einer Zugreise quer durch die DDR lässt die Filmemacherin Frauen unterschiedlichster Generationen und Lebenswege zu Wort kommen. Die Protagonistinnen, darunter eine Brikettarbeiterin, alleinerziehende Mutter mit behindertem Kind sowie eine Heimerzieherin, die sich für ihren Beruf aufgeopfert hat, gewähren dem Zuschauer einen ungeschminkten Blick in ihren Alltag. Besonders einprägsam bleibt die 85-jährige Frau, die anlässlich ihrer diamantenen Hochzeit gesteht, sie hätte besser einen anderen Mann heiraten sollen. Der Film zieht das Publikum unmittelbar in seinen Bann und erfährt auf internationalen Festivals große Anerkennung. Noch bei der ersten Vorführung auf der Leipziger Dokumentarfilmwoche 1988 reagieren leitende Mitarbeiter des DDR-Fernsehens auf die Frage nach einem Sendetermin mit strikter Ablehnung und behaupten, das Werk werde nie ausgestrahlt. Doch die politische Dynamik überholt diese Einschätzung: Bereits am 15. November 1989, inmitten der gesellschaftlichen Umbrüche der Wendezeit, wird der Dokumentarfilm zur besten Sendezeit im Fernsehen gezeigt. 
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1988, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 53; ND, 29. November 1988, S. 4; Berliner Zeitung, 3. Februar 1989, S. 2, 8. Februar 1989, S. 7; Neue Zeit, 9. Februar 1989, S. 4; ND, 15. Februar 1989, S. 4; ND, 17. November 1989, S. 4; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 251f; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 194)

März 1989

10. März

Die Heinrich-Greif-Preise des Jahres 1989 werden vergeben.

  • An ein Schöpferkollektiv des DEFA-Studios für Dokumentarfilme um Regisseur Peter Rocha, Dramaturgin Irmgard Ritterbusch und Kameramann Karl Farber für hervorragende Leistungen bei der Produktion von Dokumentarfilmen.
  • An den Regisseur Gunter Friedrich insbesondere für seine Leistungen auf dem Gebiet der Kinderdramaturgie.
  • An den Kameramann Gunter Haubold für langjähriges erfolgreiches künstlerisches Schaffen.
  • An den Filmszenenbildner Paul Lehmann für beispielhafte Leistungen und für die konsequente Förderung des künstlerischen Nachwuchses.
  • An den stellvertretenden Direktor des Staatliches Filmarchivs der DDR Manfred Lichtenstein für seine langjährige filmpropagandistische Arbeit.
  • An die Schnittmeisterin Monika Schindler für ihre langjährigen maßstabsetzenden Leistungen.

(Filmspiegel, 7/1989, S. 3; Berliner Zeitung, 11. März 1989, S. 7)

24. März

Der DEFA-Dokumentarfilm DIE KARBIDFABRIK von Heinz Brinkmann kommt in die Kinos. In seltener Direktheit thematisieren Leitung und Belegschaft der Karbidfabrik Schkopau die prekären Arbeitsbedingungen: Die völlig veraltete Anlage wird nur deshalb weiter betrieben, weil notwendige Ersatzinvestitionen als zu kostspielig und unrentabel gelten. Da Erdöl als preiswertere Rohstoffalternative nicht zur Verfügung steht, bleibt die Produktion auf den maroden Standort angewiesen. Eine defekte Kläranlage sowie der ungefilterte Ausstoß giftiger Abgase und Stäube gefährden massiv die Gesundheit der Arbeiter und beeinträchtigen die Lebensqualität in der gesamten Region. Die Bildsprache der Kamera und die musikalische Untermalung unterstreichen die industrielle Schreckensvision.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1988, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 47; Kino DDR, 3/1989, S. 63; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 193; Zwischentöne - Der DEFA-Komplex - Teil 07 - Von Karbid bis Aschermittwoch Profilierungsprobleme, Regie: Beate Schönfeldt, 60 Min., Dokumentarfilm, DOKFILM GmbH, 1993)

April 1989

27. April

AD des DEFA - Spielfilms „Treffen in Travers”, RE: Michael Gwisdek, SZ: Thomas Knauf, LV: Gleichnamige Erzählung von Fritz Hofmann, KA: Claus Neumann, DA: Hermann Beyer, Corinna Harfouch, Uwe Kockisch.
(in: Filmspiegel, 24/1988, S. 4 - 7, 11/1989, S. 14; Film und Fernsehen, 6/1989, S. 44; Informationsbulletin des VFF, 6/1990, S. 19 - 29; Kino DDR, 4/1989, S. 4 -9)

Mai 1989

19. Mai

AD des DEFA - Dokumentarfilms „Diese Briten, diese Deutschen. Zwei Filme - ein Dialog”. I. „Von Marx und Engels zu Marks & Spencer”, RE: Winfried Junge, MI: Barbara Junge, Hans - Eberhard Leupold; Amber - Team; II. „Von Marks & Spencer zu Marx und Engels”, RE: Amber - Team: Richard Grassick, Ellin Hare, Murray Martin, Peter Roberts, Lorna Powell, Viv Dawson, Mitarbeit Wienfried und Barbara Junge. (Zwei Hafenstädte, zwei Arbeiterzentren Newcastle und Rostock).
(in: Kino DDR , 5/1989, S. 49 - 56; Filmspiegel, 9/1989, S. 26 - 27)

Juni 1989

2. Juni

Der DEFA-Dokumentarfilm IVO UND SABINE – QUERSCHNITTSGELÄHMT von Regisseur Konrad Weiß kommt in die Kinos. Im DEFA-Studio für Dokumentarfilme entstehen in den 1980er-Jahren mehr als zehn Produktionen über Menschen mit Behinderungen. Neben Karlheinz Mund, Armin Georgi, Gunther Scholz und Gitta Nickel widmet sich vor allem der christlich geprägte Konrad Weiß dieser Thematik. Die Protagonisten seines Films haben das Abitur absolviert und weisen eine durchschnittliche Biografie auf; sie lehnen Mitleid ab, verdeutlichen jedoch die zusätzlichen gesellschaftlichen und physischen Hürden, die sie in ihrem Alltag bewältigen müssen.

Konrad Weiß engagiert sich in der Wendezeit in der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt und zieht später für das Bündnis 90 in die Volkskammer sowie anschließend in den Bundestag ein.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1988, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 46; Filmspiegel, 10/1989, S. 6-7; Berliner Zeitung, 10. Dezember 1990, S. 2; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 259f; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 195ff)

15. Juni

Im Kino International wird der Kriminalfilm DIE BETEILIGTEN von Horst E. Brandt uraufgeführt, der Verquickungen innerhalb der DDR-Nomenklatura thematisiert. Das Drehbuch von Gerhard Bengsch liegt bereits seit 1965 vor, wird jedoch aufgrund der brisanten systemkritischen Untertöne im Gefolge des 11. Plenums 1966 aus dem Produktionsplan gestrichen. Trotz der Ansiedlung der Handlung in den 1960er-Jahren bewahrt die Geschichte bis in das Jahr 1989 ihre Aktualität und politische Schärfe.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 198, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 23f; Filmspiegel,16/1988, S. 4-7, 15/1989, S. 14; Film und Fernsehen, 7/1989, S. 12-13; Kino DDR, 6/1989, S. 4-10; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 254)

16. Juni – 6. August

Die Akademie der Künste gestaltet im Berliner Marstall die Ausstellung Spielräume aus der Werkstatt des Filmszenografen Alfred Hirschmeier. Hirschmeier ist seit 1953 bei der DEFA als Filmarchitekt tätig und gilt als der renommierteste Vertreter seines Fachs; sein Name ist mit rund 65 Filmszenografien verbunden. Die Werkschau wird im Anschluss Anfang 1990 in Hamburg gezeigt. Im Jahr 1996 richtet die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf ihrem Honorarprofessor zu Ehren anlässlich seines 65. Geburtstags die Ausstellung „Partnerschaften“ aus. Nur wenige Tage darauf verstirbt Hirschmeier. Dass ihm das Filmband in Gold der Bundesrepublik Deutschland für sein Lebenswerk verliehen werden soll, erfährt er nicht mehr. Wolfgang Kohlhaase resümiert über den Ausnahmeszenografen, man habe sich von ihm die Welt wünschen können: Er verfügte über alltägliche Gegenstände und historische Landschaften, über Schlösser und Katen, Vorder- und Hinterhäuser, über Eisenbahnzüge im In- und Ausland, über Tag- und Nachtlokale, über alte Tapeten und über den fleckigen Putz an der Wand einer Zuchthauszelle. Seit 1997 vergibt die Akademie der Künste das von Jan Schlubach gestiftete Schlubach-Hirschmeier-Stipendium an begabte junge Filmszenografen, um das Andenken an das Mitglied der Sektion Film- und Medienkunst zu wahren.
(DEFA-Blende, 11/1989, S. 5; Filmspiegel, 14/1989, S. 24-25; ND, 7. Februar 1990, S. 4; Frank Beyer, Wolfgang Kohlhaase & Günter Agde: Für Alfred Hirschmeier. In: Film und Fernsehen 1996, S. 10-20)

28. Juni

Der niederländische Dokumentarfilmregisseur Joris Ivens stirbt im Alter von 90 Jahren in Paris. Als einer der bedeutendsten Dokumentaristen des 20. Jahrhunderts filmt er auf allen fünf Kontinenten und stellt seine Kunst in den Dienst der Befreiung des Menschen von Kolonialismus, Faschismus und Imperialismus. In seinem Schaffen folgt er dem Credo seines Freundes Bertolt Brecht: „Ändere die Welt, sie braucht es.“ Anfang der 1930er-Jahre arbeitet er als erster ausländischer Regisseur in der Sowjetunion und realisiert mit KOMSOMOLSK einen Film über den Aufbau von Magnitogorsk. Weltruhm erlangt er mit SPANISCHE ERDE über den Spanischen Bürgerkrieg, an dem Ernest Hemingway mitwirkt, sowie mit THE 400 MILLION über den chinesischen Widerstand gegen die japanische Invasion.

Ab Beginn der 1950er-Jahre ist das Werk von Joris Ivens eng mit der DDR und der DEFA verknüpft. Er realisiert fünf internationale Projekte, darunter LIED DER STRÖME (1954), DIE WINDROSE (1955) und gemeinsam mit Gérard Philipe die erste ostdeutsch-französische Koproduktion DIE ABENTEUER DES TILL ULENSPIEGEL. Ivens begleitet das Leipziger Dokumentarfilmfestival von dessen Gründung an, ist Ehrendoktor der Universität Leipzig sowie Ehrenmitglied zahlreicher filmwirtschaftlicher Verbände und der Akademie der Künste der DDR.

Im Jahr 1970 distanziert sich die DDR-Führung von Ivens mit der Begründung, er sei unter den Einfluss extremer Maoisten geraten, woraufhin seine öffentliche Wahrnehmung systematisch eingeschränkt wird. Die DEFA-Stiftung arbeitet dieses Kapitel der Filmgeschichte später mit der Publikation „Unbekannter Ivens“ von Günter Jordan auf. Nach dem Regisseur ist der „Joris Ivens Award“ benannt, der bis 2009 als Hauptpreis des International Documentary Film Festival Amsterdam vergeben wird.
(Günter Jordan: Unbekannter Ivens, Schriftenreihe DEFA-Stiftung 2018; Filmspiegel, 15/1989, S. 24-25; Informationsbulletin des VFF, 9/1989, S. 23; Dokumentaristen der Welt, Berlin, 1982, S. 33-44; Film A-Z: Taschenbuch der Künste, Berlin, 1984, S. 146-147)

August 1989

2. August

Der Kameramann Friedl Behn-Grund stirbt im Alter von 83 Jahren. Er gehört zu den erfahrensten Pionieren seines Fachs; bereits 1920 holt ihn Erich Waschnek als 14-jähriger zur UFA, ab 1924 wirkt er eigenständig hinter der Kamera. Nach zahlreichen Stumm- und Tonfilmen, unter anderem für Gerhard Lamprecht und Paul Verhoeven, ist Behn-Grund von 1936 bis 1945 bei der Tobis angestellt. In dieser Zeit dreht er neben Unterhaltungsfilmen wie TITANIC (1943) auch propagandistische Werke für das nationalsozialistische Regime, darunter Hans Steinhoffs OHM KRÜGER (1940) und Wolfgang Liebeneiners Euthanasie-Apologie ICH KLAGE AN (1941).

Kurz vor Kriegsende verliert Behn-Grund durch eine Granate ein Bein. Dennoch steht er bereits wenige Monate später für Wolfgang Staudte hinter der Kamera, um mit DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (1946) den ersten deutschen Nachkriegsspielfilm zu realisieren. In diesem Werk gelingt es ihm, die bedrückende Atmosphäre der Trümmerzeit in eine eindringliche Bildsprache zu übersetzen. Seine Arbeit für die DEFA setzt er mit Filmen wie EHE IM SCHATTEN (1947) und DER RAT DER GÖTTER (1950) fort, wobei er über den rein technischen Rahmen hinaus zum entscheidenden künstlerischen Mitarbeiter des Gesamtwerks aufsteigt. Für beide Produktionen erhält er den Nationalpreis der DDR.

Ab 1950 ist Behn-Grund, der als West-Berliner Grenzgänger zwischen den Systemen arbeitet, als freier Kameramann in der Bundesrepublik tätig. Er gestaltet die Bilder für bedeutende Literaturverfilmungen wie BEKENNTNISSE DES HOCHSTABLERS FELIX KRULL (1957) oder BUDDENBROOKS (1959) und deckt ein breites Spektrum vom Lustspiel bis zum Historienfilm ab. Für sein langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film wird er 1974 mit dem Filmband in Gold geehrt.
(Filmspiegel, 19/1989, S. 23; Information der HFF, 3/4/5/6, 1976, S. 401-406; Film A-Z: Taschenbuch der Künste, Berlin, 1984, S. 30-31; Peter Matthies: Friedl Behn-Grund , In: filmportal.de, Anruf: 21. Mai 2025)

September 1989

1. September

Nach mehr als zwölf Jahren Amtszeit wird Generaldirektor Hans Dieter Mäde vom Minister für Kultur aus Krankheitsgründen abberufen und tritt in den Vorruhestand. Zu seinem Nachfolger als Generaldirektor des DEFA-Studios für Spielfilme wird Gert Golde berufen, der damit faktisch zum Abwickler des Studios wird – eine Entwicklung, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen ist. Golde gehört dem Studio bereits seit 25 Jahren in leitenden Funktionen an: Von 1965 bis 1971 wirkt er als Direktor für Ökonomie, ab 1971 als Direktor für Produktion und seit 1977 zudem als erster Stellvertreter des Generaldirektors. Aufgrund der Erkrankung von Hans Dieter Mäde leitete er die Geschäfte bereits seit Anfang 1989 dauerhaft interimistisch. Zeitgleich wird Professor Dr. Rudolf Jürschik, der seit Mai 1977 als Chefdramaturg im Studio tätig ist, zum Künstlerischen Direktor berufen.
(DEFA-Blende, 16/1989, S. 4-5; Filmspiegel, 20/1989, S. 2; ND, 9. September 1989, S. 11; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 254f; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen , Filmmuseum Potsdam,2. Überarbeitete Fassung 2013, S. 134f; Dorett Molitor & Gerd Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 171)

7. September

Der DEFA-Spielfilm DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO von Rainer Simon feiert Premiere. Die 1988 mit großem Aufwand in der DDR, in Frankreich, Spanien und Ecuador realisierte deutsch-deutsche Koproduktion zeichnet das Leben Alexander von Humboldts nach. In seiner ersten Hauptrolle verkörpert Jan Josef Liefers den Forscher, dessen Werdegang und unermüdliches Streben nach Erkenntnis ein für die Enge der DDR ungewöhnliches Thema darstellen. Rainer Simon betont die Intention des Films damit, dass es in einer Zeit der Anpassung wichtig sei, junge Menschen durch diese Figur dazu zu ermutigen, ihre Träume zu verwirklichen. Als das Werk auf der 40. Berlinale gezeigt und später im ZDF ausgestrahlt wird, ist die DDR bereits Geschichte.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1989, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 16; Informationsbulletin des VFF, 11/1989, S. 7; Filmspiegel, 1/1989, S. 4-7, 20/1989, S. 14; Film und Fernsehen, 12/1989, S. 2-4; Kino DDR, 9/1989, S. 20-28; Philip Zengel:  DEFA-Film des Monats: Die Besteigung des Chimborazo, Januar 2026)

15. September

In Potsdam findet die Bezirksfilmpremiere des DEFA-Dokumentarfilms MAX HOELZ von Günter Jordan statt. Der Film sucht nach der Wahrheit über die Todesumstände von Max Hoelz, einem in den 1920er-Jahren berühmten Revolutionär, der ab 1928 im Auftrag der KPD in der Sowjetunion lebte und dort 1933 angeblich beim Baden ertrank. Ab Mitte der 1980er-Jahre kommen aus dem DEFA-Studio für Dokumentarfilme vermehrt Werke in die Kinos, die ehemals tabuisierte Themen oder eine schöngefärbte Geschichtsschreibung kritisch hinterfragen. Dazu gehören neben Jordans Porträt auch DIE VERLORENE ZEIT über Anton Ackermann sowie Eduard Schreibers ICH WAR EIN GLÜCKLICHER MENSCH über den Journalisten Tilbert Eckertz, der trotz einer unrechtmäßigen Haftstrafe wegen angeblicher Spionage an seinen sozialistischen Idealen festhält.
(Filmspiegel, 10/1989, S. 7, 19/1989, S. 3; Informations-Bulletin des VFF, 11/1989 , S. 7, Film und Fernsehen, 3/1990, S. 6-9; Claus Löser: DEFA-Dokumentarfilme zur Wende , 2019. Abruf: 28. Februar 2025)

22. September

AD des DEFA - Spielfilms „Zwei schräge Vögel”, RE: Erwin Stranka, SZ: Diethardt Schneider, KA: Helmut Bergmann, DA: Götz Schubert, Matthias Wien, Simone Thomalla
(in: Filmspiegel, 8/1989, S.5-7, 21/1989, S.14; Film und Fernsehen, 12/1989, S.4-5; Kino DDR, 9/1989, S.4-8)

Oktober 1989

In der Schweiz finden erstmalig DDR-Filmwochen statt, die durch sieben Städte des Landes führen. Gezeigt wird ein Programm aus 17 DEFA-Spiel- und Dokumentarfilmen, die einen Querschnitt des filmischen Schaffens aus dem Zeitraum zwischen 1979 und 1988 präsentieren.
(Filmspiegel, 25/1989, S. 3)

2. Oktober

Walter Janka, Kommunist, Spanienkämpfer und SED-Mitglied, bricht sein jahrzehntelanges Schweigen über das ihm in der DDR zugefügte Unrecht. Angesichts der Befürchtung, die Staatsmacht könne die aufkeimenden Proteste wie im Mai 1989 in China gewaltsam niederschlagen, veröffentlicht er im Rowohlt-Verlag seine Autobiografie „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“. Das Manuskript lag bereits seit Langem abgeschlossen in seiner Schublade und sollte ursprünglich erst nach seinem Tod erscheinen.

Walter Jankas Lebensweg ist eng mit der DEFA verknüpft. Im Juli 1948 durch Anton Ackermann in den Vorstand berufen, fungiert er bis 1949 als Generaldirektor des Studios. 1956 wird er wegen angeblicher Bildung einer konterrevolutionären Gruppe und Boykotthetze zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er vier Jahre in strenger Einzelhaft im Stasi-Gefängnis Bautzen verbringt. Nach seiner vorzeitigen Entlassung infolge internationaler Proteste arbeitet er ab 1962 als stoffführender Dramaturg im DEFA-Studio für Spielfilme, wobei sein Name im Abspann der Filme zunächst nicht genannt werden darf. Erst 1972 erscheint er auf Initiative von Konrad Wolf bei dessen Film GOYA erstmals wieder in den Credits.

Obwohl Janka 1972 erneut in die SED aufgenommen wird und fortan unter eigenem Namen publizieren darf, erfolgt seine offizielle Anerkennung nur zögerlich; 1989 erhält er als Form der stillschweigenden Rehabilitierung den Vaterländischen Verdienstorden in Gold. Die Veröffentlichung seiner Biografie erschüttert jene Kreise in der DDR, die an die Ideale eines humanen Sozialismus geglaubt haben. Janka avanciert in den letzten Tagen der DDR zum Symbol und zur moralischen Instanz.

Das Buch verbreitet sich wie ein Lauffeuer und veranlasst die Außerordentliche Vollversammlung der Sektion Spielfilm des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden am 18. Oktober zu der Forderung, Janka umgehend zu rehabilitieren. Nach einer öffentlichen Lesung im Deutschen Theater am 28. Oktober, bei der Ulrich Mühe gemeinsam mit Janka auftritt und das Publikum den Autor mit stehenden Ovationen feiert, gewinnt die Debatte weiter an Dynamik. Am 5. Januar 1990 hebt das Oberste Gericht der DDR das Unrechtsurteil gegen Walter Janka, Gustav Just, Heinz Zöger und Richard Wolf schließlich auf und spricht die Betroffenen von jeder Schuld frei.
(Walter Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Berlin und Weimar, 1990, S. 120-124; Kurzprotokoll der Außerordentliche Vollversammlung der Sektion Spielfilm vom 18. Oktober 1989 In: Informationsbulletin des VVF, 1/1990, S. 15f; ND, 5. Januar 1990, S. 2; 6. Januar 1990, S. 1; Film und Fernsehen, 2/1990, S. IX-XXIV; Filmspiegel, 4/1990, S. 6–7)

2. Oktober

Nach mehrfachen Verschiebungen erfolgt der Drehbeginn des DEFA-Spielfilms DIE ARCHITEKTEN. Autor Thomas Knauf schreibt das Szenarium frei von innerer Zensur und konzentriert sich auf die Frage, wie die Gesellschaft mit Menschen umgeht, die über das Mittelmaß hinausstreben. In den Gesprächen vor Drehbeginn mahnt die DEFA-Direktion das Team, die im Film dargestellten Direktoren und Parteisekretäre keinesfalls satirisch zu überhöhen, da sie eine Ablehnung des Werkes durch die staatlichen Instanzen befürchtet.

Die Dreharbeiten zu DIE ARCHITEKTEN werden am 16. Januar 1990, mitten in der Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, abgeschlossen. Als der Film am 21. Juni 1990 in die Kinos kommt, ist das Publikum bereits zu sehr mit der persönlichen Neuorientierung und den Umwälzungen im Land beschäftigt, als dass die filmische Aufarbeitung der Probleme von gestern noch auf breites Interesse stoßen würde. Das Schicksal, unverdient wenig Beachtung zu finden, teilt der Film mit einer Reihe kritischer Gegenwartsfilme der DEFA, darunter ABSCHIEDSDISCO von Rolf Losansky, RÜCKKEHR AUS DER WÜSTE von Bernhard Stephan und MOTIVSUCHE von Dietmar Hochmuth.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 255f)

5. Oktober

Die Nationalpreise für Kunst und Literatur des Jahres 1989 werden vergeben.

  • I. Klasse: An den Schauspieler Kurt Böwe für seine überragenden darstellerischen Leistungen am Deutschen Theater Berlin sowie in Film, Funk und Fernsehen.
  • I. Klasse: An den Schauspieler Rolf Hoppe für seine hervorragenden künstlerischen Leistungen in nationalen und internationalen Film- und Fernsehproduktionen.
  • I. Klasse: An die Regisseure Prof. Walter Heynowski und Prof. Gerhard Scheumann für ihren schöpferischen Anteil an der Gestaltung der Filmtrilogie DIE DRITTE HAUT.
  • II. Klasse: An den Regisseur Rainer Simon für seine maßstabsetzenden Leistungen im DEFA-Studio für Spielfilme.

(ND, 6. Oktober 1989, S. 4; Filmspiegel, 22/1989, S. 2)

6. Oktober

Im Palast der Republik in Berlin findet die Festveranstaltung anlässlich des 40. Jahrestages der DDR statt. In seiner Grußansprache mahnt Michail Gorbatschow: „Das Leben bestraft diejenigen, die nicht auf seine Anforderungen reagieren.“ In der Berichterstattung der westlichen Medien wird dieser Satz zu der prägnanten Formel „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ verkürzt, die daraufhin zum geflügelten Wort avanciert.
(ND, 9. Oktober 1989)

7. Oktober

Am Vorabend des 40. Jahrestages der DDR nehmen 70.000 Jugendliche aus der gesamten Republik am Fackelzug der FDJ auf der Karl-Marx-Allee teil. Hinter dem äußeren Schein des Treuebekenntnisses verbirgt sich bei vielen Teilnehmenden die Hoffnung auf tiefgreifende Reformen. Am 7. Oktober jubeln zahlreiche Berliner Michail Gorbatschow bei der offiziellen Demonstration vor dem Palast der Republik zu.

Zeitgleich formiert sich, durch Handzettel organisiert, ein Protestzug gegen die Wahlfälschungen vom Mai 1989, der vom Alexanderplatz zur Gethsemanekirche führt. Rund 10.000 Oppositionelle stehen einem Aufgebot von etwa 15.000 Polizeikräften gegenüber. An der Gethsemanekirche werden die Demonstrierenden eingekesselt. Es folgen 1.071 vorübergehende Festnahmen, sogenannte Zuführungen, die von brutaler polizeilicher Gewalt und demütigenden Prozeduren begleitet werden. Unter den Inhaftierten befinden sich auch Filmschaffende der DEFA, wie etwa der Regisseur Thomas Heise.

In den darauffolgenden Tagen erstellt die evangelische Kirche, die dem Neuen Forum Schutz bietet, eine Sammlung von Gedächtnisprotokollen der Betroffenen. Diese Berichte verbreiten sich in kürzester Zeit und verstärken die Empörung innerhalb der oppositionellen Kreise und der Bevölkerung massiv.
(Eberhard Aurich: Einschätzung der politischen Lage. Berlin 9. Oktober 1989; Frank Hörnigk: Das geteilte Leben des Gerhard Scheumann. Verlag für Berlin-Brandenburg 2017, S. 197; Gedächtnisprotokolle - Tage und Nächte nach dem 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin ; Klaus Bästlein: „Der letzte 'Tag der Republik' Deutschland Archiv“  Nr. 5/2009)

18. Oktober

Die Außerordentliche Vollversammlung der Sektion Spielfilm des VFF positioniert sich zur aktuellen Situation. Im Protokoll wird festgehalten, dass das Vertrauen zur Parteiführung grundsätzlich gestört ist. Zudem verabschiedet die Versammlung den Antrag, Walter Janka umgehend zu rehabilitieren.
(Informationsbulletin des VVF, 1/1990, S. 9-16, Kurzprotokoll)

18. Oktober

Auf der 9. Tagung des Zentralkomitees der SED wird Erich Honecker von seiner Funktion als Generalsekretär sowie vom Amt des Vorsitzenden des Staatsrates und weiteren Funktionen entbunden. Auf Vorschlag des Politbüros wählt das Zentralkomitee Egon Krenz zum neuen Generalsekretär. Gerhard Scheumann notiert dazu zynisch in seinem Tagebuch, damit sei der erfahrenste Demokrat in das höchste Amt gekommen: der Wahlleiter der Republik vom Mai 1989. Die Amtszeit von Egon Krenz bleibt jedoch kurz: Zwar wird er am 24. Oktober zusätzlich zum Vorsitzenden des Staatsrates gewählt, doch bereits am 4. Dezember tritt das gesamte Zentralkomitee samt Politbüro der SED geschlossen zurück. Am 6. Dezember legt Krenz schließlich auch sein Amt als Staatsratsvorsitzender nieder.
(ND, 19. Oktober 1989, S. 1, 25. Oktober 1989, S. 1; 4. Dezember 1989, S. 1; 7. Dezember 1989, S. 1; Frank Hörnigk: Das geteilte Leben des Gerhard Scheumann. Verlag für Berlin-Brandenburg 2017, S. 198)

19. Oktober

Das Präsidium des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden veröffentlicht nach einer tiefgreifenden Debatte über die gesellschaftspolitische Lage und die aktuelle Medienpolitik einen ersten Maßnahmenkatalog unter dem Titel: Fehlentscheidungen jetzt rückgängig machen – Medien müssen das Vertrauen wiedergewinnen. Als vordringliche Schwerpunkte werden folgende Ziele formuliert:

  • Die Schaffung eines vom Volk akzeptierten Fernsehens, das die politische Kultur aktiv fördert.
  • Die Umgestaltung der Medien zu Organen des Dialogs zwischen allen gesellschaftlichen Kräften.
  • Die sofortige Wiederzulassung verbotener sowjetischer Filme sowie der Zeitschrift „Sputnik“.
  • Die Etablierung einer demokratischen Kontrolle der Medien.

(Filmspiegel, 23/1989, S. 2; Informationsbulletin des VFF, 12/1989, S. 1; Berliner Zeitung, 20. Oktober 1989, S. 4 )

24. Oktober

In einer neunstündigen Vorstandssitzung des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden (VFF) wird nach einer leidenschaftlichen und kontroversen Debatte auf Vorschlag des Filmwissenschaftlers Rolf Richter die Kommission zur Untersuchung der Vorgänge um verbotene und zurückgezogene DEFA-Filme ins Leben gerufen. Das Gremium, dem neben dem Leiter Rolf Richter auch Christel Gräf, Christiane Mückenberger, Regine Sylvester, Eva Nahke und Ralf Schenk angehören, sichtet neben den infolge des 11. Plenums von 1965 verbotenen Spielfilmen auch unterbundene oder in der Distribution behinderte Dokumentar- und Trickfilme. Als erstes Werk wird Kurt Maetzigs DAS KANINCHEN BIN ICH gesichtet und der Hauptverwaltung Film zur sofortigen Zulassung empfohlen.
(Informationsbulletin des VFF, 12/1989, S. 2-4; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 256)

November 1989

4. November

Nach den Massendemonstrationen der vorangegangenen Wochen in Plauen, Dresden und Leipzig versammeln sich auf dem Berliner Alexanderplatz zwischen 500.000 und einer Million Menschen. Diese größte genehmigte Demonstration in der Geschichte der DDR wird von Berliner Theaterleuten, insbesondere Künstlern der Volksbühne, initiiert. Eigene Ordner sichern die Veranstaltung mit Spruchbändern und der Mahnung „Keine Gewalt“. Auf der Tribüne sprechen über 20 Personen: Kunstschaffende, Kirchenvertreter und Oppositionelle ebenso wie Angehörige der staatlichen Führungselite. Während die Reden der Bürgerrechtler, kritischen Intellektuellen und Künstler – allen voran Stefan Heym – großen Beifall ernten, werden Markus Wolf und Günter Schabowski vom Publikum ausgebuht. Aus den Reihen der DEFA-Filmschaffenden ergreifen Steffi Spira, Annekathrin Bürger, Ulrich Mühe und Jan Josef Liefers das Wort.
(Klaus Bästlein: „Der letzte 'Tag der Republik' Deutschland Archiv“  Nr. 5/2009)

9. November

Premiere des DEFA-Spielfilms COMING OUT von Heiner Carow im Berliner Premierenkino International. COMING OUT ist der erste und einzige DEFA-Spielfilm, der das Thema Homosexualität ins Zentrum rückt. Regisseur Heiner Carow hatte über viele Jahre hinweg um die Realisierung dieses Projekts gekämpft. Über die konkrete Liebesgeschichte hinaus wird das Werk allgemeingültig als Gleichnis für das Bekenntnis zu sich selbst und zur Wahrheit wahrgenommen. Aufgrund des enormen Interesses findet die Premiere in zwei aufeinanderfolgenden Vorstellungen um 19.30 Uhr und 22.00 Uhr statt. Während die Vorführungen noch laufen, fällt die Berliner Mauer. Trotz der zeitgleich stattfindenden politischen Umwälzungen wird der Film ein großer Publikumserfolg, vielfach ausgezeichnet und auf internationale Festivals eingeladen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1989, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 17; Informationsbulletin des VFF, 1/1990, S. 29; Filmspiegel, 22/1989, S. 4-9; 25/1989, S. 14-15; Film und Fernsehen, 3/1990, S. 10-11; Kino DDR, 11/1989, S. 4-9; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 257)

9. November

Die Mauer, das Symbol der deutschen Teilung, fällt. In Berlin tanzen die Menschen auf den Straßen und feiern die neu gewonnene Freiheit.

Unter dem massiven Druck durch die Grenzöffnung in Ungarn, die Besetzung der bundesdeutschen Botschaft in Prag sowie die anhaltenden Massendemonstrationen in Leipzig und Berlin sieht sich die DDR-Regierung gezwungen, einen legalen Reiseverkehr für ihre Bürgerinnen und Bürger zu ermöglichen. Seit Mai 1989 hatten bereits rund 200.000 überwiegend junge Menschen die DDR verlassen. Als Günter Schabowski am Abend des 9. November gegen 19 Uhr im Pressezentrum die Frage nach dem Inkrafttreten des neuen Reisegesetzes fälschlicherweise mit den Worten „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“ beantwortet, verliert die DDR endgültig die Kontrolle über ihre Grenzen.
(Bundeszentrale für politische Bildung: Als die Mauer fiel - der 9. November 1989 
, Abruf: 18. Mai 2025)

13. November

Die 11. Tagung der Volkskammer der DDR beruft den Ministerrat unter der Leitung von Willi Stoph ab. Zum neuen Vorsitzenden des Ministerrates wird Hans Modrow gewählt, der sich zuvor als SED-Bezirkssekretär von Dresden als Reformer profiliert hat.
(ND, 14. November 1989, S. 1)

16. November

Helke Misselwitz wird für ihren Dokumentarfilm WINTER ADÉ mit dem seit 1986 vergebenen Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste ausgezeichnet. Die Laudatio hält Markus Wolf, der Bruder von Konrad Wolf, der bis Februar 1986 als Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung im MfS tätig war. Die Regisseurin verbindet ihren Dank mit einer deutlichen politischen Botschaft: „Ich wünsche mir für die Zukunft unseres Landes, dass man Preise in Empfang nehmen kann, ohne in Misskredit zu geraten. Und dass man Preise ablehnen kann, ohne in Misskredit zu geraten.“
(ND, 17. November 1989, S. 4; Neue Zeit, 21. Januar 1989, S. 4; Filmspiegel, 25/1989, S. 2; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 252)

17. November

Die 12. Tagung der Volkskammer bestätigt die von Ministerpräsident Dr. Hans Modrow vorgeschlagene Besetzung der neuen DDR-Regierung. Das Amt des Ministers für Kultur übernimmt Dr. Dietmar Keller, der bereits seit 1984 als stellvertretender Kulturminister tätig war. Er tritt damit die Nachfolge von Hans-Joachim Hoffmann an.
(ND, 18. November 1989, S. 3)

23. November

Der 1966 verbotene DEFA-Spielfilm SPUR DER STEINE von Frank Beyer wird im Berliner Filmtheater „International“ feierlich wiederaufgeführt. An der Veranstaltung nimmt auch Hauptdarsteller Manfred Krug teil.
(Filmspiegel, 25/1989, S. 2; 26/1989, S. 10-11, 27; Informationsbulletin des VFF, 6/1990, S. 31-33)

24. – 30. November

Die 32. Internationale Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche steht ganz im Zeichen des gesellschaftlichen Umbruchs. Als Eröffnungsfilm wird LEIPZIG IM HERBST (R: Andreas Voigt) gezeigt. Der Dokumentarfilm fängt die Dynamik des Oktoberaufstands 1989 ein, als sich die Ereignisse auf den Leipziger Straßen überstürzten, und benennt die gesellschaftlichen Konflikte offen in Bild und Ton. Da sich das Festival in den Vorjahren zunehmend zu einem Instrument staatlicher Reglementierung entwickelt hatte – was unter anderem zum Ausschluss kritischer sowjetischer Filme und zur Unterdrückung freier Diskussionen führte –, zieht das Festivalkomitee Konsequenzen. Am Ende der Woche treten Ronald Trisch, Gitta Nickel, Kurt Tetzlaff, Annelie Thorndike und weitere Mitglieder geschlossen zurück, um den Weg für eine personelle und inhaltliche Erneuerung des Festivals freizumachen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1989, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 51; Filmspiegel, 21/1989, S. 23, 22/1989, S. 26-27, 26/1989, S. 2-3, 10-11, 26-27; Film und Fernsehen, 4/1990, S. 12-18; ND, 25. November 1989, S. 4; Claus Löser: DEFA-Dokumentarfilme zur Wende . Bundeszentrale für politische Bildung, 2019; Reinhild Steingröver: Spätvorstellung: Die chancenlose Generation der DEFA. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Bertz+Fischer, Berlin: 2014, S. 192-225; Grit Lemke: Die Leipzig-Filme von Andreas Voigt.  Bundeszentrale für politische Bildung, 2019)

24. – 30. November

Auf der 32. Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche feiert der DEFA-Dokumentarfilm UNSERE KINDER von Roland Steiner seine Uraufführung. Die soziologische Studie über die Verhaltensweisen junger Menschen zeigt erstmals in einer DEFA-Produktion Angehörige verschiedener Subkulturen und Randgruppen, darunter Skinheads, Punks und Gruftis. Der Film porträtiert Jugendliche auf der Suche nach eigenen Wegen und neuen Idealen, die mit ihren Problemen oft alleingelassen wurden und Gewalt als vermeintlich einfachste Form der Konfliktlösung begreifen. Als moralische Instanzen der Wendezeit kommen die Schriftsteller Stefan Heym und Christa Wolf zu Wort. Während Christa Wolf das direkte Gespräch mit zwei rechtsradikalen Jugendlichen sucht, zieht Stefan Heym historische Parallelen zur Krisensituation vor der Zeit des Nationalsozialismus. Der Film geht den Ursachen für die Radikalisierung nach, verzichtet jedoch bewusst auf die Vorgabe einfacher Lösungen. UNSERE KINDER wird in Leipzig mit einer Silbernen Taube ausgezeichnet.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1989, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 57; Filmspiegel, 24/1989, S. 26-27; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 191; Zwischentöne - Der DEFA-Komplex - Teil 13 - Übergangsfilme zwischen Subvention und Autonomie. Regie: Manfred Hübner, Beate Schönfeldt, 60 Min., Dokumentarfilm, DOKFILM GmbH, 1993)

Dezember 1989

Innerhalb des DEFA-Studios für Spielfilme begehrt das technische und ökonomische Personal gegen die laufenden Projekte der Regisseure Hochmuth und Dessau auf, die abschätzig als Privilegiertensöhne tituliert werden. Die Belegschaft fordert mit Nachdruck, diese sowie sämtliche geplanten Vorhaben durch eine unabhängige Kommission prüfen zu lassen, deren Mitglieder demokratisch aus den eigenen Reihen zu wählen seien. Dieser Protest entfaltet eine unmittelbare Wirkung und bringt das Projekt „Volksentscheid“ unter der Regie von Siegfried Kühn zu Fall. Die Ironie dieser Zensur von unten liegt darin, dass gerade dieses Werk den schleichenden Übergang von demokratischen Ansätzen hin zu Machtmissbrauch und Korruption thematisieren soll.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 260)

3. Dezember

Auf der 12. Tagung des ZK der SED treten das Politbüro und das Zentralkomitee unter der Führung von Egon Krenz geschlossen zurück. Nur wenige Tage darauf, am 8. und 9. Dezember, tritt ein von Reformkräften vorbereiteter außerordentlicher Parteitag der SED zusammen. Nach Hans Modrows Bericht zur Lage der Nation und Gregor Gysis programmatischer Rede zur Formierung einer neuen politischen Kraft vollzieht die Partei die Umbenennung in SED-PDS. Gregor Gysi übernimmt dabei das Amt des neuen Vorsitzenden.
(ND, 4. Dezember 1989, S. 1; 9./10. Dezember 1989, S. 1)

4. Dezember

Die Betriebszeitung des DEFA-Studios für Spielfilme, die DEFA-Blende, veröffentlicht den von Christa Wolf, Stefan Heym und weiteren Initiatoren verfassten Aufruf „Für unser Land“. Das Manifest plädiert für den Erhalt einer eigenständigen DDR und beschwört die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu den europäischen Staaten eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Die Verfasser mahnen eine Besinnung auf die ursprünglichen antifaschistischen und humanistischen Ideale an. Die Redaktion der DEFA-Blende ergänzt den Abdruck um die Solidaritätsbekundung, die DDR dürfe keine Ko(h)lonie werden.
(DEFA-Blende, 4. Dezember 1989, S. 1; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 261)

10. Dezember

Der im Jahr 1982 von der SED und dem Kulturministerium schwer disziplinierte Dokumentarfilmer Gerhard Scheumann stellt das Preisgeld seines im Oktober verliehenen Nationalpreises I. Klasse in Höhe von 60.000 Mark der DDR zur Verfügung. Die Summe fließt zu gleichen Teilen an das Centrum Judaicum sowie an eine geplante Gedenkstätte für die Opfer des Stalinismus. Öffentlich distanziert sich Scheumann von der zeitgenössischen Praxis, staatliche Auszeichnungen aus Protest zurückzugeben, und bezeichnet dies als modisch gewordene Attitüde. Er betont sein Vertrauen in Hans Modrow als Repräsentanten der Erneuerung und verknüpft sein Lebenswerk untrennbar mit der internationalen Solidarität sowie dem Kampf gegen Neofaschismus und Neokolonialismus. Wenige Tage später folgt sein langjähriger Arbeitspartner Walter Heynowski diesem Beispiel und spendet sein Preisgeld für den Aufbau Nicaraguas.
(ND, 11. Dezember 1989, S. 10; Filmspiegel, 1/1990, S. 2; Frank Hörnigk: Das geteilte Leben des Gerhard Scheumann. Verlag für Berlin-Brandenburg 2017, S. 201)

13. Dezember

25 Jahre nach seinem Verbot im Jahr 1965 erlebt der DEFA-Spielfilm DAS KANINCHEN BIN ICH (R: Kurt Maetzig) in der Berliner Akademie der Künste seine erste öffentliche Aufführung. Mit dieser Vorführung eröffnet die Akademie ihre Retrospektive „Verbotene Filme der 60er Jahre“. Die offizielle Kinopremiere des Werkes erfolgt am 8. März 1990 im Kino International.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 105ff ; DEFA-Blende, 9/1989, S. 4; Film und Fernsehen, 5/1990, S.10-12; Kino DDR, 3/1990, S. 12-18; ND, 15. Dezember 1989, S. 5; Berliner Zeitung, 14. Dezember 1989, S. 2; Film und Fernsehen, 5/1990)

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