DEFA-Chronik für die Jahre 1993 bis 1998
1993
Im Januar 1993 stehen im Studio Babelsberg zwar noch 621 Mitarbeiter auf der Lohnliste, doch der Betrieb ruht faktisch. Im Frühjahr desselben Jahres meldet die CIP dem Arbeitsamt für 200 der vertraglich zugesicherten Arbeitsplätze Kurzarbeit mit „Nullstunden“ an.
Die Vision des französischen Investors und Volker Schlöndorffs, Babelsberg als zentralen Filmstandort für die gesamte Bundesrepublik zu etablieren und an den Glanz der 1920er-Jahre anzuknüpfen, stößt schnell an Grenzen. Das Vorhaben scheitert an der föderalen Struktur Deutschlands, dem negativen Image des „roten Ostens“ sowie der Übermacht etablierter Medienstandorte.
Die westdeutschen Bundesländer kämpfen massiv darum, die Medienumsätze der öffentlich-rechtlichen Sender in Städten wie Mainz, Köln, Hamburg und München zu halten. Gleichzeitig streben auch die anderen neuen Bundesländer nach Eigenständigkeit und bauen eigene Produktionskapazitäten auf, statt Aufträge nach Babelsberg zu vergeben.
Zudem kann die Filmförderung in Berlin und Brandenburg finanziell nicht mit den starken westdeutschen Ländern konkurrieren. Erschwerend kommt hinzu, dass das rein auf Dienstleistung setzende Geschäftsmodell der CIP aus ökonomischen und ideologischen Gründen kaum Resonanz findet. Volker Schlöndorff resümiert dazu: „Für neunzig Prozent der westdeutschen Produzenten war es unvorstellbar, in der DDR zu drehen, ganz besonders für die West-Berliner. Das war einfach das Feindesland.“
(Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 342-353; Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Gespräch mit Volker Schlöndorff. In: Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, 2. Auflage, Berlin 2006 S. 520ff)
11. November
ZIRRI – DAS WOLKENSCHAF feiert Premiere im Berliner Kino International. Es ist die letzte DEFA-Spielfilmproduktion, die ohne Koproduktionspartner realisiert wird. Regisseur Rolf Losansky realisierte diesen poetischen Film, der die Sehnsucht nach Natur im städtischen Raum thematisiert, bereits Anfang 1992 auf Grundlage des gleichnamigen Kinderbuchs von Fred Rodrian. Die Filmmusik stammt von Reinhard Lakomy, dem Schöpfer des in der DDR überaus populären Kindermusicals „Der Traumzauberbaum“. Losansky gilt als einer der erfolgreichsten Kinderfilmregisseure der DEFA, dessen Gesamtwerk vielfach ausgezeichnet wurde. Im Jahr 2011 wird er von der DEFA-Stiftung mit dem Preis für die Verdienste um den deutschen Film geehrt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 76f; Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 336)
Dezember
Die von Erika Richter herausgegebene Zeitschrift Film und Fernsehen führt in Zusammenarbeit mit den Filmverbänden Berlin und Brandenburg eine Umfrage unter dem entlassenen künstlerischen Personal der DEFA-Studios und des DDR-Fernsehens durch. Die Erhebung widmet sich der beruflichen Situation nach dem Ausscheiden aus den Betrieben und stellt Fragen nach eingereichten Projekten bei Filmförderungen, realisierten Produktionen, der Art der Veröffentlichung sowie der aktuellen Tätigkeit.
Von den Teilnehmern ziehen 19 Filmschaffende, darunter Andreas Dresen, Winfried Junge, Günter Jordan, Hans Kratzert, Andrea Kuschel, Manfred Richter und Hannelore Unterberg, eine positive Bilanz. Andere hingegen äußern sich verbittert; sie sind vor allem froh über den Zugang zu Sozialleistungen. Exemplarisch fasst der Drehbuchautor Manfred Richter die Stimmung bei den Treffen namhafter Regisseure, Dramaturgen und Autoren (u.a. Roland Gräf, Lothar Warneke, Hans-Jörg Schlegel, Wolfgang Trampe) zusammen: „Die Gespräche schwanken zwischen Hoffnung, Lethargie und mutmachendem Bier.“
Parallel dazu gründen ehemalige Mitarbeitende unter erheblichem finanziellem Risiko eigene Produktionsfirmen wie ö-Film, UM WELT FILM, Tele Potsdam, Brandenburger Filmbetrieb, Sanssouci-Film, Ost-Film, FilmArt oder Ochsenkopf. Hier realisieren Dokumentarfilmer wie Volker Koepp, Joachim Tschirner, Andreas Voigt, Peter Voigt, Karlheinz Mund oder Roland Steiner neue Projekte.
Dieter Schumann geht nach Schwerin und baut dort das Landesfilmzentrum mit auf. Während im abgewickelten Dokumentarfilmstudio kaum noch Spielraum bleibt, entstehen in Schwerin neue Strukturen: Film- und Videowerkstätten, kommunale Kinos sowie Programme zur Nachwuchs- und Drehbuchförderung. Es bilden sich neue Netzwerke, wie etwa die jährliche Arbeitswerkstatt „Drehort Ostdeutschland“ auf der Insel Poel, die sich der Bewahrung der DEFA-Tradition und der Förderung einer lebendigen Filmkultur verschreiben.
(Film und Fernsehen, 3/1994, S. 22-27; Film und Fernsehen, 2/1994, S. 32-41; Heidemarie Hecht: Der letzte Akt 1989 bis 1992. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 257; Film und Fernsehen, 6/1995, S. 14f)
1994
7. März
Der Dokumentarfilm GLAUBE, LIEBE, HOFFNUNG (Regie: Andreas Voigt) feiert Premiere. Im Winter 1992/93 dreht Andreas Voigt bereits zum vierten Mal in Leipzig und fängt dabei frappierende gesellschaftliche Gegensätze ein: Während in der Innenstadt neue, exklusive Ladenpassagen entstehen, prägen auf der anderen Seite wachsende Arbeitslosigkeit und soziale Orientierungslosigkeit das Stadtbild. Im Zentrum der Beobachtung stehen Jugendliche auf der Straße – hasserfüllte und verzweifelte junge Menschen, für die Gewalt inzwischen zum Alltag gehört.
(Heidemarie Hecht: Der letzte Akt 1989 bis 1992. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 259f)
4. Mai
Der letzte DEFA-Spielfilm, die in Koproduktion mit der Thomas Wilkening Filmgesellschaft mbH entstandene Produktion NOVALIS – DIE BLAUE BLUME (R: Herwig Kipping), feiert auf dem Schweriner Filmkunstfest seine Uraufführung. In dieser surrealistischen Erzählung thematisiert Kipping nicht nur die Liebe des Romantikers Novalis zur erst 12-jährigen Sophie von Kühn, sondern verklausuliert auch das ewige Wechselspiel zwischen Liebe und Macht sowie die Sehnsucht nach dem Absoluten, nach Revolution und Ungehorsam. Die Form des Films spiegelt die geistigen Intentionen des Regisseurs wider: Die Realität löst sich im Mystischen, Irrealen und Metaphysischen auf. Biografische Stationen des Dichters gehen in offenen Dekorationen wie Ruinen, Schlössern und Glasmalereien auf und werden kunstvoll mit Elementen der Malerei verwoben.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 66; Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 336; Neue Zeit, 5. Mai 1994, S. 13)
1995
1. Januar
Die Dokfilm Fernsehproduktion GmbH wird mit Sitz auf dem Gelände des ehemaligen Spielfilmstudios in Babelsberg (August-Bebel-Straße 26–53) gegründet. Die Gesellschafteranteile halten der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) und die Studio Babelsberg GmbH zu je 35 Prozent sowie der Filmwirtschafter Rudolf Steiner mit 30 Prozent. Zur Erstausstattung des Unternehmens gehören technische Ausrüstungen aus dem Treuhand-Besitz des Dokumentarfilmstudios in Alt-Nowawes (DOKFILM Gesellschaft für Film-, Video- und Fernsehproduktionen mbH). Zudem stellt die Treuhandanstalt 700.000 DM zur Deckung potenzieller Verluste der ersten drei Geschäftsjahre bereit. Je nach Quellenlage werden zwischen 10 und 17 Mitarbeiter vom Standort Alt-Nowawes übernommen.
Im Jahr 1995 realisiert Volker Koepp hier seinen Dokumentarfilm KALTE HEIMAT. In der Gegenwart produziert das Unternehmen, das heute als Dokfilm GmbH firmiert und eine Tochtergesellschaft der rbb media ist, vorrangig Dokumentationen, Reportagen und Doku-Soaps für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).
(Heidemarie Hecht: Der letzte Akt 1989 bis 1992. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 256; Monique Hofmann: Die DEFA-keine Wende ohne Ende . Verdi.de, 12. November 2019)
1996
Mai
Anlässlich des 50. Jahrestages der Gründung der DEFA finden mit Unterstützung der Filmförderungsanstalt (FFA) bundesweit DEFA-Filmwochen statt, unter anderem in Hamburg, München, Köln, Essen, Mannheim, Dresden, Leipzig, Halle und Rostock. Ergänzend werden in zahlreichen Städten Kinderfilmwochen sowie Retrospektiven auf verschiedenen Filmfestivals veranstaltet. Einem internationalen Publikum werden bedeutende DEFA-Produktionen – darunter Werke von Konrad Wolf und Frank Beyer sowie ausgewählte Dokumentarfilme – über die weltweit 167 Goethe-Institute zugänglich gemacht.
(Volker Baer: Zwischen Vergessen und Verklärung. Vor 50 Jahren wurde die DEFA gegründet. Filmdienst 10/1996)
1997
Anfang 1997 bangen die verbliebenen 325 Beschäftigten der Studio Babelsberg GmbH erneut um ihre Arbeitsplätze. Auf einer Betriebsversammlung Ende 1996 macht Manager Pierre Couveinhes die Lohnsteigerungen für die Verluste des Unternehmens verantwortlich. Er stellt die Belegschaft vor die Wahl: Entweder erfolgen 135 Entlassungen oder die Mitarbeiter verzichten auf kaufkraftsteigernde Tariferhöhungen der nächsten zwei Jahre, wodurch sich die Zahl der Kündigungen auf 95 reduzieren ließe. Parallel dazu kündigt Volker Schlöndorff den weiteren Strukturvandel vom klassischen Filmstudio zum Dienstleister an, was eine Reduktion des Stammpersonals zugunsten freier Mitarbeiter erfordere.
Im Sommer 1997 werden schließlich 50 Kündigungen ausgesprochen – deutlich weniger als ursprünglich geplant, was primär auf den Widerstand des Betriebsrats zurückzuführen ist. Besonders betroffen sind die Abteilungen Kostüm und Ausstattung. Das Verhältnis zwischen Geschäftsführung und Belegschaft bleibt durch diese Auseinandersetzungen dauerhaft von Misstrauen geprägt.
Auch geschäftlich agiert der Investor ohne Fortune. Einzelne Erfolge wie der Aufbau der Medienstadt Babelsberg, der Ausbau des Erlebnisparks inklusive Studiotour oder die Modernisierung zum Komplettdienstleister – mit dem ab 2001 modernsten Tonstudio Europas – können das wirtschaftliche Scheitern nicht abwenden. Im Jahr 2004 verkauft der Medienkonzern Vivendi Universal die Studio Babelsberg GmbH zum symbolischen Preis von einem Euro an die Produzenten Dr. Carl L. Woebcken und Christoph Fisser. Das Engagement in Babelsberg kostete die französischen Investoren insgesamt rund 700 Millionen DM.
Die neuen Eigentümer führen das Unternehmen an die Börse und profitieren ab 2007 maßgeblich von der Einführung des Deutschen Filmförderfonds (DFFF). Zu diesem Zeitpunkt beschäftigt der Konzern noch 89 Festangestellte sowie 170 projektbezogen befristete Mitarbeiter; eine tarifliche Bindung besteht jedoch nicht mehr.
(Elke Schieber: Anfang vom Ende oder Kontinuität des Argwohns 1980 bis 1989. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 346-353; Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Gespräch mit Volker Schlöndorff. In: Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, 2. Auflage; Berlin 2006, S. 512-526; Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Gespräch mit Carl Woebcken. In: Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, 2. Auflage, Berlin 2006, S. 527-538)
1. Juli
In Babelsberg erwirbt die Jörg Weiland GbR – geführt vom Inhaber der Kölner Video Company und ehemaligen Babelsberger Kameramann Jörg Weiland – in einem feierlichen Akt unter Beisein von Ministerpräsident Manfred Stolpe die „Park Studios GmbH“ von der Treuhandanstalt (BvS). Weiland beabsichtigt, am Standort Film- und Fernsehproduktionen zu realisieren, und verlegt hierfür seinen Wohnsitz zurück nach Babelsberg. Zur Park Studios GmbH gehören die Immobilie in der Straße Alt-Nowawes 116–118 sowie die verbliebene technische Ausrüstung zur Filmproduktion.
Zuvor erfolgt die Abwicklung der „Altlasten“ des ehemaligen Babelsberger Dokumentarfilmstudios: Verluste und Abfindungen werden über die eigens gegründete Firma „dok Filmstudio Babelsberg“ reguliert und das Unternehmen anschließend liquidiert. Die Nutzungsrechte am Filmstock gehen auf die BvS über, die diese 1998 an die DEFA-Stiftung überträgt. Unter den ehemaligen Beschäftigten aller Gewerke weckt der Verkauf Hoffnung auf einen beruflichen Neustart.
Die Park Studios GmbH modernisiert die Infrastruktur umfassend. Nach kurzer Zeit verfügt das Unternehmen über fünf variabel nutzbare Studios mit einer Gesamtfläche von rund 3.500 m² sowie digitale Übertragungswagen für bis zu 16 Kameras. Durch eine direkte Glasfaseranbindung an die gängigen Sendeanstalten erlangt der Standort zudem die volle Live-Fähigkeit für TV-Produktionen.
Aus Altersgründen verkauft Jörg Weiland die Studios im Jahr 2015 an die NDR-Tochter Studio Hamburg. Als Tochterunternehmen soll der Standort fortan neben Studio Berlin Adlershof und Studio Berlin Broadcast für technische Dienstleistungen zuständig sein. Doch bereits 2016 erfolgt der Verkauf der denkmalgeschützten Immobilie an ein Investmentunternehmen. Die ehemaligen Ateliers werden saniert und zu Wohnzwecken umgebaut. Heute erinnert nur noch der Name des kleinen Restaurants „Klappe & Bar“ im Vorderhaus an die Filmgeschichte der Adresse Alt-Nowawes 116–118.
(Heidemarie Hecht: Im Übergang. Der DEFA-Dokumentarfilm in der Wende. S. 159. In: Der geteilte Himmel Arbeit, Alltag und Geschichte im ost- und westdeutschen Film. Band 13 der Reihe: CLOSE UP Schriften aus dem Haus des Dokumentarfilms Europäisches Medienforum, Stuttgart: 2000; Film TV Video: Park Studios werden Produktionsstandort des Berliner Senders XXHome , 13. März 2008; PNN: Landeshauptstadt: Die „Klappe“ fällt und Prosit. Auf dem Gelände der Park Studios Babelsberg feiert die Restaurant-Bar „Klappe“ heute ihren Neustart. 26. Mai 2011; Reinhart Bünger: Letzte Klappe für die Dokfilm Studios. In: Tagesspiegel, 29. Februar 2016)
1998
15. Dezember
Die DEFA-Stiftung wird gegründet. Sie verfolgt das Ziel, den DEFA-Filmbestand als wesentlichen Teil des deutschen Kulturerbes zu sichern und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Stiftung übernimmt die Rechte an der gesamten Kinoproduktion der DDR aus fast fünf Jahrzehnten.
Der übertragene Bestand umfasst:
- 700 Spielfilme und 450 fiktionale Kurzfilme
- 950 Animationsfilme
- 2.000 Dokumentarfilme sowie 2.500 Periodika (u. a. Wochenschauen)
- 6.700 deutschsprachige Synchronisationen ausländischer Filme
- 200 Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilme, die nach 1990 als Koproduktionen entstanden
- Nicht veröffentlichte Werke, Restmaterialien, Fotos, Plakate, Drehbücher, Partituren und Zulassungsunterlagen
Mit diesem Fundus von rund 13.500 Filmen versteht sich die Stiftung als Institution der kulturellen Wissensvermittlung und als Bewahrerin eines kollektiven Gedächtnisses für die gesellschaftliche Auseinandersetzung. Neben der Nutzbarmachung des Erbes fördert die DEFA-Stiftung die deutsche Filmkunst durch die Vergabe von Preisen. Zum ersten Vorstand der Stiftung wird Wolfgang Klaue ernannt.
1993–1998