DEFA-Chronik für das Jahr 1988
Januar 1988
28. Januar
Lothar Warnekes Spielfilm EINER TRAGE DES ANDEREN LAST feiert Premiere und entwickelt sich zum größten Erfolg des Regisseurs, der bereits mit Werken wie DIE BEUNRUHIGUNG (1981) oder BLONDER TANGO (1985) das Kino der 1980er-Jahre prägte. Der Film versteht sich als eindringliches Plädoyer für Toleranz und stellt die Menschlichkeit über ideologische Weltanschauungen. Dass die DEFA sich mit diesem Stoff schwertat, verdeutlicht die lange Entstehungsgeschichte: Das Szenarium lag bereits seit 1973 vor, gelangte jedoch erst jetzt zur Umsetzung. Ungewöhnlich ist die Wahl der Protagonisten, da christliche Figuren bis dahin kaum als zentrale Identifikationsträger im DEFA-Spielfilm in Erscheinung traten.
Obwohl die Handlung in den von Intoleranz geprägten 1940er- und 1950er-Jahren spielt, trifft das Werk den Nerv der Gegenwart. Sowohl das Publikum als auch die staatlichen Medien der DDR reagieren mit einhelliger Zustimmung, obgleich den Zeitgenossen bewusst ist, dass der Film keine Abbildung der gesellschaftlichen Realität darstellt. Während der Film im Januar 1988 in den Kinos anläuft, werden am Rande der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration Menschen verhaftet, die mit dem Zitat „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ für Pluralismus werben. In diesem spannungsgeladenen Klima vereint das Publikum die Sehnsucht nach der im Film gezeigten Vision eines respektvollen Miteinanders. Auch international erfährt das Werk höchste Anerkennung: Auf der Berlinale 1988 werden die beiden Hauptdarsteller Jörg Pose und Manfred Möck mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1987, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 18; Filmspiegel, 1/1988, S. 5, 5/1988, S. 14; Film und Fernsehen, 5/1989, S. 2-4; Kino DDR, 1/1988, S. 6-10; Elke Schieber: Anfang vom Ende oder Kontinuität des Argwohns 1980 bis 1989. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 319ff; Lothar Bisky: Lothar Warneke zum 65. Geburtstag. In: apropros: Film 2002. Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung. Berlin 2002, S. 51; Erika Richter: Lothar Warneke.., und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“ Erinnerungen. In: Ralf Schenk, Erika Richter (Hrsg.): apropos: Film 2002. Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung. Bertz, Berlin 2002, S. 53–87; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 239f)
Februar 1988
5. Februar
Der DEFA-Dokumentarfilm ES WAR EINMAL EIN MITTWOCH von Gunther Scholz kommt in die Kinos. Das Werk befasst sich mit dem gesellschaftlich brisanten Thema Suizid. Im Zentrum steht ein 15 Jahre zurückliegender, in letzter Minute verhinderter Doppelselbstmord. Der damals 18-jährige Protagonist musste sich daraufhin wegen versuchten Totschlags an seiner 16-jährigen Freundin vor Gericht verantworten. Sensibel spürt der Film den Ursachen ihrer damaligen Verzweiflung nach und zeigt das Paar in der Gegenwart. Dabei wird auch der jahrelange Kampf der jungen Frau gegen das als Unrecht empfundene Urteil thematisiert, bis dieses schließlich revidiert wird.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1987, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 46; Kino DDR, 2/1988, S. 24-25; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 195)
März 1988
10. März
Die Heinrich-Greif-Preise des Jahres 1988 werden vergeben.
- An Regisseur Thomas Kuschel und Kameramann Peter Milinski, Kameramann vom DEFA-Studio für Dokumentarfilme für hervorragende Leistungen als Dokumentarfilmschaffende, insbesondere für die Gestaltung von Porträts prominenter Künstler der DDR.
- An die Dramaturgin des DEFA-Studios für Spielfilme Christel Gräf für ihren herausragenden Anteil an der Entwicklung des Spielfilmschaffens.
- An den Kameramann des DEFA-Studios für Spielfilme Erich Günther für sein langjähriges künstlerisches Schaffen als Kameramann, insbesondere für seine Leistungen auf dem Gebiet des Filmtricks.
- An den Synchronregisseur des DEFA-Studios für Spielfilme Horst Schappe für seine langjährigen hervorragenden Leistungen als Synchronregisseur.
- An den Filmkritiker und Dramaturgen Klaus Wischnewski für beispielhafte Leistungen als Filmautor und seine langjährige filmpublizistische Arbeit.
(ND, 11. März 1988, S. 4)
17. März
Erstmalig findet eine Filmwoche junger DDR-Regisseure in der Sowjetunion statt. Vorausgegangen ist dieser Initiative der wachsende Druck der jungen Generation, die ihre mangelnden beruflichen Entwicklungschancen innerhalb der Filmgesellschaft öffentlich kritisiert. Den feierlichen Auftakt der Veranstaltung bilden der DEFA-Spielfilm VORSPIEL unter der Regie von Peter Kahane sowie der Kurzfilm ROCK ’N’ ROLL von Jörg Foth.
(ND, 17. März 1988, S. 6; Berliner Zeitung, 19. März 1988, S. 7; Filmspiegel, 8/1988, S. 2)
April 1988
15. April
AD des DEFA - Spielfilms „Dschungelzeit”, KOPROD.: DDR/ Vietnam, RE: Jörg Foth, Tran Vu, DB: Jörg Foth, Tran Vu, Banh Bao, KA: Günther Jaeuthe, Pham Thien Thuyet, DA: Hans - Uwe Bauer, Bui Bai Binh, Khanh Huyen.
(in: Filmspiegel, 2/1988, S. 4 - 7, 10/1988, S. 14; Film und Fernsehen, 4/1988, S. 44 - 49; Kino DDR, 4/1988, S. 4 - 7)
19. – 21. April
Im Kulturhaus des Werkes für Fernsehelektronik in Berlin-Schöneweide tritt der V. Kongress des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR (VFF) zusammen. Im Zeichen von Glasnost und Perestroika hatten Funktionäre die Versammlung aus Furcht vor der Kritik der Filmschaffenden zuvor mehrfach verschoben. Zu einem der zentralen Momente entwickelt sich der Diskussionsbeitrag der Nachwuchswerkstatt der Sektion Spielfilm, vorgetragen durch den Regisseur Jörg Foth. Er konstatiert einen tiefgreifenden Bruch in der DEFA-Geschichte: Der Arbeitsbeginn der um 1949 geborenen Regisseure habe zu keiner produktiven Auseinandersetzung auf der Leinwand geführt. Foth kritisiert die Überalterung der Branche und mahnt, dass keine Kino-Nation es sich leisten könne, Regisseure erst mit Einsetzen der Midlife-Crisis debütieren zu lassen. Den Filmen mangle es an Leidenschaft, Identität und Notwendigkeit, was zu einem massiven Publikumsverlust führe.
Von 26 Produktionen junger Regisseure seit 1980 hält nach Ansicht der Gruppe lediglich ein Werk den eigenen Maßstäben stand: Evelyn Schmidts DAS FAHRRAD (1982). Während der Film von der zeitgenössischen Kulturpolitik geschmäht wird, erfährt er im Jahr 2005 eine späte Würdigung durch die Wiederentdeckung im Rahmen einer Retrospektive des Museum of Modern Art in New York.
Im Umfeld des Kongresses formulieren drei Mitglieder der Nachwuchsgruppe – der Regisseur Peter Kahane, der Produzent Thomas Wilkening und der Kameramann Tony Loeser – ein Manifest, das die Bedingungen für künftige kreative Arbeit definiert. Sie fordern, kritische Gedanken nicht länger als feindselig zu diffamieren und den Raum für extreme Positionen sowie die provozierende Sichtweise wiederherzustellen. Das Papier verlangt den Bruch mit jeder Form der Tabuisierung und die Einrichtung einer eigenen Produktionsstätte für kostengünstige Filmvorhaben.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 240ff; Protokoll des VFF der DDR, 1988,Teil 1 und 2; Film und Fernsehen, 4/1988, Beilage)
29. April
AD des DEFA - Dokumentarfilms „Hochwaldmärchen”, RE: Peter Rocha (Über den Spreewald und seine Bedrohung durch den Menschen).
(in: Filmspiegel, 13/1989, S. 10 - 11)
Mai 1988
11. Mai
Im Luxor-Palast in Karl-Marx-Stadt erlebt der DEFA-Spielfilm FALLADA – LETZTES KAPITEL unter der Regie von Roland Gräf seine festliche Premiere auf dem V. Nationalen Spielfilmfestival. Das Werk gewährt Einblicke in das letzte Lebensjahrzehnt des Schriftstellers Hans Fallada zwischen 1937 und 1947, verkörpert durch Jörg Gudzuhn.
Der Realisierung gingen jahrelange Widerstände voraus. Erste Projektideen und Gespräche zwischen der Dramaturgin Christel Gräf und dem DEFA-Chefdramaturgen Rudolf Jürschik lassen sich bis in das Jahr 1980 zurückverfolgen; das fertige Szenarium lag bereits 1982 vor. Auf Missfallen stieß in der staatlichen Abnahme insbesondere die Konzentration auf den geistigen Verfall des Schriftstellers sowie die Darstellung seiner weitgehend unpolitischen Haltung während der Zeit des Nationalsozialismus. Trotz der anfänglichen Hürden avanciert der Film zu einem großen Erfolg und erfährt vielfache Ehrungen. So wird er auf dem V. Nationalen Spielfilmfestival der DDR mit dem Hauptpreis als bester Film ausgezeichnet. International erhält die Produktion ebenfalls Anerkennung: Jörg Gudzuhn gewinnt für seine darstellerische Leistung 1989 den „Silbernen Hugo“ als bester Schauspieler auf dem Internationalen Filmfestival in Chicago.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1988, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 17; Filmspiegel, 4/1988, S. 4-7, 13/1988, S. 14; Film und Fernsehen, 9/1988, S. 5-7; Philip Zengel: DEFA-Film des Monats: Fallada - letztes Kapitel, Mai 2021)
12. Mai
Während des V. Nationalen Spielfilmfestivals findet in der Kleinen Stadthalle in Karl-Marx-Stadt in einer nächtlichen Sonderveranstaltung die Uraufführung des seit 1983 verbotenen Films JADUP UND BOEL von Rainer Simon statt. Dieser Premiere geht ein Schreiben des Politbüro-Mitglieds Kurt Hager an Ursula Ragwitz, die Leiterin der Abteilung Kultur des ZK der SED, vom 15. Januar 1988 voraus. Um drohenden Auseinandersetzungen und einer angekündigten Kampagne von Filmschaffenden auf dem bevorstehenden Verbandskongress zuvorzukommen, plädiert Hager darin für die Zulassung des Werks. Angesichts der allgemeinen Forderungen nach Perestroika wurde ein erneutes Aufflammen der Debatte um den Film als politisches Risiko eingestuft.
Inhaltlich geht JADUP UND BOEL der Frage nach, was aus den Idealen der Aufbaujahre geworden ist. Am Beispiel des Protagonisten Jadup werden Feigheit und Eigennutz thematisiert, die bereits 1945 hinter progressiven Phrasen kaschiert wurden. Auf seinem Weg der Erkenntnis begegnet Jadup einem dogmatischen Kreissekretär, verbitterten Verkäuferinnen und angepassten Schülern sowie einem Chronisten, dem die Worte für das tatsächlich Geschehene fehlen. Schließlich trifft er auf seinen Sohn, der nun vor denselben moralischen Scheidewegen steht wie einst der Vater.
Im Gegensatz zu Filmen wie Kurt Maetzigs DAS KANINCHEN BIN ICH oder Frank Beyers SPUR DER STEINE aus den Jahren 1965/66, die die DDR noch als reformierbar begriffen, zeichnet Rainer Simons Werk 15 Jahre später ein radikaleres Bild. Der Film zeigt eine Gesellschaft in Agonie, in der Gewöhnung in Stagnation umgeschlagen ist und die nur noch durch einen fundamentalen Gesinnungswandel zu retten scheint. Für die Freigabe des Films hatten sich neben Rainer Simon insbesondere die Dramaturgen Dieter Wolf und Erika Richter sowie der Chefdramaturg Rudolf Jürschik vehement eingesetzt.
Neben der Handlung trägt die visuelle Inszenierung maßgeblich zur Brisanz bei. Hauptkritikpunkt der Studioleitung war die Atmosphäre allgemeiner Trostlosigkeit; man spüre förmlich die Last der Jahrhunderte auf der Stadt, während die Erfolge des Sozialismus nicht erkennbar seien. Ab dem 20. Mai läuft der Film im Berliner Kino Babylon sowie in weiteren Studiokinos der DDR an. Der führende Filmkritiker Horst Knietzsch würdigt das Werk im „Neuen Deutschland“ mit einer ausführlichen positiven Rezension, wobei er den Fokus gezielt auf optimistische Bildelemente wie das Plakat „Der Sozialismus ist so gut, wie wir ihn selber machen“ lenkt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1988, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 40 (Nachtrag 1981); Filmspiegel, 13/1988, S. 14; Film und Fernsehen, 11/1988, S. 10-11, 5/1991, S. 38; Kino DDR, 5/1988, S. 43-45; Berliner Zeitung, 14. Mai 1988, S. 7; 20. Mai 1988, S. 6; ND, 9. Juni 1988, S. 4; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 261; Elke Schieber: Anfang vom Ende oder Kontinuität des Argwohns 1980 bis 1989. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 285; Axel Geiss: Repression und Freiheit. DEFA-Regisseure zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung 1997, S. 130-140; Jadup und Boel. In: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hrsg): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, 2. Auflage, Berlin 2006, S. 308f, 364-369)
25. Mai
In einer schriftlichen Eingabe an Kurt Hager sucht der Generaldirektor des DEFA-Studios für Spielfilme, Hans-Dieter Mäde, um Rückendeckung für die Verhinderung des Filmprojekts COMING OUT. Da das Vorhaben sowohl verfassungsrechtlich als auch humanistisch und politisch der offiziellen Linie der DDR entspricht, vermag Mäde keine sachlichen Gründe für seine Ablehnung anzuführen. Er deklariert sein Schreiben daher als „persönlich-vertraulich“. Innerhalb des Studios ist jedoch Mädes kategorische Haltung bekannt, wonach es unter seiner Leitung keinen Film über Homosexualität geben werde. Nach mehreren Gesprächen mit dem Regisseur Heiner Carow weist Kurt Hager das Ansinnen Mädes schließlich ab und macht den Weg für die Produktion frei.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S.244f)
Juni 1988
10. Juni
Als Beifilm startet die 18-minütige Produktion des DEFA-Studios für Dokumentarfilme LEUCHTKRAFT DER ZIEGE – EINE NATURERSCHEINUNG unter der Regie von Jochen Kraußer. Es handelt sich um das erste und einzige surrealistische Werk, das in diesem Studio entsteht. Der Film, der später Kultstatus erreicht, ist geprägt von einer Atmosphäre des Nonsens und einer tiefgreifenden Endzeitstimmung.
Die zur Begutachtung geladenen Humorexperten der Satirezeitschrift „Eulenspiegel“ vermögen dem Werk keinerlei Komik abzugewinnen. Dennoch lässt der Leiter des Filmverleihs Progress den Film zur Vorführung zu; er erklärt mündlich, die Abnahme auch ohne ein tieferes Verständnis des Inhalts zu erteilen. In Anlehnung an diesen filmhistorischen Meilenstein trägt das seit 2018 jährlich erscheinende Journal der DEFA-Stiftung den Titel „Leuchtkraft“.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1987, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 50f; Reinhild Steingröver: Spätvorstellung: Die chancenlose Generation der DEFA Berlin: Bertz+Fischer 2014, S. 227; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 245ff; Ralf Schenk: Die Leuchtkraft der Ziege. Vier Filme von Jochen Kraußer . In: Filmblatt. Filmblatt 10, Jg. 4 (1999), Nr. 10 , Abruf: 28. Februar 2025)
Juli 1988
26. Juli
DEFA-Generaldirektor Hans-Dieter Mäde erlässt eine neue „Anweisung über den Umgang und den Verkehr mit Bürgern, Firmen und staatlichen Stellen aus dem nichtsozialistischen Ausland“. Diese untersagt den Mitarbeitern jegliches eigenständige Agieren im Kontakt mit dem westlichen Ausland und zentralisiert die Entscheidungsgewalt in der Studiodirektion. Die neue Richtlinie sieht vor, dass spätestens drei Tage nach einem Kontakt mit Personen oder Institutionen aus dem NSW eine Protokollnotiz an den Generaldirektor und die Abteilung Auslandsbeziehungen zu übergeben ist.
In einer an die literarische Figur des Schwejk erinnernden Art reagiert der Regisseur Joachim Hasler auf diese bürokratische Verschärfung. In einem Schreiben an die Direktion bittet er spöttisch-submissiv um Hilfe, um bei der Umsetzung der von ihm als ehrrührig empfundenen Anweisung keine Fehler zu begehen. Angesichts dieser Form des provokanten Widerstands sieht sich Mäde gezwungen, die strikten Vorgaben teilweise zu lockern.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 247)
August 1988
Mitte August
Im Rahmen des 42. Internationalen Filmfestivals in Edinburgh wird Jürgen Böttcher eine Retrospektive gewidmet, die 15 seiner Dokumentarfilme umfasst, darunter Werke wie MARTHA (1978), KURZER BESUCH BEI HERMANN GLÖCKNER (1984) und DREI VON VIELEN (1961). Letzterer, Böttchers Abschlussfilm an der Filmhochschule aus dem Jahr 1961, war unmittelbar nach der Fertigstellung verboten worden. Das Porträt zeigt drei junge Arbeiter, die sich in ihrer Freizeit leidenschaftlich der Malerei widmen und eine ausgeprägt individuelle Lebensführung pflegen.
Da diese Jugendlichen nicht dem offiziellen Arbeiterbild der frühen 1960er-Jahre entsprechen, gerät die Produktion in den Konflikt mit der Zensur. Mit der in diesem Film spürbaren Leichtigkeit des Seins öffnet Böttcher die Tür zum künstlerischen Dokumentarfilm und knüpft damit an Vorbilder wie Robert J. Flaherty, Joris Ivens sowie Hugo Hermann und Joop Huiskens an. In Deutschland wird DREI VON VIELEN erst im Jahr 1990 bei den 36. Internationalen Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen erstmalig öffentlich aufgeführt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 164; Berliner Zeitung vom 26. August 1988, S. 7; ND, 26. August 1988, S. 6; Günter Jordan: Zwischen zwei Briefen. Joris Ivens und die DEFA, In: Film und Fernsehen Nr.1 /1999, S. 21; Berliner Zeitung, 22. März 2025, S. 18f)
September 1988
2. September
AD des DEFA - Dokumentarfilms „Zwei Deutsche”, RE: Gitta Nickel (Zwei Deutsche Jahrgang 1928, zwei Schicksale).
(in: Kino DDR, 8/1988, S.48 - 49; Filmspiegel, 17/1988, S.10 - 11)
Oktober 1988
6. Oktober
Die Nationalpreise für Kunst und Literatur des Jahres 1988 werden vergeben.
- I. Klasse: An die Schauspielerin Helga Göring für ihre überragenden darstellerischen Leistungen, mit denen sie sich den Ruf einer Volksschauspielerin erworben hat.
- II. Klasse: An den Regisseur Hans-Joachim Kasprzik für seine beispielhafte Arbeit als Regisseur, die das ideologisch-künstlerische Profil des sozialistischen Fernsehschaffens entscheidend mitbestimmt hat.
- III. Klasse: An den Regisseur Karlheinz Mund für seinen schöpferischen vielseitigen Beitrag zur Entwicklung des Dokumentarfilmschaffens der DDR.
(ND, 8./9. Oktober 1988, S. 4)
14. Oktober
AD des DEFA - Spielfilms „Die Schauspielerin”, RE: Siegfried Kühn, SZ: Regine Kühn, LV: Roman „Arrangement mit dem Tod” von Hedda Zinner, KA: Peter Ziesche, DA: Corinna Harfouch, André Hennicke, Michael Gwisdek.
(in: Film und Fernsehen, 12/1988, S. 2 - 5; Filmspiegel, 24/1988, S. 14)
21. Oktober
Der DEFA-Dokumentarfilm FLÜSTERN & SCHREIEN – EIN ROCKREPORT unter der Regie von Dieter Schumann läuft in den Kinos der DDR an. In Form eines Roadmovies gewährt das 111-minütige Werk tiefe Einblicke in die Musikszene und begleitet Gruppen wie „Silly“, „Feeling B“, „Chikoree“ und „Sandow“ auf ihren Tourneen quer durch ein Land im Umbruch. Das Filmteam bricht dabei eine Lanze für die oft beargwöhnte Jugend der DDR und thematisiert deren Sehnsucht nach Freiräumen, modischer Selbstbestimmung und dem Recht auf Widerspruch. Dem Film gelingt es, sowohl den FDJ-Zentralrat als auch die Kritik und das breite Publikum gleichermaßen zu überzeugen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1988, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 43f; Kino DDR, 10/1988, S. 27-29; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 191)
30. Oktober
Im Alter von 82 Jahren stirbt Hans Klering und findet seine letzte Ruhestätte in der Gräberanlage für Opfer des Faschismus und Verfolgte des Naziregimes auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Geboren als Arbeiterkind und bereits mit 18 Jahren Mitglied der KPD, prägen die 1920er-Jahre seinen Weg als Schriftmaler und Plakatzeichner. Erste darstellerische Erfahrungen sammelt er in Agitprop-Gruppen, bevor er ab 1930 mit der „Kolonne Links“ auftritt. Eine Reise in die Sowjetunion im Jahr 1931 führt zu einem dauerhaften Aufenthalt, während dessen er Grafik studiert und an den sowjetischen Pavillons für die Weltausstellungen in Paris und New York mitwirkt. Unter der Regie von Erwin Piscator und Gustav von Wangenheim ist er zudem an deutschsprachigen Theatern tätig und kommt über erste Rollen mit der Filmkunst in Berührung. 1936 heiratet er und nimmt die sowjetische Staatsbürgerschaft an.
Im Zuge der stalinistischen Säuberungen, die auf Grundlage der NKWD-Befehle von 1937 zur systematischen Verfolgung deutscher Emigranten führen, wird Klering 1942 verhaftet. Er wird zur Zwangsarbeit nach Bakal im Ural deportiert, entkommt den lagerähnlichen Bedingungen der „Arbeitsarmee“ jedoch durch die Fürsprache Wilhelm Piecks. Innerhalb der „Kolonne Links“ bleibt ihm damit das schwerste Schicksal erspart: Während Kurt Ahrendt, Karl Oefelein und Bruno Schmidtsdorf hingerichtet werden und Helmut Damerius Jahre im Gulag sowie in der Verbannung verbringt, wird der Komponist Hans Hauska an die Gestapo ausgeliefert.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland engagiert sich Klering im „Filmaktiv“ für die Gründung der DEFA und wird einer ihrer fünf Lizenzträger. 1946 gestaltet Klering das DEFA-Logo. Das Signet aus zwei stilisierten Filmbildern mit markanter Drei-Loch-Perforation kennzeichnet fortan bis zur Privatisierung der Gesellschaft das nationale und internationale Erscheinungsbild des DDR-Filmschaffens. Auf der Gründungsveranstaltung präsentiert er zudem den ersten Produktionsplan und prägt bis 1949 in führenden Positionen – als künstlerischer Leiter, Vorstandsmitglied und Co-Generaldirektor – die Geschicke des Unternehmens. Dank seiner Sprachkenntnisse und seiner bis 1950 beibehaltenen sowjetischen Staatsbürgerschaft fungiert er zudem als wichtiges Bindeglied zur Besatzungsmacht. Nach seinem Ausscheiden aus dem Vorstand bleibt er der DEFA bis zu seinem Tod als Ensemblemitglied verbunden. In fast einhundert, oft einprägsamen Nebenrollen und einer Hauptrolle in DIE LETZTE HEUER (E.W. Fiedler, 1951) schreibt er Filmgeschichte.
(DEFA-Betriebsgeschichte 1981, Teil 1, S. 25, 43, 44, 54, 61, 82ff, 104; DEFA-Blende, 20/1988; Filmspiegel, 6/1986, S. 10-11, 24/1988, S. 10-11; Informationsbulletin des VFF, 12/1988, S. 1; ND, 1. November 1988, S. 4; Neue Zeit, 1. November 1988, S. 2; Karl Hans Bergmann: In: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, 2. Auflage, Berlin 2006, S. 40; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 523f)
November 1988
2. November
Im Kino Babylon feiert der erste DDR-Film über Homosexualität, DIE ANDERE LIEBE (R: Axel Otten, Helmut Kißling), seine Premiere. Der im Auftrag des Deutschen Hygiene-Museums entstandene Lehrfilm porträtiert homosexuelle Frauen und Männer, die sich souverän zu ihren Erfahrungen äußern. Die Protagonisten thematisieren dabei die Schwierigkeiten der Partnerwahl ebenso wie die Anfeindungen durch die Mehrheitsgesellschaft, die von Ekel und Hass bis hin zu Gewalttätigkeit reichen. Auch die Fragilität marginalisierter Lebensformen wird offen angesprochen. In den Aussagen der Befragten wird der Wunsch nach festen persönlichen Beziehungen jenseits flüchtiger Kontakte in Cafés oder Kneipen deutlich. Der Film beziffert die Zahl der Homosexuellen in der DDR auf etwa eine Dreiviertelmillion und formuliert als zentrales Credo das Recht auf eine erfüllte Sexualität.
Die 34-minütige Produktion entsteht in Zusammenarbeit mit schwulen und lesbischen Aktivisten der DDR. Ziel des Films ist es, zur Aufklärung und Toleranz innerhalb der heterosexuellen Bevölkerung beizutragen. Den rechtlichen Rahmen hierfür bildet die bereits 1968 erfolgte Abschaffung des § 175 in der DDR – eine gesetzliche Neuregelung, die in der Bundesrepublik erst im Jahr 1994 vollständig umgesetzt wird.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1988, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 41; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 195)
17. November
Das Politbüro der SED erlässt die Weisung, fünf sowjetische Filme aus den Kinos zu entfernen, die erst drei Wochen zuvor in der DDR angelaufen sind. Die Zensur trifft unter anderem die Werke DER KALTE SOMMER DES JAHRES 53... (OT: CHOLODNOJE LETO PJATDESJAT TRETJEWO, R: Alexander Proschkin, 1988) und DIE KOMMISSARIN (OT: KOMISSAR, R: Alexander Askoldow, 1967), deren von Glasnost und Perestroika geprägtes Geschichtsbild der Parteilinie widerspricht. Gegen diese Maßnahme regt sich Widerstand im Land: Mitarbeitende der DEFA protestieren in Briefen an den Minister für Kultur und weitere offizielle Stellen gegen den willkürlichen Eingriff in den Spielplan.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 250)
18. November
In sämtlichen Tageszeitungen der DDR erscheint eine ADN-Meldung des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen, die das Ende der Zeitschrift „Sputnik“ auf der Postzeitungsliste verkündet. Zur Begründung heißt es, das Blatt bringe keine Beiträge zur Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft, sondern veröffentliche stattdessen geschichtsverzerrende Darstellungen. Tatsächlich hat sich das Magazin im Zuge von Glasnost und Perestroika zu einem wichtigen Informationsmedium für die Reformpolitik Gorbatschows entwickelt und thematisiert offen stalinistische Verbrechen. Das Verbot löst in der gesamten DDR eine Welle des Protests aus. Um die aufgeheizte Stimmung in der Bevölkerung zu kontrollieren, setzt das Ministerium für Staatssicherheit landesweit seine Inoffiziellen Mitarbeiter ein, die detaillierte Berichte über die Reaktionen der Bürger anfertigen.
(ND, 19. November 1988, S. 2; Bundesarchiv: Das Sputnik-Verbot , Abruf: 4. Mai 2025)
30. November
Im Potsdamer Filmmuseum eröffnet eine Gedenkausstellung für Wolfgang Staudte, die im Zeichen des deutsch-deutschen Kulturaustauschs steht. Auf einer Fläche von 240 Quadratmetern präsentiert das Haus eine Werkschau, die maßgeblich aus dem Nachlass des Regisseurs schöpft. Die Realisierung dieses Projekts gelingt vor allem durch die engen persönlichen Kontakte von Wolfgang Klaue, dem Direktor des Staatlichen Filmarchivs der DDR, zum Filminstitut Düsseldorf, das die Dokumente verwaltet. Für die DEFA, der Staudte trotz seines Wechsels in den Westen zeitlebens verbunden blieb, stellt die Schau eine späte Würdigung dar. Obwohl Staudte in der Bundesrepublik als einer der profiliertesten Kritiker gesellschaftlicher Missstände gilt, scheint ihn das dortige Filmschaffen künstlerisch nie gänzlich erfüllt zu haben. Sein Dilemma zwischen Anspruch und Wirklichkeit bringt er 1979 resigniert auf den Punkt, indem er konstatiert, wie schwer es sei, die Welt mit dem Geld jener verbessern zu wollen, die sie eigentlich in Ordnung finden.
(Neue Zeit, 30. November 1988, S. 4; Filmspiegel, 25/1988, S. 3)