DEFA-Chronik für das Jahr 1987
Januar 1987
8. Januar
Im Berliner Filmtheater Babylon startet die neue Veranstaltungsreihe „Angebote – Diskussionsvorführung neuer Dokumentarfilme des DEFA-Studios für Dokumentarfilme“, die den direkten Dialog mit dem Publikum sucht. Zum Auftakt werden die Filme GESCHIEDEN (1986) von Regisseur Hans Wintgen, SPIELZEUG FÜR DIE SCHWÄCHEREN (1986) von Karlheinz Mund sowie ICH WAR EINMAL EIN KIND (1986) von Tamara Trampe gezeigt.
(Informationsbulletin des VFF, 1/1987, S. 14)
15. Januar
Der Minister für Kultur der DDR, Dr. Hans-Joachim Hoffmann, beruft Winfried Schade zum neuen Direktor des Progress Film-Verleihs. Er tritt damit die Nachfolge von Wolfgang Harkenthal an, der nach über dreizehnjähriger Amtszeit von 1973 bis 1986 aus Altersgründen verabschiedet wird und aus dem Dienst scheidet.
(ND, 16. Januar 1987, S. 4; Filmspiegel, 3/1987, S. 2; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 217)
Februar 1987
12. Februar
Der DEFA-Spielfilm STIELKE, HEINZ, FÜNFZEHN..., basierend auf dem Roman „Abenteuer wider Willen“ von Wolfgang Kellner, feiert im Kino Colosseum seine Uraufführung. In seiner ersten Regiearbeit nähert sich Michael Kann dem Nationalsozialismus auf unkonventionelle Weise aus der Sicht der nachgeborenen Generation an: Ein fanatischer Hitlerjunge erfährt, dass sein im Krieg als Held gefallener Vater Jude war. Trotz Filmkritik bescheinigt Michael Kann mit diesem Werk ein großes Talent.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1986, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 24f; Film und Fernsehen, 5/1987, S. 8-9; Kino DDR, 2/1987, S. 10-12; Podium und Werkstatt des VFF, 30/31, 1988, S. 97-106; Elke Schieber: Anfang vom Ende oder Kontinuität des Argwohns 1980 bis 1989. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 308; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 882f)
März 1987
10. März
Die Heinrich-Greif-Preise des Jahres 1987 werden vergeben:
- An Jürgen Brauer, Kameramann im DEFA-Studio für Spielfilme, für besondere künstlerische Leistungen bei der Entwicklung des realistischen Films.
- An Andreas Scheinert, Hauptdramaturg im DEFA-Studio für Spielfilme, für hervorragende dramaturgische Leistungen.
- An ein Schöpferkollektiv im DEFA-Studio für Dokumentarfilme um Regisseur Alfons Machalz und Kameramann Klaus Schulze für die Gestaltung hervorragender Filme und wirkungsvoller Beiträge auf dem Gebiet der Auslandsinformation.
- An Sieglinde Hamacher, Regisseurin im DEFA-Studio für Trickfilme, für erfolgreiche künstlerische Arbeit auf dem Gebiet des Animationsfilms.
- An Harald Thiemann, Textautor im DEFA-Studio für Synchronisation, für langjährige hervorragende Leistungen.
(ND, 11. März 1987; Berliner Zeitung, 11. März 1987, S. 7)
31. März
In Berlin tagt die Paritätische Regierungskommission für kulturelle Zusammenarbeit zwischen der DDR und der UdSSR. Die sowjetische Delegation steht unter der Leitung des Kulturministers Prof. Dr. Wassili Sacharow, während die deutsche Seite vom Minister für Kultur, Hans-Joachim Hoffmann, geführt wird. Als Vertreter für den Bereich Film nimmt Peter Ulbrich, der erste Sekretär des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR, an den Verhandlungen teil. Obwohl die Protokolle unter Verschluss bleiben, findet die Tagung in einer Phase wachsender Spannungen zwischen beiden Staaten statt: Die DDR-Führung lehnt den sowjetischen Reformkurs von Perestroika und Glasnost in Politik und Kultur entschieden ab. Sinnbildlich für diese Distanzierung steht ein Interview von Kurt Hager, das am 10. April 1987 ganzseitig im Neuen Deutschland abgedruckt wird. Darin kommentiert er die sowjetischen Bestrebungen mit der rhetorischen Frage, ob man sich verpflichtet fühlen müsse, die eigene Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren, nur weil der Nachbar dies tue.
(ND, 31. März 1987, S. 3; 2. April 1987, S. 3; 10. April 1987, S. 3; Informationsbulletin des VFF, 4/1987, S. 5)
Juni 1987
26. Juni
Der Filmregisseur János Veiczi stirbt im Alter von 62 Jahren nach schwerer Erkrankung. In Ungarn aufgewachsen, wurde er 1944 als Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie nach Deutschland verschleppt. Bei der DEFA gehörte er 1949 zum allerersten Jahrgang des Regiestudiums im Nachwuchsstudio. Sein filmisches Schaffen bleibt insbesondere durch Werke wie FOR EYES ONLY (1963) und ANFLUG ALPHA 1 (1971) in Erinnerung.
(Neue Zeit, 1. Juli 1987, S. 4; ND, 21. Juli 1987, S. 7; Filmspiegel, 15/1987, S. 27; Informationsbulletin des VFF, 7/8, 1987, S. 20; Film A-Z: Taschenbuch der Künste, Berlin, 1984, S. 325; Ralf Schenk: János Veiczi, Abruf: 16. Mai 2025)
August 1987
25. August
Siegfried Kühns DEFA-Spielfilm KINDHEIT feiert in einer Doppelpremiere in den Berliner Kinos International und Babylon seine Uraufführung. In poetisch-skurriler Weise erzählt Kühn aus der Perspektive eines neunjährigen Jungen von dessen Kindheit im Schlesien des Jahres 1944. Der Junge wächst in einer vermeintlichen Idylle bei seiner liebevollen, unkonventionellen Großmutter auf, wobei lebensbedrohliche Konflikte durch seine kindliche Wahrnehmung eine fast märchenhafte Wandlung erfahren. Die Filmkritiker der DDR zeichnen das Werk 1988 mit der „Großen Klappe“ aus und wählen Carmen-Maja Antoni zur besten Darstellerin. Auch auf dem Nationalen Spielfilmfestival wird sie für ihre schauspielerische Leistung in dieser Rolle als beste Hauptdarstellerin geehrt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1986, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 21; Filmspiegel, 25/1986, S. 4-7, 19/1987, S. 4-5, 21/1987, S. 14; Film und Fernsehen, 2/1988 , S. 14-15; Kino DDR, 9/1987, S. 9-15; ND, 27. August 1987, S. 4; Neue Zeit, 27. August 1987, S. 4; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 476)
28. August
Der Dokumentarfilm STEIN SCHLEIFT SCHERE von Peter Voigt kommt in die Kinos. Darin spürt Voigt seiner Kindheit als Sohn einer „reichsdeutschen“ Familie im besetzten Polen nach. In dieser autobiografischen Annäherung zeigt er den Faschismus aus kindlicher Perspektive, wie er sich im deutschen Alltag unspektakulär manifestierte – geprägt von Rassenhass, Apartheid und der Verherrlichung des Krieges.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1986, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 49; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 226f)
September 1987
4. September
Der DEFA-Dokumentarfilm THE TIME IS NOW – JETZT IST DIE ZEIT von Regisseur Eduard Schreiber kommt in die Kinos. Die Autoren bringen eigene Reflexionen und Wertungen zum Thema Frieden in das Werk ein und führen Gespräche mit der Übersetzerin Georgia Peet, dem Toxikologen Prof. Dr. Karlheinz Lohs, dem Pfarrer Jan Laser, dem Steinmetz Ralph Jeremias sowie dem Generalmajor Hans Unterdörfel. Das Lexikon des internationalen Films bezeichnet den Versuch als bemerkenswert, durch eindringliche, eher poetische als realistische Stimmungsbilder subjektive Befindlichkeiten wiederzugeben, womit der Film neue Wege im Dokumentarfilmschaffen der DDR beschreitet.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1987, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 53; Filmspiegel, 13/1987, S. 10; Kino DDR, 9/1987, S. 43-47; Filmklub-Mitteilungen, 3/1987, S. 16-18; Film und Fernsehen, 1/1988, S. 2-4)
22. – 24. September
Im DEFA-Studio für Spielfilme in Potsdam-Babelsberg findet die erste Filmtrickwerkstatt unter Beteiligung der DDR, der UdSSR und der CSSR statt. Die von der Sektion Spielfilm des VFF der DDR organisierte Veranstaltung bringt Film- und Fernsehschaffende der drei Länder zusammen. Anhand von Ausschnitten aus Kino- und Fernsehproduktionen wie DAS PFERDEMÄDCHEN von Egon Schlegel, KONZERT FÜR BRATPFANNE UND ORCHESTER von Hannelore Unterberg, DER BÄRENHÄUTER von Walter Beck sowie SPUK VON DRAUSSEN von Günter Meyer werden aktuelle Entwicklungen und Techniken der Trickfilmgestaltung diskutiert.
(FBJ, 1987, S. 456; Filmspiegel, 21/1987, S. 2; Informationsbulletin des VFF, 12/1987, S. 7-8)
Oktober 1987
7. Oktober
Die Nationalpreise für Kunst und Literatur des Jahres 1987 werden vergeben.
- I. Klasse: An den Schauspieler und Regisseur des Fernsehens der DDR Horst Drinda für seine darstellerischen Leistungen, mit denen er sich den Ruf eines sozialistischen Volksschauspielers erworben hat.
- I. Klasse: An die Schriftstellerin Christa Wolf für ihr schriftstellerisches Gesamtwerk.
- II. Klasse: An Gerhard Holtz-Baumert für sein schriftstellerisches Schaffen, insbesondere für die einprägsame und differenzierte Darstellung von Arbeiterpersönlichkeiten in dem Buch „Die bucklige Verwandtschaft“.
- II. Klasse: An den Schauspieler Otto Mellies für seine großen darstellerischen Leistungen am deutschen Theater sowie im Film und Fernsehen.
- II. Klasse: An Prof. Lothar Warneke, Regisseur im DEFA-Studio für Spielfilme, für seine maßstabsetzenden Leistungen.
(ND, 8. Oktober 1987, S. 4; Sonntag, 42/1987)
10. – 25. Oktober
In Lima (Peru) findet erstmalig eine umfassende DDR-Filmretrospektive statt. Gezeigt werden unter anderem die Produktionen BEETHOVEN – TAGE AUS EINEM LEBEN von Horst Seemann, PROFESSOR MAMLOCK von Konrad Wolf sowie BÜRGSCHAFT FÜR EIN JAHR und GLÜCK IM HINTERHAUS von Herrmann Zschoche.
(FBJ, 1987, S. 451)
13. Oktober
In Berlin findet die erste gemeinsame Veranstaltung der Sektionen Spielfilm und Fernsehkunst des VFF unter dem Titel „Unsere Konflikte mit den Konflikten“ statt. Im Rahmen des Programms werden der Spielfilm VORSPIEL von Peter Kahane sowie der Fernsehfilm SIDONIES BILDER von Klaus Gendries präsentiert und diskutiert.
(FBJ, 1987, S. 431)
November 1987
4. November
In Anerkennung seiner Verdienste um die UNESCO, insbesondere für die Ausarbeitung der Empfehlung zum Schutz und zur Bewahrung von Filmmaterialien, wird Wolfgang Klaue in Paris die selten verliehene Silbermedaille der UNESCO überreicht. Der Direktor des Staatlichen Filmarchivs der DDR und Vizepräsident der Fédération Internationale des Archives du Film (FIAF) nimmt die Auszeichnung aus den Händen des stellvertretenden UNESCO-Generalsekretärs entgegen.
(Neue Zeit, 26. Mai 1987, S. 1; ND, 28. Mai 1987, S. 4; 5. November 1987, S. 7;Filmspiegel, 12/1987)
5. November
Nach seinem halblangen Debütfilm WEIBERWIRTSCHAFT (1983) und ETE UND ALI (1984) legt Regisseur Peter Kahane mit VORSPIEL seinen dritten Spielfilm vor. Darin thematisiert der Regisseur die Lebenswelt junger Menschen und deren Reibungspunkte mit der älteren Generation, die von Hermann Beyer eindrucksvoll verkörpert wird. Der Film verdeutlicht, dass die jugendlichen Erfahrungen nur die Ouvertüre zu lebenslangen Herausforderungen bilden, die Engagement, Kraft und Zivilcourage erfordern. Besondere Beachtung findet in der Fachkritik die Kameraarbeit von Andreas Köfer, der bereits bei allen vorangegangenen DEFA-Spielfilmen Kahanes die Bildgestaltung übernahm. Auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken wird VORSPIEL 1988 mit dem Preis des Oberbürgermeisters ausgezeichnet.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1987, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 27; Filmspiegel, 22/1987, S. 4, 25/1987, S. 14; Film und Fernsehen, 11/1987, S. 16-17; Kino DDR, 10/1987, S. 4-9; Berliner Zeitung, 12. November 1987, S. 7; Philip Zengel: DEFA-Film des Monats: Vorspiel, August 2020)
10. November
Im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins wird in der Reihe „Berlin filmhistorisch“ im Archivfilmtheater Camera der Spielfilm BERLIN UM DIE ECKE von Gerhard Klein und Wolfgang Kohlhaase erstmalig öffentlich gezeigt. Das Werk, dessen Produktion im Zuge des 11. Plenums 1965 abgebrochen wurde, gelangt in einer knapp zweistündigen Rohschnittfassung zur Aufführung. In der Folge wird diese Fassung auch in den Camera-Kinos des Staatlichen Filmarchivs in Leipzig, Halle und Potsdam präsentiert. Bereits am 7. Mai wurde die Rohschnittfassung erstmals in einer geschlossenen Veranstaltung der Sektion Theorie und Kritik des VFF gezeigt und zur Diskussion gestellt.
(Berliner Zeitung, 3. Oktober 1987, S. 10; ND, 11. November 1987; S. 4; Filmbibliografischer Jahresbericht 1987, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 423; Matthias Dell: Was wieder verloren gehen kann. Gerhard Kleins Vermächtnis „Berlin um die Ecke“. In: Andreas Kötzing/Ralf Schenk [Hrsg]: Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. DEFA-Stiftung Berlin 2015, S. 322f)
Dezember 1987
3. Dezember
Nach 20 Jahren feiert der bereits 1967/68 entstandene DEFA-Spielfilm DIE RUSSEN KOMMEN von Heiner Carow seine Premiere. Im Jahr 1968 war dem Werk die Aufführung versagt geblieben, da seine innovative Erzählweise missfiel: Die zentrale Figur ist kein positiver Held und entbehrt der geforderten Vorbildfunktion. Dass die Erschütterung des Films gerade daraus resultiert, dass Carow sich in die Denkweise derer hineinversetzt, die noch in den letzten Kriegstagen fanatisch agierten, bleibt für das Publikum auch zwei Jahrzehnte später spürbar. Der Erhalt des Werkes ist der Schnittmeisterin Evelyn Carow zu verdanken, die entgegen den Anweisungen eine Kopie der Original-Arbeitskopie anfertigen ließ. 1988 wird DIE RUSSEN KOMMEN auf dem V. Nationalen Spielfilmfestival ausgezeichnet.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1987, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 25; Filmspiegel, 1/1988, S. 14; Film und Fernsehen, 11/1987, S. 19-20, 21-23; Kino DDR, 12/1987, S. 5-11; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 238)